{"id":12667,"date":"2008-05-26T00:00:00","date_gmt":"2008-05-25T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12667"},"modified":"2012-05-15T15:28:08","modified_gmt":"2012-05-15T13:28:08","slug":"12667","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/05\/12667\/","title":{"rendered":"Bundesparteitag: &#8222;DIE LINKE an Taten messen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Der Bundesparteitag der LINKEN hat die Widerspr&#252;che der Partei erneut   offengelegt<\/p>\n<p>  <i>von Lucy Redler, Berlin<\/i><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>DIE LINKE ist zum Hoffnungstr&#228;ger von Millionen geworden. Sie steht   einer Emnid-Umfrage zufolge derzeit bei 15 Prozent. Auf ihrem   Bundesparteitag,der am 24.\/25. Mai in Cottbus stattfand, hat sie eine   Kampagne gegen die Rente mit 67 und ein Zukunftsinvestitionsprogramm in   H&#246;he von 50 Milliarden Euro beschlossen. Solche Forderungen   unterscheiden DIE LINKE von allen anderen Parteien und f&#252;hren zu   Zustimmung unter breiten Teilen der Bev&#246;lkerung. Oskar Lafontaine   bezieht sich in Reden positiv auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und   klagt den Kapitalismus an. Zeitgleich zum Bundesparteitag holte DIE   LINKE in Schleswig-Holstein aus dem Stand sieben Prozent der Stimmen,   obwohl sie nicht in allen Gemeinden angetreten war. DIE LINKE fordert   alle etablierten Parteien heraus, was auch dazu f&#252;hrt, dass sie von den   b&#252;rgerlichen Medien sch&#228;rfer angegriffen wird. Doch wird der derzeitige   Erfolg der LINKEN von Dauer sein?<\/b><\/p>\n<p>  Anderthalb Jahre vor der Bundestagswahl sollte der Parteitag   diskutieren, wie sich die Partei bis zur Bundestagswahl politisch und   strategisch aufstellt. Umstritten ist innerhalb der LINKEN, ob sie   weiterhin stark auf Parlamente und weitere Regierungsbeteiligungen mit   der SPD orientiert oder ob sie in erster Linie auf den Aufbau von   Widerstand gegen die Herrschenden setzt. W&#252;rde DIE LINKE in Zukunft in   weiteren L&#228;ndern oder sogar auf Bundesebene in SPD-gef&#252;hrten Regierungen   Sozialabbau mit durchsetzen, ist die Gefahr gro&#223;, dass sich der Zuspruch   f&#252;r DIE LINKE schnell in Ablehnung und Frustration verwandelt. Eine   andere wichtige und umstrittene Frage ist, ob die Partei den   Kapitalismus nur kritisiert, oder auch bereit ist, f&#252;r eine   sozialistische Gesellschaft fernab der Profitlogik zu k&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  Leider wurden diese Kontroversen auf dem Parteitag nur am Rande   diskutiert.<\/p>\n<p>  Um einen harmonischen Parteitagsablauf zu erm&#246;glichen, wurde ein   Leitantrag vorgelegt, der weniger aus klarer Analyse und Forderungen als   vielmehr aus Formelkompromissen zwischen bestehenden Str&#246;mungen bestand.   Dahinter stand der Wunsch, ein Jahr vor der Bundestagswahl internen   Streit um inhaltliche Positionen und konkrete Festlegungen zu vermeiden.<\/p>\n<p>  In dieser Konsequenz hat sich die Partei auch bei diesem Parteitag kein   Programm gegeben, weil in einer solchen Debatte unweigerlich die   unterschiedlichen Vorstellungen &#252;ber Regierungsbeteiligung, Sozialismus   und konkreten programmatische Forderungen aufeinander geprallt w&#228;ren.   Stattdessen wurde den Delegierten ein 100-Punkte-Programm der   Bundestagsfraktion pr&#228;sentiert, das jedoch nicht Gegenstand der Debatte   war.<\/p>\n<p>  Die einzige wirkliche kurze Kontroverse drehte sich um Forderungen der   Partei in der Familienpolitik. In dieser Debatte wies die &#252;berw&#228;ltigende   Mehrheit des Parteitags erzkonservative Forderungen nach einem   Erziehungsgehalt seitens der familienpolitischen Sprecherin der LINKEN   Saar, Christa M&#252;ller, scharf zur&#252;ck.<\/p>\n<h4>  Lafontaines Freiheit und Gleichheit<\/h4>\n<p>  Oskar Lafontaine hielt beim Parteitag eine Er&#246;ffnungsrede, deren   k&#228;mpferischen Worte &#252;ber Freiheit und Gleichheit als Grundlage einer   sozialistische Gesellschaft im Widerspruch zu den von ihm   vorgeschlagenen Forderungen standen, die den Kapitalismus nicht in Frage   stellten. Zum einen bezog sich Lafontaine positiv auf Liebknecht,   Luxemburg und die Novemberrevolution 1918. Er bezeichnete die damalige   SPD-F&#252;hrung unter Friedrich Ebert zu Recht als Verr&#228;ter der Revolution.   