{"id":12596,"date":"2008-04-05T00:20:41","date_gmt":"2008-04-05T00:20:41","guid":{"rendered":".\/?p=12596"},"modified":"2008-04-05T00:20:41","modified_gmt":"2008-04-05T00:20:41","slug":"12596","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/04\/12596\/","title":{"rendered":"Debatte: Linksjugend [&#8216;solid] &#8211; Was f&#252;r einen Jugendverband brauchen wir?"},"content":{"rendered":"<p>  Zwei Beitr&#228;ge zur Zukunft von Linksjugend [&#8216;solid] von <b><i>Juliane   Nagel<\/i> <\/b>und <b><i>Tinette Schnatterer<\/i><\/b><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b><i>Vom 4. bis zum 6. April findet in Leipzig die Bundeskonferenz von   Linksjugend[&#8216;solid] &#8211; dem Jugendverband der Partei DIE LINKE &#8211; statt.   Dort wird &#252;ber Programmatik, Kampagnen und die Haltung zum Kurs der   LINKEN diskutiert werden. Anlass genug, der Frage nachzugehen, welche   Aufgaben eine linke Jugendorganisation heute hat.<\/i><\/b><\/p>\n<\/p>\n<h3>  Juliane Nagel<\/h3>\n<h5>  ehemals jugendpolitische Sprecherin der LINKEN Sachsen, heute Mitglied   im Landesvorstand der LINKEN Sachsen<\/h5>\n<p>  Ein linker Jugendverband hat es im Zeitalter des neoliberalen   Kapitalismus nicht leicht. Der vorherrschende Markfundamentalismus hat   nicht nur die handfeste zunehmende Polarisierung von Klassenlagen zur   Folge, sondern auch sozialpsychologische Auswirkungen: der Geist von   Konkurrenz, Leistungsdruck und Eigenverantwortlichkeit durchdringt   Alltagsdenken und -praxis mehr und mehr. J&#252;ngst belegte die   Langzeitstudie des Institutes f&#252;r interdisziplin&#228;re Konflikt- und   Gewaltforschung an der Universit&#228;t Bielefeld, dass sich rund die H&#228;lfte   der Deutschen von Langzeitarbeitslosen bel&#228;stigt f&#252;hlt.<\/p>\n<p>  Die zunehmende Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverh&#228;ltnissen f&#252;hrt   zu krassen Existenz&#228;ngsten, die leider &#8211; und daf&#252;r spricht auch die   zunehmende Aktivierung von Nazi-Strukturen und der Einzug von rechten   Codes und Symboliken in die &#8222;Alltags&#228;sthetik&#8220; &#8211; in Schuldzuweisungen und   Aggressionen gegen noch Schw&#228;chere entladen wird.<\/p>\n<p>  Ein linker Jugendverband hat vor diesem Hintergrund daf&#252;r Sorge zu   tragen, den Gedanken einer solidarischen Gesellschaft stark zu machen.   Auf die Realit&#228;t der politischen und &#246;konomischen Sozialkahlschlags- und   Freiheitsminimierungs-Extremismen k&#246;nnen dabei nur radikale Antworten   gegeben werden. Das hei&#223;t, den Blick auf die strukturellen, dem   Kapitalismus immanenten Ursachen f&#252;r Armut, &#8222;Herausfallen&#8220;,   Prekarisierung zu lenken.<\/p>\n<p>  Analyse muss mit Aktion einhergehen und die Zeiten struktureller Krisen   stellen eben auch g&#252;nstige Bedingungen f&#252;r eine emanzipatorisch   orientierte Aktivierung her. Junge Leute in Betrieben und Unternehmen,   junge Arbeitslose, Kreative, AktivistInnen verschiedener linker und   sozialer Bewegungen sind Zielgruppe und vor allem (potenzielle) Akteure   linker interventionistischer Politik.