{"id":13038,"date":"2009-03-20T00:00:00","date_gmt":"2009-03-19T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13038"},"modified":"2012-05-15T15:14:51","modified_gmt":"2012-05-15T13:14:51","slug":"13038","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13038\/","title":{"rendered":"Hartz IV: Reformieren oder abschaffen?"},"content":{"rendered":"<p>  Klaus Ernst, Vizechef der LINKEN, setzte in der Bundestagsfraktion bei   den Hartz-Gesetzen eine neue Positionierung durch. Dagegen gibt es   Protest in der Partei, zum Beispiel beim Landesparteitag   Schleswig-Holstein. Was ist von Ernst&#8217;s Vorsto&#223; zu halten?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Nein zu Hartz IV light<\/h4>\n<p>  Die Bundestagsfraktion der Partei DIE LINKE verabschiedet sich mit ihrer   neuen Beschlusslage (siehe unten) von der Forderung nach einer   vollst&#228;ndigen R&#252;cknahme der Hartz-Gesetze. Sie kritisiert zwar weiterhin   besonders umstrittene Vorschriften, akzeptiert jedoch den Kern der   Agenda 2010. Da 2009 eine Serie von Wahlen anstehen, kann man sich des   Eindrucks nicht erwehren, dass DIE LINKE sich damit als regierungsf&#228;hig   pr&#228;sentieren will.<\/p>\n<h4>  Eigentlicher Zweck der Hartz-Gesetze<\/h4>\n<p>  Zur Erinnerung: Durch die Zusammenlegung von Sozial- und   Arbeitslosenhilfe durch Hartz I-IV hatte die Regierung Schr&#246;der den   Versicherungsanspruch von arbeitslosen Lohnabh&#228;ngigen auf   Arbeitslosengeld gek&#252;rzt und die unbefristete Zahlung von   Arbeitslosenhilfe abgeschafft. ArbeitnehmerInnen, die jahrzehntelang   einen Teil ihres Lohns eingezahlt hatten, wurden so um ihre   Versicherungsleistungen betrogen und in Almosenempf&#228;nger verwandelt.   Diese staatlichen Almosen sind zus&#228;tzlich an unmenschliche Bedingungen   gekn&#252;pft und m&#252;ssen mit privaten Ersparnissen verrechnet werden.<\/p>\n<p>  Die Hartz-Gesetze haben das erkl&#228;rte Ziel, die Leistungen der   Arbeitslosenversicherung von der fr&#252;heren Erwerbst&#228;tigkeit der jetzt   Arbeitslosen abzukoppeln und sie auf das Niveau einer blo&#223;en   Armutssicherung zu dr&#252;cken. Die Einstufung der Betroffenen als unm&#252;ndige   F&#252;rsorgeempf&#228;nger war und ist nicht nur ein Anschlag auf die   Menschenw&#252;rde der Erwerbslosen, sondern soll zugleich das Lohnniveau und   die Lebensbedingungen ihrer noch arbeitenden KollegInnen dr&#252;cken und den   gemeinsamen Widerstand von Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen verhindern.   Das ist der Kern der Hartz-Gesetze, den es zu bek&#228;mpfen gilt.<\/p>\n<h4>  Schutz vor Armut?<\/h4>\n<p>  Die Forderung der Linksfraktion, den Regelsatz auf 435 Euro anzuheben,   reicht bei Weitem nicht aus, um den betroffenen Familien eine   menschenw&#252;rdige Beteiligung am gesellschaftlichen Leben garantieren zu   k&#246;nnen. Auch eine Bedarfspr&#252;fung wird, so Ernst und Co., f&#252;r   unerl&#228;sslich gehalten. Damit wird Repression T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet.<\/p>\n<p>  Die niedrigeren Regels&#228;tze f&#252;r Kinder entbehren jeder Grundlage. Als   Vater von vier Kindern im Alter von drei bis zw&#246;lf Jahren wei&#223; ich, dass   die Kosten f&#252;r Nahrung, Windeln, Kleidung, Lernmittel und so weiter   deutlich h&#246;her liegen, als die Regels&#228;tze vorschreiben.