{"id":12600,"date":"2008-04-09T00:00:00","date_gmt":"2008-04-08T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12600"},"modified":"2012-08-21T13:15:58","modified_gmt":"2012-08-21T11:15:58","slug":"12600","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/04\/12600\/","title":{"rendered":"1968 &#8211; 2008: Kampf f\u00fcr Sozialismus"},"content":{"rendered":"<p>Die Medien sind voll von Berichten \u00fcber 1968. 40 Jahre danach. Aber wer eine W\u00fcrdigung der internationalen Bewegung gegen Krieg, Kapitalismus, f\u00fcr Freiheit und sozialistische Demokratie erwartet hat, wird bitter entt\u00e4uscht. Berichte und Reportagen \u00fcber 1968 in b\u00fcrgerlichen Medien dienen heute bestenfalls als flache historische Abhandlungen der Geschichte und drehen sich um drittrangige Fragen wie \u201eIn welchem Museum h\u00e4ngt Rudi Dutschkes ber\u00fchmter Pulli heute?\u201c oder \u201eWie wurde Joschka Fischer, was er heute ist?\u201c Schlechtestenfalls fungieren Berichte als w\u00fcste Beschimpfungen und Verunglimpfungen der ganzen Bewegung.<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<h4><em>von Lucy Redler, Berlin<\/em><\/h4>\n<p>Frei nach Variante 2 titelte der SPIEGEL (Nr. 8\/2008) \u201eDutschke, Goebbels und Co.\u201c und behandelte detailliert G\u00f6tz Alys Kampfschrift gegen die 68er. Aly, der fr\u00fcher selbst in der Bewegung aktiv war, konstruiert in seinem Buch \u201eUnser Kampf 1968 \u2013 ein irritierter Blick zur\u00fcck\u201c einen Vergleich zwischen der 68er-Bewegung und den Nazis. Schon der Titel des Buchs ist eine Anspielung auf Hitlers \u201eMein Kampf\u201c.<\/p>\n<h4>Damals wie heute<\/h4>\n<p>Warum werden die 68er heute entweder verunglimpft oder heruntergespielt? Die Antwort ist einfach: Weil auch heute noch der Kapitalismus herrscht. Der Klassenkampf von oben hat sich seit dem Ende des Nachkriegsaufschwungs noch versch\u00e4rft, die Krisenhaftigkeit des Systems tritt deutlicher zu Tage. Die ganzen Gr\u00fcnde, 1968 auf die Stra\u00dfe zu gehen, gelten auch heute noch und sind oftmals noch dr\u00e4ngender als vor vierzig Jahren.<\/p>\n<p>Auch heute f\u00fchrt der Kapitalismus im Irak und in Afghanistan zu Krieg und Elend \u2013 wie seinerzeit in Vietnam. K\u00e4mpften damals nationale Befreiungsbewegungen gegen koloniale Unterdr\u00fcckung, so richtet sich der Kampf f\u00fcr Befreiung heute oftmals gegen die dieselben Ausbeuter in Protektoraten von UNO oder NATO. Auch heute k\u00e4mpfen ArbeiterInnen und Angestellte weltweit gegen miese Arbeitsbedingungen und f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne. Studierende wehrten sich vor vierzig Jahren gegen die bestehende soziale Polarisierung an den Hochschulen mit dem Ziel, den Anteil von Arbeiterkindern an Unis zu erh\u00f6hen. Heute k\u00e4mpfen Studierende gegen Studiengeb\u00fchren, die dazu f\u00fchren, dass die soziale Polarisierung weiter zunimmt.<\/p>\n<p>Die Frauen- und Arbeiterbewegung hat in Folge der 68er viele Rechte f\u00fcr Frauen erk\u00e4mpft, wie die Abschaffung der Leichtlohngruppen oder die st\u00e4rkere rechtliche Unabh\u00e4ngigkeit vom Mann. Heute sind Frauen mit Billigjobs, ungesch\u00fctzten Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen und einer neuen sozialen Abh\u00e4ngigkeit vom Mann dank Hartz IV konfrontiert.