{"id":12931,"date":"2009-01-02T00:00:00","date_gmt":"2009-01-02T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12931"},"modified":"2012-06-28T15:59:33","modified_gmt":"2012-06-28T13:59:33","slug":"12931","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/01\/12931\/","title":{"rendered":"Castros Kuba \u2013 eine marxistische Kritik"},"content":{"rendered":"<h2>Vorwort zur deutschen Ausgabe<\/h2>\n<p>In den letzten Jahren sind die K\u00e4mpfe von Arbeitern und Bauern in Lateinamerika wieder st\u00e4rker ins Licht der \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt. Nahezu in jedem Land gab es Bewegungen. In Bolivien hatte der Widerstand gegen Privatisierung und Ausverkauf an ausl\u00e4ndische Konzerne in der Stadt Cochabamba den Charakter eines Aufstandes angenommen. In Ecuador gelang es im Januar 2000 einer Bewegung, die von der indigenen Bev\u00f6lkerung und Teilen der Gewerkschaften sowie linken Organisationen getragen war, durch einen Marsch auf die Hauptstadt Quito die Regierung zu st\u00fcrzen. Diese hatte versucht, den US-Dollar faktisch zur W\u00e4hrung zu machen, was Hunderttausende tiefer in die Armut gerissen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die in diesem Buch diskutierten Fragen zur Entwicklung der Revolution in Lateinamerika und in der gesamten ex-kolonialen Welt sind nicht von rein akademischen oder geschichtlichen Interesse. Obwohl sie sich auf die konkrete Epoche der kubanischen Revolution ab 1959 beziehen, tauchen \u00e4hnliche Fragestellungen \u00fcber das Programm und die Strategie von revolution\u00e4ren Bewegungen auch in den heutigen K\u00e4mpfen in Lateinamerika oder zum Beispiel in Indonesien auf.<\/p>\n<p>Mit der Ermordung Che Guevaras erlitt die Guerilla-Bewegung 1967 eine gro\u00dfe Niederlage. Ein zweiter R\u00fcckschlag war das Scheitern der FMLN in El Salvador 1980. Durch die teilweise verzweifelte Lage der Massen gab es in den letzten Jahren ein erneutes Aufkommen der Guerilla, so die Entstehung der Zapatisten in Chiapas, Mexiko, und die St\u00e4rkung der FARC-EP in Kolumbien. Doch gepr\u00e4gt wurden die K\u00e4mpfe seit den 70ern Jahren vor allem von der organisierten Arbeiterklasse. In einigen L\u00e4ndern wie Brasilien und Argentinien konnten die Milit\u00e4rdiktaturen besiegt werden. In der Folgezeit wurden m\u00e4chtige Organisationen der industriellen Arbeiterklasse aufgebaut wie der brasilianische Gewerkschaftsdachverband CUT. In Bolivien kn\u00fcpften sowohl Bergarbeiter als auch Besch\u00e4ftigte im \u00f6ffentlichen Dienst an ihrer Militanz vom Anfang der 70er Jahre an.<\/p>\n<p>Auch die Bewegungen der Landbev\u00f6lkerung entwickelten sich oftmals nicht entlang der klassischen Linie eines in die L\u00e4nge gezogenen Guerilla-Krieges, sondern setzten auf die Methoden von politischer Agitation, Organisierung der Massen, Demonstrationen, Streiks und Landbesetzungen. So die brasilianische Bewegung der Landlosen (MST), die durch best\u00e4ndige Organisierung und M\u00e4rsche auf die St\u00e4dte eine enge Verzahnung mit der st\u00e4dtischen Arbeiterklasse erreichte. So in gewisser Weise auch die Zapatisten, die den bewaffneten Aufstand in Chiapas vor allem als Ausgangspunkt sahen, eine breite Bewegung aufzubauen. Das \u00e4ndert nichts an ihren politischen Schw\u00e4chen, ihrer reformistischen Beschr\u00e4nktheit, zeigt jedoch, dass sie einige Lehren aus vergangenen Guerilla-Bewegungen gezogen haben. Die Bewegung in Ecuador, die auch dieses Jahr angehalten hat, st\u00fctzt sich vor allem auf die indigene Bev\u00f6lkerung aus den agrarischen Gebieten und den Armutsvierteln der St\u00e4dte, hat jedoch die Methoden der organisierten Arbeiterbewegung &#8211; bis hin zu Ans\u00e4tzen von R\u00e4ten \u2013 \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Peter Taaffe f\u00fchrt aus, dass eine wirkliche sozialistische Gesellschaft nur durch die organisierte Arbeiterbewegung aufgebaut werden kann, dass die neue Gesellschaft \u201etrainiert\u201c werden muss in den Massenk\u00e4mpfen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, in den demokratischen R\u00e4ten, dass eine internationale revolution\u00e4re Perspektive n\u00f6tig ist. Ein Guerilla-Kampf auf dem Land kann in halbkolonialen L\u00e4nden eine sinnvolle und wichtige Erg\u00e4nzung zur Bewegung der Arbeiterklasse in den St\u00e4dten und zur Organisierung der b\u00e4uerlichen Massen sein. Doch eine Revolution, deren zentrale Strategie der auf die Bauernschaft gest\u00fctzte Guerilla-Kampf ist, wird, unabh\u00e4ngig davon, wie heldenhaft, opferbereit und wahrhaft revolution\u00e4r ihre Aktivistinnen und Aktivisten sind, unweigerlich auf den Weg Kubas geraten. In Kuba wurden durch die Abschaffung des Kapitalismus trotz der Blockade Washingtons gewaltige Leistungen vollbracht, die Menschen dort haben f\u00fcr die Revolution gek\u00e4mpft und gelitten, aber Wirtschaft und Gesellschaft stecken letztendlich in der Zwangsjacke der B\u00fcrokratie. In Lateinamerika sind in nahezu allen L\u00e4ndern die Bedingungen gegeben, die Arbeiterbewegung aufzubauen und die K\u00e4mpfe von Arbeitern und Bauern miteinander zu verbinden. Doch es gibt keinen Automatismus. Eine bewusste revolution\u00e4rsozialistische F\u00fchrung ist n\u00f6tig, um die Erfahrungen der Arbeiterbewegung weltweit zu verarbeiten und eine Perspektive f\u00fcr die soziale Befreiung des Subkontinents aufzuzeigen.<\/p>\n<p>Der verkommene Charakter der herrschenden Klassen in Lateinamerika, das Leiden weiter Teile der Bev\u00f6lkerung, das opportunistische Verhalten z.B. der Gewerkschaftsf\u00fchrer und daraus resultierende Niederlagen der Arbeiterklasse werden einen Teil der Jugend und der Bauern Richtung Guerilla-Kampf dr\u00e4ngen. Auch das Eingreifen des US-Imperialismus und der Hass der Massen auf die USA wird dazu beitragen. In Kolumbien existiert mit der FARC-EP eine m\u00e4chtige Guerilla-Bewegung, die weite Teile des Landes unter Kontrolle hat. Der noch von der Clinton-Regierung aufgelegte \u201ePlan Colombia\u201c \u2013 angeblich ein Hilfspaket \u2013 sieht im Kern eine Intensivierung des Krieges der staatlichen Truppen und der rechten paramilit\u00e4rischen Verb\u00e4nde gegen die Guerilla vor und auch eine US-Intervention vor. Ob es zu einer direkten Intervention kommt, h\u00e4ngt von den konkreten Umst\u00e4nden ab. Es ist m\u00f6glich, dass in den n\u00e4chsten Jahren in Kolumbien eine Situation ensteht, in der die FARC-EP die Macht erringen kann. Das w\u00fcrde die Fragen von Arbeiterdemokratie und von Planwirtschaft in aller Sch\u00e4rfe stellen.<\/p>\n<p>Wir sind mit allen K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfern gegen den Imperialismus solidarisch. Doch wir trotten wir den Bewegungen nicht einfach hinterher sondern wollen in eine Debatte \u00fcber das eintreten, was wir als ihre Fehler und Begrenztheiten ansehen. Auch f\u00fcr Kolumbien gilt: ohne das organisierte Proletariat und eine bewusste sozialistische F\u00fchrung wird keine Arbeiterdemokratie aufgebaut werden k\u00f6nnen. Zu diskutieren, ob Kolumbien nach einem Sieg der Guerilla Richtung Kuba \u2013 eines \u201eb\u00fcrokratisch deformierten Arbeiterstaates\u201c \u2013 gehen oder den Weg der nicaraguanischen Sandinistas \u2013 im Rahmen des Kapitalismus \u2013 beschreiten w\u00fcrde, w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren. Klar ist: die Fragen, denen sich Revolution\u00e4re wie Che Guevara gegen\u00fcbersahen, werden in den n\u00e4chsten Jahren verst\u00e4rkt auf die Tagesordnung kommen. Dieses Buch ist von der Form her eine Polemik gegen die australische Democratic Socialist Party (DSP). Auf der Website der DSP findet sich eine erste Anwort auf die englischsprachige Fassung des Buches. Die Antwort der DSP ist, gelinde gesagt, schwach. Auf eine Vielzahl von Fakten zum b\u00fcrokratischen Charakter des kubanischen Staates und zu den Grenzen der Guerilla antwortet Doug Lorimer lediglich mit zwei Argumenten.