{"id":12654,"date":"2008-05-11T00:00:00","date_gmt":"2008-05-11T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12654"},"modified":"2008-05-11T00:00:00","modified_gmt":"2008-05-11T00:00:00","slug":"12654","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/05\/12654\/","title":{"rendered":"Nepal: Kapitalismus oder sozialistische Revolution!?"},"content":{"rendered":"<p>  Am 10. April wurde in Nepal eine verfassungsgebende Versammlung gew&#228;hlt,   deren Mitglieder bis zur Vorlegung des Verfassungsentwurfs als   &#220;bergangsparlament fungieren. Dies markiert den vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt   des Prozesses zur Abschaffung der Monarchie, der seit einem   Massenaufstand 2006 unaufhaltsam war.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Welche Rolle werden die nepalesischen Maoisten [KPN (M)], die   aufgrund ihrer Protagonistenrolle beim Widerstand gegen die Monarchie   mit gro&#223;em Abstand die meisten Abgeordneten in der Versammlung stellen,   in der Umgestaltung des Landes spielen?<\/b><\/p>\n<p>  <i>von Johannes Ullrich, Berlin<\/i><\/p>\n<p>  Das amtliche Endergebnis spricht eine deutliche Sprache: Die KPN (M) mit   ihrem F&#252;hrer Prachanda gewann 220 der 518 Sitze, die nachfolgende   &#8222;Nepalesiche Kongre&#223;&#8220;-Partei 110, die Marxistisch-Leninistische Partei   KPN (ML) 103 und weitere Parteien 85 Mandate. Ein Schock war dies nicht   nur f&#252;r die lokalen kapitalistischen und feudalistischen Eliten, sondern   auch f&#252;r internationale Kreise wie die US-Botschafterin, welche den   Maoisten Ergebnisse zwischen 8 und 10% vorhergesagt hatten. Was sind die   Gr&#252;nde f&#252;r den deutlichen Wahlsieg der ehemaligen Guerillak&#228;mpfer?<\/p>\n<h4>  B&#252;rgerkrieg als letzte Option im Kampf gegen die Monarchie<\/h4>\n<p>  Die erste Massenbewegung gegen die Monarchie hatte es 1990 gegeben. Ein   landesweiter Aufstand zwang den damals regierenden Monarchen zu   Zugest&#228;ndnissen, und es wurde eine konstitutionelle Monarchie errichtet.   Die beiden dominierenden Parteien in diesem System waren der   &#8222;Nepalesische Kongress&#8220; (NK) und die Kommunistische Partei (Vereinte   Marxisten-Leninisten) (KPN-ML). Aber schon nach wenigen Jahren wurde   deutlich, dass die nepalesischen Massen keine substantielle Verbesserung   ihrer Lebensumst&#228;nden erwarten konnten. Noch heute lebt &#252;ber ein Drittel   der Nepalesen von weniger als einem US-Dollar t&#228;glich! Aus dieser   Einsicht heraus nahm die KPN (M) 1996 den bewaffneten Kampf auf. In den   von ihnen eroberten Gebieten f&#252;hrte sie soziale Verbesserungen ein,   darunter Landreformen, Ma&#223;nahmen gegen Frauenunterdr&#252;ckung und Kampf   gegen das religi&#246;se Kastenwesen. Bis Anfang 2006 brachten die Maoisten   &#252;ber die H&#228;lfte des Landes in ihre Kontrolle, und auch im Rest Nepals   sprachen sich diese Ma&#223;nahmen herum.<\/p>\n<h4>  Rechtsschwenk nach revolution&#228;ren Ereignissen 2006<\/h4>\n<p>  Die Reaktion des K&#246;nigs Gyanendra auf den Guerillakrieg war eine   Versch&#228;rfung der Repression, die 2005 in der Ausrufung des Notstandes   gipfelte. Seit diesem Zeitpunkt schaukelte sich der Widerstand der   nepalesichen Massen immer weiter hoch, und im April 2006 gingen ein   Generalstreik in der Hauptstadt Kathmandu und landesweite Aufst&#228;nde Hand   in Hand. Die etablierten Parteien wurden von der Eskalation &#252;berrascht.   Auch die Maoisten waren auf diese revolution&#228;ren Ereignisse nicht   vorbereitet und nutzten sie nicht, um sie zu einer erfolgreichen   Revolution zu f&#252;hren; sie konnten aber in der Folge, unter anderem durch   die Organisierung von Massenkundgebungen im Mai, auch in den St&#228;dten   eine gewisse Basis aufbauen und kontrollierten Anfang Juni 77 Prozent   des Landes. Dann aber traten sie in ein B&#252;ndnis mit den herrschenden   Klassen ein, welches den unmittelbaren Sturz der Monarchie verhinderte   und die Verfassungsreformen auf den Weg brachte, die letztendlich zum   Referendum vom 10. April diesen Jahres f&#252;hrten. Der Grund f&#252;r diese   Bremsung der revolution&#228;ren Bewegung war das Festhalten der Maoisten an   der &#8222;Etappentheorie&#8220; stalinistischer Pr&#228;gung bzw. das fehlende Vertrauen   in die Arbeiterklasse als Hauptakteur der sozialistischen Revolution.