<\/p>\n<h4>Unterschiede<\/h4>\n<p>Einerseits war das sozialistische Bewusstsein vor 40 Jahren weiter verbreitet als heute. Die Lekt\u00fcre von Karl Marx geh\u00f6rte zum Standardrepertoire vieler Studierender. Auch die K\u00e4mpfe der Lohnabh\u00e4ngigen waren in dem Zeitraum auf einem h\u00f6heren Niveau. Die wilden Streiks 1969 und 1973 in der Bundesrepublik zum Beispiel verliehen der St\u00e4rke und dem Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse beeindruckend Ausdruck.<\/p>\n<p>Zum anderen haben jedoch die Erfahrungen der Arbeiterklasse mit der neoliberalen Offensive des Kapitals und dem Klassenkampf von oben dazu gef\u00fchrt, dass heute immer weniger Illusionen in das Funktionieren des Kapitalismus bestehen. Nur noch 24 Prozent glauben heute, dass die \u201esoziale Marktwirtschaft\u201c sozial ist. Die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lehnt Neoliberalismus, Privatisierung und Deregulierung ab. F\u00fcr Millionen von Menschen wird die Polarisierung zwischen den Klassen am eigenen Leib erfahrbar.<\/p>\n<p>Es ist richtig, dass die Klassenk\u00e4mpfe heute von einem niedrigeren Niveau und Bewusstseinsstand ausgehen. Zentraler Grund hierf\u00fcr ist der R\u00fcckschritt im politischen Bewusstsein der Arbeiterbewegung und der Jugend in Folge des Zusammenbruchs der stalinistischen Staaten. Jahrelang wurde uns eingetrichtert, dass der Kapitalismus nach 1989 gesiegt hat und es keine Alternative zu diesem System gibt. Die Herrschenden waren in der Offensive.<\/p>\n<p>Genau das beginnt sich jetzt aber zu \u00e4ndern. Allein in den letzten Monaten gab es eine qualitative Zunahme von Streiks. Das Selbstbewusstsein steigt in K\u00e4mpfen, und die Radikalisierung nimmt zu. Und das ist erst der Anfang.<\/p>\n<p>Wenn sich die Rezession ausgehend von den USA zu einer Weltwirtschaftskrise ausweitet, werden Millionen die Funktionsf\u00e4higkeit des Kapitalismus in Frage stellen. Die kommende Krise wird enorme \u00f6konomische, politische und soziale Verwerfungen zur Folge haben und die Arbeiterklasse massiv treffen. Die Offenheit f\u00fcr sozialistische Ideen wird anwachsen. Bittere K\u00e4mpfe werden sich in der Krise zunehmend politisieren und sich auch an der Gewerkschaftsf\u00fchrung vorbei Bahn brechen.<\/p>\n<h4>Lehren<\/h4>\n<p>Gerade vor diesem Hintergrund ist es n\u00f6tig, am radikalen Antikapitalismus der 68er-Bewegung anzukn\u00fcpfen. Der Kampf f\u00fcr eine sozialistische Demokratie ist jedoch nur m\u00f6glich, wenn dieser mit einer klaren und eindeutigen Ablehnung der stalinistischen B\u00fcrokratien in Osteuropa einhergeht.<\/p>\n<p>Die Partei DIE LINKE ist heute die einzige Partei, die die Hoffnungen unter Besch\u00e4ftigten und Erwerbslosen in Ans\u00e4tzen zum Ausdruck bringt. Gerade vor dem Hintergrund der drohenden Krise gilt: Ohne ein k\u00e4mpferisches, sozialistisches Programm wird DIE LINKE bei Sozialabbau und der Verwaltung des Kapitalismus wie im Berliner Senat landen. Wenn sie ihren Kurs auf Parlamentarismus und Regierungsbeteiligung statt Klassenkampf und Organisierung von Widerstand fortsetzt, wird sie ihre Anziehungskraft verlieren. Entscheidend ist, ob DIE LINKE und der Jugendverband Linksju-gend[\u2018solid] ein Instrument in K\u00e4mpfen sein werden und die oftmals als Bremse fungierende Gewerkschaftsf\u00fchrung offen herausfordern. Um f\u00fcr eine k\u00e4mpferische, sozialistische Ausrichtung der Partei zu k\u00e4mpfen, ist eine starke marxistische Opposition in der Partei n\u00f6tig.