<\/p>\n<p>  Um wirksam vor Armut zu sch&#252;tzen, ist es notwendig, f&#252;r ein   Mindesteinkommen von 750 Euro netto plus Warmmiete zu k&#228;mpfen. Au&#223;erdem   muss ein Mindestlohn von zehn Euro f&#252;r die erwerbst&#228;tigen ArbeiterInnen   gefordert werden &#8211; als erster Schritt zu einem Mindestlohn von zw&#246;lf   Euro.<\/p>\n<h4>  Zwangsumz&#252;ge<\/h4>\n<p>  &#8222;Ein Umzug &#8211; fr&#252;hestens nach einem Jahr &#220;bergangsfrist &#8211; ist unzumutbar,   wenn er eine soziale H&#228;rte darstellt oder wenn die Kommune keine   angemessene Ersatzwohnung nachweisen kann.&#8220; So Klaus Ernst und Katja   Kipping in ihrer Presseerkl&#228;rung (siehe unten). Als Sofortma&#223;nahme muss   das Verbot der Zwangsumz&#252;ge her und nicht nur eine &#8222;&#220;bergangsfrist&#8220;,   bevor ein Umzug erzwungen werden darf.<\/p>\n<h4>  &#8222;Zumutbarkeitsregeln&#8220; sind unzumutbar<\/h4>\n<p>  Die &#8222;Zumutbarkeitsregeln&#8220; bei Arbeitsangeboten bed&#252;rfen nicht der   &#8222;Reform&#8220;, wie die Fraktion meint, sondern geh&#246;ren vollst&#228;ndig   abgeschafft. Denn sie bedeuten eine brutale Disziplinierung der   Betroffenen. &#8222;Verpflichtungen&#8220;, sich um eine &#8222;Existenzsicherung durch   eine entsprechende Arbeitst&#228;tigkeit zu bem&#252;hen&#8220;, &#252;ben Zwang aus, wo es   gilt, einen ganz anderen Skandal anzuprangern und dagegen mobil zu   machen: Der Skandal, dass Millionen Arbeitshetze und &#220;berstunden   ausgesetzt sind, w&#228;hrend viele andere zur Arbeitslosigkeit verdammt sind.<\/p>\n<h4>  Antwort auf Ein-Euro-Jobs?<\/h4>\n<p>  Die sogenannten &#8222;Ein-Euro-Jobs&#8220; sollen abgeschafft und &#8222;durch den Ausbau   regul&#228;r-tariflicher &#246;ffentlicher Besch&#228;ftigung ersetzt&#8220; werden. Damit   akzeptiert die Fraktion aber die weitere Zweckentfremdung von   Versicherungsbeitr&#228;gen zur Vernichtung von Arbeitspl&#228;tzen.   Arbeitslosigkeit geh&#246;rt zum Kapitalismus, wie der Profit der   Unternehmen. Auf Kosten der Allgemeinheit werden wirtschaftliche   Schwierigkeiten durch Entlassung von Besch&#228;ftigten bek&#228;mpft oder auch   die Steigerung der Unternehmensgewinne erreicht. So stiegen in den   letzten Jahren die Unternehmensgewinne stark an, doch die Zahl der   Erwerbslosen sank mehr durch statistische Tricks (Personen in   &#8222;arbeitsmarktpolitischen Ma&#223;nahmen&#8220; z&#228;hlen schlie&#223;lich nicht mehr als   erwerbslos) als durch Neueinstellungen. Wie stiegen doch die   Aktienkurse, sobald ein Unternehmen auch nur Stellenabbau andeutete!<\/p>\n<p>  Um Arbeitslosigkeit zu bek&#228;mpfen, m&#252;ssen Betriebe, die Entlassungen   planen, ihre Gesch&#228;ftsb&#252;cher offen legen, sozusagen ihre &#8222;Hosen   runterlassen&#8220;. Und dann muss in der Belegschaft eine offene Diskussion   stattfinden, wie solch ein Betrieb zu retten und weiterzuf&#252;hren ist.   Aufgabe der LINKEN ist es, daf&#252;r einzutreten, dass solche Betriebe von   der &#8222;&#246;ffentlichen Hand&#8220; &#252;bernommen werden. Eine Entsch&#228;digung darf es   nur bei erwiesener Bed&#252;rftigkeit geben.