{"id":12726,"date":"2008-07-24T00:00:00","date_gmt":"2008-07-23T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12726"},"modified":"2012-07-18T15:51:56","modified_gmt":"2012-07-18T13:51:56","slug":"12726","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/07\/12726\/","title":{"rendered":"Gesundheit in einer sozialistischen Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>  Was bei nichtkapitalistischen Verh&#228;ltnissen, was bei einem freien,   kostenlosen Zugang zu medizinischen Einrichtungen m&#246;glich w&#228;re<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Es w&#228;re leicht, hier &#252;ber die katastrophalen Entwicklungen im   Gesundheitswesen zu schreiben, aber es soll an dieser Stelle darum   gehen, wie Gesundheitsversorgung im Sozialismus aussehen k&#246;nnte.<\/b><\/p>\n<p>  <b>Nat&#252;rlich kann das im Detail keiner wissen, aber einige Eckpunkte   k&#246;nnen sicherlich heute schon schlaglichtartig beleuchtet werden. Denn   vieles f&#252;r die Gesundheit und zur Vermeidung von Krankheit Notwendige   ist bereits seit &#252;ber hundert Jahren bekannt, wird aber wegen den   menschenverachtenden &#8222;Gesetzm&#228;&#223;igkeiten des Marktes&#8220; erst in einer   sozialistischen Gesellschaft umgesetzt werden.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Carsten Becker, Vorsitzender der ver.di-Betriebsgruppe am   Berliner Uniklinikum Charit&#233;*<\/i><\/h4>\n<p>  Die gr&#246;&#223;ten katastrophalen Missst&#228;nde heutiger Gesundheitspolitik haben   ihre Ursache im Unverm&#246;gen, auf der Grundlage der derzeitigen   Gesellschaftsordnung l&#228;ngst gewonnene Erkenntnisse umzusetzen.<\/p>\n<h4>  Armut macht krank &#8211; Die Verh&#228;ltnisse machen krank<\/h4>\n<p>  Die meisten Menschen, die auf Grund einer Erkrankung sterben, sterben an   heilbaren Krankheiten. Hunger und Armut sind die Haupttodesursachen auf   unserem Planeten. Der Zugang zu sauberem Wasser und anderen hygienischen   Mindeststandards, ist das, was den meisten Menschen fehlt.<\/p>\n<p>  &#8222;Die wachsende Kluft zwischen denen, die Zugang und jenen, die keinen   Zugang zu einer Grundversorgung haben, t&#246;tet jeden Tag 4.000 Kinder&#8220;,   sagt UNICEF-Direktorin Carol Bellamy. Nur ein Drittel der Menschen in   Asien und Afrika haben Zugang zu sanit&#228;ren Einrichtungen. Die   Verbesserung des Gesundheitszustandes ist in erster Linie einfach eine   Frage der Verbesserung der Lebensbedingungen. Und diese Erkenntnis ist   weder neu noch ausgesprochen sozialistisch.<\/p>\n<p>  &#8222;Die Bedingungen des Wohlseins sind aber Gesundheit und Bildung, und die   Aufgabe des Staates ist es daher, die Mittel zur Erhaltung und   Vermehrung der Gesundheit und Bildung in m&#246;glich gr&#246;&#223;tem Umfange durch   die Herstellung &#246;ffentlicher Gesundheitspflege und &#246;ffentlichen   Unterrichts zu gew&#228;hren. Wenn der Staat es zul&#228;sst, dass durch irgend   welche Vorg&#228;nge, sei es des Himmels oder des t&#228;glichen Lebens, B&#252;rger in   die Lage gebracht werden, verhungern zu m&#252;ssen, so h&#246;rt er rechtlich   auf, Staat zu sein, er legalisiert den Diebstahl (die Selbsth&#252;lfe) und   beraubt sich jedes sittlichen Grundes, die Sicherheit der Personen oder   des Eigenthums zu wahren. Dasselbe ist der Fall, wenn er zul&#228;sst, dass   ein B&#252;rger gezwungen wird, in einer Lage zu beharren, bei der seine   Gesundheit nicht bestehen kann&#8220; (Rudolf Virchow, Arzt, 1848).<\/p>\n<h4>  L&#228;nger leben<\/h4>\n<p>  Auch vor unserer Haust&#252;r haben die gesellschaftlichen Bedingungen sogar   wieder im verst&#228;rkten Ma&#223;e unmittelbare Auswirkung auf die Gesundheit.   