{"id":12918,"date":"2008-12-03T00:00:00","date_gmt":"2008-12-03T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12918"},"modified":"2008-12-03T00:00:00","modified_gmt":"2008-12-03T00:00:00","slug":"12918","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/12\/12918\/","title":{"rendered":"Pakistan &#8211; Kann es als ein Staat bestehen?"},"content":{"rendered":"<p>  Die Weltwirtschaftskrise hat Pakistan besonders hart getroffen und dies   hat die soziale und politische Krise versch&#228;rft. Ein Bericht vom   Internationalen Vorstand des CWI.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die diesj&#228;hrige Tagung des International Executive Committee (IEC) des   Committee for a Workers&quot; International (CWI; Komitee f&#252;r eine   Arbeiterinternationale, deren Sektion in Deutschland die SAV ist) findet   in dieser Woche in Belgien statt. VertreterInnen aus 28 L&#228;ndern Europas,   Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und den Vereinigten Staaten nehmen zur   Zeit an diesem wichtigen CWI-Treffen teil, auf dem sowohl die neue Phase   der kapitalistischen Krise diskutiert wird, die momentan aufzieht, als   auch die Auswirkungen, die diese auf den Klassenkampf sowie die   M&#246;glichkeiten zur Gewinnung weiterer Unterst&#252;tzung f&#252;r   revolution&#228;r-sozialistische Ideen hat. Wir werden hierzu eine Serie von   Berichten auf unserer Internetseite ver&#246;ffentlichen. Die erste Sitzung   widmete sich &#8211; unter Einbeziehung Kaschmirs &#8211; der Situation in Pakistan.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Genosse Khalid Bhatti vom Socialist Movement Pakistan (SMP; Sektion des   CWI in Pakistan) leitete die Diskussion ein. Die Weltwirtschaftskrise   hat Pakistan besonders hart getroffen, was die soziale und politische   Krise weiter versch&#228;rft hat. Wie Khalid berichtete, schwebt jetzt sogar   ein Fragezeichen &#252;ber der weiteren Existenz Pakistans als staatlicher   Einheit.<\/p>\n<p>  Es handelt sich um die sch&#228;rfste Krise seit der Spaltung zwischen Ost-   und West-Pakistan 1971, die zur Gr&#252;ndung von Bangladesch f&#252;hrte. Ein   F&#252;nftel Pakistans wird heute nicht mehr von der Regierung kontrolliert;   das gilt vor allem f&#252;r die North-West-Grenzprovinz (NWFP) und die   Stammesgebiete. Und die Taliban sowie die Dschihadisten   (Islamisch-fundamentalistische Gruppen, die urspr&#252;nglich v.a. in   Kaschmir aktiv waren &#8211; der &#220;bersetzer) kontrollieren weite Teile   Pakistans. Die Regierung sagt, dass es in Pakistan 150.000   Taliban-K&#228;mpfer und nahezu eine Million Menschen gibt, die mit   Dschihadisten-Gruppen verb&#228;ndelt sind. Es w&#228;re dennoch falsch, die   Gruppierungen als einheitliche Kraft zu betrachten; sie sind aufgrund   regionaler, ethnischer und religi&#246;ser Unterschiede in sich gespalten.   Hinzu kommt, dass die Bombenangriffe der US-Truppen auf Ortschaften in   Pakistan die Wut anheizen.<\/p>\n<p>  Genosse Jamal vom CWI in Kaschmir erg&#228;nzte diese Punkte sp&#228;ter, indem er   erkl&#228;rte, dass St&#228;dte wie zum Beispiel Islamabad mit Polizeiposten   &#252;bers&#228;ht sind, um die Aktivit&#228;ten von Taliban und Dschihadisten zu   st&#246;ren. Islamabad ist von Anschl&#228;gen gebeutelt &#8211; besonders durch den   Selbstmordanschlag auf das Marriott Hotel.<\/p>\n<p>  Seit dem letzten IEC im Dezember 2007 ist Muscharraf durch eine   Massenopposition aus dem Amt verdr&#228;ngt und durch Pr&#228;sident Zardari von   der Pakistan Peoples Party (PPP) ersetzt worden. Viele unter den Massen   hatten Illusionen, dass die neue Regierung die innere Sicherheit   verbessern und einen Wandel hinsichtlich der Situation der   pakistanischen Massen einl&#228;uten w&#252;rde. Die neue Regierung hat die   Angriffe jedoch fortgesetzt und wendet dieselbe neoliberale   Wirtschaftspolitik an, wie ihre Vorg&#228;nger. Ein Charakteristikum der   Situation ist, wie rasch sich die Hoffnungen und Erwartungen, die der   Regierung entgegengebracht wurden, in Luft aufgel&#246;st haben.