<\/p>\n<h4>  Kampf gegen die Folgen der Krise<\/h4>\n<p>  Den Kampf um ein menschenw&#252;rdiges Leben f&#252;r Erwerbslose und (noch) nicht   Erwerbslose darf man nicht trennen. Wenn ich die Agenda 2010 zu Recht   als Angriff auf die Gewerkschaftsbewegung selbst verstehe, wie es die   Linksfraktion schreibt, muss ich dagegen mit allen Mitteln anzugehen   versuchen, inklusive politischer Streiks und Massendemonstrationen.<\/p>\n<p>  Es reicht dann nicht aus, auf parlamentarischen Wegen irgendwann Gesetze   zu &#228;ndern. Ich muss alles tun, um die Betroffenen zu mobilisieren. Die   Demonstrationen am 28. M&#228;rz k&#246;nnen nur ein Schritt sein, um die Kosten   der Krise von denen bezahlen zu lassen, die bisher kassiert haben. Der   28. M&#228;rz bietet die Chance zum Aufbau einer starken Streik- und   Protestbewegung. DIE LINKE darf jetzt nicht auf Regierungsbeteiligungen   mit Hartz-IV-Parteien wie der SPD schielen. Der Linkspartei kommt   vielmehr die Aufgabe zu, sich in der Bewegung daf&#252;r stark zu machen,   dass Umverteilung und Entlassungen attackiert werden &#8211; und, statt   Hartz-IV-light-Konzepten, jetzt offensiv die Abschaffung der   Hartz-Gesetze gefordert wird.<\/p>\n<h2>  F&#252;r eine Erh&#246;hung des Regelsatzes von 351 auf 435 Euro<\/h2>\n<p>  Am 27. Januar ver&#246;ffentlichten die stellvertretenden Parteivorsitzenden   der Linkspartei, Klaus Ernst und Katja Kipping, eine Pressemitteilung zu   Hartz IV. Diese Erkl&#228;rung drucken wir hier gek&#252;rzt ab:<\/p>\n<h4>  &#8222;Zehntausende Widerspr&#252;che und Klagen zeigen, dass Hartz IV nicht nur   ein schlechtes, sondern auch ein schlecht gemachtes Gesetz ist.<\/h4>\n<p>  DIE LINKE ist angetreten, Hartz IV zu &#252;berwinden und einen wirksamen,   verl&#228;sslichen, repressions- und diskriminierungsfreien Schutz vor Armut   und sozialer Ausgrenzung zu gew&#228;hrleisten. Mit unseren Vorschl&#228;gen f&#252;r   eine bedarfsdeckende soziale Mindestsicherung wird die Hartz-IV-Logik   durchbrochen und eine Perspektive f&#252;r eine menschenw&#252;rdige soziale   Absicherung er&#246;ffnet.<\/p>\n<h4>  Die bedarfsdeckende soziale Mindestsicherung wird nach folgenden   Grunds&#228;tzen gestaltet:<\/h4>\n<p>  &#8211; Die Mindestsicherung orientiert sich am Individualprinzip, das hei&#223;t   jeder bed&#252;rftige Mensch hat unabh&#228;ngig von seinem Familienstand einen   eigenen Anspruch. Die Bedarfsgemeinschaft wird abgeschafft.<\/p>\n<p>  &#8211; Eine Bedarfsbemessungskommission, in der auch die Betroffenen   vertreten sind, ermittelt den Bedarf f&#252;r das soziokulturelle   Existenzminimum und legt auf dieser Grundlage die Regels&#228;tze und   Mehrbedarfe f&#252;r bestimmte Personengruppen fest, die j&#228;hrlich   entsprechend der Preisentwicklung dynamisiert werden.<\/p>\n<p>  &#8211; Der Eckregelsatz wird in korrekter Umsetzung der Regelsatzbemessung   nach dem SGB II sofort auf 435 Euro f&#252;r Alleinstehende (Wert 2008)   erh&#246;ht. Als Sofortma&#223;nahme zur Bek&#228;mpfung von Kinderarmut wird die H&#246;he   der Mindestsicherung f&#252;r Kinder wie folgt angesetzt: Bis-zu-5-J&#228;hrige   erhalten 276 Euro, 6-bis-11-J&#228;hrige 332 Euro und 12-bis-18-J&#228;hrige 358   Euro.