{"id":12857,"date":"2008-10-16T00:00:00","date_gmt":"2008-10-15T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12857"},"modified":"2012-08-21T13:10:25","modified_gmt":"2012-08-21T11:10:25","slug":"12857","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/10\/12857\/","title":{"rendered":"Trotzkismus: Moderner Marxismus"},"content":{"rendered":"<p>Anne Engelhardt, Lucy Redler und Tinette Schnatterer antworten auf eine Rundmail von zwei Mitgliedern vom Berliner Landesvorstand von Linksjugend [`solid], in der sie der SAV trotzkistische Unterwanderung des Jugendverbands unterstellen. Wir dokumentieren hier beide Briefe.<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<h5>Liebe Genossinnen und Genossen im Jugendverband,<\/h5>\n<p>wir wollen mit dieser Erkl\u00e4rung Fragen beantworten, die zwei Mitglieder des Landesvorstands von Linksjugend[&#8222;solid] Berlin in ihrem Text \u00fcber Trotzkismus aufgeworfen haben.<\/p>\n<p>In einem sozialistischen Jugendverband ist die Debatte zentral, wie man zu einer sozialistischen Gesellschaft gelangen kann: Was ist mit Sozialismus gemeint, wie kann eine solche Gesellschaft aussehen? Wir begr\u00fc\u00dfen diese Diskussion und m\u00f6chten mit unserem Papier einen Beitrag zur Debatte leisten.<\/p>\n<p>Im Jugendverband als auch in DIE LINKE gibt es eine Diskussion um die besten politischen Konzepte und einen Wettstreit der Ideen. Das ist nichts Neues und war schon immer so in der Arbeiterbewegung. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts f\u00fchrte zum Beispiel Rosa Luxemburg einen politischen Streit um den Weg zum Sozialismus mit Eduard Bernstein und Karl Kautsky.<\/p>\n<p>Die SAV ist eine marxistische Str\u00f6mung in der Arbeiterbewegung und ein marxistischer Fl\u00fcgel in der Partei DIE LINKE. Wir streiten genauso um unsere politischen Positionen wie das Axel Troost mit seinen wirtschaftspolitischen Vorstellungen oder Klaus Lederer mit seinen Vorstellungen von einer auf Regierungsbeteiligung orientierten Partei macht.<\/p>\n<p>Wir finden richtig, was Karl Marx im Kommunistischen Manifest \u00fcber die Rolle von Kommunisten und Marxisten geschrieben hat: \u201eSie k\u00e4mpfen f\u00fcr die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenw\u00e4rtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung.\u201c<\/p>\n<p>Wir setzen uns als Mitglieder der SAV heute f\u00fcr eine grundlegend andere Ausrichtung der Partei DIE LINKE ein. F\u00fcr eine Partei, die statt auf Regierungsbeteiligungen auf den Aufbau des au\u00dferparlamentarischen Widerstands setzt und in klarer Opposition zu allen etablierten Parteien von SPD bis CDU steht. Ein Jugendverband ist n\u00f6tig, der die heutige Parteif\u00fchrung herausfordert, die nicht nur in Berlin, sondern auch in Hessen und anderen Bundesl\u00e4ndern auf eine Anpassung an die SPD setzt.<\/p>\n<h5>Wir m\u00f6chten im folgenden zu zwei Fragen Stellung beziehen:<\/h5>\n<p>1. Was ist an Trotzkismus heute aktuell<\/p>\n<p>2. F\u00fcr was stehen SAV-Mitglieder im Jugendverband<\/p>\n<h4>Trotzkismus heute<\/h4>\n<p>Wir verstehen Trotzkismus als modernen Marxismus. Daf\u00fcr wollen wir mit diesem Text ein paar Beispiele bringen.<\/p>\n<h4>&gt; Internationalismus<\/h4>\n<p>Die politische und wirtschaftliche Zukunft eines Landes, die Frage von Krieg oder Frieden, von Klimakatastrophe oder Rettung der Natur, von Revolution oder Konterrevolution wird nicht in einem Land, sondern international auf der Grundlage des weltweiten Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den Klassen entschieden.