{"id":13021,"date":"2009-02-27T01:00:00","date_gmt":"2009-02-27T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13021"},"modified":"2012-12-30T12:04:10","modified_gmt":"2012-12-30T11:04:10","slug":"13021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/02\/13021\/","title":{"rendered":"Wieder im Kino: &#8222;The Times of Harvey Milk&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Zu den H&#246;hepunkten der diesj&#228;hrigen Berlinale z&#228;hlte die   Wiederauff&#252;hrung des Dokumentarfilms &#8222;The Times of Harvey Milk&#8220;. Ein   1985 mit dem Oscar ausgezeichneter Film &#252;ber den ersten Aktivisten in   den USA, der, sich offen und offensiv zu seiner Homosexualit&#228;t   bekennend, 1977 in ein politisches Amt gew&#228;hlt worden war &#8211; und ein Jahr   sp&#228;ter erschossen wurde.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Anl&#228;sslich des neuen Kinostreifens &#8222;Milk&#8220; von Gus Van Sant   (&#8222;Drugstore Cowboy&#8220;, &#8222;My Private Idaho&#8220;, &#8222;Last Days&#8220;) mit Sean Penn in   der Titelrolle wurde der 25 Jahre alte Dokumentarfilm bei den Berliner   Filmfestspielen erneut gezeigt und ist derzeit in einigen Programmkinos   wieder zu sehen.<\/b><i> <\/i>    <\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm<\/i><\/h4>\n<p>  Der von Robert Epstein 1984 gedrehte Film beginnt mit der &#246;ffentlichen   Erkl&#228;rung der Stadtratsvorsitzenden von San Francisco, Dianne Feinstein,   im Jahr 1978: &#8222;Der B&#252;rgermeister George Moscone und der Stadtrat Harvey   Milk sind tot. Beide wurden im Rathaus erschossen. Haupttatverd&#228;chtiger   ist der Ex-Stadtrat Dan White.&#8220; Umrahmt von Gespr&#228;chen mit Weggef&#228;hrten   Milks und anderen Zeitzeugen l&#228;sst Epstein daraufhin Harvey Milks Leben   und sein politisches Engagement Revue passieren.<\/p>\n<h4>  Wer war Harvey Milk?<\/h4>\n<p>  &#8222;Wer war Harvey Milk?&#8220; (Unter diesem Titel lief seinerzeit die deutsche   Fassung.) Milk, der im New Yorker Kleinb&#252;rgertum aufwuchs, hatte   wechselvolle Jahre hinter sich &#8211; Offizier bei der Navy, B&#246;rsenmakler an   der Wall Street, Anti-Vietnam-Demonstrant &#8211; als er Anfang der siebziger   Jahre zusammen mit seinem Partner Scott Smith an die Westk&#252;ste zog.   Gemeinsam hatten sie gerade noch 1.000 Dollar in der Tasche, als sie   sich in San Francisco niederlie&#223;en &#8211; nachdem sie mehrere Jahre ziellos   durch die USA und von Job zu Job getingelt waren. Im Castro-Viertel   er&#246;ffnete Harvey Milk ein Fotogesch&#228;ft, st&#252;rzte sich in politische   Stadtteilarbeit und machte sich f&#252;r die wachsende   Schwulen-und-Lesben-Gemeinde stark. Bald verlieh man ihm den Namen   &#8222;B&#252;rgermeister von Castro&#8220;.<\/p>\n<p>  1973 wandelte Harvey Milk seinen Laden &#8222;Castro Camera&#8220; in eine   Wahlkampfzentrale um und kandidierte zum ersten Mal f&#252;r den Stadtrat.   Beim vierten Anlauf, 1977, gelang ihm dann der Sprung ins Rathaus.   Unerm&#252;dlich zeigte er sich in seinen Wahlk&#228;mpfen in jeder freien Minute   im Einsatz. Was ihn zudem auszeichnete, war ein Blick f&#252;r   Stadtteilfragen &#8211; die er kampagnenm&#228;&#223;ig und mit agitatorischem Talent   aufwarf.