{"id":13042,"date":"2009-03-03T16:00:00","date_gmt":"2009-03-03T15:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13042"},"modified":"2012-05-15T15:15:21","modified_gmt":"2012-05-15T13:15:21","slug":"13042","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13042\/","title":{"rendered":"LINKE: Europa-Parteitag"},"content":{"rendered":"<p>  Kein Signal zum Aufbruch<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Wer gehofft hatte, der erste Bundesparteitag der Partei DIE LINKE   nach dem Einbruch der kapitalistischen Krise in Deutschland w&#252;rde die   Partei auf die dramatische neue Situation einstellen und eine   Aufbruchstimmung erzeugen, wurde entt&#228;uscht. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic<\/i><\/h4>\n<p>  DIE LINKE besch&#228;ftigte sich auf dem Parteitag mit sich selbst, die   F&#252;hrung pr&#228;sentierte alte Antworten auf neue Probleme und die   Delegierten durften sich in der Behandlung hunderter &#196;nderungsantr&#228;ge am   Europa-Wahlprogramm verirren. Diese Form formaler Demokratie &#8211; die   Behandlung so vieler Antr&#228;ge, die Anh&#246;rung von &#252;ber achtzig   KandidatInnen f&#252;r die Europawahlliste &#8211; verhindert in Wirklichkeit, was   dringend n&#246;tig ist: eine zugespitzte Diskussion zu den Ursachen der   kapitalistischen Krise, zu den L&#246;sungsm&#246;glichkeiten und den sich daraus   ergebenden Aufgabe f&#252;r eine Partei, die sich als links und sozialistisch   versteht.<\/p>\n<p>  Zu den Referaten der Vorsitzenden der Europaparlamentariergruppe der   LINKEn Gabi Zimmer und des Parteivorsitzenden Lothar Bisky gab es eine   Aussprache, in der ganze zehn Delegierte f&#252;r jeweils vier Minuten zu   Wort kamen &#8211; von denen wiederum einige die Gelegenheit vor allem nutzten   sich f&#252;r ihre Kandidatur zu pr&#228;sentieren.<\/p>\n<p>  Die vielen &#196;nderungsantr&#228;ge am Programm konnten ebenso nur mit   dreimin&#252;tigen Begr&#252;ndungen und jeweils zwei einmin&#252;tigen Pro- und   Contra-Reden &#8222;diskutiert&#8220; werden. Eine politische Debatte, in der eine   Partei ihre Linie festlegt und so vom Allgemeinen zum Konkreten   vordringt, sieht anders aus.<\/p>\n<p>  Das wiederum macht es den Apparaten und Fraktionen der Partei leicht,   letztlich die Politik zu bestimmen. Denn das Wahlprogramm verschwindet   sp&#228;testens nach dem Wahltag am 7. Juni in der Schublade.<\/p>\n<h4>  Die Angst vor dem S-Wort<\/h4>\n<p>  Eine zutreffende Analyse der Krise lie&#223;en alle RednerInnen vermissen.   Lothar Bisky begann seine Ausf&#252;hrungen dazu mit der richtigen und   Erwartungen weckenden Aussage, dass die Ursache der Krise im System   liegen. Um dann so forzufahren: &#8222;Die Autobranche steckt schon l&#228;nger in   der Krise. Kenner, auch in den Betriebsr&#228;ten, sagen: manches wurde am   Bedarf vorbei produziert. Kurzfristige Renditevorgaben verhinderten das   Umsteuern. Gerade in der Krise gilt: F&#252;r &#246;kologisch notwendiges   Umsteuern braucht es staatliche Vorgaben. DIE LINKE setzt auf die   Mitsprache der Belegschaften! Verschafft ihnen Einfluss auf die   Investitionsentscheidungen! Wo, wenn nicht bei den Besch&#228;ftigten &#8211; liegt   das langfristige Interesse am Erhalt eines Unternehmes. Dann entsteht   eine Chance, f&#252;r Eisenach und R&#252;sselsheim, f&#252;r Kaiserslautern und Bochum   &#8211; und nur gemeinsam mit den Belegschaften in Spanien aus der Marke Opel   eine Firma zu machen.