<\/p>\n<p>Erstens beschreibt er auf mehreren Seiten, dass sich Peter Taaffe nur mit dem Thema besch\u00e4ftigt, weil es innerhalb des CWI offene Fragen g\u00e4be. Tats\u00e4chlich haben einzelne Mitglieder, die das CWI mittlerweise verlassen haben, Fragen zum Charakter Kubas aufgeworfen. Doch ist die Frage der Guerilla-Strategie und der Einsch\u00e4tzung Kubas grunds\u00e4tzlich von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die neue Generation von Arbeitern, Bauern und Jugendlichen in der halbkolonialen Welt, die sich beginnt, gegen den Imperialismus zu wehren. Selbst wenn eine interne Debatte im CWI der Anlass w\u00e4re, dann w\u00e4re es allemal wert, zur Kl\u00e4rung dieser wichtigen Fragen beizutragen. Lorimer kritisiert hier etwas, was prinzipiell nicht kritisierenswert ist. In Wirklichkeit geht es ihm darum, \u00fcber die angebliche Krise konkurrierender sozialistischer Organisationen zu schwadronieren, um seine eigene Organisation zumindest in Australien und Asien als wichtigsten Ansprechpartner f\u00fcr linke Bewegungen anbieten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zweitens f\u00fchrt er aus, dass die Privilegien der Funktion\u00e4re in Kuba l\u00e4ngst nicht so verfestigt waren wie in Russland. Zu diesem Zweck zitiert er ausf\u00fchrlich den Moskauer Korrespondenten der New York Times, Hedrick Smith, der 1976 in seinem Buch The Russians schildert, wie detailliert die Verg\u00fcnstigungen und Privilegien innerhalb der b\u00fcrokratischen Hierarchie geregelt waren. Ein lesenswerter Bericht. Und tats\u00e4chlich \u2013 in Kuba war und ist es anders. Das nicht jedes b\u00fcrokratisch beherrschte Planwirtschaft in allen Einzelheiten dem Moskauer \u201eVorbild\u201c glich, ist allerdings nicht neu.<\/p>\n<p>Selbst in der als Inbegriff des Stalinismus geltenden DDR w\u00e4ren solche Privilegien nach der Art eines absolutistischen Hofes nicht denkbar gewesen. Es h\u00e4tte Proteste der Massen gegen diese Art von Bevorzugung gegeben. Die DDR-B\u00fcrokratie war teils \u201ebescheidener\u201c, teils informeller organisiert. Viele Privilegien waren nicht einmal bekannt. Daher reagierten die arbeitenden Menschen auf die Enth\u00fcllungen im Herbst\/Winter 1990 mit \u00dcberraschung und Wut. Verglichen mit dem obsz\u00f6nen Reichtum im Kapitalismus waren die Privilegien der meisten DDR-Funktion\u00e4re eher gerinf\u00fcgig. Das \u00e4nderte allerdings nichts daran, dass die B\u00fcrokraten diese verteidigten, so lange es ging, weil diese Privilegien in der DDR den Unterschied zwischen materiellem Wohlstand und Versorgungsengp\u00e4ssen markierten.<\/p>\n<p>Dass vor allem die Unterschiede zwischen einer 40 Jahren lang regierenden b\u00fcrokratischen Schicht, die ihre Gegner und jegliche Tradition der Arbeiterdemokratie durch blutige S\u00e4uberungen schon in den 30er Jahren vernichtet hat \u2013 Sowjetunion \u2013 und einem frischen Regime, welches noch durch den revolution\u00e4ren Schwung der<\/p>\n<p>Massen getragen wurde \u2013 Kuba \u2013, bemerkenswert sind, sollte nicht \u00fcberraschen. Lorimer verwirft alle in diesem Buch geschilderten Beispiele der b\u00fcrokratischen Deformation der kubanischen Gesellschaft als bedeutungslos. Die Leserinnen und Leser m\u00f6gen das selbst beurteilen.<\/p>\n<p>Doch selbst wenn wir kein einziges Beispiel f\u00fcr Einkommensunterschiede zwischen Arbeitern und Funktion\u00e4ren nennen k\u00f6nnten: ein Marxist sollte in der Lage sein, aus den Handlungen eines Regimes auf dessen sozialen und politischen Charakter zu schlie\u00dfen. Die Innen- und Au\u00dfenpolitik Castros bietet genug Anschauungsmaterial, um die Parallelen zur Politik der UdSSR oder Chinas zu erkennen \u2013 von den Kampagnen \u201egegen B\u00fcrokratismus\u201c \u00fcber die Nicht-Unterst\u00fctzung revolution\u00e4rer K\u00e4mpfe bis zu den Zick-Zacks zwischen ins Absurde gesteigerter Verstaatlichung und marktwirtschaftlichen Elementen.<\/p>\n<p>All dies sind klare Hinweise darauf, dass Wirtschaft und Gesellschaft nicht bewusst von der Arbeiterklasse kontrolliert und verwaltet werden, sondern dass eine b\u00fcrokratische Minderheit die Gesellschaft lenkt. Zu Beginn f\u00fchrte das durchaus zu Fortschritten der Gesellschaft, weil das Schmarotzertum der einheimischen Kapitalisten<\/p>\n<p>und des Imperialismus beendet wurde, doch das b\u00fcrokratische Modell der Lenkung stie\u00df mehr und mehr an seine Grenzen, die gesellschaftliche Entwicklung stockte. Eine Planwirtschaft kann nicht ohne die volle Demokratie der arbeitenden Menschen entwickelt werden. Der genaue Verlauf und der zeitliche Rahmen unterscheiden sich, doch die sozialen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten wirken in Kuba ebenso wie in der ehemaligen Sowjetunion, der DDR oder China.<\/p>\n<p>Claus Ludwig<\/p>\n<p>K\u00f6ln, M\u00e4rz 2001<\/p>\n<h2>Einleitung<\/h2>\n<p>Die kubanische Revolution siegte 1959, vor mehr als vier Jahrzehnten. Aber ihre Auswirkungen, besonders durch ihre charismatischsten Vertreter, Fidel Castro und den ermordeten Che Guevara, begeistern immer noch weltweit Arbeiter und junge Menschen. Dem Sturz der verhassten Diktatur von Batista folgte schnell die Beseitigung von Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus. Die weltweite Arbeiterbewegung schaute gebannt auf dieses Ereignis. Ein \u201esozialistisches\u201c Regime war direkt vor den \u201eKlauen des Monsters\u201c, des US-Imperialismus, errichtet worden. Kommentatoren zogen Vergleiche mit fr\u00fcheren Revolutionen, besonders der russischen Revolution. Die Geschichte wiederholt sich jedoch nie auf genau auf die gleiche Weise. Revolutionen ebenso wenig. Die kubanische Revolution unterschied sich durch ihre Urspr\u00fcnge, die politischen Perspektiven ihrer f\u00fchrenden Vertreter und die beteiligten Klassenkr\u00e4fte grundlegend von der russischen Revolution.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich bereiteten die klassischen sozialistischen und marxistischen Schriften \u2013 von Marx, Engels, Lenin, Luxemburg, Trotzki \u2013 Marxisten nicht auf die Ereignisse in Kuba vor. Trotzki deutete in seinen letzten Schriften an, dass sich Prozesse vollziehen k\u00f6nnten, wie sie sp\u00e4ter auf Kuba abliefen. Er wies darauf hin, dass auch nicht-marxistische F\u00fchrer aus der Mittelschicht unter den Bedingungen einer zugespitzten gesellschaftlichen Krise viel weiter getrieben werden k\u00f6nnten als sie urspr\u00fcnglich beabsichtigten \u2013 bis zum Bruch mit dem Kapitalismus. Auch waren die Marxisten, die sp\u00e4ter Militant (jetzt The Socialist, die Wochenzeitung der Socialist Party), besser als die meisten anderen auf die kubanische Revolution vorbereitet. Ihre Analyse der chinesischen Revolution von 1944-49 und der Prozesse, die sich in der Nachkriegsperiode in der neo-kolonialen Welt entfalteten, f\u00fchrten dazu, dass sie von den Ereignissen auf Kuba nicht v\u00f6llig unvorbereitete getroffen wurden. Aber auch die beste Theorie kann nicht pr\u00e4zise vorhersagen, wie sich eine Revolution tats\u00e4chlich entwickeln wird.<\/p>\n<p>Die kubanische Revolution wurde von Castro und Guevara und ihrer Bewegung des 26. Juli \u00fchrt, die au\u00dferhalb der stalinistischen Tradition entstanden war. Sie errichteten ein Regime, das die Unterst\u00fctzung der breiten Mehrheit der Bev\u00f6lkerung genoss und Begeisterung auf Kuba selbst und bei den Unterdr\u00fcckten weltweit hervorrief. Dar\u00fcber hinaus gab es in der ersten Phase der Revolution Tendenzen einer massenhaften Beteiligung, einschlie\u00dflich Elementen von Arbeiterkontrolle und \u201eVolksmacht\u201c. Dies stellte alle Sozialisten und Marxisten vor die Aufgabe, den Charakter des kubanischen Regimes genau zu bewerten. Konnte die Regierung von Fidel Castro und Che Guevara mit der Lenins, Trotzkis und der Bolschewiki in der ersten glorreichen Periode der russischen Revolution verglichen werden? Eine Planwirtschaft war errichtet worden, aber gab es wirkliche Arbeiterdemokratie auf Kuba? Was waren die internationalen Dimensionen und die Auswirkungen der kubanischen Revolution? Diese Fragen wurden damals hei\u00df debattiert und waren seitdem eine Quelle st\u00e4ndiger Kontroversen. Das sind die Themen dieses Buchs, die vor dem Hintergrund der Ereignisse seit 1959 bewertet werden. Unserer Meinung nach haben sich viele, einschlie\u00dflich einiger, die beanspruchten, Sozialisten und Trotzkisten zu sein, von der kubanischen Revolution mitrei\u00dfen lassen. Sie ersetzten eine ausgewogene marxistische Herangehensweise \u2013 Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Revolution, aber verbunden mit Vorschl\u00e4gen f\u00fcr die Errichtung einer Arbeiterdemokratie auf Kuba \u2013 durch Impressionismus. Dazu geh\u00f6rt der Vergleich von Regierung und Staat auf Kuba mit dem der Bolschewiki in der ersten Periode nach 1917.Wir lehnten dies von Anfang an ab und versuchten, eine allseitige Analyse und Erkl\u00e4rung zu geben, welche die Arbeiter auf die k\u00fcnftige Entwicklung Kubas und besonders des kubanischen Staats vorbereiten konnte. Ideen wurden in unserer Wochenzeitung Militant in anderen Ver\u00f6ffentlichungen dargestellt. Ich schrieb 1978 drei Artikel f\u00fcr unsere Zeitung, die daraufhin zusammen als kleine Brosch\u00fcre ver\u00f6ffentlicht wurden. Ich habe diese Brosch\u00fcre als Anhang beigef\u00fcgt. Sie liefert wichtige Hintergrundinformationen \u00fcber die Ereignisse, die zur Revolution 1959 f\u00fchrten, und \u00fcber die Jahre danach. Die Leserinnen und Leser m\u00f6gen unsere urspr\u00fcngliche Analyse im Lichte der folgenden Kritik lesen.