In den armen Stadtvierteln Berlins ist die durchschnittliche   Lebenserwartung zehn Jahre k&#252;rzer als in den noblen Vierteln im   S&#252;dwesten der Stadt. Nicht den Zustand beschreiben war das Ziel des   Artikels, aber dieses macht deutlich, wie schnell Milliarden von   Menschen auf diesem Planeten l&#228;nger und ges&#252;nder Leben k&#246;nnten, ohne   auch nur eine Pille daf&#252;r schlucken zu m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Eben solches gilt auch f&#252;r die Arbeitsbedingungen. Stress,   Arbeitsverdichtung, zu lange Lebensarbeitszeit, Nachtarbeit und   Schichtdienst (allein das verk&#252;rzt die Lebenserwartung statistisch   gesehen um zehn Jahre), Arbeitslosigkeit und in weiten Teilen der Welt   Kinderarbeit &#8211; all dieses im Interesse der Besch&#228;ftigten konsequent   anzugehen, w&#228;re ein weiterer Meilenstein zur Genesung der Menschheit.   Arbeitspolitik ist Gesundheitspolitik!<\/p>\n<h4>  Zugang zu medizinischen Einrichtungen<\/h4>\n<p>  Ein weiterer einfacher, aber ebenso wirksamer Schritt w&#228;re der freie,   kostenlose Zugang zu medizinischen Einrichtungen und Medikamenten. Es   sind allein die gesellschaftlichen Bedingungen und die Profitgier der   Pharmakonzerne, sowie der Industrie f&#252;r Medizinprodukte beziehungsweise   -ger&#228;te, die dieses verhindern und Millionen von Menschen an   heilbaren\/behandelbaren Erkrankungen sterben lassen.<\/p>\n<p>  Fl&#228;chendeckende Schwangerenvor- und -nachsorge und ausreichender   Impfschutz f&#252;r alle Kinder dieser Welt w&#252;rde die Kindersterblichkeit auf   einen Schlag um ein Vielfaches reduzieren.<\/p>\n<p>  Dieses zu erreichen ist Teil der so genannten Millenium Development   Goals der Vereinten Nationen (UN) und der Weltgesundheitsorganisation   (WHO). Beide Institutionen stehen ja nun nicht in dem Ruf,   ausgesprochene Kritiker der herrschenden Gesellschaftsordnung zu sein.   So verbleiben diese Ziele als zynischer und moralinsaurer Fingerzeig auf   Kongressen und Konferenzen. Ihre Durchsetzung aber, zum Wohle der   Menschen, als Aufgabe denjenigen, die eine neue Gesellschaftsordnung   errichten wollen und werden.<\/p>\n<h4>  Krankheiten und Behinderungen im Sozialismus?<\/h4>\n<p>  Auch in einer sozialistischen Gesellschaft oder auch sp&#228;ter noch, wenn   diese sich weiterentwickelt hat, werden Menschen krank, kommen krank   oder mit Behinderungen oder Fehlbildungen auf die Welt.<\/p>\n<p>  Wer geboren wird, muss sterben. &#8222;Denn alles, was entsteht ist wert, dass   es zu Grunde geht&#8220; (Goethe, &#8222;Faust&#8220;). Aus diesem biologischen Grundsatz   sch&#246;pft die Natur dieses Planeten ihre Kraft zu Vielfalt, Ver&#228;nderungen   und Weiterentwicklung, auch die der Gattung Mensch.<\/p>\n<p>  Die Verinnerlichung dieses Grundsatzes in der Gestaltung eines   menschenw&#252;rdigen Lebens auch in Krankheit und\/oder mit Behinderung,   sowie ein menschenw&#252;rdiges Sterben werden die Hauptaufgaben der Medizin   der Zukunft sein.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich wird es weitere Durchbr&#252;che in der Diagnostik und Behandlung   von Leiden und Erkrankungen geben. Insbesondere, wenn die Forschung   nicht mehr behindert wird durch ihre Bezahlbarkeit und die k&#252;nftige   Profitabilit&#228;t auf dem Gesundheitsmarkt.<\/p>\n<p>  Auch wird es sicherlich Ver&#228;nderungen in Diagnostik und Behandlungen   geben, wenn die &#8222;Schulmedizin&#8220; von der Profitgier des Gesundheitsmarktes   befreit und mit dem verkn&#252;pft werden k&#246;nnte, was von der &#8222;alternativen   Medizin&#8220; und der &#8222;Naturheilkunde&#8220; &#252;brig bleibt, wenn diese von ihrem   esoterischen und pseudo-religi&#246;sen und religi&#246;sen Beiwerk befreit werden.