{"id":12602,"date":"2008-04-11T00:00:00","date_gmt":"2008-04-10T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12602"},"modified":"2012-05-09T14:18:47","modified_gmt":"2012-05-09T12:18:47","slug":"12602","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/04\/12602\/","title":{"rendered":"40 Jahre &#8222;Prager Fr&#252;hling&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Gespr&#228;ch mit SAV-Mitglied Mirek Voslon, der 1968 als Student in der CSSR   den &#8222;Prager Fr&#252;hling&#8220; selbst erlebte<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b><i>Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in der Tschechoslowakei die   Betriebe verstaatlicht und der Kapitalismus abgeschafft worden. Es gab   aber keine demokratische, sondern von Anfang an eine b&#252;rokratische   Planwirtschaft. Nie existierte &#8211; wie in Russland in den ersten Jahren   nach der Oktoberrevolution &#8211; eine wirkliche Arbeiterdemokratie. <\/i><\/b><\/p>\n<p>  <b><i>Dem Druck von unten folgten in der zweiten H&#228;lfte der sechziger   Jahre in der CSSR Reformen von oben &#8211; die bald au&#223;er Kontrolle gerieten. <\/i><\/b><\/p>\n<p>  <b><i>Am 21. August 1968 marschierten Truppen aus der Sowjetunion, der   DDR, Ungarn, Polen und Bulgarien in die Tschechoslowakei ein, besetzten   das Land und entmachteten die Regierung samt F&#252;hrung der Kommunistischen   Partei um Alexander Dubcek.<\/i><\/b><\/p>\n<h4>  Was hast du 1968 in Prag gemacht?<\/h4>\n<p>  Ich war Student der Mathematik-Physik-Fakult&#228;t der Karls-Universit&#228;t.   Mitglied der KPC war ich nicht, nur formell Mitglied des   Jugendverbandes, CSM. Aber ich war leidenschaftlich politisch   interessiert. Alle waren es.<\/p>\n<p>  Mein Vater war Mitglied des Zentralkomitees der KP. Er geh&#246;rte zu den   Initiatioren der &#8222;Reformbewegung&#8220; von oben. Seine Meinung hatte ein   gewisses Gewicht, weil er vor dem Krieg Streikf&#252;hrer, dann   Widerstandsk&#228;mpfer gegen die Nazis war. Schon vor 1968 geh&#246;rte er einer   informellen Oppositionsgruppe in der Partei an. 1969 wurde er   ausgeschlossen.<\/p>\n<h4>  Was erwarteten sich die Menschen vom Reformprozess in der   Tschechoslowakei vor vierzig Jahren?<\/h4>\n<p>  Das Ende der Vormundschaft der Betonk&#246;pfe. Eine freie Debatte in der   gesamten Gesellschaft um Alternativen &#8211; auch um die wirtschaftlichen.   Die b&#252;rokratische Planwirtschaft steckte in der Krise. Die Partei hatte   zwar schon 1960 den Sozialismus in der kleinen Tschechoslowakei f&#252;r   &#8220;aufgebaut&#8220; erkl&#228;rt. Wenig sp&#228;ter musste Antonin Novotn&#253;, der erste   Sekret&#228;r der Partei und Staatspr&#228;sident in einer Person, aber   versprechen: &#8222;Fleisch wird es geben.&#8220; Denn in unserem &#8222;Sozialismus&#8220; gab   es &#246;fters Fleisch nur unterm Ladentisch. Volkswirtschaftler sch&#228;tzten,   dass die Industrie &#8211; aufgrund der Fehlplanung &#8211; den Wert von zwei   Jahresproduktionen auf Halde hatte, in Artikeln, die keinem Bedarf   entsprachen.<\/p>\n<p>  Wir wollten auch eine Aufkl&#228;rung der Verbrechen der Terrorherrschaft der   f&#252;nfziger Jahre, und dass die Schergen zur Verantwortung gezogen werden.   Die meisten &#220;berlebenden des Massenterrors wurden nach 1956 zwar   freigelassen. Die T&#228;ter blieben aber an der Macht und veranstalteten die   &#8222;Rehabilitation&#8220; der Opfer so, dass an jedem Opfer ein wenig &#8222;Schuld&#8220;   kleben blieb. Die &#8222;Rehabilitationsfrage&#8220; gab am Anfang den m&#228;chtigsten   Antrieb der Bewegung.<\/p>\n<p>  Nur ganz wenige wollten zur&#252;ck zum Kapitalismus. Im Laufe des Fr&#252;hlings   1968 konnten sich politische Organisationen bilden, und es gab auch   pro-kapitalistische. Selbst diese konnten sich aber nicht die   Wiederherstellung des Kapitalismus offen auf die Fahnen schreiben. Damit   h&#228;tten sie den Rest der Bewegung gegen sich aufgebracht, die eindeutig   einen sozialistischen Charakter besa&#223;.