{"id":12670,"date":"2008-05-30T00:48:06","date_gmt":"2008-05-29T22:48:06","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12670"},"modified":"2012-05-25T15:23:16","modified_gmt":"2012-05-25T13:23:16","slug":"12670","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/05\/12670\/","title":{"rendered":"Pro und Contra: Im US-Wahlkampf Barack Obama unterst&#252;tzen?"},"content":{"rendered":"<p>  Zu den Pr&#228;sidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i><b>In einem halben Jahr l&#228;uft die Amtszeit von George W. Bush ab. Am   4. November findet im m&#228;chtigsten Land auf dem Globus neben den   Kongresswahlen die Wahl des k&#252;nftigen US-Pr&#228;sidenten statt. <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>Barack Obama hat gute Karten, seine Konkurrentin Hillary Clinton   beim Parteitag der Demokraten im August abzusch&#252;tteln und als Kandidat   der Demokratischen Partei Kurs aufs Wei&#223;e Haus zu nehmen. Zwar bestimmen   die beiden gro&#223;en Parteien Demokraten und Republikaner seit Jahrzehnten   das politische Geschehen. Beide sind durch und durch kapitalistische   Parteien. Zu ihren Geldgebern z&#228;hlen die Gr&#246;&#223;en der Wall Street. 1,2   Milliarden Dollar soll dieser Wahlkampf kosten (1996 waren es 450   Millionen, im Jahr 2000 eine Milliarde Dollar). Trotzdem st&#246;&#223;t Obama auf   gro&#223;es Interesse, vor allem bei Jugendlichen und bei Afro-Amerikanern.   Nach Sklaverei und Jahrhunderte langer Unterdr&#252;ckung der ethnischen   Minderheiten zum ersten Mal ein Schwarzer an der Spitze Nordamerikas? <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>Welche Position sollten Linke und SozialistInnen in den USA   einnehmen? Sollten sie Obama unterst&#252;tzen und f&#252;r ihn Wahlkampf machen?<\/b><\/i><\/p>\n<\/p>\n<h3>  PRO<\/h3>\n<h4>  Lydia Howell<\/h4>\n<p>  <i><b>Minneapolis, unabh&#228;ngige Journalistin, verantwortlich f&#252;r die   Radio-Sendung &#8222;CATALYST: politics &amp; culture&#8220; auf KFAI   (http:\/\/www.kfai.org)<\/b><\/i><\/p>\n<p>  Pr&#228;sidentschaftswahlen schaffen keinen Wandel. Gesellschaftliche   Basisbewegungen, die Druck auf Politiker aus&#252;ben, erreichen das. Aber   wer im Oval Office sitzt, schafft die Rahmenbedingungen f&#252;r die   politische Arbeit.<\/p>\n<p>  Zum ersten Mal seit 40 Jahren gibt es eine riesige Welle von   fortschrittlicher &#8222;Mainstream&#8220;-Energie, die zum Gro&#223;teil angeheizt wird   von Erstw&#228;hlern und Afro-Amerikanern und die von einem   Pr&#228;sidentschaftskandidaten entfacht wird: Barack Obama.<\/p>\n<p>  Da ich 1996 und 2000 f&#252;r Ralph Nader gestimmt habe, verstehe ich, warum   man Kandidaten einer dritten Partei w&#228;hlt. Ich verstehe mich selbst als   eine &#8222;sozialistisch-feministische Gr&#252;ne&#8220;. Aber angesichts der   &#252;berw&#228;ltigenden Hindernisse f&#252;r Pr&#228;sidentschaftskandidaten einer dritten   Partei scheint es schlicht und einfach nutzlos, die Zeit, die Energie   und die begrenzten Mittel von Aktivisten hier zu investieren.