Zum anderen schaffte es Lafontaine, seiner Wortradikalit&#228;t nur begrenzte   Forderungen folgen zu lassen, die den &#8222;finanzmarktgetriebenen   Kapitalismus&#8220; zur&#252;ckdr&#228;ngen sollen. Dazu geh&#246;re beispielsweise das   Verbot von Hedgefonds oder der Vorschlag, die H&#228;lfte des Zuwachses an   Betriebsverm&#246;gen den Arbeitnehmern zu &#252;berlassen. Nicht weitgehende   Verstaatlichungen und Arbeiterkontrolle sind die Antworten Lafontaines,   sondern parit&#228;tische Mitbestimmung und Wirtschaftsdemokratie. Die Logik   seiner Vorschl&#228;ge besteht darin, dass nicht ein anderes   Gesellschaftssystem, sondern eine andere Politik n&#246;tig sei, um   Verbesserungen f&#252;r die Mehrheit der Bev&#246;lkerung durchzusetzen.<\/p>\n<p>  So beschr&#228;nkt sich auch der mit gro&#223;er Mehrheit beschlossene Leitantrag   lediglich auf die Aussage, dass der Kapitalismus nicht das Ende der   Geschichte sei. Mit diesem Gegensatz von Sozialismus in Worten und   begrenzten realen Forderungen konnte auch das Forum demokratischer   Sozialismus um prominente Bef&#252;rworter des rot-roten Senats wie Stefan   Liebich gut leben.<\/p>\n<h4>  Rote-rote Zukunftsmusik?<\/h4>\n<p>  Um einen Antrag zu Regierungsbeteiligung von SAV-Mitgliedern, der   zugleich vom Kreisverband G&#246;ttingen eingebracht worden war, entwickelte   sich eine l&#228;ngere Auseinandersetzung und es musste mehrmals ausgez&#228;hlt   werden, bis klar war, dass der Parteitag sich nicht damit befassen   wollte. In dem Antrag hie&#223; es: &#8222;Koalitionen mit SPD und Gr&#252;nen auf   pro-kapitalistischer Grundlage, die zwangsl&#228;ufig zu Ma&#223;nahmen des   Sozialabbaus, Bildungsabbaus, Arbeitsplatzvernichtung und Privatisierung   f&#252;hren, kommen deshalb f&#252;r die neue LINKE nicht in Frage. Wir setzen auf   die Mobilisierung von Millionen, um die Macht der Million&#228;re und   Milliard&#228;re zu brechen.&#8220;<\/p>\n<p>  Ein Antrag aus Bielefeld, der die Berliner LINKE aufforderte, die   rot-rote Koalition zu verlassen, wurde ebenfalls nicht behandelt.<\/p>\n<h4>  &#8222;Berlin f&#228;llt uns auf die F&#252;&#223;e&#8220;<\/h4>\n<p>  Auch andere Delegierte brachten ihre Kritik am Kurs der Parteif&#252;hrung   offen zum Ausdruck. Ulrike Eifler vom Landesverband Hessen verwies   darauf, dass die Politik der LINKEN in Berlin der hessischen LINKEN   immer wieder auf die F&#252;&#223;e fallen w&#252;rde, beispielsweise wenn DIE LINKE in   Hessen den Wiedereintritt des Landes Hessen in den Arbeitgeberverband   fordert, w&#228;hrend doch gerade unter Rot-Rot das Land Berlin aus dem   Kommunalen Arbeitgeberverband ausgetreten ist. &#8222;Wenn wir nicht wollen,   dass verdi-Demos vor unserem Parteitag zur Regel werden, m&#252;ssen wir   Schluss machen mit Dumpingl&#246;hnen und Personalabbau.&#8220; Das bezog sich auf   die demonstrierenden Berliner Landesbesch&#228;ftigten vor dem   Parteitagsgeb&#228;ude.<\/p>\n<p>  Thies Gleiss, Mitglied des Parteivorstands und Vertreter der Str&#246;mung   Antikapitalistische LINKE (AKL), kritisierte zu Recht, dass der im   Leitantrag oft erw&#228;hnte &#8222;Richtungswechsel&#8220; nicht hei&#223;en d&#252;rfe, langsamer   zu fahren, sondern die Richtung zu wechseln. Statt dem Stopp von   Arbeitszeitverl&#228;ngerung m&#252;sse DIE LINKE Arbeitszeitverk&#252;rzung fordern.   Statt der einfachen R&#252;cknahme der Rente mit 67 als zentraler Forderung   der neuen Rentenkampagne der LINKEN sollte DIE LINKE die weitere   Verk&#252;rzung des Renteneintrittsalters fordern.<\/p>\n<p>  Trotz mancher kritischer Redebeitr&#228;ge wie von Thies Gleiss oder Sahra   Wagenknecht verzichtete die AKL leider darauf, zentrale Kritikpunkte am   Leitantrag wie beispielsweise zu Regierungsbeteiligung oder zur   Systemfrage auch in konkrete Antr&#228;ge zu fassen und daf&#252;r um Mehrheiten   zu k&#228;mpfen.