<\/p>\n<p>  &#8211; Wohnkosten werden in H&#246;he der tats&#228;chlichen Aufwendungen (Kaltmiete   plus Heiz- und andere Nebenkosten) &#252;bernommen, solange die Miete den   Mittelwert des &#246;rtlichen Mietspiegels f&#252;r eine Wohnungsgr&#246;&#223;e des   Haushalts nach Kriterien des sozialen Wohnungsbaus nicht um mehr als   zehn Prozent &#252;bersteigt. Ein Umzug &#8211; fr&#252;hestens nach einem Jahr   &#220;bergangsfrist &#8211; ist unzumutbar, wenn er eine soziale H&#228;rte darstellt   oder wenn die Kommune keine angemessene Ersatzwohnung nachweisen kann.<\/p>\n<p>  &#8211; Die Mindestsicherung kann nicht auf alle individuellen Problemlagen   und Wechself&#228;lle des Lebens reagieren, so dass Sonderbedarfe zu   finanzieren sind.<\/p>\n<p>  &#8211; Eigenes Einkommen und\/oder Verm&#246;gen sind vorrangig einzusetzen. Um den   Leistungsanspruch und seine H&#246;he festzustellen, ist eine Bedarfspr&#252;fung   unerl&#228;sslich. Diese wird auf ein b&#252;rgerrechtlich vertretbares, die W&#252;rde   der Leistungsberechtigten achtendes Ma&#223; zur&#252;ckgef&#252;hrt. Sparguthaben oder   &#228;hnliches bleiben bis zu einer H&#246;he von 20.000 Euro pro Person   anrechnungsfrei. Das Schonverm&#246;gen f&#252;r die Altersvorsorge wird in der   Ansparphase auf 700 Euro pro Lebensjahr angehoben.<\/p>\n<p>  &#8211; Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentsch&#228;digung (&#8222;Ein-Euro-Jobs&#8220;)   werden durch den Ausbau regul&#228;r-tariflicher &#246;ffentlicher Besch&#228;ftigung   ersetzt.<\/p>\n<p>  &#8211; Die Bestimmungen f&#252;r die Zumutbarkeit von Arbeitsangeboten sind   grundlegend zu reformieren. Arbeit gilt erst dann als zumutbar, wenn sie   ein Existenz sicherndes Einkommen schafft (beziehungsweise einem   gesetzlichen Mindestlohn nach Einf&#252;hrung entspricht), die berufliche   Qualifikation der Betroffenen in Wert stellt, die Anspr&#252;che an die   Flexibilit&#228;t und die Fahrtzeiten senkt und die nicht gegen die   politische und religi&#246;se Gewissensfreiheit verst&#246;&#223;t.<\/p>\n<p>  &#8211; Leistungsberechtigte sind grunds&#228;tzlich verpflichtet, sich um   Existenzsicherung durch eine entsprechende Erwerbst&#228;tigkeit zu bem&#252;hen.   Insofern strebt DIE LINKE keine Wahlfreiheit zwischen der Aufnahme   zumutbarer Arbeit und dem Bezug von Leistungen der Mindestsicherung an.   Der Schutz der Menschenw&#252;rde und insbe-sondere des Kindeswohls verbieten   die K&#252;rzung von Leistungen der gesetzlichen Mindestsicherung.<\/p>\n<p>  Eine bedarfsdeckende soziale Mindestsicherung nach diesen Grunds&#228;tzen   bricht mit Hartz IV und ist der entscheidende erste Schritt, um Armut in   Deutschland wirksam und nachhaltig zu &#252;berwinden. Die Aufgabe, Armut zu   vermeiden und soziale Teilhabe zu erm&#246;glichen, kann allerdings nicht von   einem Mindestsicherungssystem allein geleistet werden. Daf&#252;r braucht es   insbesondere einen armutsfesten gesetzlichen Mindestlohn und die   Fortentwicklung der Sozialversicherungen zu B&#252;rger- beziehungsweise   Erwerbst&#228;tigenversicherungen, in denen das Solidarprinzip gest&#228;rkt wird   und zu deren Finanzierung hohe und h&#246;chste Einkommen angemessen   herangezogen werden.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Klaus Ernst, Vizechef der LINKEN, setzte in der Bundestagsfraktion bei<br \/>\n      den Hartz-Gesetzen eine neue Positionierung durch. Dagegen gibt es<br \/>\n      Protest in der Partei, zum Beispiel beim Landesparteitag<br \/>\n      Schleswig-Holstein. 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