{"id":12601,"date":"2008-04-10T00:00:00","date_gmt":"2008-04-09T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12601"},"modified":"2012-08-21T13:15:39","modified_gmt":"2012-08-21T11:15:39","slug":"12601","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/04\/12601\/","title":{"rendered":"1968: Aufbruch ins rote Jahrzehnt"},"content":{"rendered":"<p>In vielen R\u00fcckblicken wird die Auffassung vertreten, dass die Revolte 1968 vor allem kultureller Art war, mehr oder weniger beschr\u00e4nkt auf ein Aufbegehren gegen den Mief der Adenauer-\u00c4ra und gegen die fortdauernde Pr\u00e4senz von Alt-Nazis in f\u00fchrenden Positionen in Staat und Gesellschaft. Diese Sichtweise l\u00e4sst die weitergehenden Ziele und Auswirkungen der damaligen Bewegung oft unter den Tisch fallen. Es war aber vor allem eine internationale Bewegung, und in anderen L\u00e4ndern gab es nicht die Nachholbed\u00fcrfnisse, Anl\u00e4sse oder Ausl\u00f6ser wie in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><em>von Angela Bankert, K\u00f6ln<\/em><\/p>\n<p>Das Jahr 1968 sticht hervor, aber man muss die ganze Phase vor und nach \u201968 betrachten. In fast allen westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern gab es in den Sechzigern die Jugendrevolte. In Frankreich l\u00f6ste sie im Mai 1968 gar einen Generalstreik und eine Welle von Betriebsbesetzungen aus. In Italien war es der Auftakt zu einer ganzen Phase mit zugespitzten Klassenk\u00e4mpfen einer ungeheuer erstarkenden Arbeiterbewegung. In Portugal und Spanien verst\u00e4rkte sich die Widerstandsbewegung gegen die Diktaturen, die 1974 zur Nelkenrevolution in Portugal und 1975 zum Sturz der Diktatur in Spanien f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Aus Japan flimmerten Bilder \u00e4u\u00dferst brutaler Auseinandersetzungen zwischen militanten Jugendlichen und hochger\u00fcsteten Polizisten \u00fcber den Bildschirm. Durch Sri Lanka rollte 1971 ein Jugendaufstand. Und nat\u00fcrlich, im Fokus der ganzen Welt: die Befreiungsbewegungen in Vietnam und anderen L\u00e4ndern S\u00fcdostasiens gegen die US-Truppen.<\/p>\n<h4>In den USA schaukelten sich schwarze B\u00fcrgerrechtsbewegung, Anti-Vietnamkriegsproteste, Flower-Power-Bewegung und Jugendrevolte gegenseitig hoch.<\/h4>\n<p>In Lateinamerika hatte die Kubanische Revolution 1959\/60 dem ganzen Kontinent einen enormen Anschub gegeben. Ende der sechziger Jahre entwickelten sich die revolution\u00e4ren Ereignisse in Chile und f\u00fchrten 1971 zur Wahl des sozialistischen Pr\u00e4sidenten Salvador Allende. Afrika verzeichnete den Aufschwung von Befreiungsbewegungen in Rhodesien (Zimbabwe), Angola, Mosambique, Namibia und der Anti-Apartheitbewegung in S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p>In Osteuropa weckte 1968 der \u201ePrager Fr\u00fchling\u201c Hoffnungen auf eine Demokratisierung der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Diese Aufz\u00e4hlung ist bei weitem nicht vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<h4>Scheitelpunkt einer internationalen Bewegung<\/h4>\n<p>Es ist geradezu ph\u00e4nomenal, wie sich fast zeitgleich in so vielen L\u00e4ndern der Welt derart umfassende und tiefgreifende Bewegungen abspielten. Zeitgleich dann, wenn man die ganze historische Phase betrachtet. Denn was verk\u00fcrzt als \u201e1968\u201c bezeichnet wird, ist der Scheitelpunkt einer Bewegung, in dem Vorl\u00e4ufer der sechziger Jahre kulminierten und von dem eine Welle gesellschaftlicher K\u00e4mpfe ausging, die bis weit in die siebziger Jahre hinein rollte. Die zugrunde liegenden Ursachen dieser relativen Gleichzeitigkeit sind bis heute nicht ausreichend untersucht.