{"id":12894,"date":"2008-11-10T23:18:58","date_gmt":"2008-11-10T23:18:58","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12894"},"modified":"2018-11-08T11:12:20","modified_gmt":"2018-11-08T10:12:20","slug":"12894","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/11\/12894\/","title":{"rendered":"Vor 90 Jahren Revolution in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2008\/11\/NOvember.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-26403\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2008\/11\/NOvember-e1389350453193-280x173.png\" alt=\"November Revolution\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2008\/11\/NOvember-e1389350453193-280x173.png 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2008\/11\/NOvember-e1389350453193-162x100.png 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2008\/11\/NOvember-e1389350453193-560x345.png 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2008\/11\/NOvember-e1389350453193.png 1200w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Im November 1918 st\u00fcrzten die kriegsm\u00fcde deutsche Arbeiterklasse und meuternde Soldaten Kaiser Wilhelm II. und bildeten im ganzen Land Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die eine neue politische Macht darstellten. <\/strong><\/p>\n<p>Der Sozialismus stand auf der Tagesordnung und keine politische Kraft traute sich gegen die R\u00e4te oder gegen Sozialismus aufzutreten, so \u00fcberw\u00e4ltigend war die Macht der revolution\u00e4ren Bewegung. Und doch markiert die Novemberrevolution nicht den Sieg des Sozialismus und die Machtergreifung durch die Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, sondern den Auftakt f\u00fcr eine f\u00fcnf Jahre w\u00e4hrende Periode von Revolution und Konterrevolution, die mit der vor\u00fcbergehenden Erringung gewisser demokratischer und sozialer Rechte, aber auch der Festigung der Macht der Kapitalisten endete und den Weg f\u00fcr den Aufstieg und die Machteroberung der Nazis ebnete. Warum scheiterte diese Revolution? H\u00e4tte die Geschichte anders verlaufen k\u00f6nnen? Welche Lehren sind zu ziehen?<\/p>\n<p><em>Von Sascha Stanicic<\/em><\/p>\n<p>Man kann den Verlauf der Revolution von 1918\/19 nicht verstehen, ohne die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung in den Jahren zuvor zu untersuchen. Deutschland war keine b\u00fcrgerlich-parlamentarische Demokratie, sondern ein Kaiserreich, in dem f\u00fcr das mit eingeschr\u00e4nkten Rechten und dem Kaiser statt dem Volk verantwortlichen Parlament ein Drei-Klassen-Wahlrecht bestand. Die Stimmen der Arbeiter (Frauen hatten ohnehin kein Wahlrecht) z\u00e4hlten weniger als die Stimmen des B\u00fcrgertums, der Gro\u00dfgrundbesitzer (Junker) und des Adels. Die deutsche Bourgeoisie (Kapitalistenklasse) war in der Revolution von 1848 zu z\u00f6gerlich und zu feige gewesen, eine demokratische Republik zu erk\u00e4mpfen \u2013 vor allem weil sie aus Angst vor der zu eigenst\u00e4ndigem Klassenbewusstsein erwachenden Arbeiterschaft das B\u00fcndnis mit den alten M\u00e4chten vorzog. Die kapitalistische Entwicklung Deutschlands fand also in einem Staat statt, der weiterhin Elemente des Mittelalters trug. Diese Entwicklung von gro\u00dfer Industrie vollzog sich im Vergleich zu anderen kapitalistischen M\u00e4chten, vor allem England und Frankreich, versp\u00e4tet, zum Ende des 19. Jahrhunderts aber sehr dynamisch.<\/p>\n<p><strong>Deutsche Industrieproduktion<\/strong><\/p>\n<p>1867-1902 (1913=100)<\/p>\n<p>1867-1875: 20<\/p>\n<p>1876-1886: 27<\/p>\n<p>1887-1893: 39<\/p>\n<p>1893-1902: 57<\/p>\n<p><strong>SPD vor dem Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Im Scho\u00dfe dieser kapitalistischen Entwicklung entstand in Deutschland die st\u00e4rkste Arbeiterbewegung aller L\u00e4nder \u2013 SPD und Gewerkschaften. Der Versuch, die Sozialdemokratie durch ein Verbot (\u201eSozialistengesetz\u201c) unter Bismarck von 1878 bis 1890 vom Aufbau abzuhalten, schlug fehl. Die illegale Partei und ihre vielf\u00e4ltigen Vorfeldorganisationen wuchsen rapide an und sozialdemokratische Kandidaten erhielten von Wahl zu Wahl mehr Stimmen. Dies war Ausdruck des starken Wirtschaftsaufschwungs, der die Reihen der Arbeiterklasse wachsen lie\u00df und ihr Selbstbewusstsen steigerte, aber auch der unerschrockenen und k\u00e4mpferischen T\u00e4tigkeit der SPD.<\/p>\n<p>Die Partei galt als Modell und leuchtendes Vorbild f\u00fcr ihre Bruderparteien in der 1889 gegr\u00fcndeten Sozialistischen Internationale. Sie berief sich auf den Marxismus, verstand sich als revolution\u00e4r und hatte sich die Erk\u00e4mpfung einer sozialistischen Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab die SPD 90 Tageszeitungen heraus, die zusammen 1,4 Millionen Abonnenten hatten. Sie hatte insgesamt wahrscheinlich bis zu 15.000 hauptamtliche Mitarbeiter. Sie leitete starke Arbeitersport-, Frauen- und Jugendbewegungen. In den Worten der sp\u00e4teren KPD-F\u00fchrerin Ruth Fischer war die Sozialdemokratie f\u00fcr Millionen ArbeiterInnen eine \u201eArt zu Leben\u201c.