<\/p>\n<p>Einundzwanzig Jahre sp\u00e4ter entschloss sich Doug Lorimer, einer der F\u00fchrer der in beheimateten Democratic Socialist Party, diese Brosch\u00fcre einer ausf\u00fchrlichen Kritik zu unterwerfen. Dieses Buch ist eine Antwort auf diese Kritik. Bevor wir Lorimers Kritik erhielten, hatte ich schon die Absicht, eine aktuelle Analyse der Lage auf Kuba heute zu schreiben, die eine Neubetrachtung der Ereignisse der kubanischen Revolution selbst beinhalten w\u00fcrde. Die Aktualit\u00e4t solch eines Buchs wurde k\u00fcrzlich durch die weltweite Medienaufmerksamkeit rund um den kubanischen Jungen Elian Gonzales unterstrichen, die einmal mehr Kuba in das Zentrum der Weltpolitik ger\u00fcckt hat. Das Ergebnis diese Konflikts, mit der \u201eEroberung\u201c Elians durch die INS (US-Einwanderungs- und Einb\u00fcrgerungsbeh\u00f6rde), die zur Wiedervereinigung mit seinem Vater f\u00fchrte, stellte eine Niederlage f\u00fcr die h\u00e4rtesten ultrarechten Emigranten in Miami dar. Gleichzeitig lenkte sie die Aufmerksamkeit erneut auf Fidel Castros Regierung und politisches Regime und auf die k\u00fcnftigen Aussichten f\u00fcr die Entwicklung in Kuba.<\/p>\n<p>In diesem Buch gehen wir auf einige wichtige Entwicklungen in Kuba ein, aber eine umfangreiche Arbeit, die ein detaillierteres Bild der Ereignisse auf Kuba gibt, musste ich beiseite legen, um auf die Argumente der DSP zu antworten. Dies mag hoffentlich einigen Nutzen bringen. Diskussion, Kritik und Gegenkritik verschiedener Str\u00f6mungen in der Arbeiterbewegung und unter Marxisten kann der Kl\u00e4rung dienen und bei der Schulung einer neuen Generation helfen, die noch nicht mit unserer Analyse vertraut ist.<\/p>\n<p>Ich habe es f\u00fcr notwendig gehalten, in derselben Reihenfolge auf die Argumente der DSP einzugehen, in der sie ihre Kritik an meiner Brosch\u00fcre formuliert haben. Um ihre Argumente genau und angemessen zu beantworten, m\u00fcssen Stil und Lesbarkeit etwas leiden. Es gibt auch einige lange Zitate verschiedener Autorinnen und Autoren, die notwendig sind, weil es zu wegen Meinungsverschiedenheiten zu den dort beschriebenen Tatsachen gibt. Ich hoffe, dass das f\u00fcr die Leserinnen und Leser nicht zu m\u00fchsam ist, sondern im Gegenteil die Analyse erhellen und unterstreichen wird, die wir von der kubanischen Revolution, dem Charakter von Fidel Castro und seiner Regierung sowie den aktuellen und k\u00fcnftigen Perspektiven f\u00fcr Kuba gemacht haben. Diese ist f\u00fcr die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der ganzen Welt wichtig.<\/p>\n<h4>Peter Taaffe, Mai 2000<\/h4>\n<h4>Kuba heute<\/h4>\n<p>Der Fall der Berliner Mauer vor zehn Jahren f\u00fchrte zur Beseitigung der verhassten stalinistischen Regime in Osteuropa und der fr\u00fcheren Sowjetunion sowie der letzten \u00dcberreste der Planwirtschaften, welche die wirtschaftliche Grundlage dieser Gesellschaften waren. Die wirtschaftliche Konterrevolution brachte in ihrem Gefolge beispiellose H\u00e4rten und Leiden f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung in diesen L\u00e4ndern. Als Folge schien der Kapitalismus auf dem ganzen Planeten die Oberhand zu behalten, wobei der \u201eMarkt\u201c als einziges lebensf\u00e4higes Wirtschaftssystem f\u00fcr die Menschheit dargestellt wurde. Mit der massiven ideologischen Kampagne f\u00fcr den Markt wurde versucht, den Sozialismus und die Ideen der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft ein f\u00fcr allemal zu begraben. Ein paar Regime haben jedoch dieser Flut der sozialen Konterrevolution standgehalten, von denen Kuba das bekannteste ist. Aus diesem Grund und wegen der beachtlichen geschichtlichen und sozialen Errungenschaften der Revolution und der j\u00fcngsten teilweisen Erholung der Wirtschaft scheint Kuba ein Symbol der Hoffnung zu sein, besonders f\u00fcr die j\u00fcngere Generation, die sozialistische und marxistische Ideen wiederentdeckt. Kuba scheint zu best\u00e4tigten, dass das sozialistische Projekt weiterhin gerechtfertigt ist. Aber Anfang der neunziger Jahre, im Gefolge des Zusammenbruchs der fr\u00fcheren UdSSR und Osteuropas, stand Kuba selbst auf des Messers Schneide. Kuba war abh\u00e4ngig vom Markt der UdSSR, besonders f\u00fcr sein Hauptexportgut Zucker, und von den Subventionen, die es von dort erhielt. Das wurde abrupt beendet, als der pro-kapitalistische Fl\u00fcgel der B\u00fcrokratie in der Sowjetunion und Osteuropa die Staatsindustrien stahl und diese Gesellschaften in kapitalistische Staaten umwandelte. Unter dem Druck des Weltkapitalismus, ihrer neuen Freunde, durchtrennten sie eilig Kubas lebenswichtige wirtschaftliche Verbindungslinie.<\/p>\n<p>Das musste schreckliche wirtschaftliche und soziale Folgen f\u00fcr das kubanische Volk haben. Der Verkauf von \u00d6l (aus der UdSSR) gegen Zucker (aus Kuba) \u00fcber den Rat f\u00fcr Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), den Handelsblock der fr\u00fcheren UdSSR und Osteuropas, und andere Subventionen hatten Kuba zuvor 5 Milliarden Dollar j\u00e4hrlich eingebracht1. Dies wurde drastisch gek\u00fcrzt und die kubanische Regierung musste den Lebensmittel- und Treibstoffverbrauch rationieren. Castro selbst erkl\u00e4rte, dass das Handeln von Kubas fr\u00fcheren \u201ekommunistischen\u201c Verb\u00fcndeten \u201eabsto\u00dfend\u201c sei und dass sie dar\u00fcber hinaus \u201eim Falle einer [US-]Invasion Blut an ihren H\u00e4nden haben\u201c w\u00fcrden.2 Im April 1991 erkl\u00e4rte Castro, dass insgesamt 85 Prozent von Kubas Au\u00dfenhandel \u201ebinnen Monaten zusammenbrachen\u201c.3 Der Zusammenbruch des RGW senkte auch die Importe Kubas um \u00fcber 80 Prozent und das \u201eglobale Sozialprodukt\u201c der Wirtschaft war 1991 um 25 Prozent gefallen.4<\/p>\n<p>Der US-Kapitalismus versuchte, davon zu profitieren und setzte das Torricelli-Gesetz von 1992 und das Helms-Burton-Gesetz von 1996 in Kraft, um die kubanische Wirtschaft weiter zu schw\u00e4chen. Es verbot sogar \u00fcberseeischen Tochterfirmen von US-Firmen, mit Kuba Handel zu treiben. Die Gesamtwirkung von 40 Jahren USSanktionen hat Kuba Verluste von insgesamt 40 Milliarden US-Dollar gebracht \u201eweit mehr als jeder Schaden, welcher der US-Wirtschaft durch die kubanischen Enteignungen von USVerm\u00f6gen zugef\u00fcgt wurde\u201c.5 Trotzdem schaffte es diese belagerte Festung Kuba in der H\u00e4lfte der neunziger Jahre, langsam aus dem wirtschaftlichen Abgrund zu klettern. 1994 gab es ein Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent, 1995 2,5 Prozent und 1996 7,8 Prozent, mit einem R\u00fcckgang 1997 aber einer kleinen Erholung in den folgenden Jahren. Das sticht vorteilhaft von dem Zusammenbruch in der fr\u00fcheren Sowjetunion und Osteuropa ab. Im Fall von ersterer war der R\u00fcckgang der Produktion der gr\u00f6\u00dfte, den es jemals in der Geschichte gab, ein noch sch\u00e4rferer R\u00fcckgang als der durch die kapitalistische Weltwirtschaftskrise 1929-33 verursachte. Ein Teil der Erkl\u00e4rung f\u00fcr Kubas Wachstum ist die merkliche Zunahme in den Tourismuseinnahmen. Kuba hat jetzt mehr Touristenbetten als der Rest der Karibik zusammengenommen. Aber es war auch ein Ergebnis der Festhaltens an der Planwirtschaft, die es trotz des Fehlens von Arbeiterdemokratie Kuba erlaubt hat, sich zumindest zu halten, obwohl das Land vor gewaltigen Schwierigkeiten stand. Dar\u00fcberhinaus waren Kubas Leistungen im Gesundheits- und Bildungwesen, in der Renten- und Sozialpolitik im allgemeinen herausragend, besonders wenn man sie vor den Hintergrund der Bedingungen der Massen im benachbarten Mittel- und S\u00fcdamerika stellt. Vorbeugung und gesundheitliche Erstversorgung haben dazu gef\u00fchrt, dass Kuba eine Kindersterblichkeitsrate hat, die halb so gro\u00df wie in Washington DC ist! Es gab spektakul\u00e4re Entwicklungen in der Augenchirurgie, die Besucher aus der ganzen Welt angezogen hat. Und trotz der chronischen Engp\u00e4sse bei Medikamenten und Ausstattung erscheint Kubas Gesundheitsdienst den Massen in der Karibik und Lateinamerika als Leuchtfeuer. Tausende \u00c4rzte und Krankenschwestern, die auf Kuba ausgebildet wurden, arbeiten in Mittelamerika und auf Haiti. Castro behauptete sogar: \u201eWir werden bessere \u00c4rzte als die Vereinigten Staaten ausbilden.