<\/p>\n<p>  Mit direkten Folgen f&#252;r die Lebensbedingungen der Massen hatte die   Weltwirtschaftskrise katastrophale Auswirkungen auf Pakistan. S&#228;mtliche   Anspr&#252;che der Regierung Muscharraf, die pakistanische Wirtschaft   effektiver zu machen und zu modernisieren, sind verpufft. Der IWF   (Internationaler W&#228;hrungsfonds; Anm. d. &#220;bers.) hatte gefordert, dass   von der Regierung 22 Bedingungen erf&#252;llt werden, bevor man Pakistan   Hilfen zusichern w&#252;rde. Diese Bedingungen h&#228;tten katastrophale   Auswirkungen f&#252;r die Arbeiterklasse und die Armen, sollten sie   akzeptiert werden. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat der IWF der Regierung   direkte Kredite verweigert.<\/p>\n<p>  Die Arbeiterklasse versucht sich unter herausfordernden Umst&#228;nden zu   wehren. Die Wirtschaftskrise hat Auswirkungen auf das Niveau der   Auseinandersetzungen, ebenso die Aktivit&#228;ten der Fundamentalisten.   Nichtsdestoweniger hat das vergangene Jahr einige bedeutende K&#228;mpfe wie   etwa den der Telekom-Besch&#228;ftigten und einen langen Streik der   ArbeiterInnen der Wasser- und Entsorgungssparte in Quetta   hervorgebracht. Diese Geschehnisse haben wichtige Lehren f&#252;r die Zukunft   geliefert. Allerdings sind die k&#228;mpferischsten Arbeiter-Organisationen   im &#246;ffentlichen Sektor zu finden, w&#228;hrend die Gewerkschaften im   Privatsektor schw&#228;cher und in vielen F&#228;llen sogar von Konzernen geleitet   sind.<\/p>\n<p>  Die Gewerkschaften des &#246;ffentlichen Dienstes haben den Weg zu   Arbeitsniederlegungen bereitet, aber es gibt keine Arbeiterpartei in   Pakistan. Die PPP ist &#8211; wie ihre ewige Rivalin, die von Nawaz Sharif   gef&#252;hrte Pakistan Muslim League (PML) &#8211; eine offen kapitalistische   Partei. Auf keine der beiden k&#246;nnen die Massen Hoffnungen setzen. Die   PPP-Regierung wird allerdings schw&#228;cher und f&#252;r die Kapitalisten ist die   PML die einzig realistische Alternative.<\/p>\n<p>  Der Imperialismus h&#228;tte jedoch ein Problem mit einer PML-Regierung, da   sie Verbindungen zu Teilen der Taliban unterh&#228;lt. Zum jetzigen Zeitpunkt   kann eine R&#252;ckkehr zu irgendeiner Art von milit&#228;rischer Herrschaft nicht   ausgeschlossen werden. Ebenso wenig kann ausgeschlossen werden, dass der   US-Imperialismus die Aufl&#246;sung Pakistans in die Wege leitet. Die USA   h&#228;tten f&#252;r ihre Aktivit&#228;ten gerne eine sichere Basis in Belutschistan   und k&#246;nnten daher dessen Unabh&#228;ngigkeit unterst&#252;tzen, wenn das ihrem   Ziel dienen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Die politische, soziale und &#246;konomische Krise in Pakistan f&#252;hrt unter   den Massen zu Verzweifelung. Einige Teile k&#246;nnten in der Hoffnung, dass   diese Stabilit&#228;t bringen kann, sogar eine Regierungs&#252;bernahme durch die   Taliban unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  In dieser Situation macht die SMP die Erfahrung weit diffizilerer   Umst&#228;nde f&#252;r den eigenen Aufbau als in der vorangegangenen Periode einer   rasch wachsenden Mitgliedschaft und Einflussnahme. Doch die SMP wird auf   der Linken als einzige Organisation mit klaren Perspektiven und   eindeutiger Politikausrichtung angesehen, w&#228;hrend andere konfus und   gespalten sind. Die M&#246;glichkeit, neue Gruppen von SozialistInnen in   unseren Reihen willkommen hei&#223;en zu k&#246;nnen, besteht ebenso wie der   Aufbau neuer Gewerkschaftsstrukturen auf Grundlage einer k&#228;mpferischen   Politikausrichtung, was hunderttausende von ArbeiterInnen umfassen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Es kommt permanent zu spontanen Aktionen; 50.000 Menschen protestierten   gegen eine j&#252;ngste Strompreisanhebung und Politiker, die sich ihnen   n&#228;hern wollten, wurden zusammengeschlagen. Zu &#246;rtlich bedingten Themen   finden t&#228;glich Demonstrationen statt; h&#228;ufig vertreten die Anf&#252;hrer   dieser Bewegungen antipolitische Haltungen. Es existiert eine gro&#223;e   Kluft zwischen den fortschrittlichsten Gruppen, die bis hin zu   sozialistischen Ideen kommen, und den demoralisierten Massen, die von   den L&#252;gen der kapitalistischen Politiker und den Linken, die sie in der   Vergangenheit im Stich gelassen haben, die Nase voll haben. Die SMP wird   durch das Aufwerfen der Idee des Sozialismus alles daran setzen, die   K&#228;mpfe zu politisieren.