&#8220;<\/p>\n<p>  Zur Frage der Verstaatlichung sagte Bisky: &#8222;Die aktuelle   Verstaatlichungsdeabtte hat etwas Gespenstisches: Verstaatlichung   begegnet uns hier als letzter Rettungsakt neoliberaler Spekulation,   nicht als erster Akt einer notwendigen Demokratisierung.&#8220;<\/p>\n<p>  Und zur Systemfrage: &#8222;Hier steht keine abstrakte Systemfrage als Frage   nach irgendeinem &#8222;Ismus&#8220;. Hier steht eine konkrete Frage nach   Grundrechten, nach Demokratiezuwachs und &#246;kologischer Vernunft. Wir   wissen, was der Staatssozialismus ohne Demokratie gebracht hat. Deshalb   kommt uns einiges am alten Staatskapitalismus unseres jungen   Wirtschaftsministers sehr bekannt vor.&#8220;<\/p>\n<p>  Nach solchen Ausf&#252;hrungen fragt man sich einerseits, was Bisky einem   eigentlich mitteilen will. Andererseits ist aber bemerkenswert, wovon er   nicht spricht: von Kapitalismus und Sozialismus. Von der Notwendigkeit   einer sozialistischen Verstaatlichung unter demokratischer Kontrolle und   Verwaltung der Lohnabh&#228;ngigen, von der Notwendigkeit Profitproduktion   und Marktkonkurrenz durch demokratische Wirtschaftsplanung zu ersetzen.   Und dadurch verharrt Bisky letztlich doch im System und sein Vorschlag   der Mitarbeiterbeteiligung verkommt zu einer Krisenbeteiligung f&#252;r   Belegschaften, die im Rahmen der kapitalistischen Konkurrenz- und   Krisen&#246;konomie gar nicht in der Lage sind dem Teufelskreis aus   Wettbewerb, &#220;berproduktion\/-kapazit&#228;t und Krise zu entkommen. Oskar   Lafontaine sprach zwar unterhaltsamer und wies auch auf die historische   Tragweite der aktuellen Krise hin, ging aber in seinen inhaltlichen   Vorschl&#228;gen nicht weiter, als Bisky.<\/p>\n<p>  Die zentralen Forderungen bleiben das Nein zum Lissaboner EU-Vertrag und   eine Volksabstimmung dar&#252;ber, eine Regulierung der Finanzm&#228;rkte, eine   europ&#228;ische Wirtschaftsregierung und Lohnkoordination, Verbot von   Hedge-Fonds, Steueroasen etc.<\/p>\n<p>  Auff&#228;llig war, dass auch sonst keinE RednerIn von Sozialismus sprach und   niemand darauf hinwies, dass die aktuelle kapitalistische Krise ein   Beleg f&#252;r die Notwendigkeit der Ersetzung des Kapitalismus durch eine   sozialistische Demokratie ist. Da hilft es dann auch wenig, wenn ein   erfolgreich eingebrachter &#196;nderungsantrag zum Europaprogramm nun dazu   f&#252;hrt, dass dieses die uneingeschr&#228;nkte &#220;berwindung des Kapitalismus   fordert und das Programm auch an anderen Stellen eine etwas likere   Nuancierung erhielt. Papier ist geduldig und Programme nichts wert, wenn   sie nicht in reale Politik &#252;bersetzt werden.<\/p>\n<h4>  SAV-Ausgrenzung und der Fall Dierkes<\/h4>\n<p>  Vor Beginn des Parteitags protestierten SAV- und LINKE-AktivistInnen   gegen die Ausgrenzung der elf Berliner SAV&quot;lerInnen, die nicht in die   Partei aufgenommen werden. Sie hielten ein Transparent mit der   Aufschrift &#8222;Keine Ausgrenzung von MarxistInnen. F&#252;r eine plurale   LINKE.