{"id":12688,"date":"2008-06-12T00:00:00","date_gmt":"2008-06-12T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12688"},"modified":"2012-08-21T13:22:52","modified_gmt":"2012-08-21T11:22:52","slug":"12688","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/06\/12688\/","title":{"rendered":"Fu\u00dfball: \u201cDie gigantischen Summen, die in den Fu\u00dfball flie\u00dfen, bringen       dem normalen Fan nichts.\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit John Reid, Gewerkschafter und Sozialist, Autor von \u201cReclaim the Game\u201d, Fanclub-Sekret\u00e4r bei den Queens Park Rangers und Vertreter der vereins\u00fcbergreifenden \u201cFootball Supporters Association\u201d.<\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte die \u00f6sterreichische Schwesterorganisation der SAV, die <a href=\"http:\/\/www.slp.at\">Sozialistische Linkspartei<\/a><\/em><\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<h5>Fiebert ein eingefleischter Fu\u00dfball-Fan aus London der Europameisterschaft entgegen, obwohl die sich die &#8222;Three-Lions&#8220; nicht qualifizieren konnten?<\/h5>\n<p>Da keine Mannschaft aus Britannien oder Irland f\u00fcr die Euro 2008 qualifiziert ist, ist auch weniger Enthusiasmus f\u00fcr das Turnier zu sp\u00fcren. London ist jedoch eine der kosmopolitischsten St\u00e4dte der Welt, in der viele Menschen aus allen qualifizierten Nationen leben, die die Pubs und Bars f\u00fcllen und die Spiele mitverfolgen werden.<\/p>\n<h5>Welche Erfahrungen mit der Europameisterschaft haben die Fans in England bei der Meisterschaft 1996 gemacht? Wie erging&#8220;s den tausenden ArbeiterInnen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben?<\/h5>\n<p>Bei der Euro 1996 herrschte Karneval-Stimmung. Wenn England spielte, gab es Stra\u00dfenfeste. Der Trafalgar Square im Zentrum Londons war gesteckt voll mit Fans, die auf Riesenleinw\u00e4nden die Spiele sahen. Die Boulevard-Presse versuchte jedoch mit beleidigenden Artikeln gegen Spanien und Deutschland alte Ressentiments aus der britischen Milit\u00e4rgeschichte aufzuw\u00e4rmen. Wir konnten zahlreiche Exemplare von &#8222;Reclaim the Game&#8220; vor den Stadien, in denen Spiele stattfanden, verkaufen.<\/p>\n<h5>In der englischen Premier-League steckt das meiste Kapital im europ\u00e4ischen Fu\u00dfball. Doch erst heuer dr\u00fcckt sich diese Dominanz auch in der Champions-League durch drei Klubs unter den letzten vier aus. Spielt Geld nun doch besseren Fu\u00dfball?<\/h5>\n<p>Aus einem TV-Vertrag, der drei Jahre bis 2010 l\u00e4uft, bezieht die Premier League \u00a3 1,7 Milliarden (EUR 2,13 Mrd.), dazu kommen noch einmal \u00a3 625 Millionen (EUR 781 Mill.) aus Auslands-TV-Rechten und weitere \u00a3 400 Millionen (EUR 500 Mill.) f\u00fcr Internet- und Handy-Rechte. Die Premier-League wird in 600 Millionen Haushalte in 202 L\u00e4ndern \u00fcbertragen. Eine Milliarde Menschen verfolgten die Begegnung zwischen Arsenal und Manchester United in der Saison 2007\/2008.<\/p>\n<p>Geld und Erfolg h\u00e4ngen in allen europ\u00e4ischen Ligen zusammen. Die reichsten 20 Klubs dominieren den Fu\u00dfball, in ihren jeweiligen Ligen und auch auf europ\u00e4ischer Ebene.<\/p>\n<p>Die Premier League und andere europ\u00e4ische Top-Ligen kaufen seit einem Jahrzehnt die besten jungen Talente aus Afrika und Lateinamerika, sogar kommerzielle Rechte \u00fcber Kinder werden gekauft. Das ist eine neue Form des Kolonialismus und der Fronarbeit.