<\/p>\n<p>Aktuell zeigt die weltweite Finanzkrise, dass eine L\u00f6sung im nationalen Rahmen nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Auch der Kampf f\u00fcr Sozialismus kann nicht national, sondern nur international gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Beispiel Lateinamerika: Hier hat es in Venezuela, Bolivien und Ecuador den Beginn einer sozialistischen Bewegung gegeben. Wenn die Schl\u00fcsselindustrien jedoch nicht vollst\u00e4ndig vergesellschaftet und ein tats\u00e4chlicher Bruch mit dem Kapitalismus vollzogen wird und sich die sozialistische Revolution nicht ausweitet, droht die Konterrevolution durch die einheimische Kapitalistenklasse, den US-Imperialismus und andere imperialistische M\u00e4chte.<\/p>\n<p>Sozialismus in einem Land ist nicht m\u00f6glich \u2013 das hatte bereits die Linke Opposition um Leo Trotzki in den zwanziger Jahren in Russland formuliert und erkl\u00e4rt, warum es m\u00f6glich war, dass sich nach der erfolgreichen sozialistischen Revolution und der Entstehung eines demokratischen R\u00e4tesystems die Sowjetunion in einen stalinistischen Staat entwickelte. Marx hat betont, dass der Sozialismus auf der h\u00f6chsten Entwicklungsstufe des Kapitalismus ansetzt. Vor dem Hintergrund von internationaler Arbeitsteilung und globalem Weltmarkt kann Sozialismus nur international verwirklicht werden, um die Bed\u00fcrfnisse aller Menschen zu befriedigen.<\/p>\n<p>Deshalb ist die SAV Teil des CWI (Committee for a workers international), das in \u00fcber 35 L\u00e4ndern der Welt Sektionen hat, darunter beispielsweise Organisationen in Nigeria, Pakistan, S\u00fcdafrika und Indien.<\/p>\n<p>Wir schlagen eine internationale, sozialistische Herangehensweise in Linksjugend[&#8222;solid], der LINKEN und in der Arbeiterbewegung vor.<\/p>\n<h4>&gt;Keine Zusammenarbeit mit b\u00fcrgerlichen Parteien in Koalitionen<\/h4>\n<p>Zahlreiche Marxisten, unter ihnen Rosa Luxemburg und Leo Trotzki, haben diesen Punkt stark betont.<\/p>\n<p>Beide haben jeglichen Koalitionen mit b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften eine Absage erteilt. Luxemburg schrieb dazu: &#8222;Ohne die M\u00f6glichkeit, der eigenen Politik die direkte Sanktion der parlamentarischen Mehrheit zu geben [das hei\u00dft ohne eigene Mehrheit], sind die Sozialisten darauf angewiesen, der b\u00fcrgerlichen Mehrheit in stetem Kampfe Konzessionen zu entrei\u00dfen&#8220;.<\/p>\n<p>In dieser Tradition lehnen Mitglieder der SAV Regierungsbeteiligungen der LINKEN mit der SPD ab \u2013 sei es in Form von Koalitionen wie in Berlin oder Tolerierungsvereinbarungen wie in Hessen. Um Verbesserungen durchzusetzen, ist massenhafter Widerstand und Selbstorganisation n\u00f6tig. Das geht nur gegen die Parteien des Kapitals, zu denen die SPD geh\u00f6rt.<\/p>\n<h4>&gt; Weder Kapitalismus, noch Stalinismus: F\u00fcr eine sozialistische Demokratie<\/h4>\n<p>Nach dem Zusammenbruch der stalinistischen Staaten haben viele Linke den Kampf f\u00fcr eine sozialistische Gesellschaft aufgegeben. Viele hatten das Gef\u00fchl, der Kapitalismus habe gesiegt und mit dem Scheitern des Ostblocks sei auch der Sozialismus gescheitert.<\/p>\n<p>Aus unserer Sicht ist im Osten nicht der Sozialismus sondern der Stalinismus gescheitert: Ein System, das zwar auf Grundlage einer verstaatlichten Wirtschaft, der Abschaffung von Kapitalismus und Gro\u00dfgrundbesitz und einer Planwirtschaft, aber ohne demokratische Kontrolle und Verwaltung von einer B\u00fcrokratie gelenkt und dirigiert wurde.<\/p>\n<p>Das Fehlen von Demokratie und die physische Vernichtung jeglicher Opposition kritisieren wir heute und stehen dabei in der Tradition der Linken Opposition um Trotzki, die gegen die Stalinisierung der Sowjetunion und f\u00fcr demokratische R\u00e4testrukturen gek\u00e4mpft hat.