<\/p>\n<p>Eine mag die lange Wachstumsperiode der Nachkriegszeit sein \u2013 ein \u00f6konomischer Aufschwung ab Mitte der f\u00fcnfziger Jahre in der kapitalistischen Welt, der Mitte der Siebziger mit der synchronen globalen Rezession endete. Vollbesch\u00e4ftigung, steigender Lebensstandard, ein Wiedererstarken der organisierten Arbeiterbewegung in Gewerkschaften und Parteien gingen damit einher. Eine neue Generation war herangewachsen, die ihren Anteil am Aufschwung haben wollte, in den Folgejahren aber auch die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus zu sp\u00fcren bekam.<\/p>\n<p>Eine globale politische Klammer der 68er-Bewegung waren sicher die Kriegsverbrechen der Weltmacht USA im Vietnam-Krieg und die Protestbewegungen dagegen. Die Darstellung der USA als Befreier vom Faschismus und Heilsbringer der Demokratie war dadurch ersch\u00fcttert. Der Kapitalismus hatte im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege ausgel\u00f6st. Und schon wurden wieder neue Brandherde entfacht, von der Kuba-Krise bis S\u00fcdostasien. \u00c4hnliches galt f\u00fcr Ex-Kolonialm\u00e4chte, die gegen Befreiungsbewegungen der sogenannten Dritten Welt vorgingen, wie Frankreich in Algerien.<\/p>\n<h4>Besonderheiten in der BRD<\/h4>\n<p>In der Bewegung in der Bundesrepublik spielten weitere, besondere Faktoren eine Rolle:<\/p>\n<p>Die l\u00fcckenhafte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die personellen Kontinuit\u00e4ten im Justizapparat (kein NS-Richter wurde je zur Rechenschaft gezogen), in der Politik (Bundespr\u00e4sident Heinrich L\u00fcbke, ehemaliger KZ-Bauleiter, ehemalige NSDAP-Mitglieder in hohen Funktionen, unter anderem Kanzleramtschef Hans Globke, Kanzler Georg Kiesinger) und viele ehemals braune Professoren unter den Universit\u00e4tseliten. Der Mief \u201eunter den Talaren\u201c, das reaktion\u00e4re Familien- und Weltbild der Adenauer-\u00c4ra waren erdr\u00fcckend. Die antimilitaristische Grundstimmung dr\u00fcckte sich im Kampf gegen die Wiederbewaffnung aus. Die Bildung der Gro\u00dfen Koalition 1966 hatte eine massive Entt\u00e4uschung und die Abkehr vieler Menschen von der SPD zur Folge. (Selbst Gudrun Ensslin war 1965 noch Wahlhelferin der SPD gewesen).<\/p>\n<p>Das untergr\u00fcndige gesellschaftliche Rumoren gegen diese Zust\u00e4nde brach sich Bahn in der au\u00dferparlamentarischen Oppositionsbewegung, die den vielzitierten Liberalisierungs-Schub einleitete. Menschen- und Frauenrechte wurden eingefordert, eine liberale Kindererziehung, eine freiere und selbstbestimmte Sexualit\u00e4t. Eltern, Pfarrer und Staatsanwalt sollten nicht mehr quasi \u201eneben dem Bett\u201c stehen. Unter anderem wurden der Verkuppelungs- und Homosexuellen-Paragraf abgeschafft, mit dem \u00a7 218 der Schwangerschaftsabbruch liberalisiert, eine moderne Eherechtsreform eingeleitet. Etliche Kinderl\u00e4den und Kommunen wurden gegr\u00fcndet, WGs schossen aus dem Boden. Die wichtigste Folge ist vielleicht das grunds\u00e4tzliche Hinterfragen von sogenannten Autorit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Wenn es auch zwischenzeitlich wieder ein gewisses Rollback gegeben hat, insbesondere auf dem Gebiet der pornografischen und frauenfeindlichen Vermarktung der Sexualit\u00e4t, so sind die kulturellen Nachwirkungen der 68er doch nach wie vor zu sp\u00fcren. In der Abschaffung des \u201eZ\u00fcchtigungsrechts\u201c der Eltern im Jahr 2000 ebenso wie in der Tatsache, dass selbst ein Kanzlerkandidat Edmund Stoiber im Jahr 2002 die Aufnahme einer unverheirateten Mutter in sein Schattenkabinett verteidigte \u2013 undenkbar vor 1968.