<\/p>\n<h4>  Frage der Ethik<\/h4>\n<p>  Aber es wird auch ethische Instanzen geben m&#252;ssen, die entscheiden, was   von dem, was m&#246;glich ist, auch gemacht wird oder eben bewusst nicht   gemacht wird. Wollen wir wirklich, zu Forschungszwecken, wie jetzt in   Gro&#223;britannien m&#246;glich, Chim&#228;ren (Organismen mit Erbinformationen   verschiedener Lebewesen) z&#252;chten, in denen menschliches Erbgut und   tierische Zellen miteinander verkn&#252;pft und zur embryonalen Reife   gebracht werden?<\/p>\n<p>  Wer entscheidet, was ethisch verwerflich ist oder ob es nicht doch f&#252;r   die Forschung (Grundlagenforschung) unerl&#228;sslich ist? Dies gilt es   sicherlich noch zu diskutieren.<\/p>\n<h4>  F&#252;r demokratische Strukturen im Gesundheitswesen<\/h4>\n<p>  Gesundheit im Sozialismus bedeutet zun&#228;chst also Verbesserung der   Lebensbedingungen und einen freien Zugang zu medizinischen   Einrichtungen. Erg&#228;nzt durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen   w&#252;rde dieses zur wesentlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes der   Menschheit beitragen.<\/p>\n<p>  Eine von &#8222;Marktzw&#228;ngen&#8220; befreite Forschung und eine Bildung f&#252;r alle   werden zu einem enormen Schub in wissenschaftlichen Erkenntnissen   allgemein und damit auch zu verbesserter Diagnostik und Behandlung in   der Medizin f&#252;hren.<\/p>\n<p>  Die Errichtung von demokratischen Strukturen in den   Gesundheitseinrichtungen, in denen Besch&#228;ftigte, ExpertInnen,   PatientInnen und Bev&#246;lkerung zusammen arbeiten, werden ebenfalls weitere   Ver&#228;nderungen und Verbesserungen in der Gesundheitspolitik bringen.<\/p>\n<p>  Die gr&#246;&#223;ten Ver&#228;nderungen werden aber, in meinen Augen, geschaffen durch   eine neue Sicht auf Gesundheit und Krankheit in einer von Profitgier   sowie Ausgrenzung und Unterdr&#252;ckung befreiten Gesellschaft.<\/p>\n<h4>  *Angabe der Funktion dient nur zur Kenntlichmachung der Person<\/h4>\n<hr>\n<h4>  Rudolf Virchow (1821-1902)<\/h4>\n<p>  Der Arzt Rudolf Virchow setzte sich f&#252;r eine medizinische   Grundversorgung der Bev&#246;lkerung ein. &#8222;Die Medizin ist eine soziale   Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Gro&#223;en.&#8220;   Auf Virchow geht die Einrichtung erster kommunaler Krankenh&#228;user in   Berlin zur&#252;ck, wie das in Berlin-Moabit (1875 gegr&#252;ndet, inzwischen   geschlossen). Auch Parks und Kinderspielpl&#228;tze sollten die Lage der   st&#228;dtischen Werkt&#228;tigen und ihrer Familien verbessern.<\/p>\n<p>  Ab 1869 war Rudolf Virchow ma&#223;geblich daran beteiligt, dass Berlin um   1870 eine Kanalisation und eine zentrale Trinkwasserversorgung erhielt.<\/p>\n<p>  Virchow beteiligte sich an der M&#228;rzrevolution 1848. 1861 war er   Gr&#252;ndungsmitglied und Vorsitzender der Deutschen Fortschrittspartei.   Sein Ziel war die &#8222;Freiheit mit ihren T&#246;chtern Bildung und Wohlstand&#8220;.   Besonders f&#252;r den Aufbau einer staatlichen Gesundheitsf&#252;rsorge setzte er   sich ein. Er forderte eine soziale Medizin, die auf dem Boden   naturwissenschaftlicher Aufkl&#228;rung stehen sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Was bei nichtkapitalistischen Verh&#228;ltnissen, was bei einem freien,<br \/>\n      kostenlosen Zugang zu medizinischen Einrichtungen m&#246;glich w&#228;re\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[111],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12726"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12726"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12726\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12726"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12726"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12726"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}