<\/p>\n<h5>Was haben Fans und Spieler von den enormen Summen, die in ihren Sport investiert werden? Dein Klub, die Queens Park Rangers, hat eigene Erfahrungen mit dem gro\u00dfen Geld. Er wurde 2007 von Flavio Briatore und Bernie Ecclestone gekauft. Wie sind die Aussichten f\u00fcr die R&#8220;s aus deiner Sicht?<\/h5>\n<p>Die giganischen Summen, die in den Fu\u00dfball flie\u00dfen, bringen dem normalen Fan nichts. Die Fans werden abgezockt; ein Match-Besuch mit PartnerIn und zwei Kindern kostet zwischen \u00a3 100,\u2013 und \u00a3 200 (EUR 125,\u2013 \u2013 250,\u2013). Ein Kinobesuch k\u00e4me auf \u00a3 40,\u2013 (EUR 50,\u2013). Vor der Einf\u00fchrung der Premier League war ein Matchbesuch g\u00fcnstiger als Kino. Die hohen Ticketpreise verwehren der jungen Generation den Zugang zum Fu\u00dfball. Nur rund 7% der Saisonkarten-BesitzerInnen sind zwischen 16 und 24 Jahre. Der durchschnittliche Saison-Ticket-Besitzer ist 44. Die Fans aus der ArbeiterInnenklasse wurden durch Besserverdiener ersetzt. Eine neue Untersuchung zeigt, dass 30% der Chelsea-Fans mehr als \u00a3 50.000,\u2013 im Jahr verdienen. Im Durchschnitt verdienen BritInnen \u00a3 25.000,\u2013 im Jahr.<\/p>\n<p>Die Spielergeh\u00e4lter sind um 900% seit der Saison 1992\/93, der ersten Premier League Saison, gestiegen. Im Durchschnitt verdienen Spieler derzeit \u00a3 700.000,\u2013 (EUR 875.000,\u2013) pro Jahr, die Top-Spieler bekommen allerdings mehr als \u00a3 100.000,\u2013 (EUR 125.000,\u2013) pro Woche. Allerdings endet f\u00fcr drei Viertel aller Spieler Ihre Karriere bereits mit 21 Jahren; zum alten Eisen geworfen, oftmals ohne andere Berufsausbildung.<\/p>\n<p>Sogar wenn ein Milliard\u00e4r einen Verein \u00fcbernimmt \u2013 und bei den Queens Park Rangers haben wir sogar zwei davon \u2013 bleiben die Fans am Ende \u00fcbrig. Die Eintrittspreise f\u00fcr die n\u00e4chste Saison steigen bei uns zwischen 30 und 50%. Im Bereich des Breitensports wurden 1.500 Schulsportpl\u00e4tze w\u00e4hrend der neoliberalen Regentschaften von Thatcher und Blair an Immobilienhaie und Supermarktketten mit gro\u00dfem Profit verkauft.<\/p>\n<h5>Exorbitante Eintrittspreise, die Abschaffung der Stehtrib\u00fcnen und die Unterordnung unter Investoreninteressen f\u00fchren zu einer Entfremdung zwischen Fans und ihren Klubs. Gibt es in Britannien Fan-Initiativen, die sich gegen diese Entwicklungen stellen?<\/h5>\n<p>In der Saison 2002\/2003 wurde Wimbledon FC von London ins 50 km entfernte St\u00e4dtchen Milton Keynes verlegt und firmiert nun unter dem Namen MK Dons. Die Fans gr\u00fcndeten daraufhin den AFC Wimbledon, der nun in den unteren Ligen durchmarschiert und regelm\u00e4\u00dfig mehr als 3.000 Besucher anzieht. Der FC United of Manchester entstand in Opposition gegen die \u00dcbernahme von Manchester United durch einen amerikanischen Konzern. Auch dort kommen sehr viele Menschen, die vom Kommerzfu\u00dfball genug haben, zu den Spielen. Dieser Trend gewinnt an Fahrt. Ein \u00e4hnlicher Schritt wurde ja auch bei euch in \u00d6sterreich von den Fans der Salzburger Austria gesetzt, als ihr Verein vom neuen Eigen\u00fcmer Red Bull einfach umbenannt und neu eingef\u00e4rbt wurde.<\/p>\n<h5>Fu\u00dfballfans im Allgemeinen, im Besonderen aber die britischen, sind gef\u00fcrchtet, weil sie angeblich gewaltt\u00e4tig sind. Wie siehst du das Problem der Gewalt in und um die Stadien?<\/h5>\n<p>Gewalt ist im britischen Fu\u00dfball mittlerweile eine vernachl\u00e4ssigbare Gr\u00f6\u00dfe. Die miserablen Bedingungen, unter denen viele Burschen in Britannien leben m\u00fcssen \u2013 Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnungen, niedrige L\u00f6hne und lange Arbeitszeiten f\u00fchrten traurigerweise dazu, dass eine kleine Minderheit, K\u00e4mpfe mit rivalisierenden Fangruppen als einzige Form der Unterhaltung ansieht. Diese Energie und diese Wut w\u00e4re besser gegen die Bosse, die sie bei der Arbeit ausbeuten und auch ihre Vereine f\u00fchren, gerichtet.