{"id":12965,"date":"2009-01-22T00:00:00","date_gmt":"2009-01-21T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12965"},"modified":"2012-05-15T15:17:39","modified_gmt":"2012-05-15T13:17:39","slug":"12965","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/01\/12965\/","title":{"rendered":"Die Wahlen in Hessen und die LINKE"},"content":{"rendered":"<p>  Die LINKE hat es in Hessen gerade so geschafft. Im Vergleich zu den   Wahlen 2008 haben sie aber 1.700 Stimmen verloren und im Vergleich zum   Ergebnis der Bundestagswahlen liegen die Verluste sogar bei 40.000   Stimmen. Es ist gut, dass die LINKE wieder im hessischen Landtag ist.   Sonst w&#228;re dort keine Partei vertreten, die sich gegen Sozialabbau und   die Umverteilungspolitik von unten nach oben einsetzt. Aber das Ergebnis   ist kein Grund zum Feiern. Es ist eine deutliche Warnung. Eine   Kurs&#228;nderung ist n&#246;tig, wenn sich die Partei im Bundestagswahljahr als   linke Alternative f&#252;r Besch&#228;ftigte, Erwerbslose, Jugendliche und   RentnerInnen aufbauen will.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Angelika Teweleit, Berlin<\/i><\/h4>\n<h4>  Unzufriedenheit mit Bundesregierung<\/h4>\n<p>  Die Wahlbeteiligung sank erneut, diesmal auf 61 Prozent. Das liegt nicht   daran, dass immer weniger Leute an politischen Fragen interessiert sind.   Im Gegenteil, inmitten der Wirtschaftskrise fragen sich die Menschen   zunehmend, wie es weitergehen soll, welche Perspektive es f&#252;r die   Jugend, die Umwelt, die Gesellschaft insgesamt gibt. Eine wachsende Zahl   von Menschen hat Angst vor Arbeitsplatzverlust, sinkendem Lebensstandard   und Armut. Die Abstinenz bei den Wahlen zeigt stattdessen, wie gro&#223; die   Unzufriedenheit in der Bev&#246;lkerung mit den etablierten Parteien ist.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend die SPD ihren freien Fall mit dem Verlust von 391.000 Stimmen   (minus 13 Prozent im Vergleich zu 2008) fortsetzt, hat auch die CDU   keinen Grund zu &#252;berm&#228;&#223;igem Jubel. Im Gegenteil, intern nehmen in der   CDU\/CSU die Sorgen zu, denn das Ergebnis ist eine Fortschreibung ihrer   schlechten Ergebnisse in vorherigen Wahlen, eingeschlossen das Desaster   der bayrischen CSU. Denn sie konnte die Verluste von 2008 nicht nur   nicht wettmachen, sondern verlor in Wirklichkeit ebenso 45.000 weitere   Stimmen. Beide Regierungsparteien haben in den letzten Wochen versucht,   mit der Diskussion &#252;ber Konjunktur- und Rettungspakete Punkte zu machen,   indem sie vorheuchelten, dass sie nicht nur an die Banken- und   Konzernbosse denken, sondern auch an die breite Masse. Das ist ganz   offensichtlich nicht gelungen. Abgesehen von denen, die garnicht zur   Wahl gegangen sind, haben viele das kleinere &#220;bel in der FDP oder den   Gr&#252;nen gesehen. Ihre Gewinne sind kein Ergebnis ihrer politischen   Alternativen,sondern im Gegenteil ein Resultat der Alternativlosigkeit.   Dass aber so viele entweder zu Hause blieben oder eine der anderen   kleinen Parteien, vor allem die Gr&#252;nen, als vermeintliche Alternative   ankreuzten anstatt die LINKE zu w&#228;hlen, das h&#228;tte anders aussehen k&#246;nnen!<\/p>\n<h4>  Wo bleibt die Antwort auf die Krise?