{"id":12856,"date":"2008-10-10T00:00:00","date_gmt":"2008-10-10T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12856"},"modified":"2008-10-10T00:00:00","modified_gmt":"2008-10-10T00:00:00","slug":"12856","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/10\/12856\/","title":{"rendered":"Tarifrunde Metall: &#8222;Aufrecht und konsequent f&#252;r acht Prozent&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  MetallerInnen protestierten am 7. Oktober vor dem Verhandlungslokal in   Sindelfingen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Bericht und Kommentar von Ursel Beck<\/h4>\n<p>  Die Forderung der IG Metall &#8222;passt &#252;berhaupt nicht in diese Zeit&#8220;   erkl&#228;rte S&#252;dwestmetall-Chef Jan Stefan Roell bei der ersten Verhandlung   zur Tarifrunde in Baden W&#252;rttemberg. In einem Interview mit der   Stuttgarter Zeitung hatte Gesamtmetall-Pr&#228;sident Martin Kannegiesser   angesichts der 8%-Forderung Ende September erkl&#228;rt: &#8222;Die IG Metall hat   nicht alle Tassen im Schrank&#8220;. Bei den MetallerInnen in den Betrieben   f&#252;hrt die Finanzkrise zu mehr Wut, aber auch zu Verunsicherung. Die   Funktion&#228;re der IGM spielen das Ausma&#223; der Krise herunter und geben sich   an der Tariffront wortradikal. Gleichzeitig schlie&#223;en sie in der bereits   von der Rezession betroffenen Autoindustrie mitten in der Tarifrunde   ohne Not Betriebsvereinbarungen ab, die die Besch&#228;ftigten f&#252;r die   Produktionsr&#252;ckg&#228;nge und den versch&#228;rften Konkurrenzkampf bluten lassen.<\/p>\n<h4>  &#8222;Milliarden f&#252;r die Banken &#8211; nichts f&#252;r den Arbeiter&#8220;<\/h4>\n<p>  Nach Angaben der IG Metall waren es tausend Kolleginnen und Kollegen aus   allen Ecken Baden-W&#252;rttembergs, die sich am 7.10. in Sindelfingen   versammelt hatten. Vertrauensleute und Kollegen von Bau 36 bei   Dainler-Sindelfingen hatten zur Protestaktion ein Plakat mitgebracht mit   der Aufschrift: &#8222;Milliarden f&#252;r die Banken &#8211; nichts f&#252;r den Arbeiter. 8%   das brauchen wir, denn ohne Moos nix los&#8220;.<\/p>\n<p>  Angesprochen, auf die Frage, was die Finanzkrise f&#252;r Konsequenzen f&#252;r   die Tarifrunde hat legten andere Kolleginnen und Kollegen mit Aussagen   nach wie &#8222;das zeigt doch, dass Geld genug da ist und wir uns endlich was   davon holen m&#252;ssen&#8220; oder &#8222;es wird Zeit, dass wir denen mal ihr Spielgeld   wegnehmen&#8220;. Diese Stimmung wird &#252;berlagert von einer steigenden   Verunsicherung und wachsenden Angst um den Arbeitsplatz. Das h&#228;tte man   bereits bei der Mobilisierung f&#252;r die Protestaktion gemerkt, meinten   einige Vertrauensleute und Betriebsr&#228;te. Die &#196;ngste in den Betrieben um   die Arbeitspl&#228;tze sind mehr als berechtigt. Die IGM m&#252;sste die Krise des   Kapitalismus und vor allem die Sicherung der Arbeitspl&#228;tze zum Thema der   Tarifrunde machen. In der Tarifrunden der letzten Jahre wurden x-Mal die   Manteltarifvertr&#228;ge in Lohntarifrunden f&#252;r Kompensationen ge&#246;ffnet,   obwohl sie gar nicht gek&#252;ndigt waren. Angesichts der rezessionsbedingten   Arbeitsplatzvernichtung ist es h&#246;chste Zeit die Manteltarifvertr&#228;ge zu   &#246;ffnen f&#252;r eine radikale Arbeitszeitverk&#252;rzung. Zus&#228;tzlich zur Forderung   nach 8% m&#252;sste die IGM die Forderung nach der 30-Stunden-Woche bei   vollem Lohn- und Personalausgleich erheben und eine offensive Kampagne   daf&#252;r machen. Damit k&#246;nnten die &#196;ngste um die Arbeitspl&#228;tze aufgegriffen   und besser mobilisiert werden als mit einer reinen Lohnforderung.   