<\/p>\n<p>Das ist alles jedoch nicht verstaubte Geschichte. Wenn man heute f\u00fcr Sozialismus k\u00e4mpft, muss man beantworten, warum die DDR kein sozialistischer Staat war. Eine Analyse und offene Kritik am Stalinismus von einem sozialistischen Standpunkt aus, ist notwendig, um Menschen f\u00fcr den Kampf f\u00fcr Sozialismus neu begeistern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fchrende LINKE-Politiker wie Gregor Gysi oder Petra Pau kritisieren heute ebenfalls den Stalinismus \u2013 ihre Schlussfolgerung ist jedoch, dass das Programm der LINKEN im Rahmen der Marktwirtschaft verbleiben soll.<\/p>\n<p>Wir meinen dagegen, dass das kapitalistische Krisenchaos (gerade verdammt aktuell angesichts der weltweiten Finanzkrise) durch eine geplante demokratische Wirtschaft, eine sozialistische Gesellschaft, ersetzt werden muss. Damit befinden wir uns im vollen Einklang zum Programm von Linksjugend[`solid], in dem es hei\u00dft:<\/p>\n<p>\u201eDabei setzen wir auf massenhaften Widerstand, die Selbstorganisation in Betrieben, Schulen und Hochschulen und die bewusste Aktion der organisierten Mehrheit der Bev\u00f6lkerung zur Umw\u00e4lzung der Verh\u00e4ltnisse. Die Banken und Konzerne m\u00fcssen in \u00f6ffentliches Eigentum \u00fcberf\u00fchrt werden und unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung fortgef\u00fchrt werden. Unser Ziel ist die Entwicklung einer demokratisch geplanten Wirtschaft, in der nicht der Profit, sondern die Bed\u00fcrfnisse von Mensch und Natur im Zentrum stehen.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie die Linke Opposition in den zwanziger Jahren wollen wir weder die Diktatur der Banken und Konzerne wie im Kapitalismus \u2013 noch die politische Herrschaft einer abgehobenen B\u00fcrokratie wie im Stalinismus. Unter der \u201ebewussten Aktion der organisierten Mehrheit der Bev\u00f6lkerung zur Umw\u00e4lzung der Verh\u00e4ltnisse\u201c verstehen wir eine revolution\u00e4r-sozialistische Abschaffung des Kapitalismus, wie sie Marx, Luxemburg, Lenin und Trotzki vertreten haben.<\/p>\n<p>Das sind nur einige Aspekte, die wir heute zentral finden. Eine kurze Zusammenfassung zu den Ideen und Theorien Trotzkismus (von Faschismustheorie \u00fcber die Theorie der permanenten Revolution) findet ihr unter: <a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/\">https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/<\/a><\/p>\n<p>Dass Marco und Julian schreiben, Trotzki habe den Grundstein f\u00fcr die Entwicklung des Stalinismus gelegt, ist historischer Unsinn.<\/p>\n<h4>SAV-Mitglieder im Jugendverband<\/h4>\n<p>Julian und Marco werfen uns Unterwanderungsstrategien vor und dass wir innerhalb von Linksjugend auch Mitglieder f\u00fcr die SAV gewinnen wollen.<\/p>\n<p>SAV-Mitglieder arbeiten ernsthaft, solidarisch und konstruktiv am Aufbau des Jugendverbands mit. Mittlerweile konnten schon viele Mitglieder vor Ort ihre eigene Erfahrung in der Zusammenarbeit mit uns machen. In den Orten, in denen wir aktiv sind, gewinnen wir Mitglieder f\u00fcr Linksjugend und leisten gemeinsam mit anderen viel Arbeit, Linksjugend in der laufenden Sch\u00fclerbewegung und Antifaarbeit bekannt zu machen \u2013 zuletzt beispielsweise in K\u00f6ln in der Kampagne gegen den sogenannten \u201eAntiislamgipfel\u201c. Wir \u00fcbernehmen bei dieser Arbeit auch Verantwortung in Gremien, was politische als auch organisatorische Aufgaben betrifft.<\/p>\n<p>Der Vorwurf der Unterwanderung ist absurd, weil wir offen und ehrlich sagen, dass wir auch Mitglied der SAV sind und offen f\u00fcr unsere Positionen eintreten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wollen wir gern Mitglieder von Linksjugend f\u00fcr die SAV gewinnen. Aber was bedeutet es, wenn jemand bei uns eintritt? Aus unserer Sicht ist die Mitarbeit im Jugendverband und die Mitgliedschaft in der SAV kein Widerspruch. Es geht uns nicht darum \u201eMitglieder abzuwerben\u201c, die dann nicht mehr aktiv im Jugendverband w\u00e4ren. Wir meinen, dass der Marxismus die besten Ideen f\u00fcr einen sozialistischen Jugendverband bietet. Dabei k\u00f6nnen wir als Mitglieder einer marxistischen internationalen Organisation auch viele internationale und historische Erfahrungen und Lehren in die Diskussion einbringen.