<\/p>\n<p>  Selbstbestimmungsorientierung geh&#246;rt als zentrale Leitlinie in das   Programm sowie in die Praxis eines linken Jugendverbandes. Vor dem   Hintergrund der offensichtlichen Krise der Erwerbsarbeitsgesellschaft   geh&#246;rt die Frage nach einer alternativen, an menschlichen Bed&#252;rfnissen   orientierten &#214;konomie ins Zentrum. Die Forderung nach einem   bedingungslosen Grundeinkommen, auf dessen Basis jedem und jeder ein   menschenw&#252;rdiges Leben jenseits von N&#252;tzlichkeits- oder Effizienzdenken   erm&#246;glicht werden w&#252;rde, st&#228;nde einem emanzipatorisch orientierten   Jugendverband, der f&#252;r die &#8222;Wiederaneignung des Lebens&#8220; k&#228;mpft, gut zu   Gesicht.<\/p>\n<p>  Verbands- oder Parteiarbeit, zentralistische Organisationskonzepte haben   in der Gegenwart nicht nur bei jungen Menschen berechtigterweise einen   schlechten Stand. Starre Hierarchien, absto&#223;ende Sitzungsriten und zu   wenig sp&#252;rbare und gesellschaftlich wirksam werdende, aktivierende   Ergebnisse sind Barrieren auf dem Weg zur politischen Organisation. Es   ist an Linksjugend solid, diesen Trend ernst zu nehmen und andere,   offene Beteiligungsformen und Strukturen anzubieten, sich nicht auf die   g&#228;ngige Praxis von Hinterzimmerpolitik und Taktiererei einzulassen und   den Bruch mit dieser Praxis auch st&#228;rker von der Partei DIE LINKE   einzufordern.<\/p>\n<p>  Gleichsam darf der Jugendverband nicht zur Spielwiese verkommen, der   neben der Partei vor sich hin existiert und sich die Einflussnahme auf   die &#8222;echte&#8220; Politik der Partei versagt. Ein linker Jugendverband muss zu   Kernfragen der gegenw&#228;rtigen Politik klar, grunds&#228;tzlich und zuspitzend   Position beziehen: Nein zur politisch flankierten &#214;konomie der   Privatisierung, Nein zur Agenda-2010-Politik, Nein zur militarisierten   Au&#223;en- und zur repressiven Innenpolitik. Mit diesen verneinenden   Leitlinien hei&#223;t es gesellschaftlich wie auch in die Partei hinein   wirksam zu werden.<\/p>\n<p>  Diese Leitlinien bedeuten zugleich eine kritische Haltung zu einer   m&#246;glichen Koalition mit der &#8222;Agenda-2010&#8220;-Partei SPD. Bedeuten auch,   dass sich im Hinblick auf bestehende beziehungsweise gewesene   Regierungsbeteiligungen der LINKEN nicht der Stimme enthalten werden   darf. Die Versch&#228;rfungen der Landespolizeigesetze (wie in   Mecklenburg-Vorpommern und Berlin geschehen) oder die Verschlechterung   von Arbeitsbedingungen (wie in Berlin mit der Aufk&#252;ndigung des   Fl&#228;chentarifvertrages im &#214;ffentlichen Dienst) unter Mitwirkung der   ehemaligen PDS beziehungsweise Linkspartei bed&#252;rfen harter Kritik und   d&#252;rfen in den sich anbahnenden Debatten um die Frage der   Regierungsbeteiligungen nicht ausgeblendet werden.<\/p>\n<p>  Eine grunds&#228;tzliche Positionierung des Verbandes zur Frage der   Regierungsbeteiligung lehne ich jedoch ab. Sinnvoller erschiene es,   harte inhaltliche Ausschlusskriterien, wie sie mit den oben stehenden   Leitlinien grob formuliert sind, zu fixieren und sich mit diesen   offensiv in die Debatte zu begeben. Von einem sich links verstehenden   Jugendverband erwarte ich in diesem Zusammenhang, dass er f&#252;r sich   selbst und auch an DIE LINKE gerichtet klar bekommt, dass   parlamentarisches Handeln oder Mitregieren nicht darauf gerichtet sein   k&#246;nnen, Widerstand zu kanalisieren und sich diplomatisch an   institutionelle Spielregeln zu halten. Die Erfahrung &#8222;angekommener&#8220;   Parteien ist nicht nur die Frage des Einknickens in inhaltlichen Fragen,   sondern auch eine der methodischen Anpassung an institutionelle   Spielregeln.