{"id":12713,"date":"2008-07-11T00:00:00","date_gmt":"2008-07-11T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12713"},"modified":"2008-07-11T00:00:00","modified_gmt":"2008-07-11T00:00:00","slug":"12713","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/07\/12713\/","title":{"rendered":"Schluss mit dem Pflegenotstand"},"content":{"rendered":"<p>  Mehr Personal f&#252;r die Krankenh&#228;user<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Das Wort Pflegenotstand ist wieder in aller Munde. Wenn es nach den   Unternehmern und ihren Parteien geht, wird aus dem Pflegenotstand bald   ein Krankenhausnotstand. Bis zum Jahr 2020 sollen nach einer Studie der   Consulting Firma Ernst &amp; Young ein Viertel aller Akutkrankenh&#228;user &#8222;vom   Markt verschwunden sein&#8220;. Ein fl&#228;chendeckendes Angebot wird nicht mehr   als Priorit&#228;t betrachtet. In erster Linie soll Profit erzielt werden.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Ursel Beck, Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Den Krankenh&#228;usern fehlt Geld &#8211; nicht Millionen, sondern Milliarden. In   einer Gesellschaft, in der mal locker 20 Milliarden an Banken flie&#223;en,   um ihre Spekulationsverluste auszugleichen, d&#252;rfte das eigentlich kein   Problem sein. Aber im Gegensatz zu den Banken sollen Kliniken in die   Insolvenz getrieben werden. Die Landesregierungen weigern sich, ihrer   gesetzlicher Verpflichtung f&#252;r Investitionen nachzukommen. Seit Anfang   der neunziger Jahre haben sie ihre Mittel f&#252;r die Krankenh&#228;user real um   mehr als 44 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro im Jahr 2006 zur&#252;ckgefahren.   Auch die Kommunen schrauben ihre Ausgaben f&#252;r die Krankenh&#228;user immer   weiter zur&#252;ck. Die deutsche Krankenhausgesellschaft sieht ein Drittel   der 2.100 Kliniken von Insolvenz bedroht.<\/p>\n<h4>  Regierung plant weitere Verschlechterungen<\/h4>\n<h4>  In den n&#228;chsten Monaten drohen entscheidende &#196;nderungen, die den Druck   auf die Krankenh&#228;user gewaltig erh&#246;hen w&#252;rden.<\/h4>\n<p>  Die Einf&#252;hrung des Gesundheitsfonds bedeutet einen weiteren Ausstieg der   Unternehmer aus der parit&#228;tischen Finanzierung. Das hei&#223;t, sie werden   weiter entlastet und die abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten werden st&#228;rker belastet.<\/p>\n<p>  Damit verbunden ist auch die Deckelung der Etats der Krankenkassen. Der   finanzielle Druck wird dann von den Krankenkassen auf die Kliniken   &#252;bertragen. Es soll ein Gesetz beschlossen werden, wonach die Kassen   k&#252;nftig in Insolvenz gehen k&#246;nnen. Krankenkassen soll erlaubt werden,   Krankenh&#228;user, mit denen sie Vertr&#228;ge abschlie&#223;en, frei zu w&#228;hlen.<\/p>\n<p>  Und nicht zuletzt droht die Abschaffung der dualen Finanzierung, sprich   feste staatliche Anteile an den Kosten der Kliniken werden abgeschafft.   Das bedeutet, es muss noch mehr &#252;ber die Krankenkassenbeitr&#228;ge   finanziert werden. Bei steigenden Kosten steht also nicht mehr Geld zur   Verf&#252;gung.<\/p>\n<h4>  Privatisierung<\/h4>\n<p>  Die Unterfinanzierung der Krankenh&#228;user dient auch dazu, sie sturmreif   f&#252;r die Privatisierung zu schie&#223;en. Deutschland liegt dabei weltweit an   der Spitze: Der Anteil der privaten Krankenh&#228;user erh&#246;hte sich zwischen   1991 und 2004 von 14,8 auf 25,6 Prozent und soll bis 2015 die Marke von   40 Prozent erreichen.