<\/p>\n<p>  Sicher ist Barack Obama eine &#8222;unbekannte Gr&#246;&#223;e&#8220;. Mit seiner &#196;hnlichkeit   zu manchen Positionen von Hillary Clinton ist er f&#252;r viele Progressive   und Linke zu weit in der Mitte angesiedelt. Manche hoffen, er sei ein   fortschrittliches &#8222;trojanisches Pferd&#8220;. Andere behaupten, seine Wahl   werde ausgeschlachtet werden, um zu leugnen, dass Rassismus eine Kraft   im amerikanischen Leben ist. Ich schwanke zwischen diesen beiden   Positionen.<\/p>\n<p>  Zweifellos inspiriert Obama&#8230; Mit den Argumenten auf unserer Seite   vergessen wir das dringende Bed&#252;rfnis nach Inspiration. Wir m&#252;ssen die   Gelegenheit beim Schopf packen, die sich mit dieser unerwarteten   Aufwallung von politischem Engagement von gew&#246;hnlichen Menschen bietet.<\/p>\n<p>  Unkenntnis der Geschichte, was der amerikanische Autor Gore Vidal die   &#8222;Vereinigten Staaten der Amnesie&#8220; nennt, verdunkelt, wie sich Wandel   tats&#228;chlich vollzieht. Die meisten Menschen unter 40 wissen &#252;ber   Zitatfetzen von Martin Luther King hinaus wenig &#252;ber die   B&#252;rgerrechtsbewegung. Es ist die Aufgabe von Progressiven und Linken,   diese kollektiven Wissensl&#252;cken zu f&#252;llen. Die Arbeiterbewegung gewann   w&#228;hrend der Gro&#223;en Depression der drei&#223;iger Jahre Arbeiterrechte,   Mindestl&#246;hne, Sicherheit, Sozialversicherung, ein soziales   Sicherungsnetz f&#252;r die Armen. In dieser Zeit war Franklin D. Roosevelt   Pr&#228;sident, dem es selber darum ging, den amerikanischen Kapitalismus aus   seiner gr&#246;&#223;ten Krise zu retten. W&#228;hrend der Republikaner Ronald Reagan   die Gewerkschaften aufs Korn nahm, brauchte es den Demokraten Bill   Clinton, um das soziale Sicherheitsnetz zu zerst&#246;ren. Indem man   Obama-Unterst&#252;tzer &#8211; insbesondere die Jugend, Farbige und   Niedriglohnbesch&#228;ftigte &#8211; &#252;ber die Wahlebene hinaus aktiviert, erreicht   man Siege des Volkes &#8211; egal ob Obama die Wahl gewinnt oder nicht.<\/p>\n<p>  K&#228;mpfe gegen die Wohnungskrise, Arbeitsplatzverluste und   Konzerngeschenke k&#246;nnen dabei helfen. Man kann &#246;rtliche Themen mit   Gesetzesinitiativen im Senat verbinden. Obama-Unterst&#252;tzer k&#246;nnen ihren   Kandidaten f&#252;r sein Abstimmungsverhalten im Senat angreifen und ihn   fragen, was er als Pr&#228;sident machen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Manche Fortschrittlichen spotten &#252;ber die &#8222;Identit&#228;tspolitik&#8220; bei den   Wahlen 2008 [die Betonung der Hautfarbe von Obama und des Geschlechts   von Hillary Clinton &#8211; die Redaktion]. Aber es ist lange &#252;berf&#228;llig,   herauszuarbeiten, wie der Kapitalismus die Macht behauptet. Ein   Verst&#228;ndnis davon zu bekommen, wie Rasse, Geschlecht, Klasse von denen   an der Macht regelm&#228;&#223;ig ausgebeutet werden, kann unsere Basisbewegungen   nur st&#228;rken. Die Ergebnisse der Vorwahlen in West-Virginia enth&#252;llen,   wie die Solidarit&#228;t unter Arbeitern immer noch vom Rassismus untergraben   wird. Manche der &#228;rmsten Wei&#223;en unterst&#252;tzten lieber Hillary Clinton &#8211;   deren Politik Arbeitspl&#228;tze exportierte und Sozialleistungen zerst&#246;rte &#8211;   als einen Schwarzen zu w&#228;hlen.