{"id":12587,"date":"2008-03-29T00:00:00","date_gmt":"2008-03-28T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12587"},"modified":"2012-07-02T19:33:58","modified_gmt":"2012-07-02T17:33:58","slug":"12587","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/03\/12587\/","title":{"rendered":"Rum&#228;nien: Streik bei Dacia f&#252;r L&#246;hne wie in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>  Das k&#246;nnte &#8222;das Ende des Mythos des billigen rum&#228;nischen Arbeiters   sein&#8220;, titelte die rum&#228;nische Tageszeitung Adevarul &#252;ber den aktuellen   Streik der Dacia-Arbeiter in Rum&#228;nien.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Tinette Schnatterer, Stuttgart <\/i><\/p>\n<p>  Nach Angaben der Gewerkschaft befinden sich &#252;ber 80 Prozent der 13.000   Besch&#228;ftigten der Fabrik in Pitesti (S&#252;drum&#228;nien) seit Montag 7.00 Uhr   im unbefristeten Streik. Die KollegInnen, deren durchschnittlicher   Monatslohn zur Zeit bei ca. 285 Euro liegt fordern 60 Prozent mehr Lohn.   &#8222;Wir arbeiten wie in Frankreich aber bekommen nur Peanuts&#8220;, es ist an   der Zeit &#8222;f&#252;r L&#246;hne wie in Frankreich zu k&#228;mpfen&#8220; so die Gewerkschaft.   Das Unternehmen Dacia war 1999 billig von Renault aufgekauft worden,   seitdem wird dort erfolgreich der Logan produziert.<\/p>\n<p>  Zwar w&#228;ren die rum&#228;nischen L&#246;hne auch mit der geforderten Lohnerh&#246;hung   noch weit von denen der franz&#246;sischen Kollegen entfernt (ein   Renaultbesch&#228;ftigter in Frankreich bekommt ca. 2.200 Euro Brutto im   Monat), symbolisch kommt dieser Forderung jedoch gro&#223;e Bedeutung zu, da   sie ein Versuch ist, die Spaltung der Besch&#228;ftigten zu &#252;berwinden. Einer   der Hauptslogans bei einer Kundgebung mit 9.000 Streikenden am   Donnerstag (27.3.) in Mioveni war demnach: &#8222;Unitate&#8220; (Einheit).<\/p>\n<p>  Der Arbeitgeber reagierte entsprechend empfindlich, bezeichnete die   Lohnforderung als inakzeptabel und wollte den Streik per Gericht   verbieten lassen. Auf Antrag der Gewerkschaft wurde die   Gerichtsentscheidung dar&#252;ber auf den 2. April vertagt.<\/p>\n<p>  In einem offenen Brief, der in der Zeitung &#8222;Evenimentul Zilei&#8220;   ver&#246;ffentlicht wurde, drohte der gesch&#228;ftsf&#252;hrende Direktor von Dacia,   Fran&#231;ois Fourmont, prompt mit Verlagerung: &#8222;Diese Forderungen k&#246;nnen die   Zukunft des Werks gef&#228;hrden, vor dem Hintergrund, dass bis zum Jahr 2010   Renaultwerke in Marokko, Indien und in Russland er&#246;ffnet werden, die in   der Lage sein werden den Logan zu produzieren.&#8220;<\/p>\n<p>  Solche Drohungen sind den Kollegen in Westeuropa wohl bekannt. In den   letzten Monaten haben einige westliche Gro&#223;konzerne Teile ihrer   Produktion nach Rum&#228;nien verlegt oder zumindest damit gedroht. So hat   der amerikanische Autohersteller Ford gerade das Daewoo-Werk in Craiova   &#252;bernommen, Nokia will bekanntlich seine Produktion von Bochum nach Jucu   verlagern und Daimler spricht davon ein neues Werk in Cluj Napoca zu   er&#246;ffnen.<\/p>\n<h4>  Unternehmerparadis Rum&#228;nien?