Keine\/r der in Sindelfingen befragten Kolleginnen und Kollegen hatte   aber Zweifel daran, dass die IGM auch in der Lohnfrage streikf&#228;hig sei.   Es gibt immer noch Bereiche die boomen. Die Streikbereitschaft sei   vorhanden. Eine Randdiskussion unter Vertrauensleuten von Daimler   Untert&#252;rkheim kam zu dem Ergebnis, dass auch Daimler trotz   Produktionsr&#252;ckgang so bestreikt werden k&#246;nne, dass es dem Konzern   richtig weh tue, n&#228;mlich z.B. in der Diesellinie, bei den Zylindern und   wegen der just-in-time-Produktion in der Logistik.<\/p>\n<h4>  Ende der Bescheidenheit<\/h4>\n<p>  Thorsten Dietter, VK-Leiter von Bosch Reutlingen verwies in seiner Rede   auf die horrenden Gewinnzuw&#228;chse, die hohe Umsatzrendite, die im   internationalen Vergleich niedrigen Lohnst&#252;ckkosten und die hohe   Eigenkapitalrendite von 21%. Die fetten Gewinne h&#228;tten die ArbeiterInnen   mit ihrer H&#228;nde Arbeit erwirtschaftet und deshalb stehe ihnen ein fairer   Anteil zu. Er berichtete, dass aus der Diskussion in seinem Betrieb klar   geworden sei, dass die KollegInnen von weiterer Bescheidenheit die Nase   voll h&#228;tten. Und weiter: &#8222;Unsere Forderung spiegelt die   Erwartungshaltung der Kolleginnen und Kollegen voll wieder&#8220;. F&#252;r diese   Aussage gab es kr&#228;ftigen Applaus und die zustimmenden Zwischenrufe   &#8222;Jawoll&#8220;! Wenn die Logik stimmen w&#252;rde, dass wir in konjunkturell   schlechten Zeiten verzichten m&#252;ssten, dann m&#252;ssten im Umkehrschluss die   Unternehmen in Zeiten brummender Konjunktur ein St&#252;ck vom Kuchen   abgeben. Aber das w&#228;re nicht der Fall. Die Parole k&#246;nne deshalb nur   lauten: &#8222;Aufrecht und konsequent f&#252;r acht Prozent&#8220;, so Thorsten Dietter.   F&#252;r den Fall, dass noch mehr Druck aus den Betrieben n&#246;tig werde und bei   der einen oder anderen Warnstreikaktion ein paar Tassen kaputtgingen gab   der Boschler aus Reutlingen die Devise aus: &#8222;Die Acht, die lacht und wir   kaufen uns mit der Lohnerh&#246;hung eine neue Tassenpracht&#8220;. Die Antworten   auf die Frage, was denn am Ende vor dem Komma stehen m&#252;sse,   wiederspiegeln eine hohe Erwartungshaltung. Als unterste Marke nannten   die befragten MetallerInnen 4% und als oberste 8%. Die meisten   antworteten ohne gro&#223; zu &#252;berlegen: &#8222;sechs Prozent&#8220;. Ein Kollege machte   den Punkt, dass die ganze Entwicklung zu Niedrigl&#246;hnen gestoppt werden   m&#252;sse und das ginge nur, indem diejenigen, die noch besser verdienen,   ihre L&#246;hne verteidigen. Auch daf&#252;r h&#228;tte die Tarifrunde der IGM eine   Bedeutung. Verbreitet ist die Idee, dass man mit h&#246;heren L&#246;hnen die   Binnenkonjunktur st&#252;tzen k&#246;nne. Dieses Argument ist falsch. Denn die   Unternehmer haben kein Interesse an h&#246;herem Umsatz, wenn dabei ihr   Profit geschm&#228;lert wird. Und jeder Euro Lohnerh&#246;hung schm&#228;lert ihren   Profit.<\/p>\n<h4>  Abschluss ohne Streik?