\u201c<\/p>\n<p>Die B\u00f6sartigkeit des US-Embargos hat Kuba gezwungen, auf seine eigenen Ressourcen \u00fcckzugreifen: \u201eWir alle wurden Erfinder, es gab keine Alternative\u201c \u00e4rte Doktor Aleida Guevara (Tochter von Che)7. Als Ergebnis der Entwicklungen von Kubas Biotechnologie-Industrie wurde das Land Pionier bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Meningitis, der international gefragt ist. Und w\u00e4hrend die Armen zweifellos unter dem von den USA angef\u00fchrten Embargo gelitten haben, gilt trotzdem, was der Guardian 1998 beschrieb: \u201eWas den Zugang zu jenen Grundmerkmalen einer menschlichen Gesellschaft angeht, nimmt Kuba einen sehr hohen Rang ein. Im neuesten Human Development Report dargelegten Index geh\u00f6rt Kuba zur Gruppe der f\u00fcnf Entwicklungsl\u00e4nder, welche die menschliche Armut bis zu dem Punkt reduziert haben, wo sie weniger als 10 Prozent der Bev\u00f6lkerung betrifft. Kubas Leistung ist \u00fcber der von Costa Rica und bei weitem \u00fcber der von Jamaika, El Salvador und Haiti.\u201cAll dies zeigt die gro\u00dfen Vorteile der Planwirtschaft, selbst einer von einem b\u00fcrokratischen Wasserkopf gehemmten, gegen\u00fcber dem veralteten Kapitalismus. Die Lebenserwartung auf Kuba betr\u00e4gt 75 Jahre, volle 20 Jahre h\u00f6her als in der katastrophenersch\u00fctterten fr\u00fcheren UdSSR nach deren Zusammenbruch.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat sich Castro selbst anders als die Ex-B\u00fcrokraten Gorbatschow, Jelzin usw. nicht dem Markt in die Arme geworfen. In Worten verteidigt er immer noch den \u201eSozialismus\u201c als eine Alternative zum Kapitalismus, auch wenn er auf Kuba selbst gezwungen war, als Preis f\u00fcr das Weiterbestehen des Regimes dem Markt gro\u00dfe Zugest\u00e4ndnisse zu machen. Aus diesen Gr\u00fcnden erwarb sich Kuba die Sympathie und Unterst\u00fctzung von Sozialisten und sogar Marxisten. Es gibt auch erneut Interesse an der kubanischen Revolution und ihrer Bedeutung f\u00fcr den Kampf \u00fcr den weltweiten Sozialismus. Die Socialist Party Britannien (fr\u00fcher Militant) und das Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale (CWI) immer standhaft die Errungenschaften der kubanischen Revolution verteidigt und zugleich das politische Regime von Castro und der \u201eKommunistischen\u201c Partei Kubas kritisiert. Wir fordern ein sofortiges Ende des Embargos gegen Kuba. Andere, von denen einige beanspruchen, Marxisten und Trotzkisten zu sein, haben ihre Augen vor dem Fehlen von Arbeiterdemokratie in Kuba verschlossen. Eine dieser Organisationen ist die Democratic Socialist Party (DSP) Australien.<\/p>\n<h4>Die DSP \u00fcber Nicaragua und Afghanistan<\/h4>\n<p>Die F\u00fchrer dieser Organisation versuchen, aus der zweifellos vorhandenen Sympathie f\u00fcr die Errungenschaften der kubanischen Revolution Nutzen zu ziehen, indem sie als unkritische Cheerleader f\u00fcr Fidel Castro, seine Politik und sein Regime auftreten. Diese Herangehensweise der DSP-F\u00fchrung ist nicht neu oder au\u00dfergew\u00f6hnlich. Die Organisation ist blo\u00df konsequent. Sie unterst\u00fctzten die sandinistische F\u00fchrung der nicaraguanischen Revolution unkritisch, was letztlich zu ihrem Bruch mit dem Trotzkismus f\u00fchrte. \u201eDie nicaraguanische Revolution von 1979 war entscheidend f\u00fcr die Verschiebung unserer Perspektiven. Die nicaraguanische Revolution st\u00fcrzte unsere trotzkistische Theorie, dass sozialistische Revolutionen einstufige Angelegenheiten seien und best\u00e4tigte die von Lenin entwickelte \u201eZwei-Stufen-Strategie der Revolution.\u201c Wir werden sp\u00e4ter mehr \u00fcber Lenins angebliche \u201eZwei-Stufen-Strategie\u201c sagen. Aber es ist eine Tatsache dass die nicaraguanische Revolution wegen der falschen Politik und Methoden der sandinistischen F\u00fchrung in die Sackgasse geriet und schlie\u00dflich zur\u00fcckgeworfen wurde. Die DSP gab eine richtige Theorie, die der permanenten Revolution, zugunsten einer Politik \u2013 der Zwei-Stufen-Theorie \u2013 auf, die f\u00fcr das Scheitern von Revolutionen verantwortlich war. Sie unterst\u00fctzte auch den russischen Einmarsch in Afghanistan 1979: \u201eDas sowjetische Eingreifen in Afghanistan im Dezember 1979 war ein anderes Weltereignis, das uns zwang, die Dinge f\u00fcr uns selbst weiter zu durchdenken\u2026 Sowjetische Truppen gingen nach Afghanistan, um einen von den USA organisierten Krieg zum Sturz eines radikalen Regimes in Kabul aufzuhalten. Unsere Antwort war prompt \u2013 den sowjetischen und Kabuler Regierungskr\u00e4ften im afghanischen B\u00fcrgerkrieg starke Unterst\u00fctzung zu geben.\u201c<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr Marxisten v\u00f6llig falsch, das Eingreifen des stalinistischen Regimes der UdSSR in Afghanistan 1979 auch nur \u201ekritisch\u201c zu unterst\u00fctzen. Der Umstand, dass diese Ma\u00dfnahme das afghanische Regime st\u00fctzte, das wichtige fortschrittliche Ma\u00dfnahmen bei der Bodenreform, der Abschaffung des Brautpreises usw. durchf\u00fchrte, war f\u00fcr die Stalinisten in der UdSSR zweitrangig. Sie verfolgten ihre eigenen strategischen Interessen in der Region. Aus diesem Grund lehnten wir die Entscheidung, in Afghanistan einzugreifen, ab. Es erlaubte dem Imperialismus einen Propagandasieg durch die Gleichsetzung von \u201eSozialismus\u201c mit b\u00fcrokratisch-milit\u00e4rischen Mitteln zur Ausdehnung des Einflussbereichs der sowjetischen Elite, auch wenn die DSP es anders sehen wollte. Auf der anderen Seite stellten wir uns denen entgegen, die daraufhin den sofortigen Abzug der russischen Truppen forderten, der konkret dazu gef\u00fchrt h\u00e4tte, dass viele Jahre fr\u00fcher ein Regime im Stile der monstr\u00f6sen fundamentalistischen Taliban-Regierung, die heute herrscht, errichtet worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die DSP war auch unkritischer Unterst\u00fctzter von Gorbatschow, der der sozialen Konterrevolution in der fr\u00fcheren Sowjetunion die T\u00fcr \u00f6ffnete. Sie druckten und trugen sogar T-Shirts mit Gorbatschows Bild darauf. Nachdem sie die Idee einer von den Massen in den stalinistischen Staaten gemachten politischen Revolution \u2013 eines Regimes der Arbeiterdemokratie \u2013 aufgegeben hatten, \u00fcbertrugen sie ihre Hoffnungen auf Demokratisierung auf die Spitzen der russischen B\u00fcrokratie: \u201eSchon bevor Michail Gorbatschow an die Macht kam, hatten wir [die DSP] angefangen, die M\u00f6glichkeit offen zu lassen, dass der Prozess demokratischer Reformen in diesen L\u00e4ndern tats\u00e4chlich von innerhalb der herrschenden Kommunistischen Parteien eingeleitet werden k\u00f6nnte.\u201cZu einer Zeit der h\u00f6chsten Gefahr f\u00fcr die kubanische Revolution zog Gorbatschow Anfang der neunziger Jahre auf Dr\u00e4ngen des US-Imperialismus russische Truppen Milit\u00e4rpersonal ab. Die kubanische KP-Zeitung Granma \u00e4rte, dass dies \u201egr\u00fcnes Licht f\u00fcr eine US-Invasion\u201c11 habe. Die Socialist Party das CWI haben anders als die DSP diesen Verb\u00fcndeten des US-Imperialismus niemals unterst\u00fctzt, der den Weg f\u00fcr Jelzins Restauration des Kapitalismus bereitete und versuchte, die kubanische Revolution zu erw\u00fcrgen.<\/p>\n<p>In der neo-kolonialen Welt ist die DSP unkritisch, um nicht zu sagen unterw\u00fcrfig gegen\u00fcber der F\u00fchrung linker Organisationen, verst\u00e4rkt deren theoretische und programmatische Fehler und vertritt eine Spielart der stalinistischen \u201eEtappentheorie\u201c f\u00fcr die Revolution in diesen L\u00e4ndern. Sie hat Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution ausdr\u00fccklich verworfen, sowohl als Erkl\u00e4rung der Triebkr\u00e4fte der russischen Revolution als auch deren Bedeutung f\u00fcr die K\u00e4mpfe in Asien, Lateinamerika und Afrika heute. Letzteres wiegt schwerer. Wenn die Ideen der DSP in Indonesien zu Leitprinzipien f\u00fcr die Massenbewegung der Arbeiter w\u00fcrden, w\u00fcrde dies katastrophale Folgen haben. Die Revolution, die gerade erst begonnen hat, w\u00fcrde aus der Bahn geworfen werden.