<\/p>\n<p>  Dadurch werden dem Gesundheitssystem nicht die fehlenden Finanzmittel   zugef&#252;hrt. Im Gegenteil, es wird Geld als privater Unternehmensgewinn   entzogen. Inzwischen beherrschen die vier privaten Krankenhauskonzerne   Rh&#246;n, Fresenius, Asklepios-Helios und Sana den Markt. Sie konzentrieren   sich auf lukrative Behandlungen und fahren durch diese Rosinenpickerei   horrende Gewinne ein. Der Eigent&#252;mer von Askplepios, Bernhard Broermann,   geh&#246;rt inzwischen zu den reichsten Deutschen.<\/p>\n<p>  Nach dem Platzen der Spekulationsblase mit Immobilien sucht das Kapital   nach anderweitigen Verwertungsm&#246;glichkeiten. Eine Folge davon ist der   verst&#228;rkte Privatisierungsdruck. Dieser Druck kann letztendlich nur   beseitigt werden, wenn das Kapital entmachtet wird.<\/p>\n<h4>  Fallpauschalen abschaffen<\/h4>\n<p>  Das Prinzip der Selbstkostendeckung im Krankenhausbereich wurde mit der   Einf&#252;hrung von Fallpauschalen, den Diagnosis Related Groups (DRG), 2003   abgeschafft. Die Behandlung einer bestimmten Krankheit wird nun mit   einem Festbetrag verg&#252;tet &#8211; unabh&#228;ngig von der tats&#228;chlich notwendigen   Behandlung und ihren Kosten.<\/p>\n<p>  Die Fallpauschalen sind ein Instrument zur Umorientierung einer   Behandlung nach Bedarf auf Behandlung f&#252;r Profit. Dr&#252;ckt ein Krankenhaus   die Kosten unter den Festpreis, erwirtschaftet es Gewinn, liegt es   dr&#252;ber, macht es Verlust. Die Konsequenz daraus ist, dass PatientInnen   selektiert werden, dass lukrative Behandlungen durchgef&#252;hrt werden,   obwohl sie medizinisch nicht notwendig sind. Gleichzeitig unterbleiben   Behandlungen, wenn die Fallpauschalen nicht reichen, um die Kosten zu   decken. Die Krankenh&#228;user maximieren ihre Gewinne, indem sie m&#246;glichst   viele F&#228;lle in k&#252;rzester Zeit mit m&#246;glichst wenig Personal behandeln. Da   die Fallpauschalen den Durchschnittskosten entsprechen, sinken sie durch   den Unterbietungswettlauf st&#228;ndig. Maximalversorgungskrankenh&#228;user, die   jeden Patienten aufnehmen m&#252;ssen, werden benachteiligt. Privatkliniken,   die sich auf bestimmte Behandlungen spezialisieren, werden bevorzugt.<\/p>\n<h4>  Besch&#228;ftigte am Limit<\/h4>\n<p>  Seit 1996 wurden in Deutschlands Krankenh&#228;usern fast 100.000 Stellen   abgebaut, davon 50.000 in der Pflege. Die Zahl der Patientinnen und   Patienten hat sich gleichzeitig um 670.000 erh&#246;ht. Nach einer   OECD-Studie arbeiten deutsche Kliniken mit dem geringsten Personal,   n&#228;mlich 10,8 Krankenhaus-Besch&#228;ftigten auf 1.000 Einwohner. In   &#214;sterreich ist die Vergleichszahl 15,3 und selbst in den USA mit seiner   unzureichenden Gesundheitsversorgung gibt es 16,1 Pflegekr&#228;fte je 1.000   Einwohner.<\/p>\n<p>  Immer mehr PatientInnen m&#252;ssen hierzulande in k&#252;rzester Zeit mit immer   weniger Personal durchgeschleust werden. Hinzu kommt, dass die   PatientInnen in den Krankenh&#228;usern schwerer erkrankt sind, denn die   leichteren F&#228;lle werden meist ambulant behandelt. Zudem werden   PatientInnen heute viel fr&#252;her entlassen.<\/p>\n<p>  Pflegekr&#228;fte versuchen immer wieder, den Personalmangel auszugleichen,   nehmen ihre Pausen nicht, bleiben &#252;ber den Dienstschluss hinaus,   springen ein, wenn jemand fehlt. Im Jahr 2006 kompensierten die   Pflegekr&#228;fte 5.000 Vollzeitstellen durch &#220;berstunden. Es wird inzwischen   sogar von &#8222;gef&#228;hrlicher Pflege&#8220; gesprochen. Wenn zwei Patienten gest&#252;rzt   sind, bleibt einer erst mal liegen. Wenn kein Pflegepersonal da ist, um   Menschen beim Essen zu helfen, m&#252;ssen Magensonden oder Infusionen gelegt   werden. Wenn keine Schwester da ist, um PatientInnen auf die Toilette zu   begleiten, m&#252;ssen Katheder oder Windeln eingesetzt werden. Im   schlimmsten Fall stirbt ein Patient infolge von Personalmangel.