{"id":12756,"date":"2008-07-30T00:00:00","date_gmt":"2008-07-30T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12756"},"modified":"2008-07-30T00:00:00","modified_gmt":"2008-07-30T00:00:00","slug":"12756","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/07\/12756\/","title":{"rendered":"&#214;sterreich: Politisches Establishment in Aufruhr"},"content":{"rendered":"<p>  Das neue B&#252;ndnis &#8222;Linkes Projekt&#8220; plant, zu den vorgezogenen Wahlen   anzutreten.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Laura Rafetseder, Sozialistische LinksPartei (SLP,   Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in &#214;sterreich), Wien<\/i><\/p>\n<p>  Am 19. Juli nahmen 100 Personen (darunter ehemalige SP&#214;-Mitglieder,   Gr&#252;ne, die KP&#214; zusammen mit JS und GewerkschaftsaktivistInnen) an einer   Konferenz in Wien teil, zu der das bereits bestehende LINKSPROJEKT   eingeladen hatte und entschieden, unter dem Namen LINKE bei den   vorgezogenen Wahlen am 28. September zu kandidieren. Diese Konferenz   fand vor dem Hintergrund einer sich polarisierenden sozialen Situation   und einer tiefen Krise im &#246;sterreichischen politischen Establishment   statt. Es k&#246;nnte der erste potenzielle Schritt in Richtung neuer   Formierung (oder Vor-Formierung) einer neuen Arbeiterpartei in   &#214;sterreich sein.<\/p>\n<p>  Nach dem Zusammenbruch der nur kurzlebigen gro&#223;en Koalition aus   Sozialdemokraten (SP&#214;) und konservativer Volkspartei (&#214;VP) befindet sich   die politische Landschaft in &#214;sterreich in Aufruhr. Gerade an der   Regierung brach die SP&#214; s&#228;mtliche wichtigen Wahlversprechen, die sie   noch vor dem Januar 2007 gemacht hatte. Das f&#252;hrte dazu, dass die SP&#214;   bei den Landtagswahlen in Tirol im Juni 40 Prozent ihres Stimmenanteils   verlor und insgesamt in den Meinungsumfragen auf dem niedrigsten Stand   seit langem landete.<\/p>\n<p>  Die Menschen haben zudem die Nase voll von steigender Inflation und   Lebenshaltungskosten: Die Reall&#246;hne liegen unter denen von 1991 und die   schlechter Bezahlten sind von den Preissteigerungen am st&#228;rksten   betroffen. In bedrohlicher Erwartung einer Wirtschaftskrise setzen immer   mehr Unternehmen ArbeiterInnen frei und schlie&#223;en Produktionsst&#228;tten   (zum Beispiel Siemens, Telekom und andere). Teile der Gro&#223;unternehmen   sind mit dem unzufrieden, was sie &#8222;Reformstau&#8220; nennen und womit gemeinst   ist, dass die Regierung K&#252;rzungen nicht schnell genug durchf&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Mit der sinkenden Unterst&#252;tzung konfrontiert bestellte die SP&#214; einen   neuen Parteivorsitzenden, Werner Faymann, und machte eine populistische   Kehrtwende, indem sie sich die gr&#246;&#223;te Boulevardzeitung &#8222;Die Krone&#8220;   zunutze machte, die f&#252;r eine Volksabstimmung &#252;ber den Vertrag von   Lissabon titelte. Das brachte die &#214;VP dazu, das Koalitionsende   bekanntzugeben und Neuwahlen zu erzwingen.