{"id":13031,"date":"2009-03-10T00:00:00","date_gmt":"2009-03-10T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13031"},"modified":"2009-03-10T00:00:00","modified_gmt":"2009-03-10T00:00:00","slug":"13031","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13031\/","title":{"rendered":"Krise der weltweiten Automobilindustrie"},"content":{"rendered":"<p>  Ganzen Konzernen droht das Aus<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die weltweite Autoindustrie steht vor einer beispiellosen   strukturellen Krise. Diese Branchenkrise beeinflusst in erheblichem Ma&#223;   die Krise der sogenannten &#8222;Realwirtschaft&#8220;.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Winfried Wolf<\/i><\/h4>\n<p>  Vor gut hundert Jahren illustrierte Wladimir Lenin am Beispiel der   damals vorherrschenden Transporttechnologie, wie festgef&#252;gt im   &#8222;Imperialismus als h&#246;chstem Stadium des Kapitalismus&#8220; (so sein   Buchtitel) die Machtverh&#228;ltnisse sind: &#8222;Rund 80 Prozent der gesamten   Eisenbahnen der Welt sind (&#8230;) in den H&#228;nden von f&#252;nf Gro&#223;m&#228;chten   konzentriert.&#8220; Gemeint waren England, Frankreich, Deutschland, die   Vereinigten Staaten von Amerika und Japan.<\/p>\n<p>  Im Jahr 2009 konzentrieren sich mehr als 80 Prozent der Fertigung der   aktuellen, Mobilit&#228;t spendenden Transportmittel &#8211; Pkw, Lkw und Busse &#8211;   auf Konzerne, die erneut in nur f&#252;nf L&#228;ndern beheimatet sind. Vier   dieser Autogro&#223;m&#228;chte &#8211; die USA, Japan, Deutschland und Frankreich &#8211;   sind identisch mit den von Lenin identifizierten Eisenbahn-Gro&#223;m&#228;chten   (Nummer F&#252;nf ist S&#252;dkorea).<\/p>\n<h4>  Im Zentrum der globalen Krise<\/h4>\n<p>  Der Niedergang der damals f&#252;hrenden Industrie, der Eisenbahn, stand im   Zentrum gro&#223;er Krisen, so derjenigen von 1873 und derjenigen von 1929.   Heute erleben wir eine weltweite Krise, in der die Autoindustrie eine   entscheidende Rolle spielt.<\/p>\n<p>  Nirgendwo wird dies deutlicher als im Mutterland der Autoproduktion, in   den USA. Der Pkw-Absatz lag hier bereits in den Monaten November und   Dezember 2008 um knapp 40 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Mitte   Dezember 2008 beschlossen die drei Autokonzerne General Motors (GM),   Ford und Chrysler, ihre Fabriken f&#252;r mehrere Wochen komplett zu   schlie&#223;en. Am 5. Dezember 2008 konstatierte der Vorsitzende des   Bankenausschusses des US-Senats, Christopher Dodd von den Demokraten,   schlicht: &#8222;Es geht nicht darum, eine Handvoll Konzerne zu retten. Es   geht um die gesamte Wirtschaft.&#8220;<\/p>\n<p>  F&#252;r die weltweite Automobilindustrie begann im Herbst 2008 eine tiefe   Krise, die im Jahr 2009 zu einem desastr&#246;sen Einbruch der Produktion im   zweistelligen Bereich f&#252;hren wird. Die Krise dieses f&#252;hrenden modernen   kapitalistischen Industriezweigs wird die &#252;brigen negativen Tendenzen   der weltweiten Krise &#8211; in der Realwirtschaft, aber auch im Finanzsektor   (Autokreditbanken, Pkw-Kauf auf Kreditbasis) &#8211; massiv verst&#228;rken.<\/p>\n<h4>  Entwicklung der Autoproduktion<\/h4>\n<p>  Im Zeitraum 1960 bis 2007 wurde die Zahl der pro Jahr hergestellten   Kraftfahrzeuge um das Viereinhalbfache &#8211; von 16,5 auf 73,2 Millionen &#8211;   gesteigert. Die gr&#246;&#223;te absolute Steigerung erfolgte im j&#252;ngsten, 2007   abgeschlossenen Zyklus, als binnen sieben Jahren der Aussto&#223; um 15   Millionen Kfz-Einheiten erh&#246;ht wurde.<\/p>\n<p>  Aktuell liegt die Besch&#228;ftigtenzahl in der weltweiten Autoindustrie bei   8,5 Millionen; damit blieb sie seit 1970 weitgehend konstant. Es gibt   also eine extreme Auseinanderentwicklung von Output und   Besch&#228;ftigungsniveau. Darin findet die immense Steigerung der   Produktivkraft und die stark gestiegene organische Zusammensetzung des   Branchenkapitals (beziehungsweise die st&#228;ndig steigende   Kapitalintensit&#228;t) ihren Ausdruck.<\/p>\n<h4>  J&#252;ngster Branchenzyklus &#8211; j&#252;ngste Branchenkrise<\/h4>\n<p>  2007 wurden knapp 25 Prozent mehr Kraftfahrzeuge gebaut als im Jahr   2000. In Europa stieg der Produktionsaussto&#223; in der Kfz-Fertigung im   genannten Zeitraum &#8222;nur&#8220; um 3,9 Prozent. In Deutschland allerdings um   neun Prozent.