{"id":12898,"date":"2008-11-26T00:00:00","date_gmt":"2008-11-26T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12898"},"modified":"2008-11-26T00:00:00","modified_gmt":"2008-11-26T00:00:00","slug":"12898","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/11\/12898\/","title":{"rendered":"Island: Opfer der Kasino-Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>  &#8222;Gott sch&#252;tze Island&#8220; &#8211; Demonstrations-Slogan<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Per-Ake Westerlund, R&#228;ttvisepartiet Socialisterna   (Gerechtigkeitspartei, Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI   in Schweden), 10. Oktober 2008<\/i><\/p>\n<p>  Ganz im Gegensatz zu seiner geografischen Lage ist Island &#246;konomisch   gesehen keine isolierte Insel. Seine Bankiers und Politiker bekamen von   der kapitalistischen Globalisierung alles, was sie wollten &#8211; und f&#252;hrten   das Land in den Bankrott. Die W&#228;hrung Islands, die Isl&#228;ndische Krone,   wird von ausl&#228;ndischen Banken nicht mehr gehandelt. RentnerInnen haben   Milliarden verloren und die Regierung befindet sich wegen britischer   Sparkonten im Konflikt mit Gordon Brown.<\/p>\n<p>  Erst in den 2000ern sind die Banken in Island privatisiert worden.   Dessen ungeachtet reihten sie sich schnell in die globale   Kasino-Wirtschaft ein. Ihre Shoppingtouren, auf denen sie sich bei   Firmen in Skandinavien und Gro&#223;britannien einkauften, wurden mit   Schulden und einer Kreditblase finanziert, die einen scheinbar endlos   steigenden Reichtum garantierte. Im vergangenen Jahr beliefen sich die   zusammen genommenen Anlagewerte dann auf das Zehnfache des   Bruttoinlandsproduktes Islands.<\/p>\n<p>  Im Verlauf der letzten Woche wurden nun alle drei Gro&#223;banken   verstaatlicht: zuerst Glitnir, dann Landsbanki und schlie&#223;lich die   gr&#246;&#223;te, Kaupthing. Am Mittwoch, dem 8. Oktober, erz&#228;hlte der   Chefvolkswirt von Kauphting, Asgeir Jonsson, trotz allem noch der   schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet, dass die Bank in privater   Hand bleiben w&#252;rde. Zu diesem Zeitpunkt hatte die schwedische   Zentralbank Kaupthing in Schweden bereits durch einen   F&#252;nf-Milliarden-Kronen-Kredit (~500 Mio. Euro) de facto &#252;bernommen.<\/p>\n<p>  Die Verstaatlichung dieser Banken lie&#223;en deren Aktienscheine wertlos   werden. Zehn Prozent der Bev&#246;lkerung Islands (30.000 von 300.000   EinwohnerInnen) hielten Aktienanteile an den Banken. Der gr&#246;&#223;te Teil der   Altersvorsorge war genauso schwer getroffen, wie auch &#252;ber 100 Gemeinden   in Gro&#223;britannien, die mit mehr als 720 Millionen britischer Pfund   (entspricht ca. 905 Mio. &#8364;; Anm. d. &#220;bers.) in die isl&#228;ndischen Banken   &#8222;investiert&#8220; hatten. Der britische Premierminister Gordon Brown   beschuldigte Island, &#8222;illegale&#8220; Ma&#223;nahmen ergriffen zu haben, und er   benutzte ein Anti-Terror-Gesetz, um britische Anteile bei der Landsbanki   einzufrieren.<\/p>\n<p>  Islands Premierminister Geir Haarde warnte vor der Gefahr einer   &#8222;nationalen Pleite&#8220;, so seine Worte in einer Fernsehansprache am Montag,   dem 6. Oktober. Er schloss seine Rede, die er aufgrund von Diskussionen   zwischen Bankiers und Politikern hinter verschlossenen T&#252;ren erst mit   f&#252;nfst&#252;ndiger Versp&#228;tung halten konnte, mit: &#8222;Gott sch&#252;tze Island&#8220;. Am   darauf folgenden Tag war &#8222;Gott sch&#252;tze Island&#8220; auf vielen Transparenten   bei der ersten Demonstration zu lesen, die gegen die Praktiken der   Regierung in dieser Krise mit gut eintausend TeilnehmerInnen stattfand.<\/p>\n<p>  Die Wut der Menschen in Island richtet sich sowohl gegen die Bankiers   wie auch gegen die Regierung, die gemeinsam handeln. Luxuskarossen waren   zum vertrauten Bild in den Stra&#223;en Reykjaviks geworden und im Club B5   konnten Bankiers ihren Champagner in einem eigens daf&#252;r designten   Banken-Gew&#246;lbe genie&#223;en. Viele der Neu-Reichen besch&#228;ftigten   Haush&#228;lterinnen aus Osteuropa.