<\/p>\n<p>Doch die kontinuierlichen Fortschritte im Aufbau der Partei, die Erfolge bei der Verbesserung der Lage der arbeitenden Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend des langen Wirtschaftsaufschwungs, die Herausbildung einer besser gestellten Schicht von Facharbeitern (so genannte Arbeiteraristokratie) und die Entwicklung eines materiell privilegierten und abgehobenen Parteiapparats lie\u00dfen in der Sozialdemokratie eine reformistische Praxis entstehen, die sich ganz auf die unmittelbaren Tagesaufgaben konzentrierte und den Sozialismus nur noch als Fernziel propagierte. Das Programm der Partei unterteilte sich schematisch in ein Minimal- und ein Maximalprogramm. Eine Verbindung zwischen Lohnk\u00e4mpfen oder dem Kampf gegen das Drei-Klassen-Wahlrecht mit dem Kampf f\u00fcr Sozialismus fand praktisch nicht statt. Es entwickelte sich die Illusion, dass der Sozialismus \u201eautomatisch\u201c am Ende des stetigen Wachstums der Sozialdemokratie erreicht w\u00fcrde. Diese Praxis fand ihren Ausdruck in der Theorie des Revisionismus, wie sie von Eduard Bernstein formuliert wurde. Dieser wollte den Marxismus revidieren. Seine Anschauungen spitzte er in der Aussage zu \u201eDie Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts.\u201c<\/p>\n<p>In der Partei f\u00fchrte das zum sogenannten Revisionsmusstreit, in dessen Verlauf sich drei Fl\u00fcgel heraus bildeten: die Revisionisten (rechter Fl\u00fcgel), das marxistische Zentrum um Karl Kautsky und die Linksradikalen um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Das marxistische Zentrum hielt in Worten am Marxismus fest, akzeptierte aber die reformistische Praxis der Partei. Kautsky war der international anerkannte Theoretiker des Marxismus nach dem Tode von Friedrich Engels und auch die russischen Bolschewiki um Lenin verstanden sich bis zum Jahr 1914 als Unterst\u00fctzer Kautskys. W\u00e4hrend Revisionisten und Zentrum im hauptamtlichen Parteiapparat und den Parlamentsfraktionen ein starkes organisiertes R\u00fcckgrat hatten, standen die Linksradikalen nur in lockerer Verbindung zueinander. Auch wenn die Partei auf ihren Kongressen 1901 und 1903 den Revisionismus zur\u00fcck wies, \u00e4nderte das nichts an ihrer reformistischen Praxis. Der SPD Sekret\u00e4r Ignaz Auer dr\u00fcckte das in einem Brief an Bernstein mit den Worten aus, man sage solche Dinge, wie Bernstein sie vorschlage nicht, man mache sie einfach! Kautsky war der Meinung, die SPD sei zwar eine revolution\u00e4re, aber keine revolutionmachende Partei.<\/p>\n<p><strong>Erster Weltkrieg<\/strong><\/p>\n<p>Der deutsche Kapitalismus war bei der Aufteilung der Welt unter die Kolonialm\u00e4chte zu sp\u00e4t gekommen. Mit der Macht der Gro\u00dfkonzerne aus der Eisen-, Stahl- und Chemieindustrie und den Schiffswerften war auch deren Drang nach Expansion gewachsen. Aufr\u00fcstung und Krieg versprachen einen Absatzmarkt f\u00fcr R\u00fcstungsprodukte. Landeroberungen sollten den Zugang zu Rohstoffen, Absatzm\u00e4rkten und billigen Arbeitsk\u00e4ften sichern. Der Erste Weltkrieg stand vor der T\u00fcr.<\/p>\n<p>Bis zum Ausbruch des Krieges dominierte in der Arbeiterbewegung die Opposition gegen diesen. Noch am 25. Juli 1914 schrieb das SPD-Organ \u201aVorw\u00e4rts\u2018: \u201eDer Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die Euch im Frieden knebeln, verachten, ausnutzen, wollen Euch als Kanonenfutter missbrauchen. \u00dcberall muss den Gewalthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! (&#8230;) Hoch die internationale V\u00f6lkerverbr\u00fcderung.\u201c Die Sozialistische Internationale hatte Beschl\u00fcsse gefasst, die ihre Mitgliedsparteien zur Opposition gegen den Krieg verpflichten sollten. Massendemonstrationen wurden organisiert. Doch als es so weit war, handelte die SPD- und Gewerkschaftsf\u00fchrung nach dem Motto \u201awas schert mich mein Geschw\u00e4tz von gestern\u2018 und reihte sich in die Reihen der Kriegsbef\u00fcrworter und Vaterlandsverteidiger ein \u2013 in Deutschland und allen L\u00e4ndern der Sozialistischen Internationale mit der Ausnahme von Russland, wo Lenins Bolschewiki dem Zarenreich die Unterst\u00fctzung versagten, Serbien und Bulgarien. Am 4. August 1914 stimmte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion den Kriegskrediten zu. In der Fraktionssitzung hatten noch 14 Abgeordnete gegen eine Zustimmung votiert. Aber sie alle, auch Karl Liebknecht, beugten sich bei dieser ersten Abstimmung der Fraktionsdisziplin und stimmten im Reichstag entgegen ihrer \u00dcberzeugung. Liebknecht wertete das sp\u00e4ter als schweren Fehler. Die F\u00fchrungen der Gewerkschaften hatten schon am 2. August ihren Verzicht auf selbst\u00e4ndige gewerkschaftliche Aktionen w\u00e4hrend des Krieges (\u201eBurgfrieden\u201c) erkl\u00e4rt. Der Schock f\u00fcr die internationalistischen Kr\u00e4fte der Arbeiterbewegung war gro\u00df. Selbst Lenin wollte die Nachricht aus Berlin nicht glauben und dachte, die entsprechende Ausgabe des \u201aVorw\u00e4rts\u2018 sei eine F\u00e4lschung.