<\/p>\n<h5>In vielen Kurven werden rassistische Schm\u00e4hrufe skandiert. Wie beurteilst du das Problem Rassismus unter Fu\u00dfballfans?<\/h5>\n<p>Offener Rassismus ist im englischen Fu\u00dfball heutzutage sehr selten, da die Mehrheit der Spieler Schwarze sind oder aus anderen L\u00e4ndern kommen. Sie werden als Helden verehrt. Nichtsdestotrotz sind nur zwei schwarze Manager in den insgesamt 92 Profivereinen Englands zu finden. Nur rund 2% der Match-BesucherInnen sind schwarz, dies ist Ergebnis des widerw\u00e4rtigen Rassismus&#8220;, der im britischen Fu\u00dfball vor 20 Jahren noch exisiterte.<\/p>\n<p>Wir fordern in diesem Zusammenhang, die Unterbindung von Verteilaktionen von rassistischem und faschistischem Propagandamaterial in und vor den Stadien. Zuschauer, die dauernd rassistische Ges\u00e4nge und Parolen gr\u00f6len, sollen aus den Fankurven entfernt werden. Spieler sollten in die Schulen gehen und dort gegen Rassismus auftreten und schwarze, asiatische und wei\u00dfe Jugendliche ermuntern, gemeinsam zu den Spielen zu kommen \u2013 nat\u00fcrlich unterst\u00fctzt durch die Verteilung g\u00fcnstiger oder kostenloser Eintrittskarten.<\/p>\n<h5>Wie sollte Fu\u00dfball deiner Meinung nach organisiert werden? Wie siehst du die Zukunft des Fu\u00dfball?<\/h5>\n<p>Die Fans sollten nicht blo\u00dfe Besucher der Spiele sein, sondern ihre Vereine selbst f\u00fchren. Pay-TV sollte vergesellschaftet werden, um den Sport g\u00fcnstig in die Wohnzimmer der Menschen in aller Welt zu bringen. Die Vereine w\u00e4ren offen f\u00fcr Fans unterschiedlicher Begabung, h\u00e4tten Mannschaften f\u00fcr unterschiedliche Altersklassen und Begabung, Frauenmannschaften und Mannschaften f\u00fcr behinderte und nicht behinderte SpielerInnen. All diese Mannschaften k\u00f6nnten sich in unterschiedlichen Ligen untereinander messen. Es w\u00fcrde sich alles um Zusammenarbeit und Beteiligung drehen.<\/p>\n<p>Profispieler erhielten einen Facharbeiterlohn, der nach der Wertigkeit der Liga differenziert w\u00fcrde. Die Profitgier w\u00e4re Vergangenheit und die Fans k\u00f6nnten Topspiele f\u00fcr einen symbolischen Eintrittspreis besuchen. Der Kampf um das Spiel zur\u00fcck zu gewinnen, ist eng verbunden mit dem Kampf, die Gesellschaft von der kapitalistischen Ausbeutung zu befreien und eine sozialistische Gesellschaft, die auf internationaler Solidarit\u00e4t beruht, zu errichten.<\/p>\n<p><em><strong>John Reid ist Autor von &#8222;Reclaim the Game&#8220; (&#8222;Das Spiel zur\u00fcckfordern&#8220;), Sekret\u00e4r der Queens Park Rangers Loyal Supporters Association, Funktion\u00e4r der &#8222;Football Supporters Federation&#8220;, Gewerkschafter in der RMT (Eisenbahner) und seit \u00fcber 30 Jahren Sozialist in den Reihen des Komitees f\u00fcr eine ArbeiterInnenInternationale (CWI).<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit John Reid, Gewerkschafter und Sozialist, Autor von \u201cReclaim the Game\u201d, Fanclub-Sekret\u00e4r bei den Queens Park Rangers und Vertreter der vereins\u00fcbergreifenden \u201cFootball Supporters Association\u201d.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[69,72],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12688"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12688"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12688\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}