{"id":12988,"date":"2009-03-01T00:00:00","date_gmt":"2009-03-01T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12988"},"modified":"2009-03-01T00:00:00","modified_gmt":"2009-03-01T00:00:00","slug":"12988","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/12988\/","title":{"rendered":"Debatte: Planwirtschaft als Alternative?"},"content":{"rendered":"<p>  Debatte &#252;ber Planwirtschaft auf den Sozialismus-Tagen 2009<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Auf den diesj&#228;hrigen Sozialismus-Tagen vom 10. bis 12. April in Berlin   wird es auch eine Diskussion &#252;ber Alternativen zur kapitalistischen   Wirtschaftsordnung geben. Die Veranstaltung findet unter der   Fragestellung &#8222;Demokratische Planwirtschaft als Alternative zum   Kapitalismus?&#8220; statt. Mit Elmar Altvater (angefragt) und Lynn Walsh,   Mitglied vom internationalen Vorstand des CWI (Komitee f&#252;r eine   Arbeiterinternationale).<\/p>\n<h3>  <b>Elmar Altvater <\/b>    <\/h3>\n<p>  <b>emeritierter Professor der FU Berlin, Mitglied der   LINKEN-Programmkommission, unter anderem Autor von &#8222;Das Ende des   Kapitalismus, wie wir ihn kennen&#8220; (Westf&#228;lisches Dampfboot, 2007):<\/b><\/p>\n<p>  Eine antikapitalistische &#214;konomie erfindet man nicht, sie entsteht in   sozialen K&#228;mpfen. Daran sind, sofern sie Erfolge zeitigen sollen, sehr   viele Menschen beteiligt &#8211; mit all ihren Utopien, Sehns&#252;chten,   intellektuellen Streitigkeiten, Hoffnungen und Frustrationen, aber auch   mit ihrer Experimentierfreude. In diesen Auseinandersetzungen zeigt sich   dann, wie alternative Formen der gesellschaftlichen Organisation des   Wirtschaftens und der gesellschaftlichen Kommunikation gefunden werden   k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Selbstverst&#228;ndlich werden dabei historische Erfahrungen ber&#252;cksichtigt   werden m&#252;ssen. Dazu geh&#246;ren auch die Erfahrungen mit der Planung im   &#8222;real existierenden Sozialismus&#8220;.<\/p>\n<p>  Auch kapitalistische Unternehmen planen. Das ist Planung im Interesse   des Kapitals, nicht zur Befriedigung der Bed&#252;rfnisse der Bev&#246;lkerung.   Sp&#228;testens die Finanzkrise und die dadurch ausgel&#246;ste Wirtschaftskrise   zeigen, wie zerst&#246;rerisch und wie ineffizient die kapitalistische   Planung der transnational operierenden Konzerne ist. Denn in der   Marktwirtschaft treten makro&#246;konomische Einheiten in einen   geldvermittelten Austausch. F&#252;r das Resultat des Marktmechanismus kann   niemand verantwortlich gemacht werden.<\/p>\n<p>  Ein Problem der Planwirtschaft besteht hingegen darin, dass man nur   unzul&#228;nglich mit den Bed&#252;rfnissen der Menschen kalkulieren kann. Es w&#228;re   viel zu kompliziert, sie zu erheben, viel zu kompliziert, sie abzuw&#228;gen   und viel zu autorit&#228;r, die Richtungen der Entwicklung zu bestimmen. Ergo   kann die Planung nur eine Rahmenplanung sein. Planung ist also nicht   obligatorisch, sondern indikativ. Sie kann daher auch nicht vollst&#228;ndig   an die Stelle des Marktes treten. Dieser muss weiterhin genutzt werden,   um die individuelle Befriedigung von Bed&#252;rfnissen in angemessener Zeit   zu erm&#246;glichen.<\/p>\n<p>  Das &#8222;Wertgesetz&#8220; der Warenproduktion und zentrale, indikative Planung   sind durchaus vertr&#228;glich. Das &#8222;Wertgesetz&#8220; kann nur aufgehoben werden   in einer Welt der &#220;berschussproduktion. Doch geraten wir an dieser   Stelle sofort in Konflikt mit einem Grundprinzip eines &#8222;modernen   Sozialismus des 21. Jahrhunderts&#8220;: mit der &#246;kologischen Nachhaltigkeit.   &#220;berschussproduktion darf nicht auf Kosten der Natur und damit auf   Kosten der nachfolgenden Generationen erfolgen.<\/p>\n<p>  Apropos Natur: In der Natur gibt es keine zentral geplanten Prozesse,   sondern nur spontane Abl&#228;ufe. Das wichtigste Prinzip der Evolution ist   das der Redundanz, daher auch der Fehlerfreundlichkeit. Der Blick in die   nat&#252;rlichen Abl&#228;ufe &#246;ffnet die Perspektive in eine Welt der Vielfalt,   wie sie auch in gesellschaftlichen Prozessen existieren kann.