<\/p>\n<h4>Soziale Frage<\/h4>\n<p>Die 68er-Bewegung wird oft losgel\u00f6st von Klassen- und sozialen Fragen betrachtet. Das Rumoren gegen die gesellschaftlichen Zust\u00e4nde begann aber deutlich vor 1968 und dr\u00fcckte sich im Erstarken der Arbeiterbewegung aus, deren Demonstrationen in den siebziger Jahren weitaus gr\u00f6\u00dfer waren als die \u00fcberwiegend studentischen Demos in den Sechzigern, die manchmal nur wenige Tausende mobilisierten. Dennoch bewirkten sie einen Umschwung in der politischen Meinungsf\u00fchrerschaft. Ver\u00e4nderung f\u00e4ngt meist an den R\u00e4ndern an.<\/p>\n<p>Auch der Aufbruch der Frauen war keine studentische Eingebung, sondern hatte handfeste Hintergr\u00fcnde. Der lange Aufschwung integrierte wieder mehr Frauen in den Arbeitsprozess, wenn auch oft auf Teilzeitbasis, als \u201eZuverdienerinnen\u201c. Die Pille und bessere Verh\u00fctungsm\u00f6glichkeiten verminderten auch hier die Abh\u00e4ngigkeiten. Das erh\u00f6hte das Selbstbewusstsein der Frauen und bef\u00f6rderte ihre Losl\u00f6sung vom patriarchalen Modell des \u201eFamilienern\u00e4hrers\u201c.<\/p>\n<p>Seit Mitte der f\u00fcnfziger Jahre fanden auf der Grundlage der Hochkonjunktur im lokalen Ma\u00dfstab einzelne Arbeitsk\u00e4mpfe statt. In der (kleineren) Rezession von 1966\/67 protestierten Hunderttausende gegen Zechenschlie\u00dfungen und Angriffe auf \u00fcbertarifliche Leistungen. An den Protesten gegen Fahrpreiserh\u00f6hungen im \u00f6ffentlichen Nahverkehr, die sich zwischen 1967 und 1969 in vielen St\u00e4dten zu Boykotten, Demonstrationen und selbstorganisierten Fahrgemeinschaften entwickelten, beteiligten sich Belegschaften und Gewerkschafter, vor allem aber viele junge Arbeiter. Im Mai 1968 spielten die Gewerkschaften IG Metall und IG Druck eine bedeutende Rolle in der Bewegung gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze.<\/p>\n<p>All diese Aktionen gingen den Arbeitsk\u00e4mpfen von 1969 und 1973 voraus. In der Welle wilder Streiks im September 1969 setzten die meisten der rund 200.000 Streikenden ihre Forderungen durch. Bis Ende des Jahres erhielten zudem etwa acht Millionen Besch\u00e4ftigte \u201efreiwillige\u201c Lohnerh\u00f6hungen, um weiteren Unruhen zuvor zu kommen. Kennzeichnend f\u00fcr die Streikbewegung 1973 war, dass vor allem die am schlechtesten bezahlten Schichten \u2013 ausl\u00e4ndische Arbeiter und Frauen \u2013 eine aktive Rolle in diesen K\u00e4mpfen spielten. Die Zunahme der Migrationsarbeiter brachte auch andere und spontanere Kampfformen in die Bewegung. Der gro\u00dfe Arbeitskampf im \u00d6ffentlichen Dienst im Jahr 1974 brachte gar die Regierung Brandt ins Wanken.<\/p>\n<h4>Kampf um Verbesserungen<\/h4>\n<p>Nicht nur Studierende reklamierten das \u201esch\u00f6ne Leben\u201c, auch die abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten strebten nach Befreiung in und von der Arbeit. Schon seit Mitte der f\u00fcnfziger Jahre geh\u00f6rten bei lokalen wilden Streiks qualitative Forderungen nach Verbesserung der Arbeitsbedingungen zum guten Ton. In Nordw\u00fcrttemberg-Nordbaden wurde 1973 durch einen dreiw\u00f6chigen Streik ein neuer Rahmentarifvertrag erk\u00e4mpft, der zahlreiche Verbesserungen inklusive der sogenannten Steink\u00fchler-Pause enthielt. Arbeitszeitverk\u00fcrzung wurde seit der Kampagne \u201eSamstags geh\u00f6rt Vati mir\u201c schrittweise auf 40 Stunden durchgesetzt. Das B\u00fcchlein im Raubdruck \u201eLieber krankfeiern als gesund schuften\u201c mit Tipps von anonymen Medizinstudenten erfreute sich gro\u00dfer Beliebtheit. In den Siebzigern wurden in Gewerkschaften Konzepte zur Humanisierung der Arbeitswelt, zur Einschr\u00e4nkung der Akkordarbeit und Umwandlung in Gruppenarbeit diskutiert.