{"id":12592,"date":"2008-04-03T12:00:00","date_gmt":"2008-04-03T12:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12592"},"modified":"2008-04-03T12:00:00","modified_gmt":"2008-04-03T12:00:00","slug":"12592","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/04\/12592\/","title":{"rendered":"&#214;ffentlicher Dienst: Es w&#228;re mehr drin gewesen"},"content":{"rendered":"<p>  Mit dem Tarifergebnis im &#214;ffentlichen Dienst wird eine Chance vertan,   f&#252;r alle deutliche Verbesserungen zu erzielen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>In einem Zehn-Punkte-Papier hatten die Arbeitgeber urspr&#252;nglich   weitere Lohnk&#252;rzungen und die fl&#228;chendeckende Einf&#252;hrung der   40-Stunden-Woche gefordert. Der Schlichterspruch stellte ebenfalls eine   Provokation dar. Davon musste die Arbeitgeberseite aber rasch abr&#252;cken   und sich auf ein Ergebnis einlassen, das sie vor Monaten noch in der   Luft zerrissen h&#228;tte.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Angelika Teweleit, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Zwei Warnstreik-Wellen von insgesamt 400.000 Beteiligten hatten Eindruck   hinterlassen. Die Streikbereitschaft war riesig. Die Unterst&#252;tzung in   der Bev&#246;lkerung war so gro&#223; wie lange nicht. Doch die ver.di-F&#252;hrung   setzte den Kampf aus und lie&#223; sich auf ein Ergebnis ein, bei dem mehr   als nur ein paar &#8222;Kr&#246;ten&#8220; geschluckt wurden, wie ver.di-Chef Frank   Bsirske es bezeichnete. Es kann auch nicht von einer &#8222;massiven   Einkommenserh&#246;hung&#8220; die Rede sein, wie auf ver.di-Flugbl&#228;ttern behauptet   wird.<\/p>\n<h4>  Zu wenig Geld<\/h4>\n<p>  Nach Jahren von Reallohnverlusten war f&#252;r viele die Forderung nach   mindestens 200 Euro beziehungsweise acht Prozent in zw&#246;lf Monaten schon   der Kompromiss. Einige ver.di-Gliederungen hatten noch h&#246;here   Forderungen vorgeschlagen (ver.di Hessen zum Beispiel mindestens 300   Euro, ver.di NRW 9,5 Prozent und mindestens 200 Euro).<\/p>\n<p>  Der Sockelbetrag bel&#228;uft sich auf 50 Euro. Dazu kommen 3,1 Prozent im   Jahr 2008. Die 7,9 Prozent (50 Euro plus 3,1 Prozent ab 1. Januar 2008   (West) und ab 1. April (Ost) plus 2,8 Prozent 2009) beziehen sich auf 24   Monate. Was hei&#223;t das? Wenn man von einer Inflationsrate von drei   Prozent ausgeht, bleiben 2008 nur 2,1 Prozent und 2009 gibt es nach   diesem Abschluss schon wieder Reallohnverluste: minus 0,2 Prozent. Eine   Erh&#246;hung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde entspricht au&#223;erdem einer   K&#252;rzung des Stundenlohns um 1,3 Prozent. Das Netzwerk f&#252;r eine   k&#228;mpferische und demokratische ver.di hat ausgerechnet, was das Ergebnis   f&#252;r bestimmte Entgeltgruppen und Bereiche bedeutet:   www.netzwerk-verdi.de.<\/p>\n<h4>  Zu viele &#8222;Kr&#246;ten&#8220;<\/h4>\n<p>  Die Arbeitgeber konnten sich mit einer weiteren Arbeitszeitverl&#228;ngerung   in westdeutschen Kommunen durchsetzen. Stellenabbau und verschlechterte   &#220;bernahmechancen f&#252;r Azubis werden die Folge sein. Das h&#228;tte konsequent   abgewehrt werden m&#252;ssen. Gegen die Arbeitgeber-Forderung nach Einf&#252;hrung   der 40-Stunden-Woche h&#228;tte ver.di von Anfang an eine Gegenforderung   aufstellen m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  In Ostdeutschland gilt jetzt nicht nur weiter die 40 Stunden-Woche,   sondern auch bei den Einkommen setzt sich die Schlechterstellung fort.   In den Krankenh&#228;usern bekommen die Besch&#228;ftigten im Jahr 2008 rund 570   Euro weniger. Mit dieser Einigung kommt es zu einer weiteren   Aufsplitterung in verschiedene Berufsgruppen, unterschiedliche Tarife   und regionalisierte Ergebnisse. Das wird sich in Zukunft noch bitter   r&#228;chen.<\/p>\n<p>  Mit 24 Monaten Laufzeit haben die ver.di-Verhandlungsf&#252;hrer ein weiteres   Zugest&#228;ndnis gemacht. Damit wurde auch die M&#246;glichkeit genommen, den   Druck im Wahljahr 2009 zu erh&#246;hen, um dann noch mehr herauszuholen.