{"id":12582,"date":"2008-03-27T00:00:00","date_gmt":"2008-03-26T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12582"},"modified":"2012-05-15T15:30:27","modified_gmt":"2012-05-15T13:30:27","slug":"12582","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/03\/12582\/","title":{"rendered":"BVG-Streik: Neustart n&#246;tig &#8211; aber richtig"},"content":{"rendered":"<p>  ver.di-Streikleitung w&#252;rgte den Motor ab. Kampfkraft ungebrochen.   Ratlosigkeit angesichts der harten Haltung des SPD-LINKE-Senats zwingt   zu politischer Streikstrategie.<\/p>\n<p>  <i>von Viktor Frohmiller, Azubi* bei der BVG<\/i><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Zw&#246;lf Tage legten die Bus- und Bahnfahrer den Berliner Verkehr lahm.   Die Streikmoral war bis zum Aussetzen des Streiks ungebrochen. Doch der   Arbeitgeber, der SPD-LINKE-Senat, tat alles, um ver.di vorzuf&#252;hren.<\/b><\/p>\n<p>  Die in den letzten Jahren genutzten Fremdfirmen &#8211; rund zehn Prozent &#8211;   wurden als Streikbrecher eingesetzt. Selbst als ver.di ein   Kapitulationsangebot vorlegte, lehnte der Senat ab: ver.di bot an, den   Streik auszusetzen, wenn ein &#8222;Korridor&quot; f&#252;r Verhandlungen vereinbart   w&#252;rde. Statt der geforderten bis zu 12 Prozent sollte nur noch &#252;ber   mindestens 3 und h&#246;chstens 9 Prozent Lohnerh&#246;hungen aber nicht mehr in   12 sondern in bis zu 30 Monaten verhandelt werde. Von einer   Mindestlohnerh&#246;hung von 250 Euro wollte ver.di ganz abr&#252;cken.<\/p>\n<p>  Doch selbst dieses Angebot von Reallohnverlusten ging dem Finanzsenator   Sarrazin der SPD-LINKE-Regierung nicht weit genug. Mehr als 20 Millionen   Euro f&#252;r zwei Jahre (deutlich weniger als 3 Prozent) sei nicht drin.<\/p>\n<p>  <b>Das wirft einige Fragen auf: Kann der SPD-LINKE-Senat einen solchen   Streik einfach aussitzen? Wie kann erfolgreich gek&#228;mpft werden?<\/b><\/p>\n<p>  Noch dr&#228;ngendere Fragen ergeben sich aus dem ver.di-Verhalten. Nachdem   SPD und LINKE auch noch das Betteln um einen &#8222;Korridor&quot; ablehnten,   setzte die ver.di-Streikleitung den Streik trotzdem zun&#228;chst beim   Fahrpersonal und dann auch in den Werkst&#228;tten komplett aus. Wie kann es   nun weiter gehen?<\/p>\n<p>  Hier kommen Vorschl&#228;ge auf Fragen von KollegInnen.<\/p>\n<h5>  &#8222;Die GDL hat flexibel gestreikt, am Ende hat die Androhung von Streiks   schon Schrecken bei den Herrschenden verbreitet. Zeigt das nicht, dass   Vollstreik eine falsche Taktik ist?&quot;<\/h5>\n<p>  Der entscheidende Vorteil der GDL war keineswegs der flexible Streik,   sondern die wirtschaftliche Macht, die am G&#252;terverkehr h&#228;ngt, und die   politische Kraft, wenn Deutschland in allen Bereichen des Verkehrs der   Bahn zum Stillstand gebracht wird.<\/p>\n<p>  Auch die Bundesregierung versuchte, die Streiks beim Regional- und   Fernverkehr auszusitzen. Hunderttausende hatten Mobilit&#228;tsprobleme, doch   die Bundesregierung bewegte sich &#252;berhaupt nicht und das Management   minimal.<\/p>\n<p>  Als jedoch der G&#252;terverkehr bestreikt wurde und Produktionsausf&#228;lle in   der Industrie zu verzeichnen waren, f&#252;hlte sich der   Bundesverkehrsminister Tiefensee gezwungen, sich &#252;ber die   vielbeschworene Tarifautonomie der DB AG hinwegzusetzen.<\/p>\n<p>  Die Drohung, unbefristet das ganze Land lahm zu legen, und die Sympathie   f&#252;r die Lokf&#252;hrer in weiten Teilen der arbeitenden Bev&#246;lkerung zwangen   die Arbeitgeber zum einlenken.<\/p>\n<p>  Das hat nichts mit dem flexiblen Streik der Lokf&#252;hrer zu tun.   Tats&#228;chlich w&#228;re ein unbefristeter Vollstreik sehr viel wirkungsvoller   gewesen, da die Herrschenden nicht erst innerhalb von 6 Monaten, sondern   sofort zum Einlenken gezwungen gewesen w&#228;ren.<\/p>\n<p>  Die Tatsache, dass ein zw&#246;lf Tage Vollstreik nicht reicht, darf auch bei   der BVG nicht dazu verleiten, die Kampfmittel abzumildern. Die   Schlussfolgerung muss sein, dass der Vollstreik allein noch nicht   ausreichte: W&#228;hrend des Streiks ist eine Konfrontation mit den   Verantwortlichen n&#246;tig: Der SPD-LINKE-Senat muss als Arbeitgeber ins   Visier genommen werden. Wir KollegInnen m&#252;ssen mit gutem Material, zum   Beispiel einer ver.di-Massenzeitung &#252;ber unsere Arbeitsbedingungen und   Forderungen und gegen die Behauptungen aus den b&#252;rgerlichen Zeitungen,   raus in die Zentren der Stadt. Daf&#252;r brauchen wir Zeit und geballte   Kraft. Daf&#252;r ist ein aktiver Vollstreik n&#246;tig.<\/p>\n<h5>  &#8222;Wir haben fast zwei Wochen unbefristet gestreikt und doch kein   substantiell neues Angebot vorliegen. Sind wir machtlos?&quot;<\/h5>\n<p>  Es ist tats&#228;chlich schwer zu glauben, dass der SPD-Linke-Senat fast zwei   Wochen