{"id":12871,"date":"2008-11-02T00:28:03","date_gmt":"2008-11-02T00:28:03","guid":{"rendered":".\/?p=12871"},"modified":"2008-11-02T00:28:03","modified_gmt":"2008-11-02T00:28:03","slug":"12871","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/11\/12871\/","title":{"rendered":"Pro &amp; Contra: Stabilisierung des Bankensektors als Etappenziel?"},"content":{"rendered":"<p>  Der schwerste Finanzcrash seit 80 Jahren &#8211; Wie soll die LINKE reagieren?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i><b>Angesichts der schwersten Bankenkrise seit den drei&#223;iger Jahren   und der beginnenden Rezession haben die Regierungen der f&#252;hrenden   kapitalistischen M&#228;chte bis dato unvorstellbare Summen an staatlichen   B&#252;rgschaften und Finanzhilfen mobilisiert, um einen Kollaps des gesamten   Finanzsystems zu verhindern. Sollten diese Gelder f&#228;llig werden, w&#252;rde   so manchem Land der Staatsbankrott drohen. Die Welt scheint Kopf zu   stehen: Die fanatischen Prediger der Privatisierung rufen nach dem   Staat. <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>In der Arbeiterbewegung und der Linken wird diskutiert, wie mit   dieser Krise umzugehen ist. Die F&#252;hrung der Partei DIE LINKE stellt   Forderungen nach eine Re-Regulierung des Finanzsystems und zur St&#252;tzung   der Konjunktur in den Vordergrund. <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>Kann durch das Ankurbeln der Konjunktur mit &#246;ffentlichen Geldern   eine tiefe Rezession verhindert oder entscheidend abgemildert werden?   Ist ein regulierter, gez&#228;hmter Kapitalismus eine reale Alternative zur   neoliberalen Variante? Wie sollte sich die Arbeiterbewegung gegen&#252;ber   den Stabilisierungsma&#223;nahmen der kapitalistischen Regierungen verhalten? <\/b><\/i><\/p>\n<h3>  <b>PRO: <\/b><\/h3>\n<h4>  <b>Ulla L&#246;tzer, Mitglied des Bundestags, Fraktion DIE LINKE, Sprecherin   f&#252;r internationale Wirtschaftspolitik<\/b><\/h4>\n<p>  In der letzten Woche hat DIE LINKE im Bundestag ihre Ablehnung des   Bankenrettungspaketes begr&#252;ndet und parallel dazu ihre Forderung nach   einem sofortigen Antikrisenprogramm in die parlamentarischen Beratungen   eingebracht.<\/p>\n<p>  F&#252;r DIE LINKE im Bundestag gilt: Wir halten eine Stabilisierung des   Bankensektors f&#252;r notwendig. Die Funktionsf&#228;higkeit des   Finanzkreislaufes, der Zahlungsverkehr und die Finanzierung von   Investitionen ist zu gew&#228;hrleisten.<\/p>\n<p>  Wir haben es in der vorgelegten Fassung aber aus folgenden Gr&#252;nden   abgelehnt. Es ist zutiefst undemokratisch. Bankmanager wie Ackermann   waren beteiligt. Das Parlament wird demgegen&#252;ber kaum beteiligt.   Steinbr&#252;ck hatte gesagt, man m&#252;sse den Brand l&#246;schen, bevor man die   Brandstifter bestrafen k&#246;nne. Er macht stattdessen die Brandstifter zur   Feuerwehr und wir bezahlen das L&#246;schwasser. Das ist inakzeptabel. Dazu   kommt, dass im Paket der Bundesregierung die Banken nicht zur   Finanzierung der Lasten herangezogen werden. Weder ist gekl&#228;rt,   inwieweit die Banken m&#246;gliche Verluste tragen, noch ob der staatliche   Fonds an zuk&#252;nftigen Gewinnen beteiligt ist. Die Gehaltsbegrenzung f&#252;r   Manager ist nichts als ein Feigenblatt und auch nur lax geregelt.