<\/h4>\n<p>  Sowohl bundesweit als auch in Hessen hat es die LINKE bisher nicht   geschafft, sich als die politische und k&#228;mpferische Alternative   darzustellen, die ein klares Programm gegen die kapitalistische Krise   aufzeigt. Das f&#228;ngt bei Oskar Lafontaine an. Wie oft wurde er in   Interviews gefragt, ob die LINKE nicht froh sein kann und sagen, der   Kapitalismus funktioniert nicht? Eine klare Antwort w&#228;re zu sagen,   Freude &#252;ber die Krise ist fehl am Platz, aber ja richtig, der   Kapitalismus funktioniert nicht. Jetzt will die Regierung daf&#252;r sorgen,   dass mit so genannten Rettungspaketen dieses System gerettet wird. Die   gro&#223;e Masse soll aber wieder daf&#252;r zahlen. Wir haben als einzige eine   Alternative zur kapitalistischen Misswirtschaft. Als erstes fangen wir   damit, uns f&#252;r die Verstaatlichung der Banken einzusetzen. Aber nicht   so, wie es die b&#252;rgerlichen Politiker verstehen. Sie wollen nur die   Verluste sozialisieren und die Gewinne privatisieren. Wir wollen eine   Verstaatlichung aller Banken und zwar unter demokratischer Kontrolle und   Verwaltung durch die arbeitende Bev&#246;lkerung. So k&#246;nnen die Kleinsparer   sicher sein, nichts zu verlieren. Vor allem aber kann begonnen werden,   die Gelder f&#252;r sinnvolle Investitionen und im Sinne der Mehrheit der   Bev&#246;lkerung einzusetzen. Dieselben Fragen stellen sich f&#252;r die   Schl&#252;sselindustrien&#8230;. Schlie&#223;lich k&#246;nnte man deutlich sagen, dass das   kapitalistische System verantwortlich f&#252;r die Krise ist und die LINKE   deshalb f&#252;r eine andere, eine sozialistische Gesellschaft steht, in der   nicht die Profitinteressen sondern die Bed&#252;rfnisse von Mensch und Umwelt   stehen. Stattdessen sagt Lafontaine, es g&#228;be keine Alternative zur   Marktwirtschaft, sie m&#252;sse nur besser geregelt und sozialer, mit mehr   Mitarbeiterbeteiligung gestaltet, werden. Dann verliert er sich in   Details, wie der Kapitalverkehr angeblich besser und im Interesse der   Masse der Bev&#246;lkerung reguliert werden k&#246;nne. In diesem Sinne stimmte er   sogar im Grundsatz dem 500 Milliarden Euro Rettungspaket f&#252;r die Banken   zu, dies sei nur im Details nicht gut.<\/p>\n<h4>  Klare Abgrenzung fehlt<\/h4>\n<p>  Auch in Hessen ist es der LINKEN leider nicht gelungen, sich klar von   den b&#252;rgerlichen Parteien abzugrenzen. Roland Koch hat sich mit der   hessischen 500 Millionen Euro B&#252;rgschaft als &#8222;Retter der Opelaner&#8220;   aufgespielt. Die komplette Fraktion der LINKEN stimmte aber ebenso f&#252;r   dieses Paket. Somit gab es keine einzige Gegenstimme im Landtag. Damit   hat sie sich nicht von den b&#252;rgerlichen Parteien abgegrenzt, die die   Abw&#228;lzung der Krisenlasten auf dem R&#252;cken der arbeitenden Bev&#246;lkerung &#8211;   mit einzelnen Zugest&#228;ndnissen, um die Unzufriedenheit zu d&#228;mpfen &#8211;   verfolgt.<\/p>\n<p>  Mit dieser B&#252;rgschaft, die von der arbeitenden Bev&#246;lkerung durch Steuern   aufgebracht werden muss, werden aber die Arbeitspl&#228;tze gar nicht   gesichert! Wenn Opel nicht mehr gen&#252;gend Autos absetzen kann, werden   sie, wie andere Autokonzerne auch, &#252;ber kurz oder lang Werke schlie&#223;en   und Entlassungen vornehmen. Bis dahin werden die KollegInnen erpresst,   schlechtere Bedingungen und Arbeitszeitverk&#252;rzung mit Lohnverlust   hinzunehmen. Stattdessen muss die Verstaatlichung der Autoindustrie auf   die Tagesordnung gesetzt werden. Unter demokratischer Kontrolle und   Verwaltung von gew&#228;hlten VertreterInnen der Belegschaften und der   arbeitenden Bev&#246;lkerung k&#246;nnten Pl&#228;ne f&#252;r eine &#246;kologisch und   gesellschaftlich sinnvolle Umstellung der Produktion erarbeitet werden.   Alle Arbeitspl&#228;tze k&#246;nnten so erhalten, die Arbeitzeit bei vollem Lohn-   und Personalausgleich drastisch verringert werden. Willi van Ooyen hat   kurzzeitig w&#228;hrend des Wahlkampfes die Forderung nach der   Opel-Verstaatlichung &#246;ffentlich vertreten. Dies h&#228;tte von der gesamten   Parteif&#252;hrung konsequent verfolgt werden sollen.