{"id":12632,"date":"2008-04-27T00:00:00","date_gmt":"2008-04-27T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12632"},"modified":"2008-04-27T00:00:00","modified_gmt":"2008-04-27T00:00:00","slug":"12632","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/04\/12632\/","title":{"rendered":"Tarifrunde 08: Verteilungskampf ist Klassenkampf"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Dieter Jan&#223;en, ver.di-Vertrauensmann im Klinikum   Stuttgart*. Die Fragen stellte Ursel Beck<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h5>  76,5 Prozent haben sich bei der Mitgliederbefragung f&#252;r die Annahme des   Tarifabschlusses im &#214;ffentlichen Dienst ausgesprochen. Hei&#223;t das, die   Mehrheit der Mitglieder ist zufrieden?<\/h5>\n<p>  Als erstes muss man sehen, dass sich immerhin 23,5 Prozent oder rund   44.000 Mitglieder gegen den Abschluss und f&#252;r Streik ausgesprochen   haben, obwohl die Tarifeinigung von den meisten Bef&#252;rwortern besch&#246;nigt   und die negativen Auswirkungen der Arbeitszeitverl&#228;ngerung nicht   hervorgehoben wurden.<\/p>\n<h5>  Besagt das Befragungsergebnis, dass es keine ausreichende   Streikbereitschaft gab?<\/h5>\n<p>  Die Mehrheit der Bundestarifkommission hat empfohlen, f&#252;r Annahme zu   stimmen. So stand es auf den Stimmzetteln. Die Alternative lautete: &#8222;Ich   bin bereit, f&#252;r ein besseres Ergebnis zu streiken.&#8220; Bei dieser vagen   Formulierung fragten sich viele, ob das mit Streik zu erreichen w&#228;re.<\/p>\n<p>  H&#228;tten Bundesvorstand und Bundestarifkommission dagegen gefragt: &#8222;Ich   bin bereit gegen Arbeitszeitverl&#228;ngerung und f&#252;r die Durchsetzung   unserer Forderungen zu streiken&#8220;, bin ich mir sicher, dass wir eine   Mehrheit bekommen h&#228;tten.<\/p>\n<p>  Mit der enormen Kampfkraft eines bundesweiten Streiks unter Einbeziehung   von Bereichen wie Nahverkehr, Flugh&#228;fen und Schleusen h&#228;tten wir die   Arbeitszeitverl&#228;ngerung verhindern und gleichzeitig beim Lohn mehr   herausholen k&#246;nnen. Die Lokf&#252;hrer haben uns das ja vor eine paar Monaten   mit elf Prozent mehr Lohn und einer Stunde weniger Arbeitszeit   vorgemacht.<\/p>\n<h5>  Welche Erfahrungen hast du bei der Mitgliederbefragung gemacht?<\/h5>\n<p>  Mir war es wichtig, am Standort B&#252;rgerhospital des Klinikums &#8211; dort wo   ich den Streik geleitet und die Mitgliederbefragung durchgef&#252;hrt habe &#8211;   mit m&#246;glichst vielen Mitgliedern eine offene Diskussion &#252;ber die   Tarifauseinandersetzung und das Ergebnis zu f&#252;hren und eine hohe   Abstimmungsquote zu erreichen. Ich habe den Kolleginnen und Kollegen vor   der Abstimmung die neue Tabelle gegeben, damit sie selber sehen konnten,   was sie an Lohnerh&#246;hung brutto bekommen.<\/p>\n<p>  Zus&#228;tzlich habe ich dar&#252;ber informiert, dass der Abschluss f&#252;r die   Krankenhausbesch&#228;ftigten im Jahr 2008 einen um mehrere hundert Euro   geringeren Verdienstzuwachs gegen&#252;ber den anderen Besch&#228;ftigten bei Bund   und Kommunen bedeutet. Vor der Mitgliederbefragung hatten wir bereits   das Tarifinfo &#8222;06\/08 Krankenh&#228;user Baden-W&#252;rttemberg extra&#8220; und das   Flugblatt des Netzwerks f&#252;r eine k&#228;mpferische und demokratische ver.di   zur Tarifeinigung verteilt.