<\/p>\n<p>  Vor dem Hintergrund des Rassismus, auf dessen Basis die Vereinigten   Staaten schon gegr&#252;ndet wurden, wird mit der Wahl des ersten   afro-amerikanischen Pr&#228;sidenten Geschichte geschrieben. Aber fr&#252;her oder   sp&#228;ter stellt sich die Frage, welchen Weg Obama einschlagen wird. Ob   Obama ein Roosevelt oder ein Bill Clinton wird, h&#228;ngt von uns, vom Volk,   ab.<\/p>\n<p>  Die Erfahrung mit der Obama-Kampagne kann entweder das Verst&#228;ndnis davon   erh&#246;hen, was die St&#228;rke des Volkes ausmacht, oder aber zu   Desillusionierung und Passivit&#228;t f&#252;hren. Welcher Weg eingeschlagen wird,   h&#228;ngt weniger von m&#246;glichen Wahlf&#228;lschungen ab als davon, wie   Progressive und Linke agieren.<\/p>\n<p>  Ich sage, springt auf diese Welle und reitet auf ihr, so wie sie ist<\/p>\n<h3>  CONTRA<\/h3>\n<h4>  Katie Quarles<\/h4>\n<p>  <i><b>Mitglied im nationalen Vorstand von Socialist Alternative   (Schwesterorganisation der SAV in den USA), Minneapolis<\/b><\/i><\/p>\n<p>  Jahrzehntelang hat sich am Zwei-Parteien-System in den USA wenig   ge&#228;ndert. Es dient nach wie vor dazu, die Wut auf die jeweilige   Regierungspartei kontrolliert zu kanalisieren &#8211; in die Bahnen der   anderen Partei. Damit alles sch&#246;n im kapitalistischen Rahmen bleibt.   Sind die Republikaner im Wei&#223;en Haus und du bist unzufrieden &#8211; einfach   Demokraten w&#228;hlen!<\/p>\n<p>  Bei den Vorwahlen der Demokraten treten mehrere, sich teilweise sehr   radikal gebende, Kandidaten an. Wer es allerdings nicht schafft,   Millionen Dollar an Spenden reinzubringen, hat keine Chance. Ein   Kandidat, der wirklich gegen die Interessen des gro&#223;en Kapitals zu Felde   ziehen will, kommt nicht ann&#228;hernd an die Summen heran. Trotzdem treten   Leute an wie Dennis Kucinich 2004, die viel radikaler reden als John   Kerry damals. Sie geben AktivistInnen, zum Beispiel in der   Antikriegsbewegung, die Hoffnung, &#252;ber die Demokratische Partei   Verbesserungen zu erzielen. Als am Ende der Vorwahlen 2004 aber seine   Kandidatur gescheitert war, hat Kucinich an seine Unterst&#252;tzer   appelliert, Kerry bei der Wahl gegen George Bush zu unterst&#252;tzen. Solche   Kandidaturen haben also nur die Funktion, Linke und AktivistInnen an die   Demokratische Partei zu binden.<\/p>\n<p>  Die Reall&#246;hne in den USA stagnieren. Arbeitspl&#228;tze verschwinden. Viele   haben sich verschuldet &#8211; ob &#252;ber Kreditkarte oder Hypotheken. Mit der   Subprime-Krise m&#252;ssen Hunderttausende f&#252;rchten, ihr Eigenheim zu   verlieren. Auf diese Fragen hat Barack Obama keine Antworten, weil er   selber Teil des Establishments ist.<\/p>\n<p>  In der Au&#223;enpolitik dient seine Position auch nur den oberen   Zehntausend. Sie haben heute Probleme mit den Kriegen im Irak und in   Afghanistan, weil diese zeigen, dass der US-Imperialismus nicht   unschlagbar ist. Die Neokonservativen um Bush und Dick Cheney haben sich   dadurch in der Augen weiter Teile des b&#252;rgerlichen Lagers diskreditiert.   Eine wachsende Schicht der Herrschenden erkennt, dass ein anderer Kurs   eingeschlagen werden muss, um ihre Interessen im Nahen Osten und &#252;berall   auf der Welt erfolgreich durchzusetzen. In diesem Kontext muss die   Irak-Politik von Obama betrachtet werden: als ein neuer Plan von Teilen   der herrschenden Klasse, ihre Interessen im Nahen Osten durchzusetzen.   