<\/p>\n<p>Diese Politik der SPD-F\u00fchrung war logische Konsequenz aus der Preisgabe ihres revolution\u00e4ren Charakters und ihrer Anpassung an den Kapitalismus. Die B\u00fcrokraten und Abgeordneten hatten in ihrer gro\u00dfen Mehrheit Frieden mit dem Kapitalismus geschlossen und die Perspektive einer Machtergreifung durch die Arbeiterklasse aufgegeben. Um ihre gut dotierten P\u00f6stchen nicht zu verlieren, durften sie auch die herrschende Ordnung nicht gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p><strong>Linke in der SPD<\/strong><\/p>\n<p>Diese Politik ihrer F\u00fchrung lie\u00df in der Arbeiterklasse ein hohes Ma\u00df an Verwirrung entstehen. Die einen lie\u00dfen sich von der Kriegsbegeisterung und den Versprechen auf einen raschen Sieg mitrei\u00dfen, andere waren geschockt.<\/p>\n<p>Der russische Revolution\u00e4r Leo Trotzki, der bei Kriegsbeginn im Wiener Exil lebte, erkl\u00e4rt in seiner Autobiographie die Begeisterung f\u00fcr den Krieg unter den einfachen Leuten wie dem Halbtschechen Pospischl, so: \u201eSolche Menschen, deren ganzes Leben, tagaus, tagein, in monotoner Hoffnungslosigkeit verl\u00e4uft, gibt es viele auf der Welt. Auf ihnen beruht die heutige Gesellschaft. Die Alarmglocke der Mobilisierung dringt in ihr Leben ein wie eine Verhei\u00dfung. Alles Gewohnte, das man tausendmal zum Teufel gew\u00fcnscht hat, wird umgeworfen, es tritt etwas Neues, Ungew\u00f6hnliches auf. Und in der Ferne m\u00fcssen noch un\u00fcbersehbarere Ver\u00e4nderungen geschehen. Zum Besseren? Oder zum Schlimmeren? Selbstverst\u00e4ndlich zum Besseren: kann es den Pospischl schlimmer ergehen als zu \u201anormalen\u2018 Zeiten?<\/p>\n<p>Ich wanderte durch die Hauptstra\u00dfen des mir so gut bekannten Wien und beobachtete die f\u00fcr den prunkvollen Ring so ungew\u00f6hnliche Menschenmenge, in der Hoffnungen lebendig wurden. Und hatte sich ein Teilchen dieser Hoffnungen nicht schon heute verwirklicht? H\u00e4tten sich zu einer anderen Zeit die Gep\u00e4cktr\u00e4ger, Waschfrauen, Schuhmacher, Gehilfen und die Halbw\u00fcchsigen der Vorstadt auf der Ringstra\u00dfe als Herren der Lage f\u00fchlen k\u00f6nnen? Der Krieg erfasst alle, und folglich f\u00fchlen sich die Unterdr\u00fcckten, vom Leben betrogenen mit den Reichen und M\u00e4chtigen auf gleichem Fu\u00dfe. (&#8230;) Wie die Revolution wirft auch der Krieg das ganze Leben, von oben bis unten, aus dem Geleise. Aber die Revolution richtet ihre Schl\u00e4ge gegen die bestehende Macht. Der Krieg dagegen festigt in der ersten Zeit die Staatsmacht, die in dem durch den Krieg entstandenen Chaos als die einzige sichere St\u00fctze erscheint &#8230; bis derselbe Krieg sie untergr\u00e4bt.\u201c<\/p>\n<p>In der SPD gab es von Anfang an Opposition gegen den Krieg, aber die BasisaktivistInnen, die ihre internationalistischen und sozialistischen \u00dcberzeugungen nicht \u00fcber Bord werfen wollten waren konfrontiert mit einer Welle des Patriotismus, mit der Propaganda und der Einforderung von Disziplin durch ihre F\u00fchrung und mit staatlicher Repression bzw. Einberufung zum Milit\u00e4r. Vor allem aber waren die KriegsgegnerInnen \u00fcberhaupt nicht organisiert. Nun r\u00e4chte sich, dass Luxemburg, Liebknecht und andere des linken Parteifl\u00fcgels keine organisierte marxistische Fraktion aufgebaut hatten, wie Lenin es mit der bolschewistischen Fraktion in der russischen Sozialdemokratie seit 1903 gemacht hatte. Verbindungen mussten oftmals neu und m\u00fchsam aufgebaut werden. Es gab kein zentrales Organ der KriegsgegnerInnen, mit dem sie Gleichgesinnte h\u00e4tten politisch und organisatorisch zusammen halten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im September 1914 gaben Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, der Marx-Biograph Franz Mehring und die bedeutendste F\u00fchrerin der proletarischen Frauenbewegung Clara Zetkin eine gemeinsame Erkl\u00e4rung in Opposition zur Politik der SPD-F\u00fchrung ab. Am 22. Oktober forderten die sozialdemokratischen Abgeordneten im Preu\u00dfischen Abgeordnetenhaus Frieden zu schlie\u00dfen und die f\u00fcnf oppositionellen SPD-Abgeordneten verlie\u00dfen