<\/p>\n<h4>  Was ist Maosimus?<\/h4>\n<p>  Kurz gesagt ist der Maoismus eine Variante des Stalinismus. Er verfolgt   die Perspektive einer Revolution in zwei Etappen: erstens einer   &#8222;demokratischen Etappe&#8220; und zu einem sp&#228;teren Zeitpunkt einer   &#8222;sozialistischen Etappe&#8220;. Im Kampf f&#252;r die &#8222;erste demokratische Etappe&#8220;   bem&#252;hen sich Maoisten um B&#252;ndnisse mit &#8222;fortschrittlichen&#8220; und   national-orientierten Fl&#252;geln der Bourgeoisie, der herrschenden   kapitalistischen Klasse. Das gilt auch in den F&#228;llen, in denen Maoisten   einen auf die Bauernschaft gest&#252;tzten bewaffneten Guerillakampf f&#252;hren.   Jedoch zeigt alle geschichtliche Erfahrung, dass die demokratischen und   sozialistischen Aufgaben nicht zu trennen sind. Demokratische   Errungenschaften k&#246;nnen im Zeitalter des Imperialismus in L&#228;ndern wie   Nepal nur als Teil des Kampfes f&#252;r eine grundlegende Ver&#228;nderung der   Gesellschaft erreicht. Denn die Kapitalisten in solchen L&#228;ndern sind   durch tausend Bande mit den Gro&#223;grundbesitzern verbunden und nicht   bereit, einer wirklichen Landreform zuzustimmen. Sie sind dar&#252;ber hinaus   vom Imperialismus und vom ausl&#228;ndischen Kapital dominiert, die keine   tats&#228;chliche unabh&#228;ngige und demokratische Selbstbestimmung zulassen.<\/p>\n<p>  Massenk&#228;mpfe f&#252;r Landverteilung, tats&#228;chliche nationale Unabh&#228;ngigkeit   und demokratische Rechte sto&#223;en also fr&#252;her oder sp&#228;ter zwangsl&#228;ufig auf   den Widerstand der Kapitalisten und Gro&#223;grundbesitzer, die auch   erk&#228;mpfte Errungenschaften wieder r&#252;ckg&#228;ngig machen k&#246;nnen, wenn ihnen   gestattet wird, an der Macht zu bleiben. In der Russischen Revolution   von 1917 wurden die zentralen demokratischen Aufgaben, die nationale   Befreiung und die Landreform, erst erreicht, als die Arbeiterklasse im   Oktober die Macht eroberte.<\/p>\n<p>  Als Mao Zedong in den sp&#228;ten 40er Jahren die Macht ergriff, war er dazu   gezwungen, seine urspr&#252;ngliche Perspektive von &#8222;50 Jahren Kapitalismus&#8220;   in China zu verwerfen. Die auf die Bauern gest&#252;tzte Rote Armee   marschierte in Chinas St&#228;dten ein und balancierte zwischen verschiedenen   Teilen der Gesellschaft &#8211; Bauern, Arbeitern und Teilen der Kapitalisten   &#8211; und machte schrittweise ein Ende mit Kapitalismus und Gro&#223;grundbesitz.   Grund und Boden und der Gro&#223;teil der Industrie wurden verstaatlicht,   aber es wurde keine Arbeiterdemokratie eingef&#252;hrt. Um an der Macht zu   bleiben, erschuf Mao ein Regime nach dem Modell des stalinistischen   Russlands.<\/p>\n<p>  Prachandas Bewegung hat Maos Kampf einer auf Bauern gest&#252;tzten   Guerilla-Armee zum Modell. Die KPN (M) war in der Lage, durch den Kampf   gegen ein despotisches Regime und f&#252;r demokratische Rechte und   Landverteilung an die Bauern breite Unterst&#252;tzung zu entwickeln.   Prachandas Maoismus betont Nationalismus und das B&#252;ndnis mit den   angeblich &#8222;fortschrittlichen&#8220; Teilen der Bourgeoisie. Die Nepalesischen   Maoisten betonen vor allem die demokratischen Ziele der Revolution. Das   f&#252;hrende Mitglied des Zentralkomitees Dev Gurung wurde 2006 von der   &#8222;Asia Times&#8220; interviewt. Er &#8222;sagte, das Ziel seiner Partei sei es, aus   Nepal eine demokratische und zivilisierte Gesellschaft zu machen. Diese   solle Raum geben f&#252;r alle ethnischen Minderheiten und regionalen Gruppen   Nepals und, wenn n&#246;tig, eine f&#246;derale Struktur entwickeln. An der   Regierung w&#252;rde seine Partei eine Wirtschaftspolitik betreiben, die die   derzeitige Subsistenzwirtschaft zu einer industrialisierten &#214;konomie   transformieren w&#252;rde. Nepal d&#252;rfe nicht ein Gefangenenmarkt f&#252;r indische   Produkte bleiben. Gurung sagte, es sei absolut nicht wahr, dass seine   Partei das Privateigentum an Grund und Boden und anderem Eigentum   abschaffen wolle.