<\/p>\n<\/p>\n<h3>  Tinette Schnatterer<\/h3>\n<h5>  Mitglied im SAV-Bundesvorstand und Kandidatin f&#252;r den   BundessprecherInnenrat von Linksjugend[&#8216;solid]<\/h5>\n<p>  Eine k&#228;mpferische, aktive, sozialistische Jugendorganisation ist heute   so n&#246;tig wie nie zuvor. Mit Linksjugend[&#8216;solid] besteht die Chance, eine   Kraft aufzubauen, die kommende Proteste und Jugendbewegungen organisiert   und ein Programm anbietet, wie der Kapitalismus gest&#252;rzt und eine   sozialistische Gesellschaft erk&#228;mpft werden kann.<\/p>\n<p>  Von der neoliberalen Politik sind Jugendliche gleich doppelt betroffen.   Ausbildungsplatzmangel, Studiengeb&#252;hren, verschlechterte   Arbeitsbedingungen &#8211; und gleichzeitig ist es unsere Zukunft, die verbaut   wird. Ein dramatisches Beispiel, wie weit die Perspektivlosigkeit   bereits geht, waren die Schlagzeilen um die Fr&#246;belschule in   Wattenscheid. Nachdem in den letzten drei Jahren nur zwei Sch&#252;ler einen   Ausbildungsplatz bekommen hatten, zog der Direktor folgende Konsequenz:   &#8222;Ich bereite meine Sch&#252;ler auf das vor, was sie nach der Schule erwartet   &#8211; die Arbeitslosigkeit.&#8220; Statt Lehrplan wird dort gelernt, wie gro&#223; die   Wohnung eines Hartz-IV-Empf&#228;ngers sein darf und wie man einen   Ein-Euro-Job bekommt. Eine solche Gesellschaft k&#246;nnen wir uns nicht   bieten lassen!<\/p>\n<p>  Bei vielen Gelegenheiten haben Jugendliche unter Beweis gestellt, dass   sie bereit sind zu k&#228;mpfen: beim Protest gegen den G8-Gipfel, gegen   Studiengeb&#252;hren oder durch ihre Beteiligung bei betrieblichen Protesten.   Um erfolgreich zu sein, m&#252;ssen wir die Proteste von Besch&#228;ftigten und   Jugendlichen verbinden. Die Arbeiterklasse, zu der alle geh&#246;ren, die auf   Lohnarbeit angewiesen sind, hat mit Streiks nicht nur das &#252;berzeugendste   Druckmittel (wovon uns der Lokf&#252;hrerstreik zumindest eine kleine   Vorstellung vermittelt hat). Ihre Stellung in der Wirtschaft bringt sie   auch in die Lage, den Kapitalismus abzuschaffen. Linksjugend[&#8216;solid]   muss Streiks deshalb nach allen M&#246;glichkeiten unterst&#252;tzen und wo immer   die Gelegenheit besteht, gemeinsame Aktionen von Jugendlichen und   Besch&#228;ftigten initiieren. Wenn es zu Streiks kommt, k&#246;nnen wir nicht nur   Streikposten unterst&#252;tzen, sondern zum Beispiel auch einen Jugendblock   auf Demonstrationen organisieren und Vorschl&#228;ge zur aktiven   Unterst&#252;tzung der Streiks in DIE LINKE einbringen. W&#228;hrend der   Warnstreiks im &#214;ffentlichen Dienst hat Linksjugend[&#8216;solid] Stuttgart zum   Beispiel Solidarit&#228;tsflugbl&#228;tter verteilt. Aktuell m&#252;ssen wir die   KollegInnen bei der BVG Berlin, bei der Post oder im Einzelhandel   unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Auch sonst m&#252;ssen wir in den n&#228;chsten Monaten k&#228;mpferische Kampagnen und   Aktionen auf die Beine stellen. Ich unterst&#252;tze den Vorschlag einer   bundesweiten Mobilisierung gegen den &#8222;Anti-Islam-Gipfel&#8220;, der im   September von rechtsextremen Kr&#228;ften in K&#246;ln organisiert wird, und die   Idee einer Gegenkonferenz.