<\/p>\n<h4>  Gesellschaftliche Polarisierung<\/h4>\n<p>  Vergleichbar der sich polarisierenden sozialen Situation herrscht nun   auch eine tiefe Krise seitens des politischen Establishments. Neue   Wahllisten und &#8222;Parteien&#8220; sprie&#223;en wie Pilze aus dem Boden; die meisten   davon nicht eben seri&#246;s oder von rechtsextremer bzw. populistischer Art   &#8211; mit Ausnahme von die LINKE. Die gesellschaftliche Polarisierung ist   derart massiv, dass alle Parteien das Problem der steigenden   Lebenshaltungskosten aufgreifen m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Die rechtsextremen Freiheitlichen (FP&#214;) profitieren vom politischen   Vakuum und pr&#228;sentieren sich selbst als &#8222;Soziale Heimatpartei&#8220; und in   den Meinungsumfragen legen sie mit nahezu 20 Prozent erneut zu. Bei den   letzten Wahlen im Oktober 2006 erhielt die, durch eine 2005 erfolgte   Parteispaltung um ihren fr&#252;heren Vorsitzenden Haider geschw&#228;chte, Partei   11 Prozent. Das heutige Wachstum der mittlerweile vom ehemaligen Neonazi   Heinz-Christian Strache gef&#252;hrten FP&#214; stellt zusammen mit dem   zunehmenden Aktivit&#228;tsgrad kleiner faschistischer Gruppierungen eine   gef&#228;hrliche Bedrohung dar.<\/p>\n<p>  Die Konferenz am 19. Juli stellte das zweite landesweite Treffen des   &#8222;Linken Projekts&#8220; dar. Das erste hatte am 5. Juli und damit zwei Tage   bevor die Regierung zusammenbrach mit 70 TeilnehmerInnen stattgefunden.   An beiden Konferenzen nahm eine Reihe von AktivistInnen aus den Regionen   (namentlich aus der Steiermark, K&#228;rnten, Tirol, Salzburg und   Ober&#246;sterreich), GewerkschafterInnen und sogar AktivistInnen der   Sozialistischen Jugend (SJ, die Jugendorganisation der SP&#214;) teil. Es   waren aber auch Einzelpersonen anwesend, die bisher nicht politisch   aktiv waren. In den letzten beiden Wochen fand die LINKE weiten   Widerhall &#8211; sowohl in den Medien als auch von Leuten, die &#252;ber   SLP-Mitglieder (CWI) wie LINKSPROJEKT-AktivistInnen Kontakt aufnahmen,   um Unterst&#252;tzung zu geben. Nach einer zweist&#252;ndigen Debatte wurde auf   der Konferenz am 19. Juli mit &#252;berw&#228;ltigender Mehrheit von 87 zu acht   entschieden, zu den Wahlen anzutreten.<\/p>\n<h4>  Potenzial der Linken<\/h4>\n<p>  Die Sozialistische Linkspartei (SLP, CWI in &#214;sterreich) dr&#228;ngte das   LINKSPROJEKT zu kandidieren: Wir machten auf der ersten Konferenz am 5.   Juli deutlich, dass es dringend eine zweite Konferenz geben m&#252;sse, wenn   Neuwahlen ersteinmal ausgerufen sind. Wir k&#228;mpften hart daf&#252;r, die   anderen im Vorbereitungskomitee davon zu &#252;berzeugen, dass diese   Konferenz fr&#252;h genug stattfinden muss, um eine neue Formation   vorzubereiten damit man in der Lage sein kann zu kandidieren.   SLP-Mitglieder traten am entschiedensten daf&#252;r ein, bei den   September-Wahlen anzutreten.<\/p>\n<p>  Eine linke Herausforderung hat gro&#223;es Potenzial, das andernfalls nicht   realisiert werden kann. Wir machten deutlich, dass es die M&#252;he wert ist,   bei den Wahlen zu kandidieren &#8211; selbst wenn das neue Projekt eben erst   begonnen hat. SLP-Mitglieder legten dar, dass der Wahlkampf dazu genutzt   werden muss, die LINKE aufzubauen, um Aktivit&#228;ten in Gang zu bringen und   eine Kampagne f&#252;r h&#246;here L&#246;hne sowie gegen Sozialk&#252;rzungen und Rassismus   zu f&#252;hren. Ein wichtiger Punkt ist, dass 16- und 17-j&#228;hrige zum ersten   Mal das Recht zu w&#228;hlen haben.<\/p>\n<p>  Wir argumentierten auf der Konferenz auch f&#252;r demokratische Strukturen:   f&#252;r ein gew&#228;hltes Koordinierungskomitee und Regionalkonferenzen wie auch   f&#252;r ein Programm, das die folgenden Punkte beinhaltet:<\/p>\n<p>  <i>Verk&#252;rzung der Wochenarbeitszeit, ein Mindestlohn und automatisch an   die Inflation angepasste L&#246;hne statt prek&#228;rer Besch&#228;ftigung, steigender   Lebenshaltungskosten und Angriffe auf Arbeitslose <\/i><\/p>\n<p>  <i>Anhebung der Ausgaben f&#252;r den &#246;ffentlichen Dienst, das   