<\/p>\n<p>  In den USA gab es 1999 bis 2007 einen massiven R&#252;ckgang der Produktion   (um gut 17 Prozent). Erst vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung des   dramatische Einbruchs im Jahr 2008 verst&#228;ndlich &#8211; es handelt sich um   einen zus&#228;tzlichen Einbruch im Rahmen eines allgemeinen Niedergangs   (1937 entfielen 80 Prozent der weltweiten Autoproduktion auf die   Fertigung in den USA selbst, 2007 nur noch ein gutes Siebtel).<\/p>\n<p>  Japan, das bis Ende der achtziger Jahre als der gro&#223;e Aufsteiger   gefeiert wurde, b&#252;&#223;te von 1999 bis 2007 Anteile ein (von 17,6 auf 15,9).   Gleichzeitig gingen die Anteile der &#252;brigen asiatischen L&#228;nder steil   nach oben, am deutlichsten derjenige von China (von 3,3 Prozent im Jahr   1999 auf 12,1 im Jahr 2007). Allerdings wird dies durch die Tatsache   relativiert, dass ein erheblicher Teil der Autofertigung in China und im   &#252;brigen Asien von den europ&#228;ischen, japanischen und US-amerikanischen   Konzernen dominiert wird.<\/p>\n<p>  Der Anteil Europas am Weltautomobilbau, der bis in die achtziger Jahre   ansteigend war, ist inzwischen &#8211; trotz der gewaltigen   Produktionssteigerungen in Mittel- und Osteuropa &#8211; r&#252;ckl&#228;ufig (1999:   33,5 Prozent; 2007: 26,9).<\/p>\n<h4>  Branchenkrise als Exempel f&#252;r die allgemeine Krise<\/h4>\n<p>  Einiges spricht daf&#252;r, dass die aktuelle Krise der Autoindustrie   charakteristisch ist f&#252;r die gesamte gegenw&#228;rtige weltweite Krise. Dies   kann auf drei Ebenen konkretisiert werden.<\/p>\n<p>  Erstens hinsichtlich der Tiefe der Krise: Die aktuelle globale Krise   wird m&#246;glicherweise nicht ganz so gravierend wie die Branchenkrise im   Fahrzeugbau ausfallen. Doch die R&#252;ckg&#228;nge im gesamten Bereich der   Industrie k&#246;nnten sich &#8211; bezogen auf einen Zeitraum von zwei und mehr   Jahren &#8211; ebenfalls im zweistelligen Bereich bewegen. Das allerdings k&#228;me   einer Steigerung der allgemeinen Massenarbeitslosigkeit um 30 bis 50   Prozent gleich.<\/p>\n<p>  Zweitens hinsichtlich der Rolle des Staates als &#8222;letzter Instanz&#8220;: Nur   der Staat kann diese Branche in ihrer Substanz retten. Das ist so in den   USA. Das ist so in Deutschland, wo das Land Hessen Ende 2008 erste   Hilfsma&#223;nahmen f&#252;r die GM-Tochter Opel beschloss und wo die   Bundesregierung umfangreiche St&#252;tzungsma&#223;nahmen diskutiert. Das ist so   in Schweden, in Italien oder in Spanien. Und das ist so in Frankreich,   wo unter Pr&#228;sident Nicolas S&#225;rkozy bereits im November 2008 ein   umfangreiches branchenspezifisches St&#252;tzungsprogramm beschlossen wurde.<\/p>\n<p>  Drittens hinsichtlich der Breite der Faktoren, die urs&#228;chlich f&#252;r die   Krise sind: Es gibt neben der Autoindustrie kaum eine Branche, die   hinsichtlich der Nachfrage derart &#8222;breit aufgestellt&#8220; ist. Die   Autoindustrie zielt im Wesentlichen auf drei unterschiedliche   Nachfragearten: auf die kaufkr&#228;ftige Nachfrage der (&#252;berwiegend   lohnabh&#228;ngigen) Massen (in der Sprache der Marx&#8217;schen Analyse auf &#8222;v&#8220;,   auf das sogenannte &#8222;variable Kapital&#8220;). Mit den Luxus-Pkw zielt die   Autobranche sodann als zweites auf die Nachfrage der Reichen (und damit   auf einen Teil des Mehrwerts, &#8222;m&#8220;, der als Einkommen der Verm&#246;genden   erscheint). Schlie&#223;lich zielt die Autoindustrie mit ihren Nutzfahrzeugen   auf die Nachfrage von Unternehmen (und damit auf &#8222;k&#8220;, einen Teil des   konstanten Kapitals &#8211; zur Reproduktion des betrieblichen konstanten   (fixen) Kapitals, und auf denjenigen Teil des Mehrwerts, der im   Unternehmen verbleibt und der im Rahmen der erweiterten Akkumulation &#8211;   als Expansion &#8211; investiert wird). Tats&#228;chlich bricht in der   gegenw&#228;rtigen Krise der Absatz bei allen drei Segmenten ein.