{"id":12958,"date":"2009-01-15T00:00:00","date_gmt":"2009-01-14T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12958"},"modified":"2012-12-30T12:05:01","modified_gmt":"2012-12-30T11:05:01","slug":"12958","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/01\/12958\/","title":{"rendered":"Zwischen Mauern"},"content":{"rendered":"<p>  Neu im Kino: &#8222;Entre le murs&#8220; (&#8222;Die Klasse&#8220;) von Laurent Cantet<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>2008 ist das Jahr, &#8222;in dem die Finanzm&#228;rkte ihre schwerste Krise seit   den drei&#223;iger Jahren erlebt haben&#8220; (Nouriel Roubini, Professor an der   New Yorker University) und mit der &#8222;Realwirtschaft&#8220; in einen   Abw&#228;rtsstrudel geraten sind. David Gow vom Guardian erinnert daran, dass   de Gaulle im Pariser Mai 1968 nach Baden-Baden fl&#252;chten musste und   f&#252;rchtet ein &#8222;hei&#223;es Fr&#252;hjahr&#8220;.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Im Filmjahr 2008 findet sich das in keiner Weise wieder. Das Kino von   heute scheint davor die Augen zu verschlie&#223;en. Bis auf wenige Ausnahmen.   Der Streifen &#8222;Entre le murs&#8220; (&#8222;Die Klasse&#8220;), der am 15. Januar in den   deutschen Kinos startet, geh&#246;rt zu diesen Ausnahmen. Laurent Cantets   neuer Film ist voll das Leben. Ganz gro&#223;es Kino.<\/p>\n<h4>  Ein Klassenzimmer als &#8222;Resonanzk&#246;rper der Welt&#8220;<\/h4>\n<p>  Worum geht es? In dieser Silvesternacht wurden Hunderte Autos in den   Stra&#223;en von Paris angesteckt, ein Drittel mehr als in den Vorjahren.   Ende letzten Jahres tobten Massenproteste von Sch&#252;lerInnen, Studierenden   und LehrerInnen bis hin zu tagelangen Schulbesetzungen, was die   franz&#246;sische Regierung zu Zugest&#228;ndnissen zwang. Premier Nicolas Sarkozy   erkl&#228;rte k&#252;rzlich, dass die Leute Carla Bruni und ihm bei ihren Auftritt   angeblich gern zuwinken w&#252;rden, dass in Frankreich aber auch schon   &#8222;K&#246;nige unter die Guillotine gesteckt&#8220; wurden. Worum geht es in &#8222;Entre   le murs&#8220;? Genau darum geht es in Cantets Film &#8211; der 2008 in Cannes die   Goldene Palme gewann.<\/p>\n<p>  Ort des Geschehens ist eine Schule im 20. Pariser Arrondissement.   Dargestellt wird ein Schuljahr. Um die drei&#223;ig Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler,   14 oder 15 Jahre alt, einige von ihnen Kinder von MigrantInnen aus den   ehemaligen Kolonien, auch aus Mali oder China, zusammengepfercht in   einer achten Klasse, wie Tausende andere.<\/p>\n<p>  Nachdem die Kamera den Franz&#246;sischlehrer, gespielt vom ehemaligen Lehrer   eines Banlieue-Colleges, beim Betreten des Schulgeb&#228;udes begleitet,   verl&#228;sst sie die Schule nicht mehr; die meiste Zeit h&#228;lt sie sich in dem   Klassenzimmer dieser achten Klasse auf. Ab und zu beobachtet sie auch   Lehrerkonferenzen oder Elterngespr&#228;che.<\/p>\n<p>  Der Regisseur Cantet, dessen Eltern beide Lehrer waren, meint zum   Schulbetrieb, dass wir &#8222;darin ein Bild unserer Gesellschaft sehen, mit   all den Fragen nach der kulturellen Identit&#228;t, nach Integration, nach   der F&#228;higkeit, mit den verschiedenen ethnischen und kulturellen   Hintergr&#252;nden der Migrantenkinder respektvoll umzugehen und das als   einen kleinen Reichtum unserer Gesellschaft zu begreifen. Im Film   konzentrieren wir uns auf dieses eine Klassenzimmer, das zum   Resonanzk&#246;rper der Welt wird.&#8220;<\/p>\n<h4>  Monsieur Cantet, wie haben Sie das gemacht?<\/h4>\n<p>  Die Sch&#252;lerInnen sind keine Nachwuchsschauspieler, sondern besuchen   allesamt die in &#8222;Entre le murs&#8220; gezeigte Schule, wenn auch nicht die   gleiche Klasse. Laurent Cantet hat bei Proben von 50 Sch&#252;lerInnen 25 f&#252;r   die Rollen ausgew&#228;hlt. &#8222;Es m&#252;ssen ja nicht immer 3.000 sein.&#8220; Auch die   weiteren Lehrer sind von der Schule. In einem Improvisations-Worksshop   wurden mehrere Monate lang die Rollen gemeinsam erarbeitet.<\/p>\n<p>  Laurent Cantet schwebte bereits ein Film &#252;ber den Schulbetrieb vor, als   er w&#228;hrend seiner Recherchen auf einer Veranstaltung den Lehrer Francois   Begaudeau kennenlernte, der einen Roman mit dem Titel &#8222;Entre le murs&#8220;   (&#8222;Zwischen den Mauern&#8220;) ver&#246;ffentlicht hatte. Daraufhin krempelte Cantet   sein Projekt um, st&#252;tzte sich auf die im Buch behandelten Erfahrungen   und machte den Autor Francois Begaudeau zum Darsteller des   Franz&#246;sischlehrers.