<\/h4>\n<p>  IGM-Bezirksleiter J&#246;rg Hofmann spielte in seiner Rede in Sindelfingen   die Krise zu einer &#8222;Delle&#8220; herunter: &#8222;Wir wissen: in der Mehrzahl der   Firmen brummt es&#8220;. Der Stuttgarter Zeitung gegen&#252;ber erkl&#228;rte H&#246;rg   Hofmann, dass aus der Finanzmarktkrise kein &#8222;Chrashszenario&#8220;   vergleichbar einer Weltwirtschaftskrise abgeleitet werden k&#246;nne. Die   Stimmung der Anwesenden traf er, als er erkl&#228;rte, es sei eine   Unerh&#246;rtheit, dass angesichts der Preistreiberei der Verdienst f&#252;r   ehrliche Arbeit schmelze wie das Eis in der Sonne w&#228;hrend andere sich   goldene Nasen verdienen und sich vor lauter Gier nach Profit an den   Finanzm&#228;rkten so &#252;berfressen h&#228;tten, dass sie platzten.   S&#252;dwestmetallchef Roell hatte Tage vor der ersten Verhandlung erkl&#228;rt,   dass sein Verband &#8222;mit all unseren Ohren in die Betriebe hineinh&#246;re&#8220;.   Und das Ergebnis dieser Abh&#246;raktion interpretierte er als &#8222;zeitige   Streikvorbereitung&#8220;. Die Aussage der Unternehmer, dass die IGM bereits   einen Streik vorbereite, bezeichnete Hofmann als &#8222;unverantwortlich&#8220;.   Damit wollte Hofmann wohl auch die Streikwut in den Betrieben z&#228;hmen.   Die IGM wolle, so der Bezirksleiter aus dem S&#252;dwesten, verhandeln und   erwarte in der zweiten Verhandlungsrunde ein verhandlungsf&#228;higes   Angebot. Die &#8222;Frage der Zuspitzung&#8220; stehe f&#252;r die IGM an zweiter Stelle.   Aber die IGM w&#252;rde nicht mitmachen, wenn die Metallarbeitgeber auf Zeit   spielten. Die IGM wolle das Ergebnis &#8222;unter dem Weihnachtsbaum&#8220;. Aber   nur mit Verhandlungen und Warnstreiks ist weniger denn je erreichbar.   Ein betrieblicher Funktion&#228;r aus Stuttgart &#228;u&#223;erte die Bef&#252;rchtung, dass   im schlimmsten Fall am Ende nur eine Einmalzahlung unter dem   Weihnachtsbaum liegen k&#246;nnte. Die aktuelle Lage setzt betriebliche   Aktivisten vor die Herausforderung massiven Druck f&#252;r die volle   Durchsetzung der Forderung aufzubauen. Und aufgrund der Krise des   Kapitalismus, ist es notwendig die Tarifrunde zur Gegenoffensive gegen   die Politik der Krisenabw&#228;lzung und Arbeitsplatzvernichtung zu machen.   Diese Auseinandersetzung ist hochpolitisch und muss auch so gef&#252;hrt   werden. Es geht nicht mehr nur um ein paar Prozente. Es geht darum, den   Kampf um mehr Lohn mit der Forderung nach der 30-Stunden-Woche und der   Beseitigung der Diktatur der Banken und Konzerne zu verbinden. Die Krise   stellt die Systemfrage. Sie muss mit dem Programmpunkt der <a href=\"http:\/\/www.igmetall.de\/cps\/rde\/xchg\/internet\/style.xsl\/view_3983.htm\">IGM-Satzung<\/a>   beantwortet werden: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.igmetall.de\/cps\/rde\/xchg\/internet\/style.xsl\/view_3983.htm\">&#220;berf&#252;hrung   von Schl&#252;sselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden   Unternehmungen in Gemeineigentum<\/a>&#8220;.<\/p>\n<p>  Ver.di befindet sich derzeit bei den Banken ebenfalls in einer   Tarifauseinandersetzung und fordert 8% plus K&#252;ndigungsschutz. Wenn es   nach den Bankr&#228;ubern in den Chefetagen der Banken geht, sollen die   Bankbesch&#228;ftigten zur Kasse gebeten werden f&#252;r das was an den   Finanzm&#228;rkten verzockt wurde. Bei der Dresdner und Commerzbank sind   durch die Fusion 12.000 Arbeitspl&#228;tze bedroht. In mehreren   Streikaktionen haben die Bankbesch&#228;ftigten in den letzten Wochen ihre   Kampfbereitschaft gezeigt. Ein gemeinsamer Streik von Bankbesch&#228;ftigten   und MetallerInnen f&#252;r 8% und die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und   Personalausgleich, verbunden mit der Forderung nach Verstaatlichung der   Banken und Autokonzerne unter demokratischer Kontrolle w&#228;re die richtige   Antwort auf die Abzockerei von Ackermann, Zetsche und Merkel und die   richtige Gegenstrategie gegen die Abw&#228;lzung der Krisenlasten auf die   Besch&#228;ftigten. Daf&#252;r sollten sich Gewerkschaftsaktivisten und die Partei   DIE LINKE stark machen.