<\/p>\n<p>Die DSP verst\u00e4rkt die Fehler der F\u00fchrung des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale (VS), welche diese w\u00e4hrend des gr\u00f6\u00dften Teils der Periode nach 1945 machte. Da sie nicht f\u00e4hig war, nennenswerte Gruppen innerhalb der Arbeiterklasse aufzubauen, gab sie immer wieder die unabh\u00e4ngige marxistische Analyse auf und handelte als politische Anwalt von \u201eRadikalen\u201c, Stalinisten oder F\u00fchrern der nationalen Befreiungsbewegungen in der neo-kolonialen Welt. Das VS entwickelte nach dem Sieg der chinesischen Revolution eine relativ unkritische Haltung gegen\u00fcber Mao Tse-tung. Die Mehrheit des VS glaubte, dass eine politische Revolution in China unn\u00f6tig sei. Sie unterst\u00fctzten Tito in Jugoslawiens Auseinandersetzung mit dem Stalinismus in der UdSSR unkritisch. In Vietnam nahmen sie eine \u00e4hnlich unkritische gegen\u00fcber der Nationalen Befreiungsfront (FNL) . Ihr Hauptslogan bei Demonstrationen gegen die Intervention des US-Imperialismus war \u201eHo, Ho, Ho Chi Minh\u201c. wurde ein F\u00fchrer des stalinistischen Staates Nordvietnam zum Helden erhoben. Militant (jetzt die Socialist Party) verteidigte entschieden den Kampf der Arbeiter und Bauern S\u00fcdvietnams und die Revolution. Aber wir unterst\u00fctzten die F\u00fchrer der FNL oder Ho Chi Minh nie unkritisch. Der Sieg der vietnamesischen Revolution war ein gro\u00dfer Schritt vorw\u00e4rts, aber wegen der nationalistischen Beschr\u00e4nkungen F\u00fchrung und der am Kampf beteiligten Hauptkr\u00e4fte \u2013 der Vietcong war weitgehend eine Bauernarmee \u2013 sagten wir voraus, dass der Staat, der aus der Revolution hervorgehen w\u00fcrde, eine Planwirtschaft mit einem stalinistischen Einparteienregime sein w\u00fcrde. Es war daher notwendig, die Arbeiter im voraus vor dem wahrscheinlichen Ergebnis der Ereignisse zu warnen. Wir unterst\u00fctzten auch die algerische Revolution im nationalen Befreiungskrieg gegen den franz\u00f6sischen Imperialismus Ende der f\u00fcnfziger und Anfang der sechziger Jahre politisch und materiell. Aber gleichzeitig gaben wir nie der F\u00fchrung der FNL oder Ben Bella unkritische Unterst\u00fctzung, wie es das VS machte.<\/p>\n<p>Wegen der relativen politischen Ruhe der Arbeiterklasse vor allem w\u00e4hrend des langen Booms der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre gab das VS die Idee von der Arbeiterklasse als Tr\u00e4ger der sozialistischen Revolution auf. Anderen Kr\u00e4ften \u2013 Studenten in den \u201eroten Basen\u201c in den Universit\u00e4ten, der radikalisierten Bauernschaft und der Intelligenz in der neo-kolonialen Welt und \u201ereformerischen\u201c stalinistischen B\u00fcrokraten \u2013 wurde diese Rolle vom VS zugewiesen. Der Marxismus hatte sich seit der Zeit von Marx und Engels selbst nicht aus romantischen oder zweitrangigen Gr\u00fcnden auf die Arbeiterklasse gest\u00fctzt, sondern wegen der Rolle, die diese Klasse in Produktion und Gesellschaft spielt. Sie ist durch ihre Organisation in den Gro\u00dfbetrieben die einzige Klasse, welche die potenzielle kollektive Kraft und das Bewusstsein besitzt, die sozialistische Revolution durchzuf\u00fchren. Andere Klassen, die Mittelschicht oder die Bauern zum Beispiel, sind uneinheitlich. Sie sind in verschiedene Schichten aufgeteilt, wobei der obere Teil zu den Kapitalisten schaut und die unteren, \u00e4rmeren Teile der Bauernschaft dazu neigen, mit der Arbeiterklasse zu verschmelzen. In der neo-kolonialen Welt kann die Bauernschaft in einem B\u00fcndnis mit der Arbeiterklasse bei der Umgestaltung der Gesellschaft eine unterst\u00fctzende Rolle spielen, aber die Hauptrolle, die F\u00fchrung der sozialistischen Revolution, muss die Arbeiterklasse \u00fcbernehmen. Das VS hatte diese grundlegende Idee des Marxismus aufgegeben. Die Folgen waren in Frankreich 1968 zu sehen, als es den gr\u00f6\u00dften Generalstreik in der Geschichte gab, an dem zehn Millionen Arbeiter teilnahmen. Diese mutma\u00dflichen \u201eF\u00fchrer\u201c der Arbeiterklasse wurden v\u00f6llig \u00fcberrascht. Sie schauten in die falsche Richtung, zu den \u201eroten Basen\u201c in den Universit\u00e4ten und nicht zur Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Ungeduld und die Sehnsucht, zu ernten, was noch nicht ges\u00e4t worden war, f\u00fchrte dazu, dass viele der kleinen Kr\u00e4fte des Trotzkismus nach anderen Klassen suchten und nach anderen politischen Kr\u00e4ften Ausschau hielten, welche die Arbeit machen sollten, zu der sie selbst nicht f\u00e4hig waren. Die DSP entstand aus dieser Tradition. Sie ist jedoch weiter darin gegangen, radikalen Organisationen und F\u00fchrern in der \u201eDritten Welt\u201c hinterherzulaufen. Sie besch\u00f6nigen deren theoretische Fehler und programmatische M\u00e4ngel und beehren sie sogar mit falschen Theorien, die in diesen L\u00e4ndern vorher nicht vorhanden waren. F\u00fcr kommende Bewegungen der Arbeiterkasse und armen Bauernschaft k\u00f6nnte sich das als fatal erweisen. Das zeigt sich klar in dem Artikel von Doug Lorimer, einem der F\u00fchrer der DSP, die Haltung des Komitees f\u00fcr eine Arbeiterinternationale Kuba angreift.12 hat es sich zur Aufgabe gemacht, die F\u00fchrung des CWI zu kritisieren immer wieder. Letztes Beispiel ist ein Angriff auf eine Brosch\u00fcre von mir \u00fcber die kubanische Revolution. Er nennt dies eine \u201eKritik\u201c.<\/p>\n<p>Wir geben zu, dass von Lorimer und seiner besonders zahnlosen Spielart des \u201eMarxismus\u201c angegriffen zu werden, dem gleichkommt, was der britische Politiker Dennis Healey als \u201evon einem toten Schaf angefallen zu werden\u201c bezeichnete. Normalerweise w\u00e4re es witzlos, auf solche Schm\u00e4hschriften zu antworten, von denen man in Gro\u00dfbritannien von jeder bedeutungslosen Sekte zehn St\u00fcck f\u00fcr einen Groschen kriegen kann. Sie haben nie etwas erreicht, aber knirschen mit den Z\u00e4hnen fruchtlosem Frust \u00fcber unsere Erfolge. Militant es als einzige der trotzkistischen Organisationen in Westeuropa bei zwei Gelegenheiten in Gro\u00dfbritannien, sich eine beachtliche Basis in Massenbewegungen von arbeitenden Menschen aufzubauen: Im Liverpool-Kampf 1983-87 und in dem m\u00e4chtigen Kampf gegen die Poll tax, der Thatcher dem\u00fctigte und sie zu politischer Bedeutungslosigkeit verdammte. Wir haben auch in einer Reihe anderer L\u00e4nder erfolgreiche Massenarbeit gemacht: Irland, Schweden, Sri Lanka, Nigeria, \u00d6sterreich usw.<\/p>\n<p>Der Zweck von Lorimers \u201eArtikel\u201c (der sich auf 25 A4-Seiten bel\u00e4uft), wird gleich am Anfang enth\u00fcllt: \u201eDer folgende Artikel wurde auf Anfrage von Farooq Tariq, Generalsekret\u00e4r der Labour Party Pakistan, als erster Beitrag zu einer Diskussion zwischen LPP und DSP \u00fcber den Charakter des kubanischen sozialistischen Staats und der Kommunistischen Partei Kubas geschrieben.\u201cEs scheint also, dass die DSP von Farooq Tariq gedr\u00e4ngt wurde, ihn mit Argumenten zu beliefern, die es ihm erlauben w\u00fcrden, sich von seiner fr\u00fcheren Haltung gegen\u00fcber Kuba zu distanzieren, als er ein Mitglied des CWI war. Er wurde aus den Reihen des CWI ausgeschlossen, weil seine \u201ePartei\u201c nicht mehr als eine Frontorganisation f\u00fcr eine Nichtregierungsorganisation (NGO) war, die von den schwedischen Gewerkschaften und Sozialdemokraten subventioniert wurde und auf der Basis von Vetternwirtschaft und unkritischer Unterst\u00fctzung f\u00fcr korrupte Gewerkschaftsf\u00fchrer arbeitete, statt den Aufbau einer unabh\u00e4ngigen revolution\u00e4ren Partei in Pakistan anzustreben. Die DSP erleichtert somit Leuten wie Farooq Tariq den politischen R\u00fcckzug, der einmal zumindest in Worten \u2013 obwohl es zweifelhaft ist, ob er die Ideen vollst\u00e4ndig verstanden hat \u2013 eine prinzipienfeste, trotzkistische, marxistische Herangehensweise an die kubanische Revolution hatte.