den Parlamentssaal in einem Akt des Protests vor der Schlussrede des Pr\u00e4sidenten. Und schlie\u00dflich stellte sich Karl Liebknecht am 2. Dezember alleine im Reichstag gegen die Kriegstreiber und Sozialpatrioten (so nannten die Linken die sozialdemokratischen Kriegsbef\u00fcrworter) und votierte als einziger gegen die Kriegskredite. Mit diesem Akt der Verweigerung wurde er f\u00fcr die Mehrheitssozialdemokraten und Kriegstreiber zum Vaterlandsverr\u00e4ter, f\u00fcr die wachsende Zahl der sich nach Frieden sehnenden ArbeiterInnen und Soldaten in Deutschland und international wurde er durch seinen einsamen Widerstand im Reichtstag zur Symbolfigur des Kampfes gegen den Krieg und f\u00fcr Sozialismus. In seiner schriftlichen Begr\u00fcndung erkl\u00e4rte er: \u201eDieser Krieg, den keines der beteiligten V\u00f6lker selbst gewollt hat, ist nicht f\u00fcr die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg. (&#8230;) Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg. (&#8230;) Ein schleuniger, f\u00fcr keinen Teil dem\u00fctigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen ist zu fordern (&#8230;) Nur ein auf dem Boden der internationalen Solidarit\u00e4t der Arbeiterklasse und der Freiheit aller V\u00f6lker erwachsener Friede kann ein gesicherter sein. So gilt es f\u00fcr das Proletariat aller L\u00e4nder, auch heute im Kriege gemeinsame sozialistische Arbeit f\u00fcr den Frieden zu leisten.\u201c<\/p>\n<p>Die Opposition gegen den Krieg wuchs in dem Ma\u00dfe, wie deutlich wurde, dass er l\u00e4nger dauern w\u00fcrde und wie sich die Lage der Massen unter den Kriegsbedingungen verschlechterte. In der SPD waren es nicht nur die Revolution\u00e4re um Liebknecht und Luxemburg, die sich mehr und mehr gegen den Krieg \u00e4u\u00dferten, sondern auch Mitglieder des Zentrums. Im M\u00e4rz 1915 stimmte neben Liebknecht auch Otto R\u00fchle gegen die Kriegskredite und 30 weitere SPD-Abgeordnete verlie\u00dfen den Saal, um an der Abstimmung nicht teilzunehmen. Im Juni 1915 unterschrieben eintausend SPD-Funktion\u00e4re verschiedener Str\u00f6mungen einen Protestbrief gegen die Politik der Parteif\u00fchrung. Im April desselben Jahres hatten Rosa Luxemburg und Franz Mehring die erste und einzige Ausgabe der Zeitschrift \u201aDie Internationale\u2018 herausgebracht. Sie sollte dazu dienen eine klare marxistische Analyse der Situation zu liefern und die marxistischen Kr\u00e4fte zu sammeln. Diese nannten sich fortan \u201aGruppe Internationale\u2018. Die meisten AutorInnen, darunter auch Clara Zetkin, K\u00e4te Duncker und August Thalheimer, geh\u00f6rten zu den sp\u00e4teren Gr\u00fcnderInnen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Rosa Luxemburg brachte die Haltung der revolution\u00e4ren MarxistInnen auf den Punkt, indem sie argumentierte, dass nur der Weg zur Macht der Arbeiterklasse auch der Weg zu Frieden und zum Wiederaufbau der Sozialistischen Internationale sei. Diese Einsch\u00e4tzung best\u00e4tigte sich in den darauffolgenden Jahren, denn dem Weltkrieg wurde ein Ende bereitet durch die sozialistische Oktoberrevolution in Russland und endg\u00fcltig durch die deutsche Revolution im November 1918.<\/p>\n<p>Doch die Gruppe Internationale blieb ein loser Zusammenschluss, was auch damit zusammen hing, dass Rosa Luxemburg und andere aus dem b\u00fcrokratischen Charakter der SPD zu weitgehende Schlussfolgerungen in die andere Richtung, gegen verbindliche Organisationsstrukturen und -disziplin, zogen. Hinzu kam staatliche Repression. Aufgrund der Zensur konnte \u201aDie Internationale\u2018 nicht weiter erscheinen. Karl Liebknecht war im Februar 1915 zur Front eingezogen worden und Rosa Luxemburg wurde im selben Monat ins Gef\u00e4ngnis gesteckt.<\/p>\n<p>So konnte keine dieser beiden wichtigsten F\u00fchrungspersonen der marxistischen Linken in Deutschland an der ersten internationalen Zusammenkunft sozialistischer KriegsgegnerInnen im September 1915 im schweizerischen Zimmerwald teilnehmen.<\/p>\n<p>Nach einer Konferenz der Gruppe Internationale im Januar 1916, auf der das Bekenntnis zum Sozialismus und Kampf gegen den Krieg genauso best\u00e4tigt wurde, wie die Bedeutung der Internationale als entscheidender Organisation f\u00fcr die Arbeiterklasse, kam es zu einem deutlicheren Bruch zwischen den revolution\u00e4ren MarxistInnen und den schwankenden Kr\u00e4ften des Zentrums. Auf dieser Konferenz wurde auch beschlossen, eigenes Material regelm\u00e4\u00dfig heraus zu bringen. Dieses illegale Material wurde mit \u201aSpartacus\u2018, in Anlehnung an den heroischen F\u00fchrer der Sklavenaufst\u00e4nde im R\u00f6mischen Reich, unterzeichnet. Fortan wurde die Gruppe Internationale als Spartakusgruppe bekannt.