<\/p>\n<p>  Sicher h&#228;tte die LINKE keine Mehrheit im Parlament f&#252;r die Forderung   nach Verstaatlichung von Opel unter demokratischer Arbeiterkontrolle   bekommen. Aber sie h&#228;tte den Antrag selbstbewusst einbringen k&#246;nnen und   so die Debatte in der &#214;ffentlichkeit &#252;ber die Forderung er&#246;ffnet.   KollegInnen bei Opel h&#228;tten begonnen, dar&#252;ber zu diskutieren. Was gibt   es zu verlieren? Selbst wenn aus den Reihen der IG Metallf&#252;hrung oder   des Opel-Betriebsrats und vielleicht auch von KollegInnen Kritik an   diesen Vorstellungen k&#228;me &#8211; die Erfahrungen in den n&#228;chsten Wochen und   Monaten werden zeigen, dass diese Antwort die einzige ist, mit der alle   Arbeitspl&#228;tze gesichert werden k&#246;nnen. Gerade in der jetzigen Zeit, wo   die Frage von Verstaatlichung sogar von B&#252;rgerlichen immer wieder in die   Diskussion gebracht wird, muss die LINKE das aufgreifen. Sie muss   klarmachen, dass sie eine andere, sozialistische Verstaatlichung   fordert: die &#220;berf&#252;hrung von Konzernen in Gemeineigentum, um unter   demokratischer Kontrolle und Verwaltung die Produktion im Interesse von   Bed&#252;rfnissen anstatt von Profiten weiterzuf&#252;hren. So k&#246;nnte die LINKE an   den derzeitigen aktuellen Fragen ansetzen, um sie mit einer   sozialistische Alternative zu verbinden.<\/p>\n<h4>  Chance verpasst<\/h4>\n<p>  Die politische Konstellation nach dem Landtagswahlergebnis letztes Jahr   war f&#252;r die hessische LINKE eigentlich eine Steilvorlage, um sich als   wirkliche Alternative zu den b&#252;rgerlichen Parteien darzustellen. Koch   hatte eine Abfuhr f&#252;r seine unsoziale und rassistische Politik erhalten.   Die SPD mit Ypsilanti war gezwungen, sich ein linkeres Profil zu geben,   um der Stimmung und Linksverschiebung in der Gesellschaft Rechnung zu   tragen und damit weitere Zugewinne f&#252;r die LINKE zu verhindern. Als   potentieller Tolerierungspartner wurde die LINKE aber nur als Teil von   Ypsilantis Projekt wahrgenmmen anstatt als eigenst&#228;ndige Kraft. Zu sehr   war die LINKE auf die parlamentarische Ebene und Regierungswechsel   fixiert, anstatt kontinuierlich zu erkl&#228;ren, dass auch bei anderer   Regierung das Entscheidende der Druck der Stra&#223;e und der Betriebe ist.   Wenn es solche Aussagen gegeben hat, konnten sie nicht als stringente   Strategie erkannt werden; und sie hat keinen Weg aufgezeigt, wie man   etwas ver&#228;ndern kann. Es gab in der LINKEN viele, die f&#252;r eine starke   au&#223;erparlamentarische Pr&#228;senz waren, aber das konnte mit der falschen   Ausrichtung auf die faktische Tolerierung nicht vereinbart werden.<\/p>\n<p>  Stattdessen h&#228;tte die LINKE sagen k&#246;nnen: Wir machen mit, Roland Koch   endlich abzuw&#228;hlen. Um das zu erreichen, geben wir Ypsilanti unsere   Stimme. Aber damit ist unsere Unterst&#252;tzung f&#252;r Ypsilanti am Ende.   Sowohl SPD als auch die Gr&#252;nen sind keine Parteien der Arbeiterklasse.   Sie sind Parteien der Agenda 2010 und des Kapitals. Wir schenken ihnen   kein Vertrauen. Wir handeln unabh&#228;ngig von der Regierung. Wir werden   jeder Verbesserung, sei es f&#252;r die Besch&#228;ftigten des &#214;ffentlichen   Dienstes, die Sch&#252;lerInnen oder die Arbeiterklasse im allgemeinen,   zustimmen. Aber wir werden den Kampf gegen jede Verschlechterung f&#252;hren   &#8211; nicht nur im Parlament, sondern auch auf der Stra&#223;e. Wir werden,   gemeinsam mit den Gewerkschaften, die einmalige Situation nutzen, die   SPD\/Gr&#252;ne Regierung von der Stra&#223;e und aus den Betrieben unter Druck zu   setzen. Lasst uns f&#252;r massive Neueinstellungen von LehrerInnen k&#228;mpfen,   f&#252;r h&#246;here L&#246;hne und k&#252;rzere Arbeitszeiten, f&#252;r besser ausgestattete   Krankenh&#228;user und mehr Pflegepersonal. Will Ypsilanti an der Regierung   bleiben, dann soll sie die Forderungen von Besch&#228;ftigten, Sch&#252;lerInnen   usw. erf&#252;llen. Tut sie es erwartungsgem&#228;&#223; nicht, dann haben wir die   besten Voraussetzungen, bei den n&#228;chsten Wahlen von all jenen gew&#228;hlt zu   werden, die uns als k&#228;mpfende Partei mit klaren Forderungen an ihrer   Seite erlebt haben.