<\/p>\n<h4>  Lohnverzicht und Flexibilisierung in der Autoindustrie<\/h4>\n<p>  Leider beantwortet die Gewerkschaftsf&#252;hrung die heraufziehende Krise   eher mit weiteren Zugest&#228;ndnissen als mit einem konsequenten Kampf. Das   zeigt sich in der Autoindustrie. Trotz fetter Gewinne und   Managergeh&#228;lter lassen sich auf Co-Management eingestellte   IGM-Betriebsr&#228;te derzeit auf Betriebsvereinbarungen ein, die von den   Besch&#228;ftigten sinnlose Opfer verlangen. Produktionsr&#252;ckg&#228;nge gehen voll   zu Lasten der Zeitkonten der Kollegen bzw. sollen &#252;ber   Arbeitszeitverk&#252;rzung ohne Lohnausgleich an die Belegschaft   weitergegeben werden und drohen zur Vorstufe von Entlassungen zu werden.   Bei Daimler werden mit Zustimmung der offiziellen IGM-Betriebsr&#228;te f&#252;r   die 15.000 Mitarbeiter der Niederlassungen drei Prozent k&#252;nftiger   Lohnerh&#246;hungen einbehalten. Die Schlie&#223;ung des Werkes in   Stuttgart-Zuffenhausen wurde akzeptiert. Obendrauf wurden f&#252;r die   ArbeiterInnen im Werk Hedelfingen sechs, in den anderen Untert&#252;rkheimer   Werken drei Schichten pro Kopf und Jahr zur Flexibilisierung   freigegeben. Bei Daimler in Bremen wurde ein 2-Jahres- &#8222;Flexi-Konto&#8220;   eingef&#252;hrt. Hier k&#246;nnen bis zu zehn Schichten pro Mitarbeiter zus&#228;tzlich   eingesetzt werden. F&#252;r Neuanl&#228;ufe gibt es f&#252;nf m&#246;gliche Sonderschichten   pro Mitarbeiter und Jahr. Bei Opel Bochum wird mit dem sogenannten   &#8222;Zukunftsvertrag 2016&#8220; eine Betriebsvereinbarung durchpeitscht, die u.a.   eine weitgehende Flexibilisierung von Pausen und Schichtmodellen   beeinhaltet. Der Arbeitsdruck soll noch weiter erh&#246;ht werden, mit dem   Ziel die Fertigungszeit auf 15 Stunden zu reduzieren. Weder bei Daimler   noch bei Opel wurden die Besch&#228;ftigten gefragt, ob sie damit   einverstanden sind. In Opposition zu dieser Politik stehen in   Untert&#252;rkheim die IGM-Betriebsr&#228;te der Alternative und bei Opel Bochum   die Betriebsr&#228;te der Gruppe &#8222;Gegenwehr ohne Grenzen&#8220; (GoG). In der   Zeitung &#8222;alternative&#8220; Nr. 55 mit der &#220;berschrift &#8222;Erfolgreiche Erpresser   kommen immer wieder!&#8220; schreiben die Mettinger Rebellen: &#8222;Wenn wir bei   jedem Nachfolgeprodukt Erpressungen zulassen und Zugest&#228;ndnisse machen,   gehen wir immer weiter r&#252;ckw&#228;rts. Wir waren vor 20 Jahren 25.000   Besch&#228;ftigte im Werk 10&#8230;, heute sind wir nur noch 19.000. Und da fast   alle Zugest&#228;ndnisse zu weiterer Flexibilisierung letztlich Personalabbau   beinhalten, verlieren wir dadurch immer mehr Arbeitspl&#228;tze im Werk&#8220;. In   einer Stellungnahme zur Bochumer Betriebsvereinbarung erkl&#228;ren die   Kollegen der GoG: &#8222;Wir k&#246;nnen auch nicht davon abhalten Kapazit&#228;ten zu   streichen, letztlich irgendwo eine Bude zu zumachen, aber probiert ihr   das hier in Bochum, wird das f&#252;r euch so richtig teuer. So teuer wie ihr   das in euren schlimmsten Albtr&#228;umen nicht ausmalen k&#246;nnt. Wir werden den   Arsch f&#252;r eure Krise nicht hinhalten &#8211; so long!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      MetallerInnen protestierten am 7. 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