<\/p>\n<h4>  Wie begann der &#8222;Prager Fr&#252;hling&#8220;?<\/h4>\n<p>  Der Kongress des Schriftstellerverbandes am 2. Juni 1967 war der wahre   Auftakt des &#8222;Prager Fr&#252;hlings&#8220;. Er bilanzierte die Jahre seit der   b&#252;rokratisch durchgef&#252;hrten sozialen Revolution von 1948. Ein sehr   bekannter Schriftsteller und Journalist, Ludv&#237;k Vacul&#237;k, sagte: &#8222;In 20   Jahren wurde kein menschliches Problem gel&#246;st.&#8220; Dieser Paukenschlag   hallte im ganzen Land wider.<\/p>\n<p>  Am 30. Oktober fielen Licht und Heizung im Studentenwohnheim von Strahov   in Prag aus. Die Studenten demonstrierten in der Innenstadt mit Kerzen   in der Hand und riefen: &#8222;Wir wollen Licht.&#8220; Nicht nur das elektrische   Licht, versteht sich: Licht in die Verh&#228;ltnisse! Die Polizei verfolgte   sie pr&#252;gelnd bis in ihre Zimmer.<\/p>\n<p>  Die herrschende Kaste war gespalten in &#8222;Progressive&#8220; und &#8222;Konservative&#8220;.   Das ZK traf sich im Dezember zu einer Krisensitzung. Am 5. Januar 1968   wurde Novotn&#253;, die &#8222;Erzkonserve&#8220;, als Parteichef durch Alexander Dubcek   abgel&#246;st. Mitglieder des ZK sollten der Basis die neue Politik erkl&#228;ren.   Die meisten Betriebe hatten aber schon keine Lust, sich die &#8222;Konserven&#8220;   noch einmal anzuh&#246;ren. Als Referenten waren nur &#8222;Progressive&#8220; gefragt.<\/p>\n<p>  Eine Massenbewegung bahnte sich an. Viele traten in die KP ein, um die   Erneuerung voranzutreiben. Das war alles mehr, als die Reformer je   vorausgesehen oder gar gew&#252;nscht hatten.<\/p>\n<h4>  Wie organisierte sich die Bewegung? Bestanden Initiativen le-diglich auf   regionaler Basis oder vernetzten sie sich?<\/h4>\n<p>  Einer der Ausl&#246;ser des &#8222;Fr&#252;hlings&#8220; war die Bevormundung der Slowakei   durch die Parteispitze in Prag. Keiner strebte aber eine Abtrennung an.   Ziel war eine F&#246;deration.<\/p>\n<p>  Bei den Debatten um die Erneuerung der KP, einer stalinistischen Partei,   kanalisierte sich der Protest der tschechischen und slowakischen   Arbeiterklasse. Bei &#246;rtlichen und Bezirkskonferenzen der Partei wurde   lautstark abgerechnet. Bis Ende M&#228;rz waren die alten B&#252;rokraten &#252;berall   abgew&#228;hlt und durch neue Leute ersetzt. Wer sich nicht zur &#8222;neuen   Politik&#8220; bekannte, hatte wenig Chancen.<\/p>\n<h4>  Erst nach dem Einmarsch gelang es der B&#252;rokratie, die   &#8222;F&#246;deralisierungstendenzen&#8220; auszunutzen, um die Bewegung teilweise   national zu spalten.<\/h4>\n<h4>  Gab es Ans&#228;tze f&#252;r Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben?<\/h4>\n<h4>  Es formierten sich tats&#228;chlich Arbeiterr&#228;te in etlichen Betrieben. Das   ist wenig bekannt.<\/h4>\n<p>  Arbeiter wollten zun&#228;chst Einfluss auf Entscheidungen am Arbeitsplatz   erlangen und Druck auf die Staatsf&#252;hrung aus&#252;ben, damit sie den   Demokratisierungskurs fortsetzt. Die Idee einer R&#228;terepublik hatten nur   wenige. Die Bewegung wurde von der milit&#228;rischen Intervention am 21.   August &#252;berrascht, bevor die Arbeiterklasse Gelegenheit hatte, &#252;ber die   Schranken des Programms des &#8222;Reformfl&#252;gels&#8220; der Partei hinauszugehen.   Die politische Revolution wurde dann durch die so genannte   Normalisierung gestoppt. Aber es war eine politische Revolution gewesen!<\/p>\n<p>  Die Antwort der B&#252;rokratie auf die Arbeiterr&#228;te bestand darin, ein   Gesetz vorzubereiten, das sie auf eine Beratungsfunktion innerhalb des   Betriebs beschr&#228;nken sollte. Die Drohgeb&#228;rden der Kreml-B&#252;rokratie gegen   den gesamten Prozess pr&#228;gten aber den Sommer 1968 und &#220;berschatteten die   Diskussionen um die R&#228;te.