<\/p>\n<p>Die einzige Phase, in der die SPD als Regierungspartei tats\u00e4chlich umfassende soziale Reformen durchf\u00fchrte \u2013 n\u00e4mlich von 1969 bis 1974 \u2013, fand unter dem Druck dieser Bewegungen von Jugend und Arbeiterklasse statt.<\/p>\n<h4>Studierende und Besch\u00e4ftigte<\/h4>\n<p>Den Studierenden wird oft vorgeworfen, sie h\u00e4tten sich gegen\u00fcber der Arbeiterschaft elit\u00e4r verhalten. Das mag f\u00fcr einen Teil stimmen. Doch es gab viele Verbindungen. Junge Arbeiter besuchten Vollversammlungen der Studierenden. Studierende verteilten Flugbl\u00e4tter vor Betrieben.<\/p>\n<p>Zwar hatten die f\u00fchrenden Kr\u00e4fte in der Bewegung keine systematische Orientierung auf die Arbeiterbewegung, aber die Pflege des Vorurteils \u00fcber die angeblich arbeiterfeindlichen StudentInnen soll dazu dienen, in zuk\u00fcnftigen Bewegungen eine Verbindung von Studierenden und Besch\u00e4ftigten zu erschweren. Deshalb wird gerne verschwiegen, dass es die SPD- und Gewerkschaftsb\u00fcrokraten waren, die systematisch versuchten, Stimmung gegen die Studentenbewegung zu machen. Im Februar 1968 sagte der Berliner SPD-B\u00fcrgermeister Klaus Sch\u00fctz auf einem SPD-Landesparteitag \u00fcber linke Studenten: \u201eIhr m\u00fcsst diese Typen sehen. Ihr m\u00fcsst ihnen genau ins Gesicht sehen. Dann wisst ihr, denen geht es nur darum, unsere freiheitliche Grundordnung zu zerst\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<h4>Wiederentdeckung des Marxismus<\/h4>\n<p>Der relative Erfolg der Bewegung lag auch daran, dass im Hintergrund immer die Systemfrage stand. Auch und gerade im Frontstaat BRD wollte man die \u00dcberlegenheit des westlichen Systems durch soziale Zugest\u00e4ndnisse unter Beweis stellen.<\/p>\n<p>Die StudentInnen bezeichneten sich nicht zuf\u00e4llig als Au\u00dferparlamentarische Opposition \u2013 APO. Das hatte mit der Gro\u00dfen Koalition zu tun, aber auch mit der grundlegenden Systemopposition, mit der Ablehnung des b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus. Die Studentenbewegung entdeckte den Marxismus wieder. Bereits Anfang bis Mitte der sechziger Jahre entstanden Lese- und Theoriekreise, die sich wieder mit der marxistischen Kritik der Politischen \u00d6konomie befassten.<\/p>\n<p>Man diskutierte die Zusammenh\u00e4nge zwischen \u201eDritter Welt\u201c und imperialistischen Metropolen, studierte die Befreiungsbewegungen, eignete sich Imperialismus-Theorien an.<\/p>\n<p>Dies waren die Vorl\u00e4ufer-Diskussionen der revolution\u00e4ren, sozialistisch\/kommunistischen Zielvorstellungen zu Hoch-Zeiten der APO. Eine R\u00e4tedemokratie als Gegenmodell zu b\u00fcrgerlichem Parlamentarismus wie zum Stalinismus wurde diskutiert.<\/p>\n<p>Die Fr\u00fchschriften von Karl Marx, die \u201ePariser Manuskripte\u201c, die Entfremdungsfrage wurden gelesen und diskutiert. Autoren, die den b\u00fcrgerlichen Parlamentarismus ablehnten, wie Johannes Agnoli in \u201eDie Transformation der Demokratie\u201c, beeinflussten die Debatten. Die gro\u00dfen b\u00fcrgerlichen Verlage wie Suhrkamp und Fischer brachten Reihen politischer Schriften mit hoher Auflage heraus.<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt waren laut dem Historiker Hans-Ulrich Wehler etwa 80.000 Menschen in kommunistischen Organisationen und weitere 100.000 in anderen revolution\u00e4ren Zusammenh\u00e4ngen organisiert. Eine Revolution fand jedoch nicht statt \u2013 trotz viel Herzblut, Opferbereitschaft und Mut.