{"id":12768,"date":"2008-08-17T00:00:00","date_gmt":"2008-08-17T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12768"},"modified":"2008-08-17T00:00:00","modified_gmt":"2008-08-17T00:00:00","slug":"12768","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/08\/12768\/","title":{"rendered":"PRC-Kongress in Italien: &quot;Beerdigung verhindert&quot;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Marco Veruggio, Mitglied im Vorstand der Partito della   Rifondazione Comunista (Prc) und der marxistischen Str&#246;mung   Controcorrente &#8211; Sinistra Prc, 5. August 08<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>Das Interview f&#252;hrte Conny Dahmen. <\/i><\/p>\n<h5>  Am vorletzten Wochenende hat der nationale Kongress der Rifondazione   Communista (=Kommunistische Neugr&#252;ndung) stattgefunden, auf dessen   Ergebnis die b&#252;rgerlichen Medien in Italien und international mit   Entsetzen reagiert hatten: die PRC sei um Jahrzehnte zur&#252;ck gefallen und   Altkommunisten h&#228;tten eine leninistische R&#252;ckorientierung umgesetzt. Was   ist seit dem verheerenden Wahlergebnis in der PRC geschehen?<\/h5>\n<p>  Aus dem PRC-Kongress haben sich unerwartet ganz neue M&#246;glichkeiten   ergeben, obwohl praktisch alle, auch wir, damit gerechnet hatten, dass   mit dem Kongress die Partei beerdigt w&#252;rde. Viele hatten uns zuvor   gefragt, was wir denn nach dem Ende der PRC machen werden.<\/p>\n<p>  Dass Berlusconi zum dritten Mal an die Macht kommen konnte, hatte ja   zwei Gr&#252;nde:<\/p>\n<p>  Zum einen die gro&#223;e Wut in der Arbeiterklasse auf die zweite   Prodi-Regierung. Die Menschen hatten eine Politik erwartet, die es ihnen   einfacher macht, ihren Lebensstandard zu verbessern, z.B. h&#246;here L&#246;hne,   Renten, besseren &#246;ffentlichen Dienst. Aber das Gegenteil war der Fall.<\/p>\n<p>  Die Regierung f&#252;hrte eine schlimmere Rentenreform durch als vorher die   Berlusconi-Regierung, die L&#246;hne fielen, die Privatisierung, besonders   des &#214;ffentlichen Dienstes, wurde fortgesetzt. Italien hat zwar seine   Truppen aus dem Irak zur&#252;ckgezogen, aber Prodi hat das Abkommen   Berlusconis mit den USA &#252;ber den Milit&#228;rst&#252;tzpunkt in Vincenza best&#228;tigt.<\/p>\n<p>  Aber der zweite Faktor war das extrem schwache Auftreten der Linken. Die   Menschen hatten das Gef&#252;hl, verlassen worden zu sein. Die Arbeiterklasse   hat eine klare Botschaft &#252;bermittelt: wir sind entt&#228;uscht! Nach der Wahl   ist die Linke zum ersten Mal seit dem Faschismus nicht im Parlament   vertreten, so dass es keine andere parlamentarische Opposition au&#223;er der   DP (Demokratische Partei) gibt. Diese stellt aber keine wirkliche   Alternative dar, man kann von einer regelrechten Gro&#223;en Koalition   sprechen. Berlusconi und Vetroni betonen immer wieder, zusammenarbeiten   zu m&#252;ssen.<\/p>\n<h4>  Wie konnte die &#8222;Beerdigung&#8220; der PRC denn verhindert werden?<\/h4>\n<p>  Beim Kongress standen mehrere Positionspapiere zur Abstimmung, da die   PRC nach der Wahlniederlage sehr gespalten war. Das erste, das 47% der   Stimmen erhielt, war die Position Bertinottis und seiner Anh&#228;ngerInnen.   