<\/p>\n<h4>  Coming Out<\/h4>\n<p>  Der Film verschweigt nicht, dass Harvey Milk ein nicht ganz   unkomplizierter Mensch gewesen sein muss, dessen regelm&#228;&#223;ige   Tobsuchtsanf&#228;lle zum Beispiel gef&#252;rchtet waren. Aber zuallererst war er   einer, der sich mit aller Kraft und viel Witz f&#252;r die Rechte von   Schwulen und Lesben einsetzte. F&#252;r ihn war das Private politisch. Er   verstand, warum es niemand hilft, wenn er seine sexuelle Orientierung   verleugnet &#8211; vor sich selber, seiner Umgebung und der &#214;ffentlichkeit   gegen&#252;ber. Und er vermittelte brilliant, wie der Film belegt, warum das   Coming Out zwar unmittelbar alles andere als einfach sein kann, aber   letztendlich der einzige Weg ist, gegen die Diskriminierung von   Schwulen, Lesben, Bi- oder Transexuellen vorzugehen, ihnen   Selbstbewusstsein zu geben und sie zu sch&#252;tzen. Harvey Milks Leitspruch   war damals: &#8222;Jeder Homosexuelle sollte im Rathaus immer die Treppe   nehmen, um der Welt zu zeigen, dass er da ist.&#8220;<\/p>\n<p>  Harvey Milk trat aber nicht nur f&#252;r die Rechte von Schwulen und Lesben,   sondern auch von ethnischen Minderheiten und GewerkschafterInnen ein. Im   Film ist ein Auftritt von ihm festgehalten, bei dem er darauf abhebt,   dass es ihm nicht um die hohen Funktion&#228;re, sondern um die einfachen   Gewerkschaftsmitglieder geht. Milk schloss auch ein B&#252;ndnis mit der   Bierkutschergewerkschaft und organisierte einen Boykott der Biermarke in   Schwulenbars, deren Hersteller keine Gewerkschaftsmitglieder einstellen   wollte.<\/p>\n<p>  Kurz nach Milks Wahl am 8. November 1977 machte ein gewisser John Briggs   in Kalifornien von sich reden. Dieser Senator der Republikaner   versuchte, mit der &#8222;Proposition 6&#8220; alle homosexuellen Lehrer aus dem   Schuldienst zu entfernen. In einer Fernsehdebatte, die der   Dokumentarfilm zeigt, hob Briggs darauf ab, dass Lehrer eine   Vorbildfunktion bei der sexuellen Orientierung ihrer Sch&#252;ler h&#228;tten.   Milk konterte: &#8222;Wenn es stimmt, dass Kinder ihre Lehrer nachahmen,   m&#252;ssten hier doch viel mehr Nonnen herumlaufen.&#8220; Monatelang engagierte   sich Milk in einer Gegenkampagne. Mit Erfolg. Als Anfang November 1978   in Kalifornien &#252;ber &#8222;Proposition 6&#8220; abgestimmt wurde, votierten etwa 60   Prozent gegen Briggs&quot; Initiative.<\/p>\n<p>  Drei Wochen sp&#228;ter war Harvey Milk tot. Mit f&#252;nf Kugeln niedergeknallt   von dem reaktion&#228;ren Dan White, einem ehemaligen Polizisten und   Feuerwehrmann, der zeitgleich mit Milk in den Stadtrat gew&#228;hlt worden   war, im Herbst 1978 zur&#252;cktrat und kurz darauf, vergeblich, den Posten   wieder zur&#252;ck erhalten wollte.<\/p>\n<h4>  Die Zeit, in der Milk lebte<\/h4>\n<p>  &#8222;The Times of Harvey Milk&#8220; ist mehr als ein Film &#252;ber einen damaligen   Aktivposten der Schwulen- und-Lesben-Bewegung. Der Film wird seinem   Titel gerecht. Er erhellt die politische Lage und die Stimmung in den   USA der siebziger Jahre. Aufgezeigt wird, dass gleichgeschlechtlicher   Sex damals immer noch als &#8222;unanst&#228;ndiger Akt&#8220; bestraft wurde und das San   Francisco Police Department oft mit brutaler Gewalt gegen Homosexuelle   vorging. Harvey Milk hatte in den wenigen Jahren politischer Aktivit&#228;t   Dutzende, wenn nicht Hunderte von Morddrohungen erhalten.<\/p>\n<p>  Eindrucksvoll sind die Bilder von dem Massenprotest am Abend nach Milks   Ermordung. 