<\/p>\n<p>  Das Limit der Belastung f&#252;r die Krankenhaus-Besch&#228;ftigten ist l&#228;ngst   &#252;berschritten. Ihre Arbeitsbedingungen machen sie krank. Zu den   k&#246;rperlichen Belastungen der schweren Arbeit im Krankenhaus und zu   Infektionen, die man sich einf&#228;ngt, kommen Nervenzusammenbr&#252;che, das   Burnout-Syndrom, Depressionen und andere durch Arbeitsstress verursachte   Krankheiten. &#8222;Pflege im Akkord ist mehr als Doppelmord&#8220;, stand   zutreffend auf einem Transparent bei einer Protestaktion von   Krankenhaus-Besch&#228;ftigten im Mai in K&#246;ln. Zu alledem geh&#246;ren   Besch&#228;ftigten in den deutschen Kliniken im internationalen Vergleich zu   den am schlechtesten bezahlten KollegInnen.<\/p>\n<h3>  Profite auf Kosten der Gesundheit<\/h3>\n<p>  Solange das Gesundheitssystem ein Selbstbedienungsladen f&#252;r   Pharmakonzerne, Ger&#228;teindustrie, Unternehmensberater, Chef&#228;rzte und   Standesorganisationen ist, wird nicht gespart. Immer mehr Kassenbeitr&#228;ge   und Zuzahlungen werden an die Profiteure im Haifischbecken   Gesundheitsmarkt verf&#252;ttert.<\/p>\n<p>  Obwohl aufgrund der Praxisgeb&#252;hr zehn Prozent weniger Menschen zum Arzt   gehen, obwohl die &#196;rzte weniger verschreiben, sind die Ausgaben der   Krankenkassen f&#252;r Medikamente auf 25,6 Milliarden Euro im Jahr 2007   gestiegen. Um Renditen von 20 bis 30 Prozent zu sichern, haben die   Pharmakonzerne einfach die Preise erh&#246;ht.<\/p>\n<p>  Es ist keine Frage, dass im Gesundheitswesen mehrstellige   Milliardenbetr&#228;ge eingespart werden k&#246;nnten. Aber diejenigen, die die   &#246;konomische und politische Macht haben, haben kein Interesse daran.   Hierf&#252;r wird das Geld unter anderem verschwendet:<\/p>\n<p>  &#8211; Zwischen sieben und 16 Milliarden Euro gehen den Krankenkassen   j&#228;hrlich durch Korruption und Betrug verloren.<\/p>\n<p>  &#8211; Eine Million Infektionen holen sich PatientInnen in Krankenh&#228;usern   jedes Jahr aufgrund von mangelnder Hygiene. Bis zu 40.000 sterben   j&#228;hrlich daran.<\/p>\n<p>  &#8211; Ein Drittel aller R&#246;ntgenuntersuchungen werden f&#252;r &#252;berfl&#252;ssig   gehalten.<\/p>\n<p>  &#8211; Die Pharmaindustrie gibt f&#252;nf Milliarden Euro f&#252;r Werbung aus und   liegt damit an der Spitze aller Branchen.<\/p>\n<p>  &#8211; 200.000 Menschen m&#252;ssen pro Jahr wegen Arzneimittel-Nebenwirkungen in   Krankenh&#228;user eingewiesen werden.<\/p>\n<p>  &#8211; Durch Pr&#228;vention und Gesundheitsf&#246;rderung k&#246;nnte ein Viertel der   heutigen Kosten eingespart werden.<\/p>\n<\/p>\n<hr>\n<p>  &#8222;<i>In den ostdeutschen Bundesl&#228;ndern ist seit 1990 der   Kapitalismus im Zeitraffer eingef&#252;hrt worden. Die Privatisierung von   Krankenh&#228;usern ging weitgehend kampflos von statten. In den meisten   Bundesl&#228;ndern gibt es nur noch ein bis zwei kommunale Eigenbetriebe. Der   Personalabbau begann bereits 1990 &#8211; bis auf das jetzige Niveau, das   keine Garantie f&#252;r qualitative Pflege mehr gibt.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p>  <b>Dorit Wallenburger, Mitglied der ver.di-Betriebsgruppe im Krankenhaus   Dresden-Neustadt* (*Angabe zur Funktion dient nur der Kenntlichmachung   der Person)<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Mehr Personal f&#252;r die Krankenh&#228;user\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[206],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12713"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12713"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12713\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12713"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12713"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12713"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}