&#8220;, verteilten Flugbl&#228;tter und sammelten Unterschriften f&#252;r einen   Dringlichkeitsantrag zu diesem Thema an den Parteitag. Ein sich als f&#252;r   die Organisation des Parteitags verantwortlich bezeichnender Funktion&#228;r   forderte die TeilnehmerInnen der Aktion dazu auf, dass Transparent   einzurollen, um einen schlechten Eindruck vom Parteitag zu verhindern,   war aber nicht zu einer Diskussion zum Thema bereit.<\/p>\n<p>  Der Antrag wurde am Ende des Samstags unter h&#246;chstem Zeitdruck   aufgerufen. Die Antragskommission schlug dem Parteitag Nichtbefassung   vor, ohne dies jedoch zu begr&#252;nden. Auf Nachfrage schwieg das durch die   Abstimmung f&#252;hrende Mitglied der Antragskommission zwanzig Sekunden und   stotterte dann &#8222;aus formalen Gr&#252;nden.&#8220; Daraufhin wurde Bodo Ramelow f&#252;r   eine Gegenrede statt der Antragstellerin Choni Fl&#246;ter aus Kassel   aufgerufen, der mit erregeter Stimme davon sprach, man m&#252;sse das jetzt   mal kl&#228;ren und er w&#252;rde dann auch die Gegenrede gegen den Antrag halten.   Lucia Schnell, Mitglied der Str&#246;mungen Sozialistische Linke und Marx21,   sprach sich dann f&#252;r Nichtbefassung aus, da es sich um ein laufendes   Schiedsgerichtsverfahren handele. Mit knapper Mehrheit votierten die   Delegierten f&#252;r Befassung. Doch statt eine Diskussion zu dieser Frage,   die immerhin Selbstverst&#228;ndnis und Charakter der Partei betrifft,   zuzulassen erhielt Choni Fl&#246;ter eine Minute zur Begr&#252;ndung des Antrags   (und nach dieser Minute wurde ihr auch das Wort entzogen). Ramelow   richtete in seiner Gegenrede einen pers&#246;nlichen Angriff gegen Lucy   Redler, ehemalige Spitzenkandidatin der WASG Berlin zu den   Abgeordnetenhauswahlen 2006, und warf ihr vor, sie habe den   Fusionsprozess der Parteien in Berlin abgelehnt und habe behauptet mit   dieser Partei &#8211; womit er die Linkspartei.PDS meinte &#8211; k&#246;nne man nicht   zusammen arbeiten. Mit solchen Halbwahrheiten konnte er entsprechend   Stimmung machen. Tatsache war, dass Lucy Redler nur die demokratischen   Beschl&#252;sse der WASG Berlin umsetzte, dass es Versuche der &#220;bereinkunft   mit der Linkspartei.PDS vor den Abgeordnetenhauswahlen gab und dass sie   und die SAV immer zwischen der Berliner L.PDS und der bundesweiten neuen   Partei DIE LINKE unterschieden haben. Kein Wort auch dar&#252;ber, dass die   Landesschiedskommission Berlin in ihrer Begr&#252;ndung zur Ablehnung der   Aufnahme der elf SAV&quot;lerInnen in die Partei ein zentralistisches und   stromlinienf&#246;rmiges Parteiverst&#228;ndnis zum Ausdruck brachte.<\/p>\n<p>  Der Antrag gegen die Ausgrenzung der Berliner MarxistInnen wurde dann im   Schnelldurchgang abgestimmt und von einer Mehrheit abgelehnt. Das   Abstimmungsergebnis, aber mehr noch das Verfahren, werfen ein Licht auf   den Zustand der Partei. Der ganze Parteitag folgte einer professionellen   und gut funktionierenden Regie und es gab zu keinem Zeitpunkt eine   Situation, in der diese in Frage gestellt gewesen w&#228;re. Alles war unter   Kontrolle der F&#252;hrung bzw. des Pr&#228;sidiums. Die in der WASG noch   bestehende Lebendigkeit, Dynamik, Basisrenitenz suchte man vergebens.