<\/p>\n<h4>  Auch die Gewerkschaften wurden von Grund auf erneuert. Die Lokf&#252;hrer   gr&#252;ndeten sogar eine neue Gewerkschaft.<\/h4>\n<h4>  Wie reagierten die Menschen auf den Einmarsch?<\/h4>\n<p>  Vor allem Jugendliche gingen auf die Stra&#223;en und diskutierten mit den   sowjetischen Soldaten. Viele Soldaten erfuhren erst dadurch, dass dies   eine Bewegung f&#252;r den Sozialismus war. Es gab auch mehrere gewaltsame   Auseinandersetzungen, die einige Soldaten mit ihrem Leben bezahlten und   bei denen etwa 100 Demonstranten erschossen wurden. Das tschechische   Radio sendete weiter, von Sendern der Armee aus, und rief zum passiven   Widerstand auf. &#220;berall wurden die Stra&#223;enschilder abgeschraubt, manche   Einheiten der Invasoren irrten orientierungslos herum.<\/p>\n<p>  Die Arbeiterklasse wartete in den Betrieben auf das Signal ihrer Partei,   der &#8222;erneuerten&#8220; KPC, zum Generalstreik. Die internationale Lage war   g&#252;nstig f&#252;r den Widerstand. Aber es passierte nichts.<\/p>\n<p>  Delegierte des au&#223;erordentlichen 14. Parteitags der KPC waren gew&#228;hlt.   Dieser kam am 22. August zusammen, unter dem Schutz der Arbeiter des   gro&#223;en metallverarbeitenden Betriebs CKD in Prag-Visocany. Der Parteitag   verurteilte die Invasion, verlangte den R&#252;ckzug der Truppen und die   R&#252;ckkehr von Dubcek und seinen Genossen, die in der Nacht vom 20. auf   den 21. August nach Moskau zu &#8222;Verhandlungen&#8220; verschleppt worden waren.<\/p>\n<p>  Trotz der Ver&#228;nderungen in der Kommunistischen Partei nahm diese nicht   den Kampf auf. Diese Partei hatte Angst vor der Verantwortung, den   Widerstand zu f&#252;hren. Daf&#252;r wird eine marxistische F&#252;hrung ben&#246;tigt, mit   einer internationalen Perspektive. Eine solche F&#252;hrung entsteht nicht   von einem Tag auf den anderen.<\/p>\n<h4>  Wie war die Stimmung in der Bev&#246;lkerung nach Dubceks R&#252;ckkehr aus Moskau?<\/h4>\n<p>  Alexander Dubcek und Josef Smirkovsk&#253; versprachen mit Tr&#228;nen in den   Augen, die Politik der letzten Monate fortzusetzen. Sie hatten aber in   Moskau ein geheimes Protokoll der &#8222;Normalisierung&#8220; unterzeichnet. Die   Beschl&#252;sse des 14. Parteitags sollten r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden.<\/p>\n<h4>  Nach und nach wurde der Inhalt des Moskauer Diktats bekannt und damit   auch die Rolle Dubceks, die er in der Zeit nach dem Einmarsch wirklich   spielte.<\/h4>\n<p>  Am ersten Jahrestag des 21. Augusts gab es spontane, unorganisierte   Demonstrationen von Jugendlichen. Darauf folgten Repression und   Sondergerichte. Dieses Dekret trug Dubceks Unterschrift&#8230;<\/p>\n<h4>  Wie hat sich das Bewusstsein der Menschen durch die &#8222;Normalisierung&#8220;   ver&#228;ndert?<\/h4>\n<p>  Zur &#8222;Normalisierung&#8220; geh&#246;rte, dass Hunderttausende aus der Partei   ausgeschlossen und mit Berufsverbot belegt wurden. Dutzende wanderten   ins Gef&#228;ngnis. Die Hoffnung, die zuvor in den Sozialismus gesetzt wurde,   nahm gro&#223;en Schaden. Die Kreml-B&#252;rokratie erwies sich als gewaltige   anti-sozialistische Kraft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Gespr&#228;ch mit SAV-Mitglied Mirek Voslon, der 1968 als Student in der CSSR<br \/>\n      den &#8222;Prager Fr&#252;hling&#8220; selbst erlebte\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[265],"tags":[203],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12602"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12602"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12602\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12602"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12602"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12602"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}