<\/p>\n<p>Die Jusos vollzogen 1969 eine scharfe Linkswende, von 1969 bis Mitte der Siebziger traten Hunderttausende der SPD bei. Mit der sozialliberalen Reformpolitik und dem Misstrauensvotum 1972 schwappte die Willy-Sympathiewelle durchs Land. Die Mehrheit der Jugend und der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, die nach Millionen z\u00e4hlten, orientierten sich politisch an der SPD. Die Jungsozialisten, viele SPD-Anh\u00e4nger und linke Gewerkschafter betrachteten sich als SozialistInnen oder Marxist-Innen, m\u00f6gen sie auch eher vage Vorstellungen gehabt haben.<\/p>\n<p>Den revolution\u00e4r gesinnten Kr\u00e4ften ist die Losl\u00f6sung der breiten Massen vom Reformismus in Form der Sozialdemokratie \u2013 oder in anderen L\u00e4ndern der westlichen traditionellen KPen \u2013 nicht gelungen. Gro\u00dfe Teile der manchmal sehr sektiererischen K-Gruppen haben diese Aufgabenstellung nicht einmal gesehen.<\/p>\n<h4>Mangel an Klarheit<\/h4>\n<p>Zu der Zeit war f\u00fcr praktisch alle politisch Aktiven das Ziel der Bewegung eine sozialistische beziehungsweise kommunistische Gesellschaft. Wie solch eine Gesellschaft konkret aussehen m\u00fcsste und wie sie erreicht werden k\u00f6nnte, dar\u00fcber gab es h\u00f6chst unterschiedliche Auffassungen.<\/p>\n<p>Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre vertraten nur ganz wenige die Ansicht, dass sowohl der kapitalistische Westen als auch der stalinistische Osten demn\u00e4chst \u00f6konomisch an ihre Grenzen sto\u00dfen und in eine Periode von Stagnation und Niedergang eintreten w\u00fcrden. Aufgrund dieses fehlenden Verst\u00e4ndnisses blieben die Reform-Sozialisten bei den Jusos in ihrer konkreten Politik im Rahmen des Kapitalismus. Sie handelten nach dem Motto \u201eReform des Kapitalismus jetzt \u2013 Sozialismus sp\u00e4ter\u201c.<\/p>\n<p>Die kommunistischen Kr\u00e4fte orientierten sich mehr oder weniger kritiklos an der Sowjetunion oder China. Schlie\u00dflich war in diesen L\u00e4ndern der Kapitalismus abgeschafft. Das Ende des Zweiten Weltkrieges lag erst rund zwei Jahrzehnte zur\u00fcck. Die Erkenntnis, dass dieser Krieg seine Ursache im Kapitalismus hatte, war in den Reihen der Linken tief verankert. Und w\u00e4hrend der Kapitalismus f\u00fcr koloniale Unterdr\u00fcckung und Kolonialkriege stand, hatte der Sturz des Kapitalismus in China der breiten Masse der Bev\u00f6lkerung zun\u00e4chst gro\u00dfe Fortschritte gebracht.<\/p>\n<p>Zwar gab es in der 68er-Bewegung allgemein das Ziel einer freien, demokratischen Gesellschaft. Die Verbrechen des Stalinismus wurden aber weder schonungslos kritisiert noch gab es eine klare Vorstellung, wie im Westen nach einer Revolution verhindert werden k\u00f6nnte, dass eine \u00e4hnliche Entwicklung wie in der Sowjetunion und in China stattfinden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gerade die unklare bis unkritische Haltung gegen\u00fcber dem Stalinismus erleichterte es den F\u00fchrungen in Sozialdemokratie und Gewerkschaften, die Bewegung zu spalten. Sie konnten einen Keil zwischen dem radikalisierten Teil der Studierenden und der ArbeiterInnen einerseits und dem politisch weniger fortgeschrittenen Teil der Besch\u00e4ftigten andererseits treiben.<\/p>\n<p>Dem Mangel an Klarheit in grundlegenden Fragen \u00fcber Sozialismus entsprach die Schw\u00e4che in der Frage der Organisation. Das Spektrum reichte von weitgehender Ablehnung fester Organisatonsformen bis hin zu b\u00fcrokratisch-zentralistisch organisierten K-Gruppen.