<\/p>\n<h4>  &#8222;Sagen was ist&#8220;<\/h4>\n<p>  &#8230;.. war Teil des Mottos des Bundesparteitags. Das dachten sich auch   die Landesbesch&#228;ftigten Berlins, die derzeit f&#252;r eine prozentuale   Lohnerh&#246;hung in Berlin k&#228;mpfen, was ihnen vom rot-roten Senat verwehrt   wird. Frei nach besagtem Motto hielten sie eine Protestkundgebung vorm   Parteitag der LINKEN ab. Werner R&#246;pke, ver.di-Fachbereichsleiter   Gemeinden Berlin und Brandenburg, brachte den Unmut vieler KollegInnen   zum Ausdruck, als er rief: &#8222;Wir h&#228;tten von der LINKE R&#252;ckgrat erwartet   und Lohnerh&#246;hungen auch in Berlin.&#8220; Uwe Januszewski, Vorsitzender des   Hauptpersonalrats des Landes Berlins, betonte, es k&#246;nne ja nicht sein,   dass DIE LINKE in Sonntagsreden Dumpingl&#246;hne kritisiere und gleichzeitig   in Berlin unter Rot-Rot Personalabbau und der Einsatz von   Ein-Euro-Jobbern fortgesetzt werde.<\/p>\n<p>  Januszewski, der auf dem Parteitag &#252;ber die Situation der   Landesbesch&#228;ftigten h&#228;tte sprechen sollen, kam &#8211; offiziell aus   Zeitgr&#252;nden &#8211; nicht mehr zu Wort. Stellung beziehen musste der   Parteivorstand durch Gregor Gysi lediglich vor dem Parteitagsgeb&#228;ude bei   der verdi-Kundgebung der Landesbesch&#228;ftigten.<\/p>\n<p>  SAV-Mitglieder hatten ein Flugbatt verteilt, in dem der von   SAV-Mitglieder gestellte Antrag zur Solidarit&#228;t mit den   Landesbeschaeftigten dokumentiert wurde, was bei diesen auf gro&#223;e   Zustimmung stie&#223;.<\/p>\n<p>  Werner R&#246;pke verlas den Antrag auf der Kundgebung. Dies seien &#8222;weise   Worte&#8220;, kommentierte R&#246;pke und begr&#252;&#223;te Gregor Gysi mit den Worten: &#8222;Ich   bin gespannt, was er zu diesem Antrag sagt&#8220;.<\/p>\n<p>  Dieser konterte, dass die Kollegen doch mal zur Kenntnis nehmen sollten,   &#8222;dass der Senat jetzt zumindest mit euch redet&#8220;. Dies sei der Verdienst   der LINKEN. Der genannte Antrag solle vom Parteitag diskutiert werden,   aber sei aus seiner Sicht nicht realisierbar. Gysi versprach dagegen,   dass auf &#8222;unsere Leute Verlass&#8220; sei. Diese k&#246;nnten sich aber nicht   &#246;ffentlich positionieren, &#8222;weil sonst die andere Seite, die SPD, auf   stur schalten w&#252;rde&#8220;. &#8222;Aber&#8220;, schloss er, &#8222;wir bekommen ein Ergebnis,   mit dem ihr nicht unzufrieden sein werdet.&#8220; R&#246;pke antwortete Gysi   treffend: &#8222;Wir sehen uns immer zweimal und werden euch an euren Taten   messen.&#8220;<\/p>\n<h4>  Bilanz<\/h4>\n<p>  Die Widerspr&#252;che zwischen den Hoffnungen in DIE LINKE und den Realit&#228;ten   bei diesem Parteitag haben erneut unterstrichen, wie wichtig der Aufbau   einer marxistischen Opposition zur Parteif&#252;hrung der LINKEN ist, die   diese nicht nur verbal kritisiert, sondern politisch an zentralen Fragen   herausfordert. Ob der Name der Partei DIE LINKE gerechtfertigt ist,   entscheidet sich an der Frage, ob sich die Partei im Klassenkampf auf   der Seite der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen positioniert. Wenn   sie dies nicht tut, leisten auch noch so radikale Reden gegen den   Kapitalismus keinen Beitrag, die gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse   grundlegend zu ver&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Unmittelbar darf sich die angek&#252;ndigte Renten-Kampagne nicht nur auf   Antr&#228;ge im Bundestag beschr&#228;nken. N&#246;tig ist eine k&#228;mpferische Kampagne,   die es nicht dabei bel&#228;sst, die Rente mit 67 zu kritisieren, sondern   eine deutliche Herabsetzung des Renteneintrittalters zum Ziel hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Der Bundesparteitag der LINKEN hat die Widerspr&#252;che der Partei erneut<br \/>\n      offengelegt\n    <\/p>\n<p>\n      <i>von Lucy Redler, Berlin<\/i>\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,27],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12667"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12667"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12667\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12667"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12667"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12667"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}