<\/p>\n<h4>  Eigene St&#228;rke nicht ausgespielt<\/h4>\n<p>  Bsirske sagte auf einer Versammlung in Stuttgart, er h&#228;tte &#8222;in den   letzten 35 Jahren noch nie so viel Wut und Entschlossenheit in den   Betrieben gesehen&#8220;. Diese Kampfbereitschaft h&#228;tte genutzt werden m&#252;ssen.   Die &#252;ber zwei Millionen Besch&#228;ftigten im Nahverkehr, in den Kliniken,   bei der M&#252;llabfuhr, in den Kitas, in den Verwaltungen h&#228;tten mit einem   bundesweiten Vollstreik die Arbeitgeber in die Knie zwingen k&#246;nnen. Wenn   kein Flugzeug gestartet w&#228;re, wenn die Schleusen bestreikt worden w&#228;ren,   dann h&#228;tte massiver &#246;konomischer Druck ausge&#252;bt werden k&#246;nnen. Die   Profite der Konzerne w&#228;ren empfindlich getroffen worden.<\/p>\n<p>  Es hatte zwar Warnstreiks bei den Flugh&#228;fen gegeben &#8211; aber &#228;u&#223;erst zahm:   Der Interkontinentalverkehr war gar nicht bestreikt worden. Also genau   der Bereich, wo der Anteil der Gesch&#228;ftsreisen besonders hoch ist und   ein Ausweichen auf die Bahn unm&#246;glich. Bei der Lufthansa waren zum   Beispiel nur 300 der 1.800 Fl&#252;ge innerhalb Europas am 5. M&#228;rz verhindert   worden. Nur zeitweilig hatte man die Flughafenfeuerwehr in den Ausstand   einbezogen &#8211; sonst w&#228;re der Flugverkehr komplett zum Erliegen gekommen.<\/p>\n<p>  Bei einem Vollstreik h&#228;tten die KollegInnen mit denen in anderen   Bereichen zeitgleich die Arbeit niederlegen und machtvoll demonstrieren   k&#246;nnen. Durch gemeinsame Gegenwehr mit den Besch&#228;ftigten im   Einzelhandel, bei der Post, bei der BVG oder im Kfz-Handwerk h&#228;tte eine   bundesweite branchen&#252;bergreifende Streikbewegung geschaffen werden   k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Opposition in ver.di aufbauen<\/h4>\n<p>  Vor den Folgen hatten nicht nur die Arbeitgeber Angst, sondern auch die   ver.di-F&#252;hrung. Diese f&#252;rchtete, dass &#8211; wenn die Schleusen f&#252;r einen   Arbeitskampf ge&#246;ffnet sind &#8211; sich die Bewegung nicht mehr halten lassen   wird. Ein Streik von Millionen w&#228;re ein Dammbruch gewesen, bei dem sich   der Unmut &#252;ber Sozialkahlschlag, Profitgier und die Politik der   Regierung in breiten Widerstand h&#228;tte verwandeln k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Die heutige Gewerkschaftsspitze ist fest in das b&#252;rgerliche System   integriert. Da sie keine &#252;ber den Kapitalismus hinaus gehende   Perspektive hat, landet sie bei Verzichtspolitik und   Absenkungstarifvertr&#228;gen wie dem TV&#214;D. Die Einkommen der B&#252;rokraten sind   denen der Politiker n&#228;her als denen der Basis. Darum schrecken sie auch   vor einer Streikbewegung zur&#252;ck, in der ihre Position hinterfragt und   sogar herausgefordert werden k&#246;nnte. Eine solche Bewegung h&#228;tte auch   dazu f&#252;hren k&#246;nnen, dass &#8211; von den Streiks ermutigt &#8211; eine Umkehr der   Umverteilungspolitik der letzten Jahre h&#228;tte eingefordert werden und die   Radikalisierung h&#228;tte weitergehen k&#246;nnen. Auch das passt Bsirske und Co.   nicht.<\/p>\n<p>  Das Netzwerk f&#252;r eine k&#228;mpferische und demokratische ver.di fordert   KollegInnen dazu auf, bei der Mitgliederbefragung gegen das   Tarifergebnis zu stimmen und sich aktiv am Aufbau einer Opposition in   ver.di zu beteiligen, die f&#252;r eine programmatische und personelle   Alternative k&#228;mpft.<\/p>\n<p>  <i>Angelika Teweleit ist Mitglied der SAV-Bundesleitung<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Mit dem Tarifergebnis im &#214;ffentlichen Dienst wird eine Chance vertan,<br \/>\n      f&#252;r alle deutliche Verbesserungen zu erzielen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[15,17],"tags":[203],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12592"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12592"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12592\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}