45.000 Menschen zogen mit Kerzen zum Rathaus. Ein halbes Jahr   sp&#228;ter endete der Prozess gegen den Attent&#228;ter Dan White. Verurteilt   wurde er von der Jury nicht wegen Mordes, sondern lediglich wegen   Totschlags. Er h&#228;tte vor der Tat zu viel Zucker gegessen, hie&#223; es. Er   bekam nur sieben Jahre. Ein Schwarzer wird im Film wiedergegeben, der   meinte: &#8222;Wenn ich einen Beamten erschie&#223;en w&#252;rde, dann w&#252;rde man mich   auf den Elektrischen Stuhl setzen.&#8220; Ein Gewerkschaftsaktivist &#228;u&#223;erte   vor der Kamera: &#8222;H&#228;tte Dan White nur den B&#252;rgermeister erschossen, h&#228;tte   er lebensl&#228;nglich gekriegt. Da er aber auch einen Schwulen umbrachte,   fiel die Strafe deutlich geringer aus.&#8220; Das Urteil war f&#252;r viele ein   Schock. Es kam zu Stra&#223;enschlachten, die als &#8222;White Nights&#8220; bekannt   wurden.<\/p>\n<h4>  Brandaktuell<\/h4>\n<p>  Besucht man heute das Castro-Viertel in San Francisco, so kann man   dar&#252;ber staunen, dass in dem ganzen Stadtteil riesige Regenbogenfahnen   flattern. Gleichzeitig h&#228;lt jedoch die Diskriminierung von Schwulen,   Lesben, Bi- und Transsexuellen bis heute an. Das zeigt die begrenzten   Errungenschaften von Milk und anderen in der Bewegung. Und das h&#228;ngt   nicht zuletzt mit politischen Defiziten von Harvey Milk und Co.   zusammen. Milk war Mitglied der Partei der Demokraten, einer   b&#252;rgerlichen Kraft. Er versuchte im Establishment mitzumischen, war   letztendlich ein Liberaler, der nicht erkannte, dass die   Spaltungspolitik elementarer Bestandteil des kapitalistischen Systems   ist. Wenn es etwas an &#8222;The Times of Harvey Milk&#8220; zu bem&#228;ngeln gibt, dann   die Tatsache, dass die Auseinandersetzung mit politischen &#220;berzegungen   und Zielen &#8211; und damit den Schw&#228;chen Milks &#8211; zu wenig beleuchtet werden.<\/p>\n<p>  Anfang November wurde bei einer Abstimmung in Kalifornien (sowie in   Florida und Arizona) mehrheitlich gegen die &#8222;Proposition 8&#8220;, dem Recht   auf die gleichgeschlechtliche Ehe, votiert. Daraufhin gab es spontane,   von unten initiierte Protestdemonstrationen in verschiedenen St&#228;dten von   mehreren Tausend Beteiligten. Ihre Emp&#246;rung richtete sich auch gegen   Barack Obama, der nicht &#246;ffentlich f&#252;r die St&#228;rkung der Rechte von   Schwulen und Lesben eintreten wollte. Zumal er sich das Eingangsgebet   zur Amtseinf&#252;hrung von Rick Warren sprechen lie&#223;, einem notorischen   Feind von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen, der sich auch gegen   &#8222;Proposition 8&#8220; aussprach. Das zeigt einmal mehr, was Harvey Milk   ignorierte und worauf es heute ankommt: Statt Illusionen in die Partei   und in Politiker der Demokraten zu verbreiten, gilt es, eine politische   Interessenvertretung der Arbeiterklasse und aller benachteiligten Teile   der Gesellschaft aufzubauen. Statt einer Beschr&#228;nkung auf   systemimmanente Reformen ist eine dauerhafte &#220;berwindung der   Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung, Hautfarbe oder   Geschlecht nur m&#246;glich, wenn die kapitalistische Ordnung selber aus den   Angeln gehoben wird.<\/p>\n<h4>  In Berlin ist der Film vom 19.2.-4.3. in der Eiszeit 2, am 2.3. im   International und vom 19.-25.2. im Xenon zu sehen (immer OmU).<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zu den H&#246;hepunkten der diesj&#228;hrigen Berlinale z&#228;hlte die<br \/>\n      Wiederauff&#252;hrung des Dokumentarfilms &#8222;The Times of Harvey Milk&#8220;. 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