<\/p>\n<p>  Auch in einer anderen &#246;konomischen Ordnung wird es Planung geben, schon   weil global agierende Unternehmen gar nicht anders k&#246;nnen (und d&#252;rfen),   als gem&#228;&#223; vertretbarer Regeln ihr &#246;konomisches Handeln zu planen.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig gibt es viele kleine Einheiten in vielen Weltregionen,   denen man zwar einen gemeinsamen Namen geben kann &#8211; etwa den der   &#8222;solidarischen &#214;konomie&#8220; &#8211;, die aber dennoch h&#246;chst verschieden sind und   sich in ein System globaler Planung nicht integrieren lassen w&#252;rden. Zu   Recht, denn dieses w&#252;rde die solidarisch-genossenschaftlichen und   demokratischen Organisationsformen der Wirtschaft wegen seines zentralen   und zentralisierenden Charakters erschweren oder gar unterbinden.<\/p>\n<p>  Man kann es auch anders ausdr&#252;cken: Planung war etwas f&#252;r das   fordistische System der gro&#223;en Industrie. Planung wird von den gro&#223;en   transnationalen Konzernen auch heute angewandt, um ihre Macht zu   steigern. F&#252;r eine Vielzahl von vernetzten, kleineren und mittleren   Unternehmen in genossenschaftlicher Organisation ist zentrale Planung   ungeeignet, die immer die Gefahr in sich tr&#228;gt, dass der Staat als das   Subjekt zentraler Planung eine autorit&#228;re Ordnung erzwingt, noch dazu   auf globaler Ebene.<\/p>\n<p>  Ein demokratischer Staat im globalen Raum kann nur im Plural existieren.   Zu einer indikativen Rahmenplanung m&#252;ssen sich die genossenschaftlichen   Einheiten immer wieder kommunikativ verst&#228;ndigen.<\/p>\n<p>  Ob eine Planung f&#252;r die gesamte Weltwirtschaft m&#246;glich und sinnvoll ist,   ist also zu bezweifeln. Die Bef&#252;rchtung ist nicht unrealistisch, dass   internationale Planung einen b&#252;rokratischen Staat hervorbringt, der alle   Versuche einer wirtschaftlichen Selbstverwaltung in einer   sozialistischen &#214;konomie unterbindet.<\/p>\n<p>  Es stellt sich folglich die Frage, ob nicht eine solidarische,   genossenschaftliche &#214;konomie, die sich einen politischen Rahmen gibt,   eine aussichtsreichere Variante der gesellschaftlichen Planung in der   globalisierten Wirtschaft sein kann als ein weltwirtschaftlich geplanter   Sozialismus.<\/p>\n<h3>  <b>Heino Berg <\/b>    <\/h3>\n<p>  <b>Mitglied im SAV-Bundesvorstand und aktiv in der Partei DIE LINKE:<\/b><\/p>\n<p>  Schon zu Beginn der aktuellen Krise wird der Markt als einziges   Steuerungsinstrument f&#252;r die Wirtschaft sogar von den Herrschenden in   Frage gestellt. Die &#196;ra des Neoliberalismus, in dem jeder staatliche   Eingriff verp&#246;nt war und die &#8222;Selbstheilungskr&#228;fte&#8220; alles regeln   sollten, ist im Chaos der sogenannten &#8222;Finanzmarktkrise&#8220; bereits   beerdigt worden. Zugleich w&#228;chst die Einsicht, dass der Raubbau an den   nat&#252;rlichen Ressourcen des Planeten ein global koordiniertes Umsteuern   erfordert, zu dem die privatwirtschaftlich organisierten Nationalstaaten   und ihre Institutionen offensichtlich nicht in der Lage sind. Stehen   damit die Marxschen Perspektiven einer globalen, sozialistischen   Planwirtschaft erneut auf der Tagesordnung &#8211; oder brauchen wir bessere   Regulierungen und eine Kombination von Markt- und Planwirtschaft?<\/p>\n<p>  Jeder arbeitsteilige Produktionsprozess erfordert Planung und   Koordination. Das gilt f&#252;r den Betrieb ebenso wie f&#252;r die   Weltwirtschaft. Die heutigen Gro&#223;konzerne operieren und planen &#252;ber   L&#228;ndergrenzen hinweg &#8211; aber sie tun das im Interesse des nationalen   Stammkapitals an ihrem Hauptsitz. Die Entscheidung, was und wie   produziert wird, wird im Kapitalismus allein von der Frage bestimmt,   welcher Gewinn im Verh&#228;ltnis zum Konkurrenzunternehmen dabei f&#252;r die   Eigent&#252;mer herausspringt. Das Bed&#252;rfnis nach Nahrungsmitteln ist f&#252;r die   Planung dieser Konzerne dann uninteressant, wenn die hungernde   Bev&#246;lkerung der jeweiligen Region diese Produkte nicht kaufen kann. Das   selbe gilt f&#252;r &#246;kologische Ziele, zu denen sich die Konzerne und ihre   Regierungen zwar bekennen, die sie aber im Konkurrenzkampf um   Absatzm&#228;rkte und die billigsten Produktionsmethoden sofort wieder &#252;ber   Bord werfen.