{"id":12648,"date":"2008-05-04T00:00:00","date_gmt":"2008-05-04T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12648"},"modified":"2008-05-04T00:00:00","modified_gmt":"2008-05-04T00:00:00","slug":"12648","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/05\/12648\/","title":{"rendered":"Nach der Tarifrunde &#214;ffentlicher Dienst: Zeit f&#252;r eine Offensive"},"content":{"rendered":"<p>  Schlu&#223;folgerung aus der Tarifrunde im &#246;ffentlichen Dienst: Forderung   nach kollektiver Arbeitszeitverk&#252;rzung mu&#223; wieder auf die Tagesordnung<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  von David Matrai, zuerst ver&#246;ffentlicht in der jungen Welt, 1. Mai 2008<\/h4>\n<p>  Ausgehend vom Gr&#252;ndungskongre&#223; 2001 startete ver.di vor f&#252;nf Jahren eine   arbeitszeitpolitische Initiative. Das Ziel war, in dieser Frage aus der   Defensive zu kommen und das Thema Arbeitszeitverk&#252;rzung wieder auf die   Tagesordnung zu setzen. Hierf&#252;r wurden Bestandsaufnahmen und Analysen in   den ver.di-Fachbereichen angeregt, Befragungen durchgef&#252;hrt und man   versuchte, aus den Ergebnissen ein gemeinsames Arbeitszeitkonzept zu   entwerfen. Dieses sollte bereits existierende Initiativen der einzelnen   Fachbereiche integrieren, den unterschiedlichen Gegebenheiten in den   ver.di-Branchen Rechnung tragen und durchsetzbar sein.<\/p>\n<p>  Doch heute mu&#223; festgehalten werden: Weder ist es gelungen, ein   arbeitszeitpolitisches Konzept f&#252;r die Gesamtorganisation ver.di zu   entwickeln, noch ist in der tarifpolitischen und betrieblichen Praxis   die Verl&#228;ngerung der Arbeitszeiten aufgehalten oder der Proze&#223; gar   umgekehrt worden. Statt dessen setzte sich das seit Mitte der 1990er   Jahre vorangetriebene Rollback bei den Arbeitszeiten beschleunigt fort.<\/p>\n<h4>  Negativer Trend<\/h4>\n<p>  In den j&#252;ngsten Tarifauseinandersetzungen bei Bund und Kommunen sowie   der Deutschen Post ist das zu beobachten. Dabei war die Erh&#246;hung der   Wochenarbeitszeit in einem Teil der westdeutschen Kommunen auf 39   Stunden absehbar. W&#228;hrend die Arbeitgeber von Beginn der Tarifrunde an   offensiv l&#228;ngere Arbeitszeiten forderten, konzentrierte sich ver.di auf   die Forderung nach deutlichen Einkommenssteigerungen. Die Weigerung der   Gewerkschaft, selbstbewu&#223;t mit einer eigenen Arbeitszeitforderung in die   Auseinandersetzung zu gehen und unverhandelbare Haltelinien festzulegen,   mu&#223;te zu einer Verschlechterung f&#252;hren.<\/p>\n<p>  Dabei ist die Notwendigkeit einer generellen Verk&#252;rzung der   Arbeitszeiten nicht geringer geworden. Sowohl die tariflich festgelegten   als auch die tats&#228;chlich geleisteten haben sich sp&#252;rbar erh&#246;ht. Die   reale Wochenarbeitszeit einer Vollzeitkraft liegt im Durchschnitt &#252;ber   42 Stunden. Unbezahlte &#220;berstunden sind schwer zu erfassen, aber eine   relevante Gr&#246;&#223;e in vielen Arbeitsverh&#228;ltnissen. Hinzu kommen   &#252;berbordende Arbeitszeitkonten, verfallende Ausgleichszeiten, zunehmende   Arbeitsverdichtung, erh&#246;hter Druck und unterschiedlichste Formen   flexibler Arbeitszeitverl&#228;ngerungen. Die 45-Stunden-Woche ist in vielen   F&#228;llen n&#228;her als die 35-Stunden-Woche.<\/p>\n<p>  Demgegen&#252;ber sehen sich Millionen Erwerbslose mit der denkbar   radikalsten Arbeitszeitverk&#252;rzung konfrontiert: mit der   Null-Stunden-Woche. Zudem w&#252;rden sicher viele der zahlreichen Minijobber   und Teilzeitbesch&#228;ftigten einen geregelten Acht-Stunden-Tag mit   entsprechendem Einkommen vorziehen. Dem kapitalistischen Irrsinn dieser   polarisierten Arbeitszeiten steht die nach wie vor zunehmende   Produktivit&#228;t pro Arbeitsstunde und wachsender Reichtum gegen&#252;ber. Die   technischen und materiellen Voraussetzungen schreien geradezu nach   radikal verk&#252;rzten Wochenarbeitszeiten und einer gerechten Umverteilung   von Besch&#228;ftigung.<\/p>\n<h4>  Fallstricke<\/h4>\n<p>  Lassen sich aber mit der Forderung nach Arbeitszeitverk&#252;rzung die   Kollegen noch mobilisieren? Der mehrw&#246;chige Streik 2006 im &#246;ffentlichen   Dienst in Baden-W&#252;rttemberg gegen l&#228;ngere Arbeitszeiten zeigt, da&#223; die   Besch&#228;ftigten durchaus bereit sind, in dieser Frage auf die Stra&#223;e zu   gehen. Auch in betrieblichen Diskussionen zur j&#252;ngsten Tarifrunde bei   Bund und Kommunen war die Arbeitszeit Thema. Neben dem weitverbreiteten   Wunsch nach k&#252;rzeren Arbeitszeiten gibt es aber auch berechtigte   Bedenken.