<\/h4>\n<p>  Dabei argumentieren die westlichen Gro&#223;konzerne vor allem mit niedrigen   Produktionskosten und erz&#228;hlen den Kollegen in Deutschland oder   Frankreich, dass sie zu teuer und anspruchsvoll seien. Die Zusage einer   Werkser&#246;ffnung bekommt Rum&#228;nien aber keineswegs umsonst. F&#252;r das   geplante Nokia-Werk, hat der rum&#228;nische Staat und der Landkreis Cluj   etwa 33 Millionen Euro ausgegeben. Gas- Strom- und Wasserleitungen   wurden zu dem entlegenen Gel&#228;nde gebaut, sogar Schienen aus dem Dorf zur   Fabrik verlegt. Dazu kommen &#252;ble Arbeitsbedingungen. Bei Romsteel Cord   (eine hundertprozentige Tochter von Michelin) wehren sich die   rum&#228;nischen Besch&#228;ftigten gerade gegen unbezahlte &#220;berstunden, nicht   gew&#228;hrten Urlaub und Probezeiten von bis zu 18 Monaten.<\/p>\n<p>  Und, die rum&#228;nischen Nokia-Angestellten sollen sieben bis acht mal   weniger Lohn bekommen als ihre deutschen Kollegen. Dabei f&#252;hren rasant   steigende Lebenshaltungskosten und Hungerl&#246;hne schon heute dazu, dass   wer irgend kann, Rum&#228;nien den R&#252;cken kehrt. Vier Millionen Rum&#228;nen   arbeiten bereits im Ausland, das sind rund zwanzig Prozent der   Bev&#246;lkerung. Und das, obwohl es alles andere als einfach ist ein   Arbeitsvisum zu bekommen. Wirtschaftsexperten warnen deshalb bereits vor   einem Arbeitskr&#228;ftemangel in Rum&#228;nien. In der rum&#228;nischen Industrie   arbeiten stattdessen oft Besch&#228;ftigte aus dem noch &#228;rmeren Moldawien   oder China. So streikten im Februar 2007 etwa 400 chinesische   Textilarbeiter in Bacau im Nordosten Rum&#228;niens. Diese Woche   ver&#246;ffentlichte die moldawische Regierung Zahlen, nach denen 75.000   moldawische Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen weil diese im Ausland   arbeiten.<\/p>\n<h4>  Streik ist kein Ballet!<\/h4>\n<p>  Doch Wut und Selbstbewusstsein der Kollegen sind gro&#223;.<\/p>\n<p>  Auf der einen Seite hat Dacia 2007 mit einem Plus von 17,4 Prozent im   Vergleich zum Vorjahr ein Rekordergebnis erwirtschaftet und die Kollegen   wollen endlich ihren Teil davon sehen. &#8222;Wir sind keine franz&#246;sische   Kolonie!&#8220;, so ein w&#252;tender Streikender gegen&#252;ber der rum&#228;nischen   Presseagentur Rompres, &#8222;die Besch&#228;ftigten stellen alle 52 Sekunden ein   Auto her, aber das Geld wird zu Gunsten Frankreichs aus Rum&#228;nien   abgezogen.&#8220;<\/p>\n<p>  Auf der anderen Seite wissen viele nicht mehr, wie sie ihre Familie   ern&#228;hren sollen. Nach dem Anstieg der Lebenshaltungskosten in den   letzten Jahren sind einige Grundnahrungsmittel wie Milch oder Fleisch   heute sogar teurer als in Frankreich oder Deutschland. Die   Preissteigerung f&#252;r Speise&#246;l betrug 2007 z.B. 44,1 Prozent, Brot wurde   um 13,27 Prozent teurer. Zus&#228;tzlich steigert die niedrige   Arbeitslosigkeit (wegen der Kollegen die im Ausland arbeiten!) das   Selbstbewusstsein. Die Zeitung Cotidianul dr&#252;ckt die Bef&#252;rchtungen der   Arbeitgeber folgenderma&#223;en aus: &#8222;Das goldene Zeitalter der   Verg&#252;nstigungen f&#252;r die multinationalen Konzerne ist vorbei, w&#228;hrend der   Mangel an Arbeitskr&#228;ften dabei ist eine neue &#171;Diktatur des Proletariats&#187;   zu errichten.&#8220;<\/p>\n<p>  Fakt ist, dass das Unternehmen bereits am vierten Streiktag ordentlich   unter Druck geraten ist. Nach Angaben der Gewerkschaft werden durch den   Streik jeden Tag 1.300 Autos weniger produziert. In den Medien ist von   einem Verlust zwischen 8 und 10 Millionen Euro pro Tag die Rede. Die   Unternehmensleitung hat ihr Angebot deshalb bereits von 12 auf 16, 7   Prozent erh&#246;ht. F&#252;r dieses &#8222;Angebot&#8220; hatten die Kollegen allerdings nur   ein Pfeifkonzert &#252;brig. In Sprechch&#246;ren riefen sie &#8222;Mafia&#8220;, &#8222;Diebe&#8220;,   &#8222;Wir bleiben hier&#8220;.