Sie wollten den eingeschlagenen Weg weitergehen und sich in der breiten   Sinistra Arcobaleno (Regenbogenlinke) aufzul&#246;sen. Diese orientiert sich   nicht mehr ausschlie&#223;lich an der Arbeiterklasse und den Gewerkschaften,   und tritt f&#252;r ein neues Mitte-Links-B&#252;ndnis ein.<\/p>\n<p>  Die zweite Position war die Paulo Ferreros (ehem. Solidarit&#228;tsminister   in der Prodi-Regierung), was 40% Zustimmung bekam. Dieses   Positionspapier kritisierte die Sinistra Arcobaleno und Bertinottis   Politik seit dem venezianischen Kongress 2005, war aber auch sehr   schwach und voller Zweifel. Im Prinzip sagte es aus, die PRC zu   erhalten, aber weiterhin &#252;ber das Regebogen-Projekt nachzudenken.   Au&#223;erdem gab es noch zwei Positionspapiere linker Str&#246;mungen in der PRC.<\/p>\n<p>  Zuerst dachten alle, es w&#252;rde ein Kompromiss zwischen den beiden   Hauptlagern zustande kommen. Aber w&#228;hrend dem Kongress fand pl&#246;tzlich   eine Radikalisierung der Basis statt: als die Mitglieder an der Basis   mitbekamen, dass sich auf dem Kongress ein Kompromiss zwischen Ferrero   und Bertinotti abzeichnete, nahm die Revolution ihren Lauf. Die   Basisortsgruppen kontaktierten ihre Delegierten &#252;ber Handy und bauten   einen solchen Druck auf, dass Ferrero sich letztendlich mit den linken   Str&#246;mungen verb&#252;ndete. Eine gemeinsame Resolution wurde unterzeichnet,   in der es hie&#223;, dass das Thema Regenbogenlinke ein f&#252;r allemal vom Tisch   ist und wir die PRC wieder als Oppositionspartei aufbauen m&#252;ssen &#8211; nicht   nur auf nationalem sondern auch lokalen Ebene, und als Alternative zur   DP.<\/p>\n<h4>  Welche Auswirkungen hat dieses Ergebnis auf die Arbeiterklasse?<\/h4>\n<p>  Mein Eindruck ist, dass die b&#252;rgerliche Pressekampagne nach dem   Kongress, die das Ergebnis als sehr negativ darstellte, enorme   Erwartungen in der Arbeiterklasse geweckt hat. Die Besch&#228;ftigten ziehen   aus der Propaganda die Schlussfolgerung, dass ein schlechtes Ergebnis   f&#252;r die B&#252;rgerlichen ein gutes Ergebnis f&#252;r sie selbst sein muss.<\/p>\n<p>  Dieser gro&#223;e Sieg der linken Basis war nicht nur f&#252;r die Mitglieder,   sondern auch AktivistInnen au&#223;erhalb der Partei &#252;berraschend. Wir   erhielten tausende von Telefonanrufen, nicht nur von PRC-Mitgliedern,   sondern auch COBAS-Leuten und anderen AktivistInnen, die uns sagten:   &#8220;Bravo! Ihr habt die PRC gerettet, das ist auch f&#252;r uns ein gro&#223;er   Erfolg!&#8220;<\/p>\n<h5>  Die neuen Regierungsparteien starten mit ihrem neuen Sicherheitspaket   zurzeit eine Reihe scharfer Angriffe gegen MigrantInnen und sch&#252;ren   massiv Rassismus, besonders gegen die Roma- Minderheit. Was sind die   n&#228;chsten Schritte der PRC gegen Berlusconis Politik?