Obama sieht vor, mehrere Truppenkontingente aus dem Irak abzuziehen, den   Irak-Krieg offiziell f&#252;r beendet zu erkl&#228;ren (obwohl Zehntausende von   US-Truppen dort weiter stationiert bleiben sollen), um daf&#252;r mehr   Truppen nach Afghanistan zu schicken.<\/p>\n<p>  Aus diesen Gr&#252;nden wird so gro&#223;z&#252;gig Geld an die Demokraten gespendet.   Bisher hat Obama 234 Millionen Dollar erhalten. Hillary Clinton hat 189   Millionen zusammen bekommen. Im Vergleich dazu hat John McCain (nur) 76   Millionen sammeln k&#246;nnen. Diese Zahlen zeigen deutlich, hinter welcher   Partei im Augenblick gr&#246;&#223;ere Teile der herrschenden Klasse stehen.<\/p>\n<p>  Deshalb besteht die wichtigste Aufgabe bei diesen Wahlen darin, Leute   dazu zu bringen, mit den zwei Parteien des gro&#223;en Kapitals und der Logik   des &#8222;kleineren &#220;bels&#8220; zu brechen. Das ist der erste Schritt in Richtung   neue Arbeiterpartei &#8211; die dringend n&#246;tig ist in den USA. Inzwischen hat   sich enorme Wut aufgestaut &#8211; es fehlt nur eine organisierende Kraft, die   diese Wut in Widerstand umwandelt.<\/p>\n<p>  Linke in den USA sollten den Kandidaten links von den zwei Parteien des   Big Business unterst&#252;tzen, der am ehesten ArbeiterInnen und Jugendliche   dazu bringt, mit den Demokraten zu brechen. 2008 hei&#223;t das konkret,   Ralph Nader zu unterst&#252;tzen, einen linken Verbraucherschutzaktivisten.   Er ist der bekannteste Kandidat links von den Demokraten. Nader ist   schon mehrfach bei Pr&#228;sidentschaftswahlen angetreten, im Jahr 2000 bekam   er drei Millionen Stimmen (2,7 Prozent).<\/p>\n<p>  Obama schafft es, mit seine Reden, die v&#246;llig vage sind und voll von   Begriffen wie &#8222;Hoffnung&#8220; und &#8222;Ver&#228;nderung&#8220;, Menschen dazu bringen, sich   als Amerikaner besser zu f&#252;hlen. Er weckt Hoffnung bei vielen &#8211;   besonders bei Jugendlichen, die sich noch nie f&#252;r Wahlen interessierten.   Falls Obama die Wahlen gewinnen sollte, werden die meisten nach einiger   Zeit bitter entt&#228;uscht sein. Das kann bei vielen zu dem Gef&#252;hl f&#252;hren,   dass es sich nicht lohnt, politisch aktiv zu werden. Um so wichtiger,   dass Gewerkschaftsaktive, AktivistInnen der Antikriegsbewegung und der   sozialen Bewegung diese Menschen jetzt ansprechen, ihnen eine   Perspektive aufzeigen und sie motivieren, sich in den Protestbewegungen   zu engagieren anstatt falsche Hoffnungen in Obama zu setzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zu den Pr&#228;sidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[42],"tags":[263,205],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12670"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12670"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12670\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12670"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12670"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12670"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}