<\/p>\n<p>  &#196;hnlich verhielt es sich mit einem Antrag der Solidarit&#228;t mit dem zur&#252;ck   getretenen Duisburger LINKE-Fraktionsvorsitzenden Herman Dierkes   einforderte. Dieser hatte in einem Zeitungsinterview positiv Bezug auf   die Forderung des Weltsozialforums nach Boykott israelischer Waren   genommen und war daraufhin Opfer einer medialen Diffamierungskampagne   geworden, in der er als Antisemit bezeichnet wurde, erhielt   Morddrohungen und auch aus den Reihen der Partei undifferenzierte und   unsachliche Kritik. Dies &#252;bte einen solchen Druck auf Dierkes aus, dass   er von allen &#196;mtern zur&#252;ck trat. Der Parteitag sah sich nicht in der   Lage zu einer Beschlussfassung in Solidarit&#228;t mit ihm zu kommen, obwohl   es ein leichtes f&#252;r die Parteif&#252;hrung gewesen w&#228;re, auf Basis eines   vorliegenden, sicherlich etwas unausgereiften Antrags, einen eigene   Formulierung vorzuschlagen.<\/p>\n<h4>  Die Listenwahl<\/h4>\n<p>  Der Bundesausschuss hatte einen Listenvorschlag vorgelegt, auf dem zwar   die beiden VertreterInnen einer EU-unkritischen Haltung, Sylvia   Yvonne-Kaufmann und Andr&#233; Brie, nicht mehr vorgesehen waren, aber ebenso   der profilierte Antimilitarist und Antikapitalist Tobias Pfl&#252;ger nicht.   Alle drei f&#252;hrten Kampfkandidaturen durch. W&#228;hrend Brie und Kaufmann   durchfielen, wurde Tobias Pfl&#252;ger sehr knapp auf Listenplatz 10 gew&#228;hlt,   was auch Ausdruck eines (noch) bestehenden gewissen antimilitaristischen   Grundkonsens in der breiten Mehrheit der Partei ist. Das ist sicher ein   Erfolg f&#252;r die Parteilinke, aber angesichts der sonstigen   Zusammensetzung der Liste markiert es keine allgemeine Linksverschiebung   der Partei oder der Europaliste, auch wenn auf weiteren hinteren   Listenpl&#228;tzen sich linke KandidatInnen durchsetzen konnten.<\/p>\n<p>  Die Antikapitalistische Linke, der KandidatInnen Sabine L&#246;sing und   Pfl&#252;ger, gew&#228;hlt wurden, hatte auf ihrem Vortreffen unter anderem auch   entschieden die Kandidatur von Thomas H&#228;ndel zu unterst&#252;tzen, was   aufgrund dessen Rolle bei der Ausgrenzung der Berliner SAV&quot;lerInnen aber   auch auf Widerspruch stie&#223;.<\/p>\n<h4>  Fazit<\/h4>\n<p>  Der Europa-Parteitag sollte eine Warnung sein. Die F&#252;hrung der Partei   setzt auf aalglatte Professionalit&#228;t statt k&#228;mpferischer Praxis und   Einbeziehung der Mitglieder. Die Reaktion auf die kapitalistische   weltkrise ist v&#246;llig unzureichend und es wird kein Programm und keine   Perspektive zu wirklicher Gesellschaftsver&#228;nderung angeboten. Die linken   Kr&#228;fte sind entweder zu sehr damit besch&#228;ftigt Posten und Mandate zu   erobern oder zu wenig organisiert, um dem bisher etwas entgegen zu   setzen. Doch, wie es ein Delegierter ausdr&#252;ckte: Die Basis steht links   von dem Parteitag. Es gilt diese zu aktivieren, zu organisiern und zu   mobilisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kein Signal zum Aufbruch\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13042"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13042"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13042\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}