<\/p>\n<h4>Systemfrage auch heute aktuell<\/h4>\n<p>Die 68er-Bewegung hat ihr Ziel, die Gesellschaft grundlegend zu ver\u00e4ndern, nicht erreicht. Viele kulturellen Folgen der APO wirken aber noch heute nach. Weil das kapitalistische System jedoch fortbestand, wurden die sozialen Errungenschaften weitgehend wieder zur\u00fcckgefahren, insbesondere nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz mit der Restauration des Kapitalismus in Osteuropa. Das politische Erbe der 68er-Bewegung ist noch einzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wenn wir der Meinung sind, dass nicht nur das Gesellschaftssystem in Osteuropa auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte geh\u00f6rte, sondern auch der real existierende Kapitalismus, wenn wir eine Gesellschaft wollen, in der wir menschenw\u00fcrdig und im Einklang mit der Natur leben k\u00f6nnen, dann lohnt es sich, die Fragestellungen noch einmal auszugraben, mit denen sich die 68er besch\u00e4ftigt haben, und daran weiterzuarbeiten. Fragen wie:<\/p>\n<p>Parlamentarismus versus R\u00e4tedemokratie? Was ist unsere Vision einer gesellschaftlichen Alternative, jenseits von Kapitalismus und Stalinismus? Welche Art von Partei und Organisation brauchen wir, um unsere Vorstellungen umzusetzen? Diese Fragen sind in Anbetracht des global versagenden kapitalistischen Systems aktueller denn je. n<\/p>\n<p><em>Angela Bankert ist seit \u00fcber drei Jahrzehnten aktiv in der marxistischen Bewegung und war bis 1998 Mitglied der SAV-Bundesleitung <\/em><\/p>\n<h3><em>Positionen der SAV <\/em><\/h3>\n<p>Die Kr\u00e4fte, die sowohl den Kapitalismus als auch den Stalinismus kategorisch ablehnten, waren in der Zeit um 1968 sehr schwach und hatten leider wenig Einfluss.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen aus Platzgr\u00fcnden hier nur stichwortartig die Positionen darstellen, die die internationale politische Tendenz, der die SAV angeh\u00f6rt, damals vertrat (und auch heute vertritt):<\/p>\n<p>&#8211; Den Kapitalismus kann man nicht reparieren und nicht sozial reformieren, er muss abgeschafft werden.<\/p>\n<p>&#8211; Der Stalinismus, egal ob in sowjetischer, chinesischer, jugoslawischer oder kubanischer Auspr\u00e4gung, ist eine Karikatur des Sozialismus. Privateigentum an den Produktionsmitteln, Konkurrenz und Profitstreben sind zwar beseitigt. Aber es gibt keine demokratische, sondern eine b\u00fcrokratische Planwirtschaft. Auf dem Weg zum Sozialismus ist in diesen L\u00e4ndern eine politische Revolution zum Sturz der B\u00fcrokratenkaste n\u00f6tig.<\/p>\n<p>&#8211; Die Alternative zum Wahnsinn des Kapitalismus ist eine sozialistische Demokratie weltweit.<\/p>\n<p>&#8211; Sozialismus basiert auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln und einer demokratisch geplanten Wirtschaft.<\/p>\n<p>&#8211; Der revolution\u00e4r gesinnte Teil der Bewegung muss unbedingt einen Weg finden, um auch den Teil der arbeitenden Bev\u00f6lkerung und der Jugend zu erreichen, der noch nicht so weitgehende Schlussfolgerungen gezogen hat.<\/p>\n<p>&#8211; Um Sozialismus zu erk\u00e4mpfen, braucht man eine marxistische, demokratische, internationale Organisation der arbeitenden Bev\u00f6lkerung, der Erwerbslosen und der Jugend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vielen R\u00fcckblicken wird die Auffassung vertreten, dass die Revolte 1968 vor allem kultureller Art war, mehr oder weniger beschr\u00e4nkt auf ein Aufbegehren gegen den Mief der Adenauer-\u00c4ra und gegen die fortdauernde Pr\u00e4senz von Alt-Nazis in f\u00fchrenden Positionen in Staat und Gesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[265],"tags":[270,203],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12601"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12601"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12601\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12601"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12601"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12601"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}