<\/p>\n<h2>Die permanente Revolution<\/h2>\n<p>Die Rechtfertigung f\u00fcr eine ausf\u00fchrliche Antwort auf die von ihnen vorgebrachten Argumente liegt nicht in der Bedeutung der DSP oder von Farooq Tariq selbst. Sie ergibt sich aus der Notwendigkeit, die F\u00fchrungen und Mitglieder wichtiger Organisationen, die es jetzt in der neo-kolonialen Welt und anderswo gibt und die in der Zukunft entstehen werden, zu erreichen und von unverf\u00e4lschten marxistischen Analysemethoden zu \u00fcberzeugen. Die kubanische Revolution ist nicht von ausschlie\u00dflich geschichtlichem Interesse. Die komplizierten und widerspr\u00fcchlichen Umst\u00e4nde, unter denen die kubanische Revolution stattfand, haben Bedeutung f\u00fcr die Lage, die sich gegenw\u00e4rtig in der neo-kolonialen Revolution entwickelt. In den st\u00fcrmischen Ereignissen in Venezuela und m\u00f6glicherweise auch in Ecuador kann man viele der Merkmale finden, welche die Revolution vor mehr als 40 Jahren beinhaltete. Ob diese oder andere L\u00e4nder den kubanischen Weg beschreiten, ob es \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, unter modernen Bedingungen zu wiederholen, was auf Kuba geschah, ist sehr wichtig f\u00fcr die sozialistischen und marxistischen Kr\u00e4fte in Lateinamerika heute. Ein Missverstehen der wirklichen Lehren der kubanischen Revolution k\u00f6nnte f\u00fcr die revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte heute fatal sein. Es ist deshalb nicht Pedanterie oder ein Versuch der Selbstrechtfertigung, was uns dazu gef\u00fchrt hat, die Argumente der DSP-F\u00fchrung in Bezug auf Kuba aufzugreifen. Bevor wir uns jedoch mit der kubanischen Revolution an sich befassen, ist es notwendig, eine kurze Skizze von Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution und ihrer Bedeutung f\u00fcr heute zu geben. Mit Blick auf die Kritik der DSP an dieser Theorie, sowohl geschichtlich als auch in ihrer Bedeutung f\u00fcr die kubanische Revolution und die Probleme der neo-kolonialen Welt heute ist das besonders notwendig. DSP-F\u00fchrer John Percy schreibt:\u201eUnsere Irrt\u00fcmer entsprangen dem Schema, das wir hatten \u2013 Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution.\u201c<\/p>\n<p>Angesichts dessen, was sie als eine \u201esozialistische Revolution\u201c in Nicaragua betrachteten, warf die DSP, wie wir gesehen haben, Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution \u00fcber Bord. Trotzki hatte mit Hilfe dieser Theorie die an der russischen Revolution beteiligten Klassenkr\u00e4fte und deren Ablauf richtig eingesch\u00e4tzt. Er hatte die Errichtung des ersten Arbeiterstaates im Oktober 1917 theoretisch vorweggenommen. Das wichtigste Gesetz der Dialektik ist: \u201eWahrheit ist konkret\u201c. Diese des Marxismus ist Lorimer fremd. An ihrer Stelle treten leere geschichtliche Abstraktionen ohne einen Versuch, sich mit der j\u00fcngsten oder fr\u00fcheren Geschichte zu befassen. Die F\u00fchrung der DSP hat jetzt einige Schwierigkeiten, zu erkl\u00e4ren, warum die \u201esozialistische Revolution\u201c, die in Nicaragua unter dem Etikett der \u201ezwei Stufen\u201c durchgef\u00fchrt worden war, zur Niederlage und zum Zerfall der sandinistischen Bewegung f\u00fchrte. Der entscheidende Test der Geschichte ist die Praxis. Wenn die nicaraguanische Revolution f\u00fcr die DSP ausreichender Grund war, die Theorie der Permanenten Revolution \u00fcber Bord zu werfen, warum hat sie dann nicht zum Bruch mit Gro\u00dfgrundbesitz und Kapitalismus und der Errichtung eines Arbeiterstaates in Nicaragua gef\u00fchrt? Lorimer schie\u00dft nicht nur eine Breitseite gegen Socialist Party, sondern hat in einer k\u00fcrzlich erschienenen Brosch\u00fcre auch 78 Seiten (\u201eTrotsky\u2019s Theory of Permanent Revolution: A Leninist Critique\u201e) auf die angebliche Widerlegung von Trotzki verwendet, und dennoch erw\u00e4hnt er kein einziges Mal, was sich daraus f\u00fcr die Periode nach 1945 und die gegenw\u00e4rtige Weltlage ergibt. Das ist kein Zufall. Denn wo Lorimers Ideen ausprobiert wurden, haben sie wie in Nicaragua zu einer Fehlgeburt der Revolution gef\u00fchrt. Dar\u00fcber hinaus sahen wir in der Vergangenheit in jeder Revolution oder revolution\u00e4ren Lage, wo sie von den Stalinisten und den zu stalinistischen Theorien Bekehrten wie der DSP angewandt wurden, das selbe Ergebnis.<\/p>\n<p>Was ist Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution? Wie weit stimmt sie mit Lenins Ideen vor 1917 \u00fcberein und worin unterschied sie sich von ihnen? Die DSP ist unf\u00e4hig, diese Fragen zu beantworten. Trotzki und Lenin, in der Tat der ganze russische Marxismus, stimmten darin \u00fcberein, die Hauptaufgabe der russischen Revolution in der Vollendung der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution zu sehen: Beseitigung der feudalen und halbfeudalen Beziehungen auf dem Land, Vereinigung des Landes und die L\u00f6sung der nationalen Frage, Demokratie \u2013 das Recht, ein demokratisches Parlament zu w\u00e4hlen, freie Presse, Gewerkschaftsrechte usw. \u2013 und die Befreiung der Wirtschaft von der Beherrschung durch den Imperialismus. Lenin und Trotzki unterschieden sich von den Menschewiki, die glaubten, dass es die Aufgabe der Arbeiterklasse sei, der liberalen Bourgeoisie hinterherzulaufen, die sie als wichtigste Kraft der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution betrachteten. Dar\u00fcber hinaus sahen sie die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution als notwendige Entwicklungsstufe f\u00fcr Russland ohne ernsthafte internationale Auswirkungen. Die versp\u00e4tete Entwicklung der Bourgeoisie als Klasse und der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution in Russland bedeuteten jedoch, dass sie unf\u00e4hig zur Vollendung dieser geschichtlichen Aufgabe war. Die Kapitalisten investierten in Grund und Boden und die Gro\u00dfgrundbesitzer investierten in der Industrie. Daher w\u00fcrde jede tiefgreifende b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution auf die Opposition nicht nur der , sondern auch der Bourgeoisie und ihrer politischen Vertreter sto\u00dfen, der liberalen b\u00fcrgerlichen Parteien. Sie hatten immer wieder nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland im neunzehnten Jahrhundert und anderswo gezeigt, dass sie unf\u00e4hig zur Durchf\u00fchrung ihrer eigenen Revolution bis zum Ende waren.<\/p>\n<p>Die m\u00e4chtige und damals einzigartige Entwicklung des russischen Proletariats, die von Trotzki beschrieben wurde, beeinflusste auch die Bereitschaft der liberalen Bourgeoisie, die Revolution durchzuf\u00fchren. Sie hatten f\u00fcrchterliche Angst, \u2013 ganz zu Recht, wie die Ereignisse zeigten \u2013 dass ein Kampf gegen das tausendj\u00e4hrige zaristische Regime und die sozialen Grundlagen, auf denen es beruhte, die Schleusen \u00f6ffnen w\u00fcrde, durch die die Arbeiterklasse zusammen mit der Bauernschaft str\u00f6men und ihre eigenen Forderungen auf die Tagesordnung stellen w\u00fcrden. Sowohl Trotzki als auch Lenin stimmten daher \u00fcberein, dass ein B\u00fcndnis zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung Russlands, die einzige zur Vollendung der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution in Russland f\u00e4hige Kraft sei. Worin sie sich unterschieden, war die Frage, wer die F\u00fchrung in diesem B\u00fcndnis aus\u00fcben w\u00fcrde, das Proletariat oder die Bauernschaft. Wer w\u00fcrde die f\u00fchrende Kraft in der Regierung sein, sobald dieses B\u00fcndnis an die Macht gekommen war? W\u00fcrde es blo\u00df die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution durchf\u00fchren oder w\u00e4re es gezwungen weiterzugehen?