<\/p>\n<h4>Rolle der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>Eine weitere zentrale Lehre aus 1968 ist die Rolle der Arbeiterklasse. W\u00e4hrend in Deutschland Studierende und die Arbeiterklasse 1968 weitgehend getrennt marschierten und die Bewegung vieles, aber nicht den Kapitalismus ins Wanken brachte, l\u00f6sten in Frankreich die K\u00e4mpfe der Studierenden Massenstreiks der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten aus, auf deren H\u00f6hepunkt zehn Millionen im Generalstreik standen. In Frankreich stand die Revolution zum Sturz des Kapitalismus auf der Tagesordnung. Dort wurde Wirklichkeit, was Karl Marx fr\u00fcher formuliert hatte: \u201eEs k\u00f6nnen Tage kommen, worin sich 20 Jahre zusammenfassen.\u201c<\/p>\n<p>Die Rolle der Arbeiterklasse ist auch heute zentral. Aufgrund ihrer Stellung in der Produktion kann sie den h\u00f6chsten \u00f6konomischen und auch politischen Druck aus\u00fcben. Das wurde k\u00fcrzlich im Streik der Lokf\u00fchrer, die den Bahnverkehr im ganzen Land lahmlegten, deutlich.<\/p>\n<h4>Aufbau einer marxistischen Organisation<\/h4>\n<p>Die Geschichte von 1968 zeigt auch, dass der Aufbau einer revolution\u00e4r-sozialistischen Organisation n\u00f6tig ist. Charles de Gaulle, damaliger franz\u00f6sischer Pr\u00e4sident, sagte im Mai \u201968 etwas sehr Bemerkenswertes: \u201eOhne Organisationen k\u00f6nnen diese ganzen Bewegungen unm\u00f6glich alle zur gleichen Zeit und in so vielen verschiedenen L\u00e4ndern ausgel\u00f6st worden sein.\u201c De Gaulle war davon \u00fcberzeugt, dass eine internationale Verschw\u00f6rung im Gange sei. Doch er hatte sich get\u00e4uscht: Der Ausbruch von Massenbewegungen, die \u2013 wie in Frankreich \u2013 revolution\u00e4ren Charakter hatten, war auch ohne internationale revolution\u00e4re Organisation m\u00f6glich. Aber der dauerhafte Sieg war ohne eine starke marxistische, internationale Massenpartei nicht m\u00f6glich. Der Aufbau einer marxistischen Internationale, die die Lehren der Geschichte verarbeitet, sich aktiv in die K\u00e4mpfe einbringt, die n\u00e4chsten Schritte aufzeigt und in der Arbeiterbewegung f\u00fcr marxistische Ideen entritt, ist heute so aktuell wie vor vierzig Jahren.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren kam es erneut zu Massenprotesten in Frankreich, in den letzten Monaten in Griechenland und Portugal. Das sind Vorboten von dem, was in Deutschland bevor steht. Noch im M\u00e4rz 1968 hatte der Autor Pierre Viansson-Pont\u00e9 in einem Leitartikel f\u00fcr Le Monde geschrieben: \u201eFrankreich langweilt sich.\u201c Mit der Langeweile war es schnell vorbei.<\/p>\n<p><strong><em>Lucy Redler ist Mitglied der SAV-Bundesleitung und geh\u00f6rt dem Vorstand der Berliner Alternative f\u00fcr Solidarit\u00e4t und Gegenwehr (BASG) an<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Medien sind voll von Berichten \u00fcber 1968. 40 Jahre danach. 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