{"id":12739,"date":"2008-07-04T15:00:00","date_gmt":"2008-07-04T15:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12739"},"modified":"2008-07-04T15:00:00","modified_gmt":"2008-07-04T15:00:00","slug":"12739","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/07\/12739\/","title":{"rendered":"Rostock: Debatte um B&#252;rgerbegehren gegen Privatisierungen"},"content":{"rendered":"<p>  Rede der Abgeordneten Christine Lehnert, SAV, zum B&#252;rgerbegehren in der   Stadt Rostock, in der B&#252;rgerschaftssitzung am 2. Juli 08<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  &quot;Das heutige Thema B&#252;rgerbegehren ist ein sehr wichtiges f&#252;r die   Menschen dieser Stadt und ich als Vertreterin der SAV habe selbst auf   Infost&#228;nden Unterschriften daf&#252;r gesammelt und teile die rechtliche   Auffassung der Fraktion DIE LINKE, dass das Begehren zul&#228;ssig ist.<\/p>\n<p>  Hier geht es aber nicht in erster Linie um die rechtliche Betrachtung,   sondern es ist eine politische Frage &#8211; ob man f&#252;r oder gegen den Verkauf   von kommunalem Eigentum ist. Hier geht es um die grunds&#228;tzliche Frage,   welche L&#246;sung es gibt f&#252;r die Finanzmisere in der Stadt. Hat die Stadt   ein Einnahmeproblem oder Ausgabeproblem? Und wie kann der enorme   Schuldenberg abgetragen werden?<\/p>\n<p>  Oberb&#252;rgermeister Methling, das Innenministerium in Schwerin und die   etablierten Parteien beharren permanent auf ihrer Behauptung, dass es   keine andere L&#246;sung gibt, als den Ausverkauf des kommunalen Eigentum.   Sie wiederholen dies pausenlos und ohne Scham. Doch wie sagte schon der   britische Dichter und Matematiker Bertrand Russel: &#8222;Das ist der ganze   Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.&#8220;<\/p>\n<p>  Es ist h&#246;chste Zeit, dass nun die Gescheiten endlich die Zweifel ablegen   und mutig ihre Forderungen kundtun, dass n&#228;mlich Privatisierung von   kommunalem Eigentum NICHT der richtige Weg und schon gar nicht der   einzige Weg ist!<\/p>\n<p>  Das wei&#223; im &#252;brigen auch die Mehrheit der Menschen hier in diesem Land.   Laut einer Umfrage der Zeutschrift &#8222;DIE ZEIT&#8220; sind 67 % der Befragten   gegen weitere Privatisierungen von staatlichem Eigentum. Die Menschen   wissen: Privatisierungen sind unsozial und auch &#246;konomisch kurzsichtig.<\/p>\n<p>  Die Erfahrungen in Rostock sind hier beispielhaft. Sei es der Verkauf   des Rostocker Hafens, der ein vollkommener Reinfall war. Selbst der   Unternehmerverbandschef Ulrich Seidel r&#252;gte den &quot;l&#228;cherlich niedrigen&quot;   Verkaufspreis von 19 Millionen. Dem standen von Gutachtern gesch&#228;tzte   Verm&#246;genswerte von 77 Millionen Mark gegen&#252;ber. Arbeitspl&#228;tze sind   abgebaut worden und die Stadt musste sich mittlerweile f&#252;r teures Geld   Hafenfl&#228;chen zur&#252;ckkaufen.<\/p>\n<p>  Oder nehmen wir das Beispiel der Wasserprivatisierung in Rostock. Selbst   der Direktor am Max-Planck-Institut f&#252;r ausl&#228;ndisches und   internationales Privatrecht in Hamburg, J&#252;rgen Basedow, &#228;u&#223;erte sich zur   Bilanz der Einsch&#228;tzung der Wasserprivatisierung in Rostock ablehnend:   &#8222;Vielleicht, dass die &#246;ffentliche Seite als Verk&#228;ufer lieber auf die   m&#246;glichen Sp&#228;tfolgen schauen sollte statt vor allem auf die Maximierung   des Verkaufspreises. Es ist problematisch, wenn in der Politik   kurzfristige finanzielle Kalk&#252;le langfristig wirkende Entscheidungen   bestimmen.&#8220;<\/p>\n<p>  Auch die Teilprivatisierung bei der Rostocker Stadtentsorgung hatte nur   negative: Stellen wurden abgebaut, Lohnsenkungen durchgesetzt, es gibt   eine gro&#223;e Arbeitshetze und schlechtere Arbeitsbedingungen als vorher.   