<\/p>\n<p>  Die Forderung nach einer Vergesellschaftung des privaten Bankensektors   dr&#228;ngt sich in diesen Zeiten auf. Aber sie reicht bei weitem nicht aus.   Als Tagesforderung w&#252;rde sie darauf hinauslaufen, dass die gro&#223;e   Koalition aus SPD und CDU\/CSU den Bankensektor der Bundesrepublik   kontrolliert. Verbesserungen in der Gesch&#228;ftspolitik der Banken sind   davon allein nicht zu erwarten &#8211; wie die Skandale um die Praktiken der   Landesbanken von Sachsen, Bayern oder NRW zeigen. Dar&#252;ber hinaus ist sie   national begrenzt. Die Finanzm&#228;rkte sind demgegen&#252;ber international   organisiert.<\/p>\n<p>  Deshalb muss das weltweite Kasino geschlossen werden. Und dazu braucht   es mehr als die &#220;berf&#252;hrung in &#246;ffentliches Eigentum. Wir fordern   Ma&#223;nahmen zur Regulierung der Finanzm&#228;rkte. Das hei&#223;t keine Zulassung   von Hedge Fonds; Verbot spekulativer Elemente und ein   &#246;ffentlich-rechtlicher Finanz-T&#220;V, der dar&#252;ber wacht;   Transaktionssteuern; Zielzonen im W&#228;hrungssystem, auch um spekulative   Angriffe auf W&#228;hrungen zu verhindern; Schlie&#223;ung von Steueroasen; eine   &#246;ffentlich-rechtliche Ratingagentur; die R&#252;cknahme der Freistellung von   Ver&#228;u&#223;erungsgewinnen &#8211; um nur einige der wichtigsten Ma&#223;nahmen zu   nennen. Ohne diese Ma&#223;nahmen wird auch eine Vergesellschaftung, wie auch   eine Teilvergesellschaftung, verpuffen.<\/p>\n<p>  Auch hier stellt sich die Frage der Demokratie. Die G8 wollen sich mit   Vertretern der gro&#223;en Schwellenl&#228;nder treffen, um &#252;ber die   internationale Regulierung zu sprechen. Ich fordere, dass die   Entwicklungsl&#228;nder mit am Tisch sitzen, sie sind schlie&#223;lich davon   ebenfalls tief betroffen.<\/p>\n<p>  Die Lebensbedingungen der Menschen, die direkt von den Folgen der   Bankenkrise, aber vor allem des wirtschaftlichen Abschwungs betroffen   sein werden, sind f&#252;r uns ein weiterer wichtiger Grund in der Ablehnung   des Gesetzes gewesen. Der Abschwung ist bereits da, die Finanzmarktkrise   wird ihn gewaltig versch&#228;rfen. Trotzdem lehnt die Bundesregierung nach   wie vor ein Konjunkturprogramm ab. Deshalb unsere konkreten Forderungen   nach einer St&#228;rkung der Masseneinkommen durch die Anhebung des   Arbeitslosengeldes II auf 435 Euro, die Anhebung der Regels&#228;tze f&#252;r   BezieherInnen von Sozialhilfe und f&#252;r AsylbewerberInnen, die Einf&#252;hrung   eines gesetzlichen Mindestlohns in H&#246;he von 8,71 Euro und die   Wiederherstellung der Rentenformel. Deshalb auch unsere Forderung nach   einem Investitionsprogramm mit einer Ausweitung der &#246;ffentlichen   Investitionen des Bundes f&#252;r Bildung, Infrastruktur, Energiewende und   Gesundheit um 30 Milliarden Euro.<\/p>\n<p>  Damit geht es der LINKEN nicht darum, den Kapitalismus zu retten, im   Gegenteil: Die durch die Umverteilung von unten nach oben bewirkte   &#220;berakkumulation von Kapital ist f&#252;r uns eine zentrale Ursache f&#252;r die   Finanzkrise und damit Kernelement des finanzmarktgetriebenen   Kapitalismus.<\/p>\n<p>  Gegen diese zentralen St&#252;tzpfeiler sind unsere Vorschl&#228;ge f&#252;r eine   Ausweitung der &#246;ffentlichen Investitionen gerichtet, dagegen sind unsere   Forderungen zur St&#228;rkung der Masseneinkommen gerichtet und dagegen ist   unsere Forderung nach einer Million&#228;rssteuer und der Verm&#246;gens-   beziehungsweise Erbschaftsteuer gerichtet. Deshalb wollen wir auch an   der zweiten Ursache, den deregulierten Finanzm&#228;rkten ansetzen: Wir   wollen Spekulation verbieten und die Kapitalstr&#246;me Re-Regulieren.