<\/h5>\n<p>  Berlusconi hat in den letzten Monaten vor allem das Thema Migration und   die Sicherheitsfrage propagandistisch benutzt, um einen neuen Krieg   unter den Armen zu provozieren. Er setzt jetzt die Armee in   verschiedenen St&#228;dten Italiens ein, um einige Probleme zu l&#246;sen, zum   Beispiel in Neapel gegen die Anti-M&#252;ll-Bewegung. Gleichzeitig will er   sich selbst vor der Justiz sch&#252;tzen: so gibt es ein neues Gesetz, das   den h&#246;chsten Politikern f&#252;r die Dauer ihres Amtes Immunit&#228;t verleiht,   egal, welches Vergehens sie ver&#252;bt haben. Viele weitere   Gerichtsverfahren k&#246;nnten lange verz&#246;gert werden, unter anderem die   laufenden Verhandlungen wegen der Polizeibrutalit&#228;t bei den Protesten in   Genua 2001. Die Regierung hat auch eine Kampagne gegen die   Staatsangestellten (die sogenannten &#8222;fannulloni&#8220;= Arbeiter,die nichts   machen!) gestartet.<\/p>\n<p>  Als ersten Schritt hat der PRC- Kongress beschlossen, zusammen mit   anderen linken Kr&#228;ften eine gro&#223;e Anti-Berlusconi-Demo im November zu   organisieren. Die Zusammenarbeit mit diesen linken Gruppen, wie Sinistra   Critica und die Kommunistische Arbeiterpartei, welche die PRC w&#228;hrend   der Regierungsperiode verlassen haben, und auch linken   Gewerkschaftsstr&#246;mungen, ist eine Kernforderung der radikalisierten   Basis. Sie fordern, dass sich alle f&#252;r den Aufbau einer neuen   antikapitalistischen Linken zusammenzuschlie&#223;en.<\/p>\n<h4>  Welche Perspektiven siehst Du f&#252;r einen Wiederaufbau der Linken in   Italien und wo sieht controcorrente ihre Rolle dabei?<\/h4>\n<p>  Die zentrale Frage ist: welche Auswirkungen die Wirtschaftskrise und die   Klassenk&#228;mpfe, welche sie hervorrufen wird, auf die Spannungen in der   PRC haben werden. Die Radikalisierung ist einerseits eine Reaktion auf   Bertinottis Politik der letzten Jahre und seine ideologischen   Vorstellungen f&#252;r die PRC, wie die Ablehnung des Marxismus und so   weiter. Aber sie hat auch objektive Gr&#252;nde: unsere Mitglieder leiden   auch unter den ganzen Verschlechterungen wie Sozialk&#252;rzungen,   Privatisierung und Inflation, und werden sich daher am Klassenkampf   orientieren.<\/p>\n<p>  Diejenigen, die &#252;ber die Wende bei der PRC am meisten besorgt sind, sind   die Gewerkschaftsspitzen. Denn die PRC ist die einzige Kraft, die einen   Zusammenschluss der linken Str&#246;mungen in den Gewerkschaften zum   CGIL-Kongress 2010 unterst&#252;tzen kann.<\/p>\n<p>  Bertinotti wird eine sozial-progressive Fraktion in der PRC aufbauen,   aber wahrscheinlich wird der Druck der Ereignisse ihn hinausdr&#228;ngen.   Doch die Lage ist kompliziert: Ferrero ist mit einer knappen Mehrheit   von nur sieben Stimmen Vorsitzender geworden, was die tiefen   Widerspr&#252;che innerhalb der PRC verdeutlicht. Die radikale Basis kann ihn   weiter nach links dr&#252;cken. W&#228;hrenddessen dr&#228;ngt ihn sein b&#252;rokratisches   Umfeld wiederum nach rechts.<\/p>\n<p>  Sollte das erste Szenario eintreten, kann die PRC wieder zu einem   Bezugspunkt f&#252;r die Arbeiterklasse werden. Wir sehen heute unsere   Aufgabe darin, alle Kr&#228;fte zu sammeln, um eine neue linke Partei   aufzubauen, falls er doch einknickt. Wir m&#252;ssen vorsichtig sein, aber   das Ergebnis des Kongresses ist auf jeden Fall sehr gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Marco Veruggio, Mitglied im Vorstand der Partito della<br \/>\n      Rifondazione Comunista (Prc) und der marxistischen Str&#246;mung<br \/>\n      Controcorrente &#8211; Sinistra Prc, 5. 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