<\/p>\n<p><strong>Der Widerstand w\u00e4chst<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1916 wuchs die Kriegsm\u00fcdigkeit in der Arbeiterklasse. Angesichts von 250.000 get\u00f6teten deutschen Soldaten vor Verdun und wachsender Lebensmittelknappheit entlud sich die Unzufriedenheit in ersten Protesten und Streiks. Am 1. Mai hatte die Spartakusgruppe zu einer Demonstration am Potsdamer Platz in Berlin aufgerufen. Liebknecht sprach zu 10.000 DemonstrantInnen und forderte ein Ende des Krieges und den Sturz der Regierung, woraufhin er verhaftet wurde. Am Tag seines Gerichtsprozesses kam es zu einem Proteststreik von \u00fcber 50.000 ArbeiterInnen in Berlin und Demonstrationen in Stuttgart, Bremen und Braunschweig. Liebknecht wurde durch sein mutiges und entschlossenes Handeln gegen den Krieg zur internationalen Symbolfigur f\u00fcr Sozialismus, Internationalismus und den Kampf gegen den Weltkrieg. Seine Losung \u201aDer Hauptfeind steht im eigenen Land\u2018 brachte die zentrale Aufgabe der Arbeiterklasse und der sozialistischen Kr\u00e4fte in jedem kriegf\u00fchrenden imperialistischen Land zum Ausdruck: den Kampf gegen die \u201aeigene\u2018 Kapitalistenklasse und f\u00fcr die internationale Macht der Arbeiterklasse f\u00fchren, als einziges Mittel den Weltkrieg zu beenden.<\/p>\n<p>Der Druck aus der Arbeiterklasse wirkte sich in der SPD aus und die Opposition gegen den Krieg wuchs sowohl unter den Abgeordneten, als auch in der gesamten Partei. Im Reichstag hatten die Kriegsgner in der SPD-Fraktion die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft gegr\u00fcndet. Diese wurde nach ihrer ersten Konferenz im Jahr 1917 aus der SPD ausgeschlossen und gr\u00fcndete dann die Unabh\u00e4ngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die Februarrevolution in Russland, die den Zaren st\u00fcrzte, hatte gro\u00dfe Auswirkungen auf Deutschland und heizte die Opposition gegen den Krieg weiter an. Der despotische Zar, der von den Kriegstreibern als Hauptfeind pr\u00e4sentiert worden war, war nicht mehr, aber der Krieg gegen Russland wurde trotzdem weiter gef\u00fchrt. Die USPD wuchs schnell zu einer Massenpartei, die mit 120.000 Mitgliedern fast die H\u00e4lfte der 1917 noch bestehenden SPD-Mitgliedschaft mit nahm. Sie war eine breite Partei, die unterschiedlichste Kr\u00e4fte und Str\u00f6mungen aus der Arbeiterklasse umfasste, selbst der Begr\u00fcnder des Revisionismus, Eduard Bernstein, fand sich aufgrund seiner pazifistisch motivierten Kriegsgenerschaft in der USPD wieder. Die zentristischen F\u00fchrer, wie Hugo Haase und Karl Kautsky, wurden von den Ereignissen und dem Druck der Massen getrieben und bildeten die Partei eher widerwillig. Mit ihnen trat auch die Spartakusgruppe in die USPD ein und hielt darin eine selbst\u00e4ndige Existenz als Zusammenschluss revolution\u00e4rer MarxistInnen aufrecht und setzte die eigenst\u00e4ndige Publikationst\u00e4tigkeit fort. Auch die Berliner revolution\u00e4ren Obleute traten der neuen Partei bei. Diese waren ein klandestiner (geheimer) Zusammenschluss von ca. 80 sozialistischen und gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, die eine breite Basis in den Berliner Industriebetrieben hatten und neben Spartakus den linken Fl\u00fcgel der USPD bildeten. Die USPD war eine neue Massenpartei der deutschen Arbeiterklasse, ohne klare marxistische Programmatik, Strategie und Taktik, aber mit der M\u00f6glichkeit f\u00fcr revolution\u00e4re Str\u00f6mungen offen zu agieren und mit einer sich radikalisierenden Entwicklungsdynamik. Als Massenabspaltung aus der traditionellen Arbeiterpartei SPD hatte sie von Beginn an eine breite Massenbasis und tiefe Verankerung in der Arbeiterklasse. Manche Kr\u00e4fte in der heutigen Partei DIE LINKE ziehen schon einmal den Vergleich mit der USPD. Doch damit w\u00fcrde man der LINKEn zu viel der Ehre antun. Bei allem Wankelmut ihrer F\u00fchrer \u2013 Zentrismus definiert sich als \u201arevolution\u00e4r in Worten, reformistisch in Taten\u2018 \u2013 war die USPD doch von ihrem Selbstverst\u00e4ndnis eine klar sozialistische Partei, die f\u00fcr die Sozialisierung (Verstaatlichung) der gro\u00dfen Industrien und Banken und f\u00fcr die Machtergreifung durch die Arbeiterklasse eintrat. Und sie hatte eine tiefe Verankerung unter betrieblichen und gewerkschaftlichen AktivistInnen. DIE LINKE hat noch einen weiten Weg vor sich, um das zu erreichen und die dominierenden Teile ihrer F\u00fchrung verteidigen die Marktwirtschaft und orientieren die Partei in eine andere Richtung.