&#8220;<\/p>\n<h4>  Durch Wirtschaftsreformen zum Sozialismus?<\/h4>\n<p>  Was also w&#252;rde sich im Falle einer Regierungs&#252;bernahme der Maoisten   &#228;ndern? Die Maoisten stellen sich eine Art nationale kapitalistische   Entwicklung vor &#8211; und das in einer Situation, in der der indische und   westliche Kapitalismus die Wirtschaft schon dominieren und ohne die   Massen auf einen Kampf gegen den Kapitalismus vorzubereiten. In einer   Regierung mit Parteien, die f&#252;r ihre Zusammenarbeit mit dem   Imperialismus bekannt sind, werden die Maoisten keine substanziellen   Ver&#228;nderungen durchsetzen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  F&#252;hrende Mitglieder der KPN (M) geben abstrakt-zur&#252;ckhaltende   Stellungnahmen zu Protokoll wie der zweite Mann der Partei, Baburam   Battarai, in einem nach dem Wahlsieg gef&#252;hrten Interview mit einem   indischen Journalisten: &#8222;Wir haben nicht gen&#252;gend Ressourcen und   Kenntnisse, um das Land in der Art und Weise zu reorganisieren, die wir   uns w&#252;nschen w&#252;rden. Wir werden wohl 10 bis 15 Jahre brauchen.&#8220; Aber   auch wenn Nepal nat&#252;rlich ein Land mit einer kleinen Arbeiterklasse ist   und die Massen keine Wunder erwarten &#8211; &#8222;10 bis 15 Jahre&#8220; warten zu   m&#252;ssen, stellt in keinem Land einen erfolgreichen revolution&#228;ren Prozess   in Aussicht. Die russische Revolution 1917 zeigte den Weg nach vorne f&#252;r   und durch die entscheidende Rolle des Proletariats. Als der Zar im   Februar 1917 gest&#252;rzt wurde, war keine der demokratischen Aufgaben   gel&#246;st: Es hatte noch keine Landreform gegeben, Russlands Beteiligung am   Weltkrieg mit all seinen Leiden ging weiter, und die Unterdr&#252;ckung   nationaler Minderheiten wurde sogar noch versch&#228;rft. Lenin und Trotzki,   die f&#252;hrenden Bolschewiki, erkl&#228;rten, dass die einzige L&#246;sung die   Macht&#252;bernahme durch die Arbeiterklasse sei. Gro&#223;grundbesitzer,   Kapitalisten und die imperialistischen M&#228;chte waren alle miteinander   verwoben und waren sich im Kampf gegen das Proletariat einig &#8211; daher   waren die demokratischen Aufgaben der Revolution praktisch an die   sozialistischen gekn&#252;pft. Die Arbeiterklasse in den St&#228;dten,   insbesondere in Petrograd, wurde f&#252;r dieses revolution&#228;re Programm   gewonnen, und es gelang ihr &#8211; unterst&#252;tzt durch die m&#228;chtigen Aufst&#228;nde   auf dem Land &#8211; eine Arbeiterregierung zu etablieren. W&#228;hrend all dieser   Zeit betonten die Bolschewiki auch, dass die sozialistische Revolution   eine internationale ist und dass dieser Aspekt ganz besonders f&#252;r das   unterentwickelte Russland gelte. Diese Lehren aus der russischen   Revolution fasste Trotzki schon vorab in seiner Theorie der permanenten   Revolution zusammen.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend sich also die KPN (M) anscheinend schon mit ihrer Rolle in der   Umgestaltung Nepals von einem feudalistischen zu einem &#8222;modernen&#8220;   kapitalistischen Staat mit einer parlamentarischen Demokratie abgefunden   hat, waren es auch in Nepal die Massenerhebungen wie in 1990 und in   2006, welche innerhalb k&#252;rzester Zeit gro&#223;e Verbesserungen der   Lebensumst&#228;nde erk&#228;mpften. Darin liegt der Schl&#252;ssel, und nicht in   jahrzehntelangem &#8222;Gradualismus&#8220;!<\/p>\n<h4>  Internationale Auswirkungen<\/h4>\n<p>  Wenn das selbst f&#252;r wohlwollende Beobachter &#252;berraschend gute   Wahlergebnis der Maoisten ein Zeichen f&#252;r das hohe politische   Bewusstsein der nepalesischen Arbeiterklasse und der Armen ist, k&#246;nnte   eine Massenbewegung mit der folgenden Linksverschiebung der   nepalesischen Verh&#228;ltnisse eine gro&#223;e Wirkung im asiatischen Raum haben:   Es ist m&#246;glich, durch Massenk&#228;mpfe einen brutalen Diktator zu st&#252;rzen &#8211;   und den Weg zu ebnen zu einer sozialistischen Umgestaltung der   Gesellschaft als Ausweg f&#252;r die Massen aus dem Elend des neokolonialen   Kapitalismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Am 10. 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