<\/p>\n<p>  Pakistan kann nur auf eine Weise &#252;berleben: Durch die St&#228;rkung dieser   Bewegung f&#252;r den Sozialismus. Es kann jederzeit zu sozialen Explosionen   kommen und die SMP muss darauf vorbereitet sein. Die heutige Situation   ist in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit der von 1968\/-69, als es zu   Massenbewegungen und K&#228;mpfen in Pakistan kam &#8211; das war die radikalste   Phase in der pakistanischen Geschichte. Wenn sich solche Proteste gegen   die Regierung und ihre neoliberale Politik entwickeln sollten, w&#252;rde   dies die Unterst&#252;tzung f&#252;r die Taliban und rechte politische   Fundamentalisten untergraben. Darin besteht die wirkliche Hoffnung f&#252;r   die Arbeiterbewegung in Pakistan.<\/p>\n<p>  Genosse Jamal berichtete, dass der von Indien besetzte Teil Kaschmirs   (IOK) unter Gouverneursherrschaft gestellt wurde, nachdem die   Zivilregierung zusammengebrochen war. Die Politik in Kaschmir ist direkt   verkn&#252;pft mit der Pakistans; dschihadistische Gruppen dort werden vom   pakistanischen Staat finanziert. Religi&#246;ses Sektierertum nimmt im IOK   zu. Trotzdem kam es auch dort zu gewerkschaftlichen K&#228;mpfen &#8211; sowohl im   IOK als auch im von Pakistan besetzten Teil (POK). LehrerInnen und   andere Besch&#228;ftigte des &#246;ffentlichen Dienstes sind im POK aktiv   geworden. Am 1. Mai kam es zu Massendemonstrationen in Srinigar, der   Hauptstadt von IOK. Eine wichtige Entwicklung war die Gr&#252;ndung eines   Gewerkschaftlichen Forums im &#214;ffentlichen Dienst in IOK, das am 20.   November einen 500.000 Personen starken Streik organisierte.<\/p>\n<p>  Der Kampf zwischen den imperialistischen M&#228;chten in S&#252;dasien im 19.   Jahrhundert, das sogenannte &#8222;Gro&#223;e Spiel&#8220;, ist durch das &#8222;Neue Gro&#223;e   Spiel&#8220; im Kampf um Einfluss zwischen den kapitalistischen Eliten der   Region wieder aufgenommen worden. Es schlie&#223;t aber auch externe M&#228;chte   wie China, Russland und vor allem die USA und NATO-Kr&#228;fte mit ein.<\/p>\n<p>  Genosse Jagadish von der Socialist Alternative in Indien stellte den   Konflikt zwischen den Eliten in Indien und Pakistan heraus, der sich in   Afghanistan und andernorts niederschl&#228;gt. Die Rolle des ISI, dem   pakistanischen Geheimdienst, hat schreckliche Folgen f&#252;r die Region. Das   ISI war &#8222;Staat im Staate&#8220;. Der indische Geheimdienst, der Research   Analysis Wing, &#252;bt jedoch auch seine eigenen schmutzigen Aktivit&#228;ten   aus, um dem Einfluss des ISI entgegenzuwirken. Vor allem in Kaschmir ist   dies der Fall.<\/p>\n<p>  Tony Saunois vom Internationalen Sekretariat des CWI (IEC) beleuchtete   die instabile Lage und die rapide Verfl&#252;chtigung der Illusionen in die   PPP. Er erinnerte das IEC daran, dass wir fr&#252;her schon den Charakter der   PPP dahingehend analysiert hatten, dass sie eine pro-imperialistische,   kapitalistische Partei ohne Bezug zu ihrer radikalen Vergangenheit in   den 1960er und -70er Jahren sei.<\/p>\n<p>  Er unterstrich auch noch einmal den von Khalid angebrachten Punkt,   wonach sich die Taliban und Fundamentalisten in den St&#228;dten   organisieren, die meisten ArbeiterInnen sich zum jetzigen Zeitpunkt aber   nicht auf sie als Ausweg orientieren. Die Situation in der NWFP und den   Stammesgebieten ist verschieden. Dort gibt es teilweise einen R&#252;ckfall   in Barbarei. Jedoch gibt es hier wichtige Unterschiede zu Afghanistan;   eine Macht&#252;bernahme durch die Taliban in Pakistan w&#252;rde das Land zum   Beispiel unmittelbar in einen Konflikt mit nationalen Minderheiten   f&#252;hren.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend f&#252;r die ArbeiterInnen folglich eine verzweifelte Situation   vorherrscht, bestehen f&#252;r das CWI in Pakistan und Kaschmir weiterhin   M&#246;glichkeiten. Und die St&#228;rkung unserer Kr&#228;fte ist eminent wichtig f&#252;r   zuk&#252;nftige soziale und politische Explosionen, die zweifelsohne heute   schon vorbereitet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Weltwirtschaftskrise hat Pakistan besonders hart getroffen und dies<br \/>\n      hat die soziale und politische Krise versch&#228;rft. 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