<\/p>\n<p>  Ein Spielfilm, der wie ein Dokumentarfilm wirkt. Oder ein Dokumentarfilm   als Spielfilm&#8230; Jedenfalls gelingt Cantet durch seine Vorgehensweise   ein im h&#246;chsten Ma&#223; authentisches, ungemein packendes St&#252;ck Kino.<\/p>\n<h4>  Verbales Tennis<\/h4>\n<p>  Was den Film au&#223;erdem so aufregend macht, ist der Umstand, dass sich   alles um Sprache, um Sprachlosigkeit, um Verstehen und das Unverstanden   bleiben dreht. Francois unterrichtet indikatives Imperfekt,   konditionalen Konjunktiv, schreibt Fremdw&#246;rter an die Tafel und will mit   der Klasse, die mehr als ein Dutzend verschiedener Sprachen spricht,   Worten und W&#246;rtern auf den Grund gehen.<\/p>\n<p>  Das Geschehen haben wir wie ein mit Worten ausgefochtenes Tennismatch   gefilmt&#8220;, so Cantet. &#8222;Links der Lehrer, rechts die Klasse. Ein einfaches   Schema, das dann freilich komplexer wird, wenn die Sch&#252;ler untereinander   agieren, wenn der Lehrer ihr Terrain betritt, sie ber&#252;hrt. Vielleicht   ist das Tennismatch nicht so treffend: Es ist wie bei den Lanzenk&#228;mpfen   im Mittelalter, wo es darum geht, den anderen vom hohen Ross zu sto&#223;en.&#8220;<\/p>\n<p>  Der Lehrer setzt sich mit den Sch&#252;lerInnen auseinander wie ein kleiner   Sokrates, wirft immer wieder Fragen auf, will sie in Form eines   Frage-Antwort-Spiels weiterbringen. An einer Stelle des Films, wenn die   Klasse sich mit Francois &#252;ber B&#252;cher unterh&#228;lt, sagt die Sch&#252;lerin   Esmeralda &#252;brigens, dass sie den &#8222;Staat&#8220; von Platon&#8220; gelesen habe. &#8222;Und   welche Fragen stellt Sokrates in Platons Buch?&#8220; &#8222;Er stellt Fragen &#252;ber   alles: die Liebe, Religion, Gott und die Leute, &#252;ber alles.&#8220;<\/p>\n<h4>  Respekt<\/h4>\n<p>  Es gibt ihn doch, den politischen Film auf hohem Niveau. Das bewies   Laurent Cantet bereits mit seinem Deb&#252;t &#8222;Ressources Humaines&#8220; von 1999   &#252;ber Arbeitsplatzabbau und Arbeitskampf. In seinen darauf folgenden   Filmen besch&#228;ftigte er sich mit den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit   &#8222;Auszeit&#8220; von 2001 und mit Sextourismus &#8222;In den S&#252;den&#8220; von 2005. Cantets   Anspruch: &#8222;Ich liebe die Filme von Maurice Pialat, von den   Dardennes-Br&#252;dern oder Rosselini, also Filme, die tief ins   Gesellschaftliche eintauchen, aber nicht als soziologische oder   politische Abhandlungen daherkommen, sondern als Personengem&#228;lde. Sie   beobachten n&#252;chtern, ergreifen das Gef&#252;hl, ziehen hinein ins innere   Drama der Personen.&#8220; Darunter versteht Cantet die Aufgaben des   politischen Films.<\/p>\n<p>  &#8222;Entre les murs&#8220; macht deutlich, dass &#8222;die Schule Ausschlusscharakter   hat&#8220;, wie Cantet es nennt. &#8222;Dass die Sch&#252;ler nach dieser Klasse   getrennte Wege gehen, von der Berufschule bis zur Eliteschule Henri IV.&#8220;   Der Film, dadurch dass er sich auf die Akteure einl&#228;sst, zeigt auch auf,   dass in allen Sch&#252;lerInnen durch die Bank F&#228;higkeiten stecken, in ihnen   Potenzial schlummert, das heute ungenutzt bleibt, aber in einem anderen   System zur Entfaltung kommen k&#246;nnte. Ein Wirtschafts- und   Bildungssystem, das den Sch&#252;lerInnen &#8211; anders als heute &#8211; Respekt zollt.<\/p>\n<p>  Der Guardian und andere b&#252;rgerliche Kommentatoren machen sich Sorgen   &#252;ber ein m&#246;gliches neues Mai &quot;68. Cantet haben die damaligen Ereignisse   gepr&#228;gt. &#8222;Im Mai &quot;68, ich war damals sechs, habe ich meine Eltern, beide   Lehrer, einen Monat lang &#252;berhaupt nicht gesehen, weil sie permanent   demonstrierten. Im Staatsfernsehen waren sie leider nicht zu sehen, da   kam ja kaum was.&#8220;<\/p>\n<p>  &#8222;Entre le murs&#8220; war bereits auf dem Franz&#246;sischen Filmfest in Berlin im   Sommer 2008 zu sehen. Cantets Streifen war der H&#246;hepunkt des   abgelaufenen Fimjahrs &#8211; noch vor &#8222;Happy Go-Lucky&#8220;, &#8222;Waltz with Bashir&#8220;   und &#8222;Gomorrha&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Neu im Kino: &#8222;Entre le murs&#8220; (&#8222;Die Klasse&#8220;) von Laurent Cantet\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12958"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12958"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12958\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12958"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12958"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12958"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}