Gesundheitssystem, &#246;ffentlichen Wohnungsbau und den &#246;ffentlichen Verkehr   statt Arbeitsplatzabbau, Privatisierung und Sozialk&#252;rzungen <\/i><\/p>\n<p>  <i>&#214;ffentliche Kinder- und Altenbetreuung wie auch gleicher Lohn f&#252;r   gleiche Arbeit f&#252;r Frauen <\/i><\/p>\n<p>  <i>Gegen alle Arten von Privilegien f&#252;r Politiker <\/i><\/p>\n<p>  <i>F&#252;r k&#228;mpferische und demokratische Gewerkschaften <\/i><\/p>\n<p>  <i>F&#252;r ein vereintes sozialistisches Europa statt einer neoliberalen EU   der Konzernchefs <\/i><\/p>\n<p>  <i>F&#252;r eine demokratisch geplante Wirtschaft &#8211; eine Gesellschaft ohne   Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung<\/i><\/p>\n<p>  Teile des LINKSPROJEKTs (besonders die InitiatorInnen, die den   Hintergrund der Sozialforen haben) z&#246;gerten bei der Frage, ob mensch zu   den Wahlen antreten sollte indem sie argumentierten, dass es zu fr&#252;h   sei, dass AktivistInnen abgearbeitet sein k&#246;nnten und dass das   LINKSPROJEKT gef&#228;hrdet werden k&#246;nnte, wenn es dabei nicht &#8222;erfolgreich&#8220;   sein w&#252;rde. Dies lie&#223; aber vollkommen au&#223;er Acht, dass jedes Ergebnis   ein Erfolg sein w&#252;rde, wenn die AktivistInnen des LINKSPROJEKTs es   hinbekommen w&#252;rden, die n&#246;tigen 2.600 juristisch n&#246;tigen Unterschriften   zusammenzubekommen um kandidieren zu k&#246;nnen. Eine Wahlteilnahme im   September w&#252;rde die AktivistInnen zusammenschwei&#223;en und auf Aktivit&#228;ten   danach vorbereiten.<\/p>\n<p>  Die Kommunistische Partei (KP&#214;), die mit einem Sprecher am 19. Juli bei   der Konferenz vertreten war, hatte bereits beschlossen, selbstst&#228;ndig   anzutreten &#8211; und sie verlegte ihr Vorstandstreffen vom 20. Juli auf den   19. Juli, den selben Tag, an dem die Konferenz des LINKSPROJEKTs   stattfand, vor. Das wurde als sektiererischer Schritt betrachtet, was   der Herangehensweise der KP&#214; entspricht, wonach sie die Linke   &#187;kontrollieren&#171; will. Das LINKSPROJEKT rief weiter zu einem B&#252;ndnis mit   der KP&#214; in der Steiermark auf, da die KP&#214; wie auch ihr bekanntes lokales   Mitglied Ernst Kaltenegger immer noch mit echten Wurzeln in dieser   Region angesehen wird.<\/p>\n<p>  Ein verkomplizierender Faktor f&#252;r die Entwicklung einer neuen   Arbeiterpartei in &#214;sterreich ist der Mangel an Bewegungen oder   Klassenk&#228;mpfen seit 2003. Das kann sich nat&#252;rlich bei der anstehenden   n&#228;chsten Runde von Tarifverhandlungen im Herbst schnell &#228;ndern.   Unternehmerfreundliche Kommentatoren warnen vor einer m&#246;glicherweise   explosiven Situation: mit einer Inflation, die im Juni bereits die   Vierprozentmarke erreicht hat. Die Gewerkschaften k&#246;nnen nicht weniger   als vier Prozent fordern &#8211; wohingegen die Unternehmer, die den Ausblick   einer Wirtschaftskrise f&#252;rchten, ihr Bestes tun werden, um die L&#246;hne   niedrig zu halten. Mit dem zu den Wahlen antretenden LINKSPROJEKT kann   das die Krise der SP&#214; weiter vertiefen und die Entwicklung in Richtung   einer neuen politischen Formation der ArbeiterInnen beschleunigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Das neue B&#252;ndnis &#8222;Linkes Projekt&#8220; plant, zu den vorgezogenen Wahlen<br \/>\n      anzutreten.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12756"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12756"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12756\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}