<\/p>\n<p>Wir bauen die SAV und das CWI (Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale, dem die SAV angeschlossen ist) auf, weil wir davon \u00fcberzeugt sind, dass der Aufbau einer marxistischen Internationale von zentraler Bedeutung ist. Unz\u00e4hlige Beispiele in der Geschichte von Deutschland 1918 \u00fcber Frankreich 1968 bis Chil\u00e9 1973 haben gezeigt, dass die Macht faktisch auf der Stra\u00dfe lag und eine starke marxistische, revolution\u00e4re Organisation gefehlt hat, um der sozialistischen Bewegung zum Sieg zu verhelfen und den Kapitalismus abzuschaffen.<\/p>\n<p>Wir denken, dass eine Mitgliedschaft in der SAV ein sehr guter Beitrag ist, um einen aktiven starken Jugendverband aufzubauen. Das Potenzial ist gro\u00df, in der anstehenden Sch\u00fclerbewegung viele neue Mitglieder f\u00fcr Linksjugend[&#8222;solid] zu gewinnen. Wir wollen dazu gemeinsam mit euch einen Beitrag leisten.<\/p>\n<p>Julian und Marco schreiben, dass sie eine Diskussion \u00fcber Trotzkismus ansto\u00dfen wollen. Wir finden das gut und hoffen auf eine konstruktive Debatte.<\/p>\n<h5><em>Anne Engelhardt und Lucy Redler (Mitglieder im Landesverband Berlin), Tinette Schnatterer (Mitglied LandessprecherInnenrat Baden-W\u00fcrttemberg)<\/em><\/h5>\n<h4>Dokumentiert:<\/h4>\n<h3>Rundmail von zwei Mitgliedern im Landesvorstand von Linksjugend [`solid] Berlin:<\/h3>\n<p>\u201e<em>Der Jugendverband und trotzkistische Sekten <\/em><\/p>\n<p><em>Immer mal wieder flammen Diskussionen \u00fcber so genannte trotzkistische Gruppen auf, die im Jugendverband aktiv sind oder versuchen es zu werden. Gepaart sind solche Diskussionen oft mit Ger\u00fcchten und Aufregung. Beispielsweise bei Wahlen kommen nun h\u00e4ufig Fragen auf, ob jemand bei \u201eLinksruck\u201c oder \u201eSAV\u201c sei. Warum wird das aber \u00fcberhaupt gefragt? Und was sind trotzkistische Gruppen eigentlich? <\/em><\/p>\n<p><em>Was ist eigentlich Trotzkismus? <\/em><\/p>\n<p><em>Trotzkisten sind Anh\u00e4nger der Lehre Leo Trotzkis, einer der russischen Oktoberrevolution\u00e4re von 1917, Anh\u00e4nger Lenins und in der Anfangsphase der Sowjetunion einer ihrer wichtigsten Politiker. Nach Lenins Tod musste Trotzki vor den S\u00e4uberungen Stalins aus Russland fliehen und wurde im mexikanischen Exil 1940 ermordet. <\/em><\/p>\n<p><em>Trotzki kritisierte die Entwicklung der Sowjetunion als \u201edegenerierten Arbeiterstaat\u201c, der von einer milit\u00e4risch-b\u00fcrokratischen Elite gef\u00fchrt w\u00fcrde. Nicht beachtet wird dabei oft, dass Trotzki den Grundstein f\u00fcr diese Entwicklung selbst mit gelegt hatte \u2013 beispielsweise mit der Zerschlagung der Machno-Bewegung. Durch die internationale Ausweitung des Kapitalismus k\u00f6nne, so Trotzki, nur eine internationalistische Revolution zum Sozialismus f\u00fchren; die UdSSR agiere aber nur national, daher w\u00e4re in ihr die proletarische Revolution zum Scheitern verurteilt. <\/em><\/p>\n<p><em>Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten kommunistischen Parteien im Westen auf KPdSU-Kurs und damit f\u00fcr Trotzkisten nicht offen. Die Hoffnung, die kommunistischen Parteien w\u00fcrden sich nach dem Zweiten Weltkrieg vom Stalinismus distanzieren, erf\u00fcllte sich nicht. Die Vierte Internationale, als internationaler Zusammenschluss trotzkistischer Gruppen, kam \u2013 au\u00dfer wenigen Ausnahmen \u2013 nirgendwo \u00fcber den Status von Splitterparteien hinaus. Um dennoch Einfluss auf sozialdemokratische oder kommunistische Arbeiterparteien aus\u00fcben zu k\u00f6nnen, entwickelten Trotzkisten Entrismusstrategien. Das sind Unterwanderungsstrategien, mit denen die eigenen politischen Inhalte in eine andere gr\u00f6\u00dfere Organisation hinein getragen und m\u00f6glichst viele Mitglieder abgeworben werden sollen. In diesem Sinne engagierten sich Trotzkisten in den 50er Jahren im Westen in den vorhandenen Arbeiterparteien, weil angenommen wurde, dass sich die Radikalisierung der Arbeiterklasse zuk\u00fcnftig in diesen Parteien abspielen w\u00fcrde. Bei der britischen Labour-Partei war diese Strategie besonders in Liverpool teilweise erfolgreich. Im Zuge der Studentenbewegungen 1968 lie\u00dfen aber die meisten Trotzkisten in Italien und Frankreich diese Strategie fallen und schlossen sich den au\u00dferparlamentarischen Bewegungen an. <\/em><\/p>\n<p><em>M\u00f6glicherweise aufgrund des kurzen Erfolgs in Gro\u00dfbritannien bleiben bis heute in den internationalen trotzkistischen Vereinigungen britische Ideologen f\u00fchrend. Die 1974 gegr\u00fcndeten und von Ted Grant inspirierten Organisationen des Committee for a Worker\u2019s International (CWI) betreiben bis heute diese Strategie, obwohl es 1991 zur Spaltung kam und die Mehrheit der CWI-Organisationen versuchten, eigene Parteien aufzubauen. Die Anh\u00e4nger Grants gr\u00fcndeten dagegen die International Marxist Tendency. Aber auch andere trotzkistische Gruppen wie beispielsweise die International Socialist Tendency, die sich auf den in den 50er Jahren aus der Vierten Internationalen ausgeschlossenen Tony Cliff bezieht, betreiben weiterhin Unterwanderungsstrategien. <\/em><\/p>\n<p><em>Wie wirken sich die Strategien und Politik trotzkistischer Gruppen aus? <\/em><\/p>\n<p><em>Aktuell sind die Strategien trotzkistischer Gruppen immer noch davon gekennzeichnet, dass sie versuchen, Ressourcen und Mitglieder von bereits bestehenden Organisationen zu gewinnen. Dazu wird von einigen der von Ted Grant entwickelte \u201eDauerentrismus\u201c angewandt, der ein langwieriges Wirken in einer anderen Struktur vorsieht, um dort die Mehrheit von den eigenen politischen Zielen zu \u00fcberzeugen. <\/em><\/p>\n<p><em>Ihre Mitglieder treten dazu h\u00e4ufig dynamisch auf und pflegen eine revolution\u00e4re Rhetorik. In trotzkistischen Organisationen herrscht allerdings oft ein harter F\u00fchrungsstil, der schon vielen trotzkistischen Gruppen den Vorwurf einbrachte, intransparent und undemokratisch zu sein. <\/em><\/p>\n<p><em>Dieser F\u00fchrungsstil wird mit hohem Gruppendruck gepaart. Von den Mitgliedern wird gro\u00dfe Opferbereitschaft in Form von hohen Mitgliedsbeitr\u00e4gen und Arbeitsaufwand gefordert. Dies f\u00fchrt in kurzer Zeit bei vielen j\u00fcngeren Mitgliedern zum \u201eburnout\u201c. <\/em><\/p>\n<p><em>Trotzkistische Organisationen neigen dazu, einen konkreten Plan mit dem Ziel \u201eproletarische Weltrevolution\u201c zu verfassen. \u201eTo-Do-Listen\u201c mit diesem sehr ehrgeizigen Ziel f\u00fchren bei den Mitgliedern zu einem Gef\u00fchl, unter direkten Handlungsdruck zu stehen und alle vagen soziale Erfolge in der Welt als nahende sozialistische Revolution \u00fcberzuinterpretieren. <\/em><\/p>\n<p><em>In ihren Theorien neigen sie dazu, bestimmte Sph\u00e4re des Kapitalismus (beispielweise Finanzm\u00e4rkte, Handelsmonopole etc.) als \u201eHauptproblem\u201c zu identifizieren oder bei den kapitalistischen Kategorien \u201eKapital und Arbeit\u201c den einen Teil \u201eArbeit\u201c (Befreiung der Arbeit) zu idealisieren und gegen den anderen Teil \u201eKapital\u201c (Konzerne enteignen) auszuspielen und der Illusion