<\/p>\n<p>  Konsumbed&#252;rfnisse der Bev&#246;lkerung werden heutzutage ebenso zuverl&#228;ssig   ermittelt wie &#246;kologische Erfordernisse. Gest&#252;tzt auf die moderne   Datenverarbeitung k&#246;nnten sie also die Basis f&#252;r eine internationale   Rahmenplanung bilden, die dem Menschen ebenso nutzt wie der Natur &#8211; wenn   die Schl&#252;sselbetriebe a) nicht mehr privaten, profitorientierten   Eigent&#252;mern, sondern der Gesellschaft insgesamt geh&#246;ren und b) durch   demokratische Vertretungsorgane im Interesse der Besch&#228;ftigten und im   Sinne von &#252;berbetrieblichen Zielen verwaltet werden k&#246;nnen. Dazu k&#246;nnte   eine &#8222;drittelparit&#228;tische&#8220; Beteiligung von direkten VertreterInnen der   jeweiligen Betriebe, der Gewerkschaften und der Gebietsk&#246;rperschaften   sinnvoll sein.<\/p>\n<p>  Die Geschichte hat bewiesen, dass Verstaatlichungen allein nicht   ausreichen, um die Produktion und deren Planung an den tats&#228;chlichen   Bed&#252;rfnissen der Gesellschaft auszurichten: Wenn die betrieblichen,   kommunalen oder gesamtstaatlichen Organe (beziehungsweise R&#228;te) keiner   demokratischen Kontrolle unterliegen, wenn sie weder direkt gew&#228;hlt,   noch rechenschaftspflichtig und jederzeit abrufbar sind, wenn die   Produzenten nicht einmal ihre Bed&#252;rfnisse frei &#228;u&#223;ern und sich f&#252;r ihre   Ziele unabh&#228;ngig organisieren k&#246;nnen &#8211; wie das in der Sowjetunion unter   der Herrschaft der B&#252;rokratie der Fall war &#8211;, dann sind Misswirtschaft   und Privilegien die zwangsl&#228;ufige Folge. Die staatliche Planwirtschaft   erlaubte unter diesen Bedingungen zwar die Industrialisierung und   Fortschritte im Bildungs- und Gesundheitsbereich, musste mangels   Demokratie aber scheitern. Die Einf&#252;hrung von Marktmechanismen und mehr   &#8222;Eigenverantwortlichkeit&#8220; f&#252;r die verstaatlichten Betriebe in der   Sowjetunion und in Osteuropa haben ihren Niedergang nicht aufgehalten,   sondern zum Teil noch beschleunigt.<\/p>\n<p>  Die Arbeitszeit k&#246;nnte heute mit einem Schlag stark reduziert und die   Arbeit auf alle aufgeteilt werden. Das ist eine wesentliche   Voraussetzung f&#252;r eine sozialistische Demokratie. Durch eine   Arbeitszeitverk&#252;rzung von mehreren Stunden t&#228;glich w&#252;rde ein enormes   Potenzial freigesetzt; die M&#246;glichkeit w&#228;re gegeben, sich weiterzubilden   und Aufgaben bei der Leitung der Betriebe und der Koordination der   Wirtschaft zu &#252;bernehmen.<\/p>\n<p>  An einer demokratischen Rahmenplanung der Weltwirtschaft, die auch   &#252;bernationale Anforderungen, zum Beispiel die &#246;kologische   Nachhaltigkeit, ber&#252;cksichtigt und eine gerechte Verteilung der   Ressourcen und Reicht&#252;mer erlaubt, m&#252;ssen sich alle durch demokratisch   gew&#228;hlte VertreterInnen solidarisch beteiligen k&#246;nnen. Die vom Kapital   geschaffenen &#8222;internationalen&#8220; Institutionen (wie G8, IWF, NATO, UN oder   EU) sind daf&#252;r nicht geeignet und m&#252;ssen &#252;berwunden werden, anstatt die   Illusion zu pflegen, dass man sich ihrem Diktat und den Gesetzen des   kapitalistischen Weltmarktes durch Protektionismus oder regionale   Autonomie entziehen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Die genaue Form, in der die arbeitende Bev&#246;lkerung durch eine   sozialistische Planwirtschaft eine menschenw&#252;rdige Zukunft gestalten   wird, kann sie im Kampf gegen die Krise des Kapitalismus nur selbst   bestimmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Debatte &#252;ber Planwirtschaft auf den Sozialismus-Tagen 2009\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[92,106],"tags":[263,211],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12988"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12988"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12988\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}