<\/p>\n<p>  Entwicklungsl&#228;nder bekommen keine Kredite mehr, um Nahrungsmittel f&#252;r   Hungernde zu kaufen. Es fehlen international Gelder f&#252;r   Infrastrukturprojekte und Daseinsvorsorge oder die Kredite werden   teurer. Auch hier muss dringend ein Fonds durch eine Kapitalabgabe   bereitgestellt werden.<\/p>\n<h3>  <b>CONTRA: <\/b><\/h3>\n<h4>  <b>Claus Ludwig, Ratsmitglied der Stadt K&#246;ln, Fraktion Die LINKE,   Mitglied des SAV-Bundesvorstandes<\/b><\/h4>\n<p>  Vorstand und Bundestagsfraktion der LINKEN fordern zu Recht die   R&#252;cknahme der Finanzmarkt-Deregulierung, ein Investitionsprogramm zur   Schaffung von Arbeitspl&#228;tzen und zur Erh&#246;hung von L&#246;hnen und   Sozialleistungen sowie die st&#228;rkere Besteuerung von Million&#228;ren. Sie   liegen allerdings falsch, wenn sie &#246;ffentlich vermitteln und selbst   glauben, dass der Kapitalismus durch eine Kontrolle der Finanzm&#228;rkte   entsch&#228;rft oder gez&#228;hmt werden k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Aus dieser irrigen Annahme resultieren Schlussfolgerungen, welche Partei   und Arbeiterbewegung desorientieren. Die Bundestagsfraktion hat   korrekterweise das &#8222;Rettungspaket&#8220; f&#252;r den Bankensektor abgelehnt,   allerdings nicht konsequent. In der Debatte sagte Oskar Lafontaine, an   die Regierung Merkel gewandt: &#8222;Wir haben doch gar keine andere Wahl, als   das Finanzmarktsystem [ &#8230;] schleunigst wieder in Gang zu bringen.   Insofern ist das, was Sie technisch machen, in der Sache nicht zu   kritisieren.&#8220; Der Berliner Landesverband der Partei hat sich sogar f&#252;r   das Paket ausgesprochen und im Bundesrat mit &#8222;ja&#8220; gestimmt.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich retten die 480 Milliarden nicht die arbeitenden Menschen vor   den Folgen der Finanzkrise oder der Rezession, sondern &#8222;stabilisieren&#8220;   die Top-Manager, die reichen Anleger und ihre Profite. Die Kosten des   Zusammenbruchs des Finanzsystems werden den &#246;ffentlichen Haushalten und   damit den arbeitenden Menschen auferlegt. Es drohen Angriffe auf   &#246;ffentliche Dienstleistungen und Arbeitspl&#228;tze, deren Ausma&#223; heute noch   nicht abzusehen ist.<\/p>\n<p>  Die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen sind keine reine   Finanzkrise, die &#8222;auf die Realwirtschaft &#252;bergreifen k&#246;nnte&#8220;, wie die   b&#252;rgerlichen Medien behaupten. Der Banken-Crash wurzelt tief in den   Widerspr&#252;chen der kapitalistischen &#214;konomie, er ist sowohl Ergebnis der   gigantischen Umverteilung zu Gunsten der Kapitalbesitzer als auch der   grundlegenden Krise der Profitabilit&#228;t der Produktion seit den siebziger   Jahren.<\/p>\n<p>  Nicht der Neoliberalismus, nicht der finanzmarktgetriebene Kapitalismus,   hat abgewirtschaftet, sondern das System selbst. Der Neoliberalismus war   nicht die &#8222;falsche&#8220; Wahl von ideologisch verblendeten Politikern,   sondern die dem Klasseninteresse des Kapitals entsprechende Variante   ihres Wirtschaftssystems. Ein Zur&#252;ck zum regulierten &#8222;Sozialstaat&#8220; der   Sechziger und Siebziger wird es nicht geben.