zu verfallen, damit das Problem schon gel\u00f6st zu haben. Sie unterziehen sich somit auch der theoretischen Kritik den \u201evulg\u00e4ren Marx-Interpretationen\u201c anzuh\u00e4ngen die durch Kautzky, Lenin und andere vorangetrieben wurden und Kapitalismuskritik zu einer geschlossenen (und somit dogmatischen) Weltanschauung verarbeitet zu haben, die \u00e4hnlich einem Glauben gegen jede Kritik erhaben ist und scheinbar auf alle Fragen eine einfache Antwort und f\u00fcr alle Probleme eine L\u00f6sung hat. <\/em><\/p>\n<p><em>Durch ihre Organisationsform und politische Strategie wirken trotzkistische Gruppen als \u201eDurchlauferhitzer\u201c f\u00fcr junge Menschen. Sie verheizen Jugendliche und wirken nicht nachhaltig f\u00fcr eine breite linke Bewegung. <\/em><\/p>\n<p><em>Bekannte trotzkistische Gruppen im Umfeld des Jugendverbandes <\/em><\/p>\n<p><em>Sozialistische Alternative (SAV) <\/em><\/p>\n<p><em>Die SAV ist die deutsche Sektion des Committee for a Worker\u2019s International (CWI) und hie\u00df bis 1994 VORAN, benannt nach der gleichnamigen Zeitung. Der VORAN wurde 1973 gegr\u00fcndet und versuchte Entrismusstrategien bis 1991 in der SPD. 1994 trat VORAN mehrheitlich aus der SPD aus, gr\u00fcndete eine eigene Partei und nannte sich SAV. Ab 2004 n\u00e4herte sich die SAV der WASG an. Seit September 2008 ruft die SAV auch zum Eintritt in die ostdeutschen Landesverb\u00e4nde der Linkspartei und des Jugendverbandes auf. <\/em><\/p>\n<p><em>Im Jugendverband ist die SAV in NRW und BaW\u00fc im LSPR vertreten. Im Fr\u00fchjahr 2008 versuchten SAV-Mitglieder f\u00fcr den BSPR zu kandidieren. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Funke <\/em><\/p>\n<p><em>Die unterschiedliche Einsch\u00e4tzung der politischen Lage nach dem Fall der Mauer f\u00fchrte 1991 zum Bruch zwischen den CWI-Chefideologen Ted Grant und Peter Taaffe. 1992 vollzog sich diese Spaltung auch auf internationaler Ebene. Es gr\u00fcndete sich um Grant die International Marxist Tendency. Ihre deutsche Sektion ist der aus dem VORAN hervorgegangene und nach der gleichnamigen Zeitung benannte \u201eFunke\u201c. <\/em><\/p>\n<p><em>Im Jugendverband ist der Funke im BSPR und in Berlin im LSPR vertreten. <\/em><\/p>\n<p><em>Linksruck <\/em><\/p>\n<p><em>Linksruck ging aus der in den 70er Jahren gegr\u00fcndeten Sozialistischen Arbeiter Gruppe (SAG) hervor und war die deutsche Sektion der International Socialist Tendency. 1993 ordnete Tony Cliff den Eintritt in die Jusos an. Diese Unterwanderung blieb aber erfolglos. Seit 2001 engagierte sich Linksruck in der globalisierungskritischen Bewegung und wurde Mitglied bei attac. Nach der Invasion im Irak 2003 wurde Linksruck in der Friedensbewegung aktiv. Seit der Versch\u00e4rfung der Krise in der SPD richtete sich das Interesse von Linksruck 2004 auf die WASG und schlie\u00dflich seit 2005 auf die Linkspartei. Im September 2007 l\u00f6ste sich Linksruck offiziell auf. An dessen Stelle ist marx21 getreten, das personell und politisch mit Linksruck weitgehend deckungsgleich ist. In der Linkspartei organisiert sich marx21 in der Sozialistischen Linken und im Jugendverband in DIE LINKE.SDS.<\/em>\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anne Engelhardt, Lucy Redler und Tinette Schnatterer antworten auf eine Rundmail von zwei Mitgliedern vom Berliner Landesvorstand von Linksjugend [`solid], in der sie der SAV trotzkistische Unterwanderung des Jugendverbands unterstellen. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[91,26,104],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12857"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12857"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12857\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}