<\/p>\n<h4>  B&#246;rsenhandel ausgesetzt, W&#228;hrung im freien Fall<\/h4>\n<p>  Etliche Kommentatoren sagen jetzt, dass es nur um &#8222;20 bis 30 Personen&#8220;   geht, die diese extreme Krise herbeigef&#252;hrt haben. Das allein schon ist   ein Urteil &#252;ber die undemokratische Natur der kapitalistischen   Volkswirtschaft. Es sagt aber auch einiges &#252;ber diejenigen   Gewerkschaftsf&#252;hrerInnen und Co. aus, die nicht gegen diesen Trend   angek&#228;mpft haben. Kapitalismus schien die Antwort auf alles zu sein.<\/p>\n<p>  Doch dies ist nun l&#228;ngst vor&#252;ber. Am Donnerstag, dem 9. Oktober, wurde   der B&#246;rsenhandel ausgesetzt, und er wird nicht vor Montag, dem 13.   Oktober, wieder aufgenommen. Der Handel mit Finanzunternehmen ist   bereits am Montag, dem 6. Oktober, unterbrochen worden.<\/p>\n<p>  Bei 131 im Verh&#228;ltnis zum Euro hat die Regierung auch hinsichtlich der   Stabilisierung der Krone vollends versagt. Vor einem Jahr erhielt man   noch 85 Kronen f&#252;r einen Euro, doch letzte Woche fiel sie auf 160. am   Donnerstag, dem 9. Oktober, kam dann mit einem Kurs von 340 Kronen gegen   einen Euro der v&#246;llige Zusammenbruch, bevor der Handel komplett   ausgesetzt wurde. &#8222;Keine Bank will mit der isl&#228;ndischen Krone handeln&#8220;,   sagte Elisabeth Gruie, W&#228;hrungsexpertin beim Bankhaus BNP Paribas.<\/p>\n<p>  Dies ist eine Katastrophe f&#252;r die Menschen in Island. 30.000 Menschen   haben Schulden f&#252;r PKWs und Immobilien in ausl&#228;ndischen W&#228;hrungen. Auch   die Ersparnisse von gut 1000 polnischen ArbeiterInnen in der   Fischereibranche und im &#246;ffentlichen Dienst schrumpfen zusammen und   landen im Nichts.<\/p>\n<p>  &#220;ber all dem n&#228;hert sich die Inflation der 20 Prozent- bis   25-Prozent-Marke und die Zinss&#228;tze sind mit &#252;ber zehn Prozent die   h&#246;chsten in ganz Europa. PKW- und Hausk&#228;ufe sowie Verk&#228;ufe von   Gro&#223;handelsg&#252;tern sind eingebrochen. Einige SparerInnen haben ihre   Konten gepl&#252;ndert und andere beginnen damit Lebensmittel zu hamstern. Am   schlimmsten trifft es die RentnerInnen: Die Regierung beabsichtigt   Rentenk&#252;rzungen durchzuf&#252;hren. Und dabei hat sie noch nicht einmal   gewagt Zahlen vorzulegen.<\/p>\n<p>  Die Kapitalisten hantieren mit unterschiedlichen &#8222;L&#246;sungsm&#246;glichkeiten&#8220;:   ein Gro&#223;kredit von Russland, ein Deal mit dem Internationalen   W&#228;hrungsfonds (IWF) oder dem Beitritt zum Euro. Selbst die Politiker,   die am st&#228;rksten f&#252;r die Unabh&#228;ngigkeit des Landes stehen (wie z.B.   Premierminister Haarde), erw&#228;gen einen Beitritt zur EU. Allerdings ist   der Beitritt zum Euro oder das Koppeln der Krone an den Euro &#8211; seitdem   Island nur noch sehr geringe Kapitalreserven aufweist &#8211; nahezu unm&#246;glich.<\/p>\n<p>  Was das Ergebnis dieser Diskussionen auch sein mag, es wird zu schweren   Angriffen auf die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen, vor allem im   &#246;ffentlichen Bereich, f&#252;hren. Der IWF und die EU oder Russland werden   scharfe Forderungen f&#252;r Haushaltsk&#252;rzungen vorlegen.<\/p>\n<p>  In Schweden stellen die Massenmedien die Krise als &#8222;typisch isl&#228;ndisch&#8220;   dar. Als die isl&#228;ndischen Banken aber daran beteiligt waren, schwedische   Aktien und den Finanzhandel in die H&#246;he zu pushen, beschwerten sie sich   allerdings nicht. Genauso wenig wie Gordon Brown, dessen Heuchelei   grenzenlos zu sein scheint.<\/p>\n<p>  Die Kasino-Wirtschaft hat verheerende Auswirkungen f&#252;r Island. Was jetzt   n&#246;tig ist, ist eine Massenbewegung gegen regionale wie globale   Kapitalisten und Politiker, verbunden mit K&#228;mpfen in anderen L&#228;ndern,   f&#252;r eine internationale L&#246;sung der Krise. Alle B&#252;cher m&#252;ssen offengelegt   werden; die gesamte isl&#228;ndische Wirtschaft muss von Komitees von   ArbeiterInnen und normalen Menschen geplant und kontrolliert werden &#8211;   als Schritt in Richtung einer echten L&#246;sung: demokratischer Sozialismus.<\/p>\n<h4>  Homepage der R&#228;ttvisepartiet Socialisterna: www.socialisterna.org<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8222;Gott sch&#252;tze Island&#8220; &#8211; Demonstrations-Slogan\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46,127],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12898"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12898"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12898\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}