<\/p>\n<p>Nur in einigen St\u00e4dten, vor allem Bremen, Hamburg und Dresden, bildeten sich links von der USPD revolution\u00e4re Oganisationen, die sich \u201aLinks-Radikale\u2018 nannten, mit einem gewissen Einfluss in der Arbeiterklasse. Diese bildeten im November 1918 die Internationalen Kommunisten Deutschlands und nahmen im Dezember an der Gr\u00fcndung der KPD teil. 1917 sahen die F\u00fchrer der Spartakusgruppe noch die Notwendigkeit in der USPD zu agieren, um die sich radikalisierenden Massen, die in die USPD str\u00f6mten oder sich an ihr orientierten zu erreichen und sich nicht zu isolieren.<\/p>\n<p>Im Verlauf des Jahres 1917 verschlechterten sich die Lebensbedingungen der deutschen Arbeiterklasse dramatisch. In der K\u00e4lte des Winters 1917\/18 starben tausende Kinder. Die Kindersterblichkeitsrate war seit 1913 um 50 Prozent gestiegen. Die Lebensmittelrationen wurden gek\u00fcrzt. Im April 1917 streikten 300.000 ArbeiterInnen in Berlin und Leipzig. An der Front hatten die Soldaten die Nase voll vom Krieg, es kam zu einer ersten Meuterei von Matrosen.<\/p>\n<p>Der Sieg der russischen Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te in der Oktoberrevolution 1917 hatte enorme Auswirkungen in Deutschland und verst\u00e4kte die Hoffnungen auf ein Ende des Kriegs. Die ersten Dekrete der neuen russischen Regierung unter F\u00fchrung von Lenin und Trotzki enthielten ein Angebot zu einem sofortigen Waffenstillstand und einem demokratischen Frieden ohne Annexionen und unter Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der V\u00f6lker. Dann ver\u00f6ffentlichte die Arbeiterregierung die Geheimvertr\u00e4ge der Vorg\u00e4ngerregierungen mit der Entente (den mit Russland verb\u00fcndeten M\u00e4chten) und erkl\u00e4rte, dass sie auf alle in diesen Vertr\u00e4gen Russland versprochenen Gebiete verzichte. Im Januar entwickelten sich dann die bis dahin gr\u00f6\u00dften Massenstreiks in Deutschland, als \u00fcber eine Million Streikende gegen die schrecklichen Bedingungen, die Deutschland dem russischen Arbeiterstaat im Frieden von Brest-Litowsk aufzwang, protestierten.<\/p>\n<p><strong>Reformen von oben<\/strong><\/p>\n<p>Unzufriedenheit und Unruhe in der Arbeiterklasse und unter Soldaten nahmen zu. Mit dem Eintritt der USA in den Krieg wurde immer deutlicher, dass Deutschland diesen nur verlieren konnte. Desertionen nahmen zu. Die Herrschenden ergriff Panik und sie versuchten, die sich entwickelnde Revolution von unten durch Reformen von oben zu verhindern. So wurde am 4. Oktober eine neue Regierung mit dem Prinzen Max von Baden als Kanzler eingesetzt, an der erstmals auch zwei Sozialdemokraten teilnahmen, Scheidemann und Bauer, und die erstmals dem Parlament gegen\u00fcber verantwortlich war. Eine Amnestie f\u00fcr politische Gefangene wurde erlassen, die Liebknecht die Freiheit brachte. Rosa Luxemburg wurde weiter in \u201aSchutzhaft\u2018 fest gehalten. Doch diese Ma\u00dfnahmen waren zu wenig und erfolgten zu sp\u00e4t. Als das deutsche Oberkommando der Hochseeflotte befahl, zu einer Seeschlacht mit der englischen Flotte auszufahren, die an der deutschen Niederlage nichts mehr h\u00e4tte \u00e4ndern k\u00f6nnen, aber den sicheren Tod von 80.000 Matrosen bedeutet h\u00e4tte, revoltierten diese und weigerten sich auszufahren. Das war am 3. November der eigentliche Beginn der Revolution.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass der erste Widerstand in der Armee sich in der Marine entwickelte, wo es schon zuvor zu einer Meuterei gekommen war. In der \u201aIllustrierten Geschichte der deutschen Revolution\u2018 hei\u00dft es dazu: \u201eDie Bedienung eines so komplizierten Werkes der Technik, wie es ein modernes Kriegsschiff ist, erfordert entsprechend qualifizierte Mannschaften. Die Matrosen rekrutieren sich deshalb vorwiegend aus der Industriearbeiterschaft. Auch der Gegensatz zwischen dem Wohlleben der Offizier und dem Elend und der Rechtlosigkeit der Mannschaften trat nirgends so krass in Erscheinung wie auf den Kriegsschiffen.\u201c<\/p>\n<p>Die Meuterei begann in Kiel. Ein Arbeiter- und Soldatenrat \u00fcbernahm die Kontrolle \u00fcber die Stadt. Dieser entsandte Botschafter der Revolution in andere St\u00e4dte und die Revolution breitete sich innerhalb weniger Tage auf das ganze Land aus. Am 4. November war die gesamte Flotte erfasst. Dann folgten L\u00fcbeck, Bremen, Hamburg und in den folgenden Tagen viele andere St\u00e4dte von Leipzig bis K\u00f6ln und von Frankfurt bis M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>In Berlin, wie auch in anderen St\u00e4dten, hatten revolution\u00e4re Arbeiter und Soldaten schon illegale R\u00e4te gebildet. Liebknecht nahm an den Sitzungen des Vollzugsausschuss genannten Leitungsgremiums dieser R\u00e4te teil. Hier wurde am 2. November diskutiert f\u00fcr den 4. November eine bewaffnete Demonstration durchzuf\u00fchren, die den revolution\u00e4ren Aufstand einleiten sollte. Kurze Zeit sp\u00e4ter, bei einer Vollversammlung der