<\/p>\n<p>  Aufgrund sinkender Realeinkommen in den vergangenen Jahren, neuer   Niedriglohngruppen und Sozialk&#252;rzungen k&#246;nnen sich viele Besch&#228;ftigte   schlichtweg keine weiteren Verluste leisten. Sind mit Verk&#252;rzungen der   Arbeitszeit Lohneinbu&#223;en und der Wegfall wichtiger Zuschl&#228;ge zu   erwarten, werden solche Forderungen kaum Attraktivit&#228;t entfalten. Weiter   besteht die berechtigte Sorge, da&#223; Arbeitszeitverk&#252;rzungen nicht   zwangsl&#228;ufig Besch&#228;ftigungssicherung und Neueinstellungen zur Folge   haben, sondern zu weiterer Arbeitsverdichtung, Flexibilisierung und   zus&#228;tzlichen &#220;berstunden f&#252;hren. Deshalb mu&#223; die Forderung nach   vollst&#228;ndigem Lohn- und Personalausgleich zentraler Bestandteil von   Verk&#252;rzungsforderungen sein, um eine Mobilisierung zu erm&#246;glichen.<\/p>\n<h4>  Konkrete Initiative starten<\/h4>\n<p>  In ihren tarifpolitischen Grunds&#228;tzen und im Rahmen der eingangs   erw&#228;hnten arbeitszeitpolitischen Initiative werden von ver.di   gr&#246;&#223;tenteils richtige Analysen angestellt. Offensichtlich ist jedoch   gr&#246;&#223;erer innergewerkschaftlicher Druck notwendig, damit aus der   programmatischen Positionierung auch entsprechende Schlu&#223;folgerungen f&#252;r   die konkreten Auseinandersetzungen gezogen werden. Es geht nicht um die   Ausarbeitung eines differenzierten Arbeitszeitkonzepts f&#252;r alle   ver.di-Fachbereiche und weitere, auf mehrere Jahre angelegte   Befragungen. Denkbar sind vielmehr zwei konkrete Ziele. Erstens: Ver.di   akzeptiert prinzipiell keine weiteren Arbeitszeitverl&#228;ngerungen &#8211; erst   recht nicht ohne ernsthafte Gegenwehr. Zweitens: In die in zwei Jahren   anstehende Tarifrunde bei Bund und Kommunen geht ver.di mit einer klaren   Forderung nach kollektiver Verk&#252;rzung der Wochenarbeitszeit auf 35   Stunden bei vollem Lohn- und Personalausgleich.<\/p>\n<p>  Weite Teile der ver.di-Jugend und der Erwerbslosen, der ver.di-Linken   und k&#228;mpferische Aktivisten in den Betrieben k&#246;nnten f&#252;r diese   Positionen gewonnen werden. Ausgangspunkt k&#246;nnte ein Appell sein, der   von einigen Betriebs- und Personalr&#228;ten sowie hauptamtlichen   Funktion&#228;ren initiiert und innerhalb von ver.di zur Unterzeichnung   verbreitet wird. Entsprechende Antr&#228;ge k&#246;nnten auf den verschiedenen   Ebenen der Organisation eingebracht werden.<\/p>\n<p>  Nicht zuletzt die Erfahrungen der IG Metall aus den 1970er und 80er   Jahren zeigen, da&#223; es Geduld und Entschlossenheit bedarf, um die eigene   Gewerkschaft f&#252;r eine offensive Arbeitszeitforderung zu gewinnen.   Dennoch gibt es keine schl&#252;ssige Begr&#252;ndung daf&#252;r, nicht jetzt damit zu   beginnen und die zwei Jahre bis zur Tarifrunde bei Bund und Kommunen   nicht f&#252;r Diskussionen in Betrieben, Verwaltungen und   Gewerkschaftsgremien zu nutzen. Es ist nicht zu erwarten, da&#223; die   Ausgangsbedingungen f&#252;r eine solche Initiative in zwei oder drei Jahren   besser sein werden als jetzt. Auch sollte ein f&#252;r uns g&#252;nstigeres   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Kapital, Politik und Gewerkschaften nicht zur   Voraussetzung f&#252;r ein solches Projekt gemacht werden. Im Gegenteil:   Offensive Debatten zur Arbeitszeit und eine konkrete Initiative, f&#252;r die   Besch&#228;ftigte und Aktivisten sich begeistern, k&#246;nnten erheblich zur   Steigerung unserer gewerkschaftlichen Kampf- und Durchsetzungsf&#228;higkeit   beitragen.<\/p>\n<p>  <i>David Matrai ist ver.di-Jugendsekret&#228;r im Bezirk Weser-Ems<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Schlu&#223;folgerung aus der Tarifrunde im &#246;ffentlichen Dienst: Forderung<br \/>\n      nach kollektiver Arbeitszeitverk&#252;rzung mu&#223; wieder auf die Tagesordnung\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,15,18],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12648"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12648"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12648\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12648"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12648"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12648"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}