So fahren die Kollegen mit weniger Mann auf den Wagen als fr&#252;her.<\/p>\n<p>  Wer also nicht total neoliberal verbohrt ist, w&#252;rde Lehren aus diesen   Erfahrungen ziehen.<\/p>\n<p>  Aber nat&#252;rlich beantwortet das noch nicht die Frage, wo das Geld denn   herkommen soll, wenn nicht durch den Verkauf von Eigentum. Hier gibt es   nur eine Antwort &#8211; die den neoliberalen Parteien nur ein m&#252;des L&#228;cheln   ins Gesicht zaubert. Aber die trotzdem die einzige richtige L&#246;sung ist &#8211;   eine Umverteilung des Reichtums in Deutschland. Es muss eine   Umverteilung der Gelder bundesweit von den Konten der Reichen in die   Staatskasse geben und von dort in die L&#228;nder und Kommunen. Nur das kann   die Finanzkrise l&#246;sen.<\/p>\n<p>  [Unterbrechung durch die Pr&#228;sidentin der B&#252;rgerschaft, dass das hier   nicht zur Kommune hergeh&#246;re]<\/p>\n<p>  Dies ist nicht nur eine &#246;rtliche Auseinandersetzung in Rostock sondern   eine gesellschaftliche Fragestellung.<\/p>\n<p>  Um das Erwirtschaftete in Deutschland tobt ein Kampf und in den letzten   Jahren haben die Reichen und Besitzenden sich immer gr&#246;&#223;ere Teile   erobert, f&#252;r die Masse sind die Realeinkommen gesunken. Die &#246;ffentlichen   Kassen wurden durch Steuererleichterungen f&#252;r die Reichen unter Kohl,   Schr&#246;der und Merkel gepl&#252;ndert. Deren R&#252;cknahme w&#252;rde bundesweit etwa   120 Milliarden Euro Mehreinnahmen bedeuten.<\/p>\n<p>  Auch 2008 gab es noch mal ein Steuergeschenk: Die   Unternehmenssteuerreform, welche Steuergeschenke an die Unternehmen in   H&#246;he von bis zu acht Milliarden Euro pro Jahr bedeutet.<\/p>\n<p>  Doch die Ebbe in den &#246;ffentlichen Kassen ist kein absoluter Wert. Wenn   es um die Interessen der herrschenden Klasse geht, k&#246;nnen auch die   b&#252;rgerlichen Politiker enorme Summen &#246;ffentlicher Gelder mobilisieren &#8211;   nehmen wir die Bankenkrise in den letzten Monaten. Da haben b&#252;rgerliche   Politiker, die niemals Geld f&#252;r uns hier unten haben, Millionen zur   Sicherung der Banken aufgebracht. Es ist also deutlich sichtbar, dass es   eine Frage des Wollens ist!<\/p>\n<p>  Ralph Solveen, Volkswirt bei der Commerzbank, sagte zu diesen   Entwicklungen: &#8222;Wenn wir es klassenk&#228;mpferisch ausdr&#252;cken, haben wir in   den letzten Jahren eine Umverteilung von Arbeit zu Kapital gesehen.&#8220;<\/p>\n<p>  Nun genau hierauf muss auch endlich eine entsprechende Antwort gegeben   werden: &#8222;Es reicht!&#8220;<\/p>\n<p>  Die Menschen dieser Stadt haben das B&#252;rgerbegehren nicht unterst&#252;tzt um   jetzt verarscht zu werden. Deswegen meine Aufforderung an LINKE und   verdi:<\/p>\n<p>  Hier muss nun endlich mit der Faust auf den Tisch gehauen werden und   diese Forderung, nach einem Ende des Ausverkaufs von kommunalem Eigentum   muss durchgek&#228;mpft werden. Die parlamentarische Linke ist nur so stark   wie die au&#223;erparlamentarische Bewegung ist. Deswegen schlage ich vor,   dass jetzt Mitarbeiterversammlungen in den betroffenen Betrieben sowie   Einwohnerversammlungen in den Stadtteilen durchgef&#252;hrt werden, um dann   Proteste, Demos und betriebliche Aktionen gegen die Verkaufspl&#228;ne zu   starten.<\/p>\n<p>  Wer hat denn hier das Sagen in der Stadt? Die Menschen, die hier wohnen   oder dieser Haufen hier (Anm. CL: an die b&#252;rgerlichen Fraktionen in der   B&#252;rgerschaft gerichtet) und ein kleiner Diktator mit seinen Freunden aus   Schwerin?&quot;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Rede der Abgeordneten Christine Lehnert, SAV, zum B&#252;rgerbegehren in der<br \/>\n      Stadt Rostock, in der B&#252;rgerschaftssitzung am 2. 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