revolution\u00e4ren Obleute, wurden Zweifel ge\u00e4u\u00dfert, ob die Arbeiter daf\u00fcr bereit und eine solche Aktion ausreichend vorbereitet sei. Die Aktion wurde auf den 11. November vertagt. Liebknecht kritisierte in diesen Tagen die Haltung vieler USPD-Vertreter und revolution\u00e4rer Obleute, die ein zu gro\u00dfes Gewicht auf die technische Seite des Aufstandes legten und mit der Losung \u201ealles oder nichts\u201c sich gegen Massendemonstrationen aussprachen. In seinen Aufzeichnungen sind folgende Notizen zu finden: \u201eUnsere Auffassung, dass es zwischen den bisher \u00fcblichen Demonstrationen und dem revolution\u00e4ren Endkampf M\u00f6glichkeiten, Zwischenstufen g\u00e4be, in denen sich das Heranreifen f\u00fcr den Endkampf beschleunigen kann, wird wiederum, wie auch bei anderen Beratungen als revolution\u00e4re Gymnastik ironisiert und abgelehnt. (&#8230;) Die Massenbewegung ist das allein Wesentliche. Gro\u00dfe Massen auf den Stra\u00dfen sind auch gegen Milit\u00e4r und Polizei das St\u00e4rkste, selbst wenn unbewaffnet. Sie erschweren den polizeilichen oder milit\u00e4rischen Waffengebrauch und sind der st\u00e4rkste Druck zur Fraternisierung (Verbr\u00fcderung) oder doch Demoralisation der bewaffneten Macht.\u201c<\/p>\n<p><strong>Revolution!<\/strong><\/p>\n<p>Letztlich \u00fcberholte die in Kiel einsetzende Revolution die revolution\u00e4ren Obleute, die dann unter dem Druck der Massen und aufgrund der Sorge, die Mehrheits-Sozialdemokratie k\u00f6nne Initiativen ergreifen, um eine Bewegung unter ihre Kontrolle zu bekommen, am 8. November den Entschluss fassten f\u00fcr den darauffolgenden 9. November zur Aktion aufzurufen. Und an diesem Tag nahmen die Arbeiter und Soldaten die Hauptstadt des Kaiserreichs ein und Kaiser Wilhelm II. dankte ab. Liest man Berichte \u00fcber die letzten Tage und Stunden des Kaiserreichs, \u00fcber die Weigerung des Kaisers abzudanken und den Entschluss des Prinzen Max von Baden dies ohne die Zustimmung Wilhelms II. zu verk\u00fcnden und den SPD-F\u00fchrer Friedrich Ebert zum Reichskanzler zu ernennen, bekommt man eine Vorstellung von der Machtlosigkeit der M\u00e4chtigen, wenn die Massen der Arbeiterklasse entschlossen in Aktion treten. Aus diesen Beratungen der SPD-F\u00fchrer mit den Vertretern des Kapitalismus stammt der ber\u00fchmte Ausspruch Eberts: \u201eWenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja ich hasse sie wie die S\u00fcnde.\u201c Die Annahme des Kanzleramtes aus den H\u00e4nden des scheidenden Kaisers durch Ebert dr\u00fcckt aus, dass die SPD-F\u00fchrung nicht nur die Revolution hasste, sondern es auch vorgezogen h\u00e4tte, die Monarchie zu bewahren. Im Kampf gegen die Revolution bildete Ebert ein B\u00fcndnis mit dem Generalquartierhauptmeister Groener, zu dem er eine geheime Telefonverbindung unterhielt. Groener selber nannte es ein B\u00fcndnis \u201egegen die Gefahr der Bolschewiken und gegen das R\u00e4tesystem\u201c.<\/p>\n<p>Als Scheidemann um 14 Uhr vom Balkon des Reichstagsgeb\u00e4udes vor demonstrierenden Arbeitermassen spontan, weil die Stimmung der Massen erfassend, die \u201adeutsche Republik\u2018 ausrief, schlug Ebert mit der Faust auf den Tisch und schrie ihn an: \u201eDu hast kein Recht die Republik auszurufen!\u201c Darin dr\u00fcckte sich aus, dass Ebert mit General Groener in Geheimabsprachen die M\u00f6glichkeit offen gehalten hatte, die Monarchie zu retten.<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter proklamierte Karl Liebknecht vom Balkon des Berliner Schlosses ebenfalls die Republik \u2013 aber die sozialistische! Liebknecht wird mit diesen Worten zitiert: \u201eIch proklamiere die freie sozialistische Republik Deutschland, die alle St\u00e4mme umfassen soll, in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird. Die Herrschaft des Kapitalismus, der Europa in ein Leichenfeld verwandelt hat, ist gebrochen. (&#8230;) Wenn auch das Alte niedergerissen ist, d\u00fcrfen wir doch nicht glauben, dass unsere Aufgabe getan sei. Wir m\u00fcssen alle Kr\u00e4fte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen, um eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Gl\u00fccks und der Freiheit unserer deutschen Br\u00fcder und unserer Br\u00fcder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die H\u00e4nde und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf. Wer von euch die freie sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution erf\u00fcllt sehen will, erhebe seine Hand zum Schwur.\u201c Nicht ein Demonstrant erhob keine Hand. Der Ruf \u201aHoch die Republik\u2018 ersch\u00fctterte den Schlossplatz.