<\/p>\n<p>  Zwei Aufgaben ergeben sich daraus f&#252;r DIE LINKE: Ein Programm gegen die   Abw&#228;lzung der Krisenlasten auf die arbeitenden Menschen und die Armen   muss ausgearbeitet werden. Ein Kernpunkt dieses Programms muss die   Ablehnung des &#8222;Rettungspaketes&#8220; und die Warnung vor dessen Folgen sowohl   in den Parlamenten als auch in den Betrieben und Stadtteilen sein.<\/p>\n<p>  Zweitens muss DIE LINKE die Legitimationskrise des Kapitalismus nutzen,   um f&#252;r dessen Abschaffung und eine sozialistische Demokratie   einzutreten, nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt.<\/p>\n<p>  Wenn schon Vertreter der herrschenden Klasse wie Paulson und Sarkozy   umfassende staatliche Eingriffe bef&#252;rworten &#8211; um den Kapitalismus zu   retten &#8211; muss DIE LINKE die Forderung nach einer Verstaatlichung des   gesamten Bankensystems unter demokratischer Kontrolle auf die   Tagesordnung setzen, nicht nur der Pleite-Banken, sondern vor allem der   gewinnbringenden Institute. So kann die Idee einer demokratisch   geplanten Wirtschaft konkretisiert werden. Eine Kontrolle des   Finanzsektors ohne die Verstaatlichung ist illusorisch.<\/p>\n<p>  DIE LINKE-Landesparteitage in Hessen und Nordrhein-Westfalen haben diese   Forderung beschlossen. Doch im Bundesvorstand wurde die Entscheidung   vertagt. Ein Schritt vorw&#228;rts, zwei Schritte zur&#252;ck scheint das Motto   der Parteispitze zu sein.<\/p>\n<p>  In einer Phase, in der Millionen Menschen das Scheitern des real   existierenden Kapitalismus beobachten, in der wohl Zehntausende bereit   sind, aktiv zu werden, scheint Die LINKE gel&#228;hmt, bekommt die   Parteif&#252;hrung kalte F&#252;&#223;e vor den Konsequenzen einer entschiedenen   antikapitalistischen Haltung.<\/p>\n<p>  Jetzt ist die Zeit rauszugehen, Kampagnen zu f&#252;hren mit den Slogans &#8222;Wir   bezahlen eure Krise nicht!&#8220; und &#8222;Verstaatlichung aller Banken&#8220;. Jetzt   ist die Zeit, in allen Ortsverb&#228;nden Lese- und Diskussionszirkel mit den   Werken von Karl Marx anzusto&#223;en. Doch die Parteif&#252;hrung stellt   Forderungen zur Finanzmarkt-Kontrolle in den Mittelpunkt, wie sie Attac   vor einigen Jahren vorgeschlagen hat.<\/p>\n<p>  Es wurden viele gute Vorschl&#228;ge f&#252;r ein Investitionsprogramm entwickelt,   um die soziale Infrastruktur zu verbessern und Jobs zu schaffen. Doch   wenn dieses Programm nicht mit einer stimmigen Analyse der Realit&#228;t und   Forderungen zur &#220;berwindung des Kapitalismus verbunden wird, wird die   Wirkung verpuffen, dann wird es keine Rolle dabei spielen, den   Widerstand gegen die Abw&#228;lzung der Krisenlasten zu st&#228;rken und politisch   voran zu bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Der schwerste Finanzcrash seit 80 Jahren &#8211; Wie soll die LINKE reagieren?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[263,209],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12871"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12871"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12871\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12871"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12871"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12871"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}