<\/p>\n<p>  Bei der Befragung selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass es bei uns   nur eine Minderheit gab, die dem Abschluss zustimmte. Das Wichtigste ist   aber, dass durch die gesamte Tarifbewegung und die beiden Warnstreiks   einige Kolleginnen und Kollegen, darunter auch   Nichtgewerkschaftsmitglieder, politisiert und aktiviert wurden und   sagen, dass sie sich jetzt selber einmischen wollen.<\/p>\n<h5>  F&#252;r die Krankenh&#228;user bleibt die Frage des Budget-Deckels. Wie kann der   Kampf dagegen erfolgreich gef&#252;hrt werden?<\/h5>\n<p>  Erstens muss gesagt werden, dass wir mit der Tarifeinigung die Chance   verpasst haben, den Deckel 2008 durch Streik und Durchsetzung einer   kr&#228;ftigen Lohnerh&#246;hung zu sprengen. Mit der Schlechterstellung der   Krankenhausbesch&#228;ftigten in der Tarifeinigung f&#252;r 2008 hat ver.di darauf   verzichtet, die politisch bewusst herbei gef&#252;hrte Unterfinanzierung der   Krankenh&#228;user durch Streik zu &#228;ndern.<\/p>\n<p>  Jetzt soll es noch in diesem Jahr zusammen mit den Krankenhaustr&#228;gern   gemeinsame Aktionen f&#252;r mehr Geld f&#252;r die Krankenh&#228;user in 2009 geben.   Ich begr&#252;&#223;e es, dass die Krankenhausgesellschaften mehr Geld f&#252;r die   Krankenh&#228;user fordern. Das hilft uns bei unserer Forderung. Aber wir   m&#252;ssen eine von den Arbeitgebern unabh&#228;ngige Position einnehmen und eine   eigenst&#228;ndige Kampagne f&#252;hren. Denn die Krankenhausmanager haben nach   dem Abschluss erst mal angek&#252;ndigt, dass sie die Lohnerh&#246;hung f&#252;r 2008   mit weiterem Stellenabbau und anderen K&#252;rzungen bei den Personalkosten   kompensieren, anstatt Druck auf Berlin zu machen, den Deckel sofort zu   beseitigen.<\/p>\n<p>  Wir d&#252;rfen nicht so tun, als ob wir mit den Krankenhausmanagern und   Lokalpolitikern in einem Boot s&#228;&#223;en. In Stuttgart ist es zum Beispiel   so, dass die Stadt in Geld schwimmt. Trotzdem gab es im Gemeinderat bei   den Haushaltsberatungen keine Mehrheit f&#252;r einen   Investitionskostenzuschuss von 7,5 Millionen Euro j&#228;hrlich f&#252;r das   Klinikum f&#252;r dringende Investitionen. Die Lokalpolitiker planen hier   gerade ein Prestigeobjekt nach dem anderen. Daf&#252;r haben sie Geld.<\/p>\n<p>  Die Auseinandersetzung um die Gelder f&#252;r die Krankenh&#228;user ist wie alle   anderen Auseinandersetzungen ein Verteilungskampf. Und Verteilungskampf   ist Klassenkampf. Es ist Aufgabe von ver.di und DGB, in den n&#228;chsten   Monaten diese Auseinandersetzung um die Finanzierung des   Gesundheitswesens zu f&#252;hren. Es muss klar gemacht werden, wie und wo das   Geld daf&#252;r geholt werden kann: &#252;ber Steuern bei den   Verm&#246;gensmilliard&#228;ren und &#252;ber die Gewinne der Konzerne.<\/p>\n<p>  <i><b>*Angabe der Funktion dient nur zur Kenntlichmachung der Person<\/b><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Dieter Jan&#223;en, ver.di-Vertrauensmann im Klinikum<br \/>\n      Stuttgart*. 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