<\/p>\n<p>Trotzki argumentierte in seiner Theorie der Permanenten Revolution, dass die Geschichte die Tatsache best\u00e4tigt habe, dass die Bauernschaft (wie oben erkl\u00e4rt) niemals eine unabh\u00e4ngige Rolle gespielt habe. Sie muss von einer der anderen gro\u00dfen Klassen in der Gesellschaft gef\u00fchrt werden: der Bourgeoisie oder der Arbeiterklasse. Lenin und Trotzki stimmten jedoch darin \u00fcberein, dass die Bourgeoisie ihre eigene Revolution nicht durchf\u00fchren konnte. Daher, so argumentierte Trotzki, muss die Arbeiterklasse die F\u00fchrung der Revolution \u00fcbernehmen und die Massen auf dem Lande hinter sich versammeln. In einer sehr wichtigen Zusammenfassung der \u201edrei Konzeptionen der russischen Revolution\u201c im August 1939, ein Jahr vor seiner Ermordung durch die Stalinisten, macht Trotzki den folgenden Kommentar \u00fcber Formel der \u201edemokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c. erkl\u00e4rt: \u201eLenins Auffassung stellte insofern einen gewaltigen Schritt nach vorn dar, als sie nicht von den konstitutionellen Reformen, sondern von der b\u00e4uerlichen Erhebung ausging, die sie f\u00fcr die Hauptaufgabe der Revolution hielt, und die einzige realistische Verbindung der realen Kr\u00e4fte anzeigte, die diese Erhebung erfolgreich durchf\u00fchren konnten. Der schwache Punkt der Lenin\u2019schen Konzeption war jedoch der in sich widerspr\u00fcchliche Begriff der \u201ademokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u2018. Lenin selbst betonte die fundamentale Einschr\u00e4nkung dieser Diktatur, wenn er sie offen \u201ab\u00fcrgerlich\u2018 nannte. Er wollte damit sagen, dass das Proletariat zur Erhaltung seines B\u00fcndnisses mit der Bauernschaft gezwungen sein w\u00fcrde, darauf zu verzichten, der unmittelbar bevorstehenden Revolution sogleich sozialistische Aufgaben zu stellen. Das aber bedeutete den Verzicht des Proletariats auf seine Diktatur. Es handelte sich infolgedessen im Grunde um eine Diktatur der Bauernschaft unter Beteiligung der Arbeiter.\u201c Aber dann f\u00e4hrt Trotzki fort mit dem Kommentar: \u201eDie Bauernschaft war \u00fcber die Weite eines riesigen Landes verstreut, in dem die St\u00e4dte die Kontaktstellen bildeten. Auf sich allein gestellt, ist die Bauernschaft nicht imstande, ihre Interessen zu formulieren, da sich diese in jeder Region in einer anderen Weise darstellen. Das \u00f6konomische Band zwischen den Provinzen wird vom Markte und von den Eisenbahnen geschaffen, aber Markt und Eisenbahnen sind in den H\u00e4nden der Stadt. Versucht sie, sich aus der Enge des Dorfes zu befreien und das Gemeinsame ihrer Anspr\u00fcche herauszustellen, so ger\u00e4t die Bauernschaft unvermeidlich in politische Abh\u00e4ngigkeit von der Stadt. Schlie\u00dflich bildet die Bauernschaft ihren sozialen Verh\u00e4ltnissen nach keine homogene Klasse: die Schicht der \u201aKulaken\u2018 [reiche Bauern] will sie nat\u00fcrlich in ein B\u00fcndnis der st\u00e4dtischen Bourgeoisie hineinziehen, die unteren Schichten des Dorfes tendieren im Gegensatz dazu nach den st\u00e4dtischen Arbeitern. Unter diesen Umst\u00e4nden ist die Bauernschaft als solche absolut unf\u00e4hig, die Macht zu \u00fcbernehmen. Gewiss, im alten China brachten die Revolutionen die Bauernschaft an die Macht, genauer gesagt, die milit\u00e4rischen F\u00fchrer der b\u00e4uerlichen Aufst\u00e4nde. Das f\u00fchrte jedes Mal zur Neuverteilung des Bodens und zur Errichtung einer neuen \u201ab\u00e4uerlichen\u2018 Dynastie, worauf die Geschichte von vorn begann: neue Konzentration des Bodens, neues Bl\u00fchen des Wuchers, neuer Aufstand.\u201c<\/p>\n<p>Lenin argumentierte, dass die Geschichte entscheiden w\u00fcrde, ob die Bauernschaft in dem vorgeschlagenen B\u00fcndnis eine unabh\u00e4ngige Rolle werde spielen k\u00f6nnen. Lenins Idee war praktisch eine \u201ealgebraische Formel\u201c bez\u00fcglich der Frage, welche Klasse, Proletariat oder Bauernschaft, das B\u00fcndnis f\u00fchren w\u00fcrde, was das genaue Erscheinungsbild der Regierung w\u00e4re und wie weit es in die Macht der Kapitalisten eingreifen w\u00fcrde. Trotz aller Versuche von Lorimer, die Formel zu verteidigen, sagte ihr Autor, Lenin, im April 1917 selbst, dass die Geschichte sie mit einem \u201enegativen Inhalt\u201c gef\u00fcllt habe. Er brachte zum Ausdruck, dass die Aufgabe jetzt sei, dass das Proletariat unterst\u00fctzt von der Bauernschaft die Macht \u00fcbernehme. Um das zu betonen, schlug Lenin auch vor, dass die Bolschewiki ihren Namen in \u201eKommunistische Partei\u201c \u00e4ndern sollten.<\/p>\n<p>Die Lorimers jener Periode \u2013 Kamenjew, Sinowjew und Stalin \u2013 lehnten Lenins Vorschlag ab und behielten seine alte Formel der \u201edemokratischen Diktatur\u201c bei. Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution wurde durch die Oktoberrevolution best\u00e4tigt, als die Arbeiterklasse durch die R\u00e4te die Macht \u00fcbernahm und die viele Millionen starke Bauernmasse hinter sich f\u00fchrte. Verbunden mit den Diskussionen innerhalb der russischen revolution\u00e4ren Bewegung \u00fcber die wechselseitigen Beziehungen zwischen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft war die Frage, ob die Bauernschaft ihre eigene Partei schaffen k\u00f6nne oder nicht. Die Arbeiterklasse kam unter F\u00fchrung der bolschewistischen Partei an die Macht, das hei\u00dft, sie errichtete die \u201eDiktatur des Proletariats\u201c (Arbeiterdemokratie) und f\u00fchrte dann zusammen mit der Bauernschaft die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution durch, w\u00e4hrend sie gleichzeitig die sozialistische, das hei\u00dft kollektivistische T\u00e4tigkeit des Proletariats selbst auf die Tagesordnung stellte.<\/p>\n<h4>Eine \u201eleninistische Kritik\u201c?<\/h4>\n<p>Aber Lorimer bestreitet all dies und stellt Lenins \u201edemokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c Ideen der Permanenten Revolution gegen\u00fcber. In einer unglaublichen Ansammlung von gewollten Fehlinterpretationen, halben Zitaten und Andeutungen f\u00e4lscht Lorimer zynisch die Geschichte. Er zieht die Ideen, die zum gr\u00f6\u00dften Sieg der Arbeiterklasse in der Geschichte f\u00fchrten, in den Schmutz. Radek war einmal ein f\u00fchrendes Mitglied der Linken Opposition, kapitulierte dann aber und machte seinen Frieden mit Stalin, indem er die Theorie der Permanenten Revolution angriff. In seiner Antwort auf ihn wies Trotzki darauf hin, dass Radek \u201ekein einziges Argument gegen die Theorie der Permanenten Revolution ausgedacht\u201c habe. Er war, sagte Trotzki, ein \u201eEpigone\u201c (ein sklavischer, nicht-denkender Anh\u00e4nger) der (stalinistischen) Epigonen Lenins. Lorimer ist der moderne Radek, mit der Einschr\u00e4nkung, dass er bei seinen Argumenten gegen Trotzki weniger Talent als Radek zeigt. In seinem Angriff auf Trotzkis Theorie ist kein neuer Kritikpunkt. Ohne unseren Text mit zu vielen abstrakten Zitaten zu belasten, ist es hier notwendig, die Kritik Lorimers \u00fcber die Permanente Revolution kurz zu skizzieren und zu beantworten. Nur indem man das macht, ist es m\u00f6glich, die Ursachen f\u00fcr die Rechtfertigung des kubanischen Regimes durch die DSP zu verstehen. \u00dcber die russsische Revolution von 1905 argumentiert Lorimer: \u201eLenin argumentierte, dass die Vollendung der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution durch ein B\u00fcndnis von Arbeitern und Bauern unter der F\u00fchrung einer marxistischen Partei, der Arbeiterklasse im B\u00fcndnis mit der armen, halbproletarischen Mehrheit der Bauernschaft erm\u00f6glichen w\u00fcrde, ununterbrochen zur sozialistischen Revolution weiterzugehen.\u201cDas ist einfach falsch. Lenin sprach nur gelegentlich vom \u201eununterbrochenen\u201c Vorw\u00e4rtsgehen zur sozialistischen Revolution. Diese Idee, \u201eununterbrochene\u201c oder \u201epermanente Revolution\u201c wurde von Trotzki in seinem Buch \u201eErgebnisse und Perspektiven\u201c beschrieben, wie wir oben erkl\u00e4rt haben. Lenins zentrale Idee war, dass die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution dazu f\u00fchren k\u00f6nnte, die sozialistische Revolution in Westeuropa \u201eanzuregen\u201c, die dann den Arbeitern und Bauern in Russland zur Hilfe kommen und den \u201eSozialismus\u201c auf die Tagesordnung setzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wenn Lenin konsequent die von Lorimer skizzierte Idee vertreten h\u00e4tte, dann h\u00e4tte es bez\u00fcglich der Revolution keinen grundlegenden Unterschied zwischen ihm und Trotzki gegeben. Tats\u00e4chlich werden die Unterschiede zwischen ihm und Trotzki ein paar Abs\u00e4tze weiter angedeutet, wenn Lorimer schreibt: \u201eDie Bolschewiki glaubten, dass der Sieg der demokratischen Arbeiter-Bauern-Revolution in Russland die proletarisch-sozialistische Revolution in den industriell entwickelteren L\u00e4ndern Westeuropas anregen w\u00fcrde. Der Sieg der proletarisch-sozialistischen Revolutionen in Westeuropa wiederum w\u00fcrde den Weg f\u00fcr das russische Proletariat freimachen, auf dem Weg der sozialistischen Umorganisierung der Wirtschaft vorzur\u00fccken.