<\/p>\n<p>  Ariel Ungureanu, Berater von Barnett McCall Recruitment, warnt mit Blick   auf Ford: &#8222;Die amerikanische Gruppe, die dabei ist ihre zuk&#252;nftigen   Investitionen in Rum&#228;nien abzuw&#228;gen, wird jetzt zweifelsohne denken,   dass ihre Besch&#228;ftigten in den n&#228;chsten zwei Jahren ebenfalls   Forderungen nach 70-prozentigen Lohnerh&#246;hungen stellen werden.&#8220;<\/p>\n<p>  Und dabei k&#246;nnte er gar nicht so Unrecht haben, denn zumindest wenn die   Kollegen von Dacia erfolgreich sind, wird ihr Beispiel bald Nachahmer   finden. Bei der Kundgebung am vierten Streiktag waren bereits auch   Kollegen von Avione Craiova, der Posta Romana sowie des k&#252;rzlich von   Ford &#252;bernommenen Werkes in Craiova anwesend. Die Gewerkschaft sprach   von 1.500 Kollegen aus anderen Betrieben die aus Solidarit&#228;t nach   Mioveni gekommen waren. Ebenfalls anwesend war ein Vertreter des   franz&#246;sischen Betriebsrats und die bei Renault vertretenen   Gewerkschaften haben eine Solidarit&#228;tserkl&#228;rung verabschiedet.<\/p>\n<p>  Der Betriebsratsvorsitzende Nicolae Pavelescu erkl&#228;rte der   Nachrichtenagentur Rompres, er erwarte eine Radikalisierung des   Konflikts in den n&#228;chsten Tagen: &#8222;Ein Streik ist kein Ballet , die   Kollegen k&#246;nnen eine deutlichere Sprache sprechen. Vielleicht nicht am   ersten Tag, aber es ist m&#246;glich das in den n&#228;chsten Tagen zu tun. Die   Leute wissen dass sie ihre Rechte nur durch Streik durchsetzen und sind   bereit mehrere Tage zu protestieren.&#8220;<\/p>\n<p>  Der Streik der Dacia-Arbeiter und die Forderung nach L&#246;hnen wie in   Frankreich k&#246;nnte ein erster Schritt sein, der Abw&#228;rtsspirale der L&#246;hne   durch Abwanderung in Rum&#228;nien etwas entgegenzusetzen. Gerade in einem   internationale Werk wie Renault sind Solidarit&#228;t &#252;ber die L&#228;ndergrenzen   und gemeinsame Forderungen dringend notwendig. Das Beispiel Dacia muss   bei KollegInnen in Westeuropa bekannt gemacht werden. Sollte der Konzern   versuchen Produktionsausf&#228;lle durch Mehrarbeit an anderen Standorten   wieder reinzuholen m&#252;ssen sich die Kollegen in Frankreich oder anderswo   weigern. Wenn Konzerne trotz Rekordgewinnen versuchen die Kollegen der   verschiedenen L&#228;nder gegeneinander auszuspielen indem sie mit   Abwanderung drohen, Stellen vernichten oder Hungerl&#246;hne zahlen. gibt es   es aber nur eine effektive Antwort: die &#220;berf&#252;hrung des Konzerns in   Gemeineigentum unter demokratischer Kontrolle der Besch&#228;ftigten.<\/p>\n<p>  <i>Ein lebendiges Video von der Streikkundgebung am 27.3. gibt es [<a href=\"http:\/\/www.romanialibera.ro\/a121092\/mitingul-angajatilor-dacia-s-a-incheiat-cu-hora-unirii-video.html\">hier<\/a>].<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Das k&#246;nnte &#8222;das Ende des Mythos des billigen rum&#228;nischen Arbeiters<br \/>\n      sein&#8220;, titelte die rum&#228;nische Tageszeitung Adevarul &#252;ber den aktuellen<br \/>\n      Streik der Dacia-Arbeiter in Rum&#228;nien.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12587"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12587"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12587\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12587"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12587"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12587"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}