<\/p>\n<p>Am 10. November schrieb ein Theodor Wolff im \u201aBerliner Tageblatt\u2018 \u00fcber die Revolution: \u201eDie gr\u00f6\u00dfte aller Revolutionen hat wie ein pl\u00f6tzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazu geh\u00f6rte, gest\u00fcrzt. Man kann sie die gr\u00f6\u00dfte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist. Es gab noch vor einer Woche einen milit\u00e4rischen und zivilen Verwaltungsapparat, der so verzweigt, so ineinander verf\u00e4delt, so tief eingewurzelt war, dass er \u00fcber den Wechsel der Zeiten hinaus seine Herrschaft gesichert zu haben schien. Durch die Stra\u00dfen von Berlin jagten die grauen Autos der Offiziere, auf den Pl\u00e4tzen standen wie S\u00e4ulen der Macht die Schutzleute, eine riesige Milit\u00e4rorganisation schien alles zu umfassen, in den \u00c4mtern und Ministerien thronte eine scheinbar unbesiegbare Bureaukratie. Gestern fr\u00fch war, in Berlin wenigstens, das alles noch da. Gestern nachmittag existierte nichts mehr davon &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Doch Liebknecht sollte Recht behalten, die Aufgabe war noch nicht vollendet, auch wenn die alte Ordnung zusammen gebrochen war. Die \u00fcberall entstehenden R\u00e4te der ArbeiterInnen und Soldaten waren die tats\u00e4chliche Machtinstanz in den Tagen der Revolution. Aber die ArbeiterInnen und Soldaten waren sich weder ihrer Macht bewusst, noch hatten sie ein Programm bzw. eine Vorstellung, wie der Sozialismus \u2013 den alle wollten \u2013 erreicht werden k\u00f6nnte. Sie hatten auch keine revolution\u00e4re F\u00fchrung in Form einer revolution\u00e4ren Partei mit Massenbasis, die f\u00fcr ein solches Progamm in den R\u00e4ten h\u00e4tte eine Mehrheit gewinnen k\u00f6nnen, wie es die Bolschewiki ein Jahr zuvor in Russland getan hatten.<\/p>\n<p>Der marxistische Historiker Pierre Brou\u00e9, der die deutsche Revolution intensiv untersucht hat, schreibt: \u201eDie Bewegung war so m\u00e4chtig, dass sich ihr niemand offen entgegenzustellen versuchte: nicht nur gaben die Mehrheitssozialdemokraten ihre Zustimmung zu den R\u00e4ten, sondern sogar die F\u00fchrer des Generalstabs, an ihrer Spitze Hindenburg, akzeptierten sie. Die einzige Frage war, ob die R\u00e4te das bleiben w\u00fcrden, was sie praktisch am 9. November waren: die einzige Machtquelle, die alleinige Autorit\u00e4t, oder ob sie, nur als \u00dcbergangsgebilde geduldet, auf kurze oder lange Sicht durch eine andere Herrschaftsform abgel\u00f6st werden sollten, n\u00e4mlich durch den mittels Wahl einer Nationalversammlung wieder hergestellten alten b\u00fcrgerlichen Staat. Um die R\u00e4te und die Nationalversammlung ging der wahre Kampf \u2013 der des Staates: Arbeiterstaat oder b\u00fcrgerlicher Staat, R\u00e4testaat, Sowjetrepublik oder b\u00fcrgerlich-parlamentarische Republik &#8230; Der revolution\u00e4re Aufschwung, die unmittelbare Initiative der Massen war so stark, dass die R\u00e4te sich \u00fcberall gebildet hatten, und in ihrem Scho\u00dfe mussten die Vertreter der b\u00fcrgerlichen Ordnung den Kampf f\u00fchren, um sie zu beseitigen, indem sie sich in den Rahmen der R\u00e4teherrschaft, die sie vorab nicht zur\u00fcckweisen konnten, erst einmal f\u00fcgten, um sie dann von innen umso radikaler zu zerst\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich f\u00fchrten alle Feinde des Sozialismus den Sozialismus im Munde, um die Massen zu t\u00e4uschen und zu l\u00e4hmen. Selbst der Direktor der Nationalbank, ein gewisser Herr Goldschmidt, sagte: \u201eDer wirtschaftliche Sozialismus, in vern\u00fcnftigen Formen angewandt, wird heute auch von den f\u00fchrenden Stellen des Wirtschaftslebens als durchaus berechtigt angesehen.\u201c Zur Speerspitze der Konterrevolution wurde die F\u00fchrung der Sozialdemokratischen Partei, zum gr\u00f6\u00dften Hindernis der Revolution aber die F\u00fchrung der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratischen Partei.<\/p>\n<p><a title=\"zweiter Teil\" href=\"\/?p=16851\">weiter zum zweiten Teil<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 1918 st\u00fcrzten die kriegsm\u00fcde deutsche Arbeiterklasse und meuternde Soldaten Kaiser Wilhelm II. und bildeten im ganzen Land Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te, die eine neue politische Macht darstellten.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":26403,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[86,99],"tags":[355,1469,255],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12894"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12894"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12894\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":37153,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12894\/revisions\/37153"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26403"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}