\u201c Es ist deutlich, dass Lenin sich eine Entwicklungsperiode der Gesellschaft und der zwischen der Macht\u00fcbernahme durch die \u201edemokratische Diktatur des Proletariats und die Bauernschaft\u201c dem Sozialismus vorstellte. Darin ist nichts \u201eUnunterbrochenes\u201c. Lorimer wiederholt die Legende der Stalinisten, dass Trotzki die Bauernschaft untersch\u00e4tzt habe, geglaubt habe, dass die Arbeiterklasse in Russland die Revolution allein durchf\u00fchren k\u00f6nne und gegen ein wirkliches B\u00fcndnis der Bauernschaft mit der Arbeiterklasse gewesen sei. Es gibt keine bessere Antwort auf die Kritik, die dieses Argument verwendet, als Trotzki selbst zu zitieren.<\/p>\n<p>Als ob er auf seine neuesten Kritiker wie Lorimer antworten wolle, die eifrig alle und jeden Artikel von Trotzki studieren, um einen Unterschied zu Lenin zu finden, schreibt er: \u201eDer Teufel kann zu diesem Zweck die Bibel zitieren.\u201c In seiner Polemik gegen Radek gab er ehrlich zu, dass es \u201eL\u00fccken\u201c in seiner urspr\u00fcnglichen Theorie der Permanenten Revolution gab, wobei man bedenken muss, dass sie 1906 ver\u00f6ffentlicht wurde. Die Geschichte, besonders die gro\u00dfe Erfahrung der Februar- und Oktoberrevolutionen 1917, hatte diese \u201eL\u00fccken\u201c gef\u00fcllt, aber Trotzkis allgemeine Idee keinesfalls widerlegt, sondern vielmehr best\u00e4tigt. Man schaue sich die Ehrlichkeit an, mit der Trotzki die Entwicklung seiner Ideen behandelt im Vergleich zu ihrer falschen Darstellung durch Lorimer. Trotzki schreibt in seiner Antwort auf Radek: \u201eDamit will ich aber keineswegs sagen, dass die Konzeption der Revolution in allen meinen Schriften die gleiche, unverr\u00fcckbare Linie darstellt. Es gibt auch solche Artikel, in denen die Konjunkturverh\u00e4ltnisse und sogar die im Kampfe unvermeidlichen konjunkturpolemischen \u00dcbertreibungen unter Verletzung der strategischen Linie hervorstechen. So kann man zum Beispiel Artikel finden, in denen ich \u00fcber die zuk\u00fcnftige revolution\u00e4re Rolle der Bauernschaft als eines Standes Zweifel \u00e4u\u00dferte und in Verbindung damit es ablehnte, besonders w\u00e4hrend des imperialistischen Krieges, die zuk\u00fcnftige russische Revolution als eine \u201anationale\u2018 zu bezeichnen, da ich diese Bezeichnung als zweideutig empfand. Man darf aber dabei nicht vergessen, dass die uns interessierenden historischen Prozesse, auch die in der Bauernschaft, jetzt bedeutend klarer zu Tage liegen, nachdem sie sich vollzogen haben, als in jenen Tagen, wo sie sich erst entwickelten. Ich will nebenbei bemerken, dass Lenin, \u2013 der die Bauernfrage in ihrem ganzen gigantischen historischen Ausma\u00dfe keinen Augenblick au\u00dfer Acht gelassen hat, und von dem wir alle dies gelernt haben \u2013 sogar noch nach der Februarrevolution es als ungewiss betrachtete, ob es gelingen w\u00fcrde, die Bauernschaft von der Bourgeoisie loszurei\u00dfen und dem Proletariat anzugliedern.\u201c<\/p>\n<p>Lorimer legt gro\u00dfes Gewicht auf den Umstand, dass Trotzki in seinen fr\u00fcheren Schriften auf ein B\u00fcndnis zwischen der Arbeiterklasse und den armen Bauern abzielte statt der \u201eBauernschaft insgesamt\u201c. Lenin selbst sprach manchmal in der Weise, wie es auch Trotzki machte, von der Verbindung mit den \u00e4rmeren Schichten in den D\u00f6rfern. Aber die von Lorimer umgangene Schl\u00fcsselfrage war, dass die Arbeiterklasse in der Oktoberrevolution 1917 die Masse der Bauernschaft zur Vollendung der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution f\u00fchrte, aber dort nicht stoppte. Sie ging dann auf \u201eununterbrochene\u201c Weise zum Beginn der sozialistischen Aufgaben in Russland und zur internationalen Ausdehnung der Revolution \u00fcber. Das fantastische Schema von Lorimer ist, dass die Oktoberrevolution keine sozialistische Revolution gewesen sei, sondern den Sieg der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution durch die \u201edemokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c . Dies wurde als erste Etappe \u2013 entsprechend der Zwei-Etappen-Theorie \u2013 von der sozialistischen Revolution getrennt, die angeblich erst im Sommer und Herbst 1918 durchgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Diese mechanistische Idee, mit der die Vollendung der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution k\u00fcnstlich von den sozialistischen Aufgaben zu trennen versucht wird, ist nicht nur eine v\u00f6llig unangemessene Einsch\u00e4tzung dessen, was im Oktober 1917 geschah, sondern es w\u00e4re auch extrem sch\u00e4dlich, wenn sie auf die gegenw\u00e4rtig in der neo-kolonialen Welt bestehende Lage angewandt w\u00fcrde. Lorimer und die DSP \u2013 wie schon die Stalinisten vor ihnen \u2013 denken, dass die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution eine \u201edemokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u201c \u00fchrt werden kann.<\/p>\n<p>Das spiegelt sich konkret in einem B\u00fcndnis zwischen Parteien wider und ist mit der von Lorimer verteidigten Idee verbunden, dass \u201eunabh\u00e4ngige\u201c Bauernparteien bestehen k\u00f6nnen, die in einer Koalitionsregierung mit Arbeiterparteien zusammenkommen k\u00f6nnen, um die b\u00fcrgerliche Revolution durchzuf\u00fchren. Entgegen Trotzkis Behauptung in seiner Antwort auf Radek, dass die russische Geschichte vor 1917 die Tatsache best\u00e4tige, dass es keine stabile, unabh\u00e4ngige Bauernpartei gebe, verweist Lorimer auf die Sozialrevolution\u00e4re. Nat\u00fcrlich gab es in Russland vor 1917 Bauernorganisationen oder Parteien, die vorgaben, die Bauern zu vertreten. Aber diese alle bestanden nur in kurzen, relativ stabilen Perioden und zerfielen dann in Perioden von sozialer Krise, weil sie entlang von Klassenlinien getrennt wurden. Sozialrevolution\u00e4re (SR) dies 1917 wider. Nach der Februarrevolution 1917 waren sie zusammen mit den Menschewiki eine St\u00fctze f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Koalition und lehnten es ab, das Land den Bauern zu geben. Sie wurden von der Mehrheit der Bauern in Taten abgelehnt. Es ist wahr, dass die Linken Sozialrevolution\u00e4re, die sich von den SR abspalteten, f\u00fcr eine kurze Zeit nach der Oktoberrevolution an der Macht teilhatten. Sie nahmen im Vergleich zu den Bolschewiki eine Minderheitenposition ein, was in Lenins urspr\u00fcnglicher Idee der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft nicht klar vorhergesehen war (er lie\u00df es offen, welche Klasse oder welche eine Klasse vertretende Partei in der Koalitionsregierung vorherrschen w\u00fcrde).<\/p>\n<p>Trotzki argumentierte in seiner Theorie der Permanenten Revolution klar daf\u00fcr, dass die Arbeiterklasse vorherrschen und die Bauernschaft f\u00fchren w\u00fcrde. Dar\u00fcber hinaus war die schnelle Trennung der Linken SR von der Regierung selbst eine Widerspiegelung des wachsenden Klassenkonflikts an ihrer Basis, unter der Bauernschaft und ein Anzeichen f\u00fcr ihren unausgereiften Mittelklasse-Charakter. Trotzki antwortete auf diejenigen, welche wie Lorimer heute argumentierten, dass die Situation der Doppelherrschaft zwischen Februar und Oktober 1917 eine Verwirklichung oder teilweise Verwirklichung der demokratischen Diktatur gewesen sei, als er schrieb: \u201eHinweise darauf, dass die demokratische Diktatur sich in der \u201aDoppelherrschaft (in bestimmten Formen und bis zu einem bestimmten Grade) verwirklicht\u2018 h\u00e4tte, hat Lenin nur in der Periode zwischen dem April und dem Oktober 1917 gemacht, d.h. bevor die wahre Verwirklichung der demokratischen Revolution tats\u00e4chlich vollzogen wurde.\u201c21 Es erforderte die Macht\u00fcbernahme durch die Arbeiterklasse im Oktober 1917, um die b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution durchzuf\u00fchren und dann sowohl im nationalen als auch im internationalen Ma\u00dfstab zu den sozialistischen Aufgaben \u00fcberzugehen.<\/p>\n<p><a title=\"zweiter Teil\" href=\"\/?p=16855\">weiter zum zweiten Teil<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Debatten \u00fcber die Revolution und Kuba heute<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12931"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12931"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12931\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12931"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12931"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12931"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}