<\/p>\n<h4>  Kapitalkonzentration<\/h4>\n<p>  Eine spezifische Auswirkung der neuen Krise in der internationalen   Autoindustrie wird darin bestehen, dass es zu einem Schub mit   Produktivit&#228;tssteigerungen und zu einer umfassenden Kapitalkonzentration   kommt. Teilweise verschr&#228;nkt sich dieser Prozess mit einem neuen, durch   die Krise und die Subventionen bedingten Protektionismus. Teilweise   werden in diesem Zusammenhang auch internationale Verbindungen aufgel&#246;st.<\/p>\n<p>  Der US-Kongress gew&#228;hrte im Dezember 2008 GM und Chrysler die neuen   Kredite in H&#246;he von 17 Milliarden US-Dollar mit der Auflage, dass keine   Gelder ins Ausland abwandern d&#252;rfen. Die Bundesregierung will Opel   finanzielle Hilfen nur dann gew&#228;hren, wenn diese Gelder nicht in den   GM-Gesamtverbund flie&#223;en. Und es gibt die Gedankenspiele, Opel als   selbstst&#228;ndiges Unternehmen zu f&#252;hren (was mittelfristig &#8211; siehe das   Schicksal von Rover nach dem BMW-Ausstieg &#8211; nicht funktionieren kann).<\/p>\n<p>  In jedem Fall wird es zu einem neuen Schub der Kapitalkonzentration   kommen. Die &#220;berlebensf&#228;higkeit etwa von Chrysler oder von Fiat ist kaum   vorstellbar.<\/p>\n<p>  Die hundertj&#228;hrige Geschichte der Branche ist zugleich eine   beeindruckende Geschichte der Kapitalkonzentration. Als General Motors   1908 gegr&#252;ndet wurde, gab es allein in den USA Dutzende Autohersteller.   GM allerdings war bereits der Beginn einer gro&#223;angelegten   Kapitalkonzentration. GM gr&#252;ndete bald auch eigene Unternehmen im   Ausland. Am 17. M&#228;rz 1929, verkauften Adam von Opel und Fritz von Opel   den damals f&#252;hrenden deutschen Autohersteller Opel an GM.<\/p>\n<p>  Damals gab es weltweit noch rund 50 relevante Autohersteller. 1974\/75,   zum Zeitpunkt der sogenannten &#8222;&#214;lkrise&#8220;, gab es noch rund 25   international relevante unabh&#228;ngige Kfz-Hersteller. Bis Anfang 2009   wurde diese Zahl nochmals halbiert &#8211; auf dreizehn weltweit relevante   Autokonzerne (mit ihren jeweiligen T&#246;chtern): General Motors, Toyota,   VW, Ford, Renault, Honda, Hyundai, PSA Peugeot, Suzuki, Fiat, Chrysler,   Daimler und BMW. Die zwei Letzten, Daimler und BMW, k&#246;nnen sich in   dieser Liste nur aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaft als Hersteller   von Luxusautos halten.<\/p>\n<h4>  Arbeitsplatzabbau<\/h4>\n<p>  Kommt es zu dem erwarteten R&#252;ckgang der weltweiten Kfz-Fertigung im   zweistelligen Prozentbereich, dann stehen weltweit deutlich mehr als   eine Million Arbeitspl&#228;tze direkt in der internationalen   Automobilindustrie und mehr als 150.000 Arbeitspl&#228;tze in der deutschen   Branche auf dem Spiel. Dabei d&#252;rfte diese Branchenkrise die   Autozulieferer deutlich st&#228;rker als die eigentliche Autoindustrie   treffen.<\/p>\n<p>  Insgesamt geht es weltweit um den drohenden Verlust von mehreren   Millionen Arbeitspl&#228;tzen und in Deutschland um rund eine Million   gef&#228;hrdete Jobs allein im Fahrzeugbau.<\/p>\n<p>  Beh&#228;lt man die Aussage im Kopf, dass wir hier im Rahmen einer neuen   Weltwirtschaftskrise die Krise der f&#252;hrenden industriellen Branche   beschreiben, dann wird der exemplarische Charakter dieser Branchenkrise   f&#252;r den gesamten weltweiten Kapitalismus verdeutlicht. Deutlich wird   dann auch, dass diese Krise nicht allein eine soziale und   rein-&#246;konomische ist. Es handelt sich zugleich um eine Krise, die von   der Zerst&#246;rung der Umwelt und von der Bedrohung des Klimas gepr&#228;gt ist.   Bei dieser Spezifikation der allgemeinen Weltwirtschaftskrise spielt die   Autoindustrie eine entscheidende Rolle. Oder auch: Die neue   Weltwirtschaftskrise ist vor allem auch eine Krise des auf &#214;l   basierenden Kapitalismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ganzen Konzernen droht das Aus\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,127],"tags":[212],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13031"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13031"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13031\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13031"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13031"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13031"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}