<\/p>\n<p>  Die Wahlerfolge m&#252;ssen von der LINKEN genutzt werden, um Widerstand auf   der Stra&#223;e, an den Unis und in den Betrieben zu organisieren, kurz Druck   aufzubauen, damit unsere Forderungen erk&#228;mpft werden k&#246;nnen. Eine   Beteiligung an Regierungen der Sozialabbauparteien schw&#228;cht die   Glaubw&#252;rdigkeit der gesamten Linken. Der &#8222;rot-rote&#8220; Senat in Berlin hat   Stellen gek&#252;rzt, Tarifflucht begangen, Gelder f&#252;r Sozial- und   Jugendprojekte gestrichen und so weiter. Linksjugend[&#8216;solid] muss sich   deshalb f&#252;r ein sofortiges Ende dieser Regierungsbeteiligungen in der   LINKEN einsetzen. Einen Eintritt in eine Regierung durch DIE LINKE darf   es nur geben, wenn diese Regierung die Interessen der arbeitenden   Bev&#246;lkerung gegen die der Kapitalisten verteidigt, Besch&#228;ftigte und   Erwerbslose in jeder Auseinandersetzung mit den Herrschenden mobilisiert   und sich die Abschaffung des Kapitalismus zum Ziel setzt.<\/p>\n<p>  Selbst die deutschen Bisch&#246;fe f&#252;hlten sich gezwungen, in ihren   Osterpredigten einen &#8222;sich &#252;berschlagenden Kapitalismus&#8220; zu kritisieren.   Dies ist nichts anderes als ein Ausdruck der wachsenden Wut von mehr und   mehr Menschen auf die kapitalistische Ausbeutung. Das Problem ist aber   nicht ein &#8222;Raubtierkapitalismus&#8220; (Lafontaine), &#8222;Turbokapitalismus&#8220;   (R&#252;ttgers) oder &#8222;Karawanenkapitalismus&#8220; (Steinbr&#252;ck). Mit diesen   Begriffen soll uns vorgegaukelt werden, ein sozialer Kapitalismus sei   m&#246;glich. Linksju-gend[&#8216;solid] und auch DIE LINKE brauchen ein Programm,   das erkl&#228;rt, dass heute f&#252;r die Profite weniger Kapitalisten produziert   wird und dass die Mehrheit der Bev&#246;lkerung darunter leidet. Die einzige   Chance, dauerhaft gegen Armut, Umweltzerst&#246;rung und Krieg vorzugehen,   ist deshalb, den Kapitalismus abzuschaffen und durch eine sozialistische   Gesellschaft zu ersetzen, in der die Banken und Konzerne in &#246;ffentliches   Eigentum &#252;berf&#252;hrt sind und im Interesse der Menschen demokratisch   kontrolliert und verwaltet werden. Eine solche Gesellschaft hat folglich   nichts mit den stalinistischen Staaten in Osteuropa und der DDR   gemeinsam. Der Kampf f&#252;r Sozialismus beginnt dabei nicht in weiter   Ferne, sondern hier und jetzt &#8211; wenn Betriebe geschlossen, Schulen dicht   gemacht werden oder im Sozialbereich gek&#252;rzt werden soll. Dann m&#252;ssen   wir f&#252;r Umverteilung von oben nach unten eintreten, f&#252;r &#246;ffentliche   Investitionsprogramme, finanziert von den Reichen, beziehungsweise f&#252;r   die &#220;berf&#252;hrung von Betrieben in &#246;ffentliches Eigentum. Dabei gilt es,   den Kampf f&#252;r solche Forderungen mit dem Kampf f&#252;r eine radikal andere,   sozialistische Gesellschaft zu verbinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zwei Beitr&#228;ge zur Zukunft von Linksjugend [&#8216;solid] von <b><i>Juliane<br \/>\n      Nagel<\/i> <\/b>und <b><i>Tinette Schnatterer<\/i><\/b>\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[26],"tags":[263,203],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12596"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12596"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12596\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12596"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12596"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12596"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}