<\/p>\n<h4>  Kurswechsel jetzt!<\/h4>\n<p>  Als eine radikale, k&#228;mpferische Alternative mit Antworten auf die   kapitalistische Krise war die LINKE bisher nicht erkennbar. Daraus   m&#252;ssen Lehren gezogen werden. F&#252;r die Bundestagswahlen ist es nicht zu   sp&#228;t. In den n&#228;chsten neun Monaten k&#246;nnte die LINKE die Partei sein, die   als tats&#228;chliche Gewinnerin aus dem Superwahljahr hervorgeht. Das kann   sie nur, wenn die Erlangung von Parlamentssitzen nicht als Selbstzweck   gesehen wird, und wenn der Kurs auf Regierungsbeteiligung als &#8222;kleineres   &#220;bel&#8220;, zum Beispiel in Th&#252;ringen und im Saarland, endlich dahin gelangt,   wo er hingeh&#246;rt: in die M&#252;lltonne. Aufgrund ihres Bestrebens nach   Regierungsbeteiligungen versucht die Parteif&#252;hrung sich als   staatstragend zu geben. Diese Logik f&#252;hrt sie dazu, die Partei nach   links dichtmachen zu wollen, was sich zur Zeit in der Ausgrenzung von   SAV Mitgliedern widerspiegelt, und &#8211; wenn dies gelingt &#8211; in Zukunft   weiter gehen kann. Eine neue politische Partei der Arbeiterklasse muss   aber demokratisch und offen f&#252;r Debatten sein.<\/p>\n<p>  Mit einem sozialistischen Programm und &#220;bergangsforderungen, wie der   Verstaatlichung aller Banken und derjenigen Konzerne, die mit   Entlassungen drohen, unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung der   arbeitenden Bev&#246;lkerung, muss die LINKE endlich eine Alternative zur   kapitalistischen Misere aufzeigen. Sie muss damit die Debatte f&#252;r die   Abschaffung des Kapitalismus einleiten. Durch die Organisierung von   Widerstand gegen die Folgen der Krise muss die LINKE auf der Stra&#223;e und   in den Betrieben klar sichtbar sein. Die bundesweite Demonstration am   28. M&#228;rz kann den Aufschlag f&#252;r die breite Organisierung von Widerstand   in Betrieben, Schulen, Universit&#228;ten, von der Stra&#223;e sein. Bisher sind   zwar einzelne Mitglieder an der Organisierung beteiligt, es muss sich   aber die gesamte Partei mit aller Kraft dahinterstellen und ihre Mittel   zur Verf&#252;gung stellen, damit die Demonstration ein Erfolg wird.<\/p>\n<p>  Mit dem derzeitigen Kurs besteht die gro&#223;e Gefahr, dass das Projekt   einer neuen linken Partei gegen die Wand gefahren wird. Die SAV ruft   dazu auf, sich am Aufbau eines starken marxistischen Fl&#252;gels in der   LINKEN zu beteiligen, und damit den Prozess f&#252;r den Aufbau einer   k&#228;mpferischen sozialistischen Partei im Interesse von Besch&#228;ftigten,   Erwerbslosen, Jugenlichen und RentnerInnen voranzutreiben.<\/p>\n<p>  <b><i>Angelika Teweleit ist Mitglied der Bundesleitung der SAV.<\/i><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die LINKE hat es in Hessen gerade so geschafft. Im Vergleich zu den<br \/>\n      Wahlen 2008 haben sie aber 1.700 Stimmen verloren und im Vergleich zum<br \/>\n      Ergebnis der Bundestagswahlen liegen die Verluste sogar bei 40.000<br \/>\n      Stimmen. Es ist gut, dass die LINKE wieder im hessischen Landtag ist.<br \/>\n      Sonst w&#228;re dort keine Partei vertreten, die sich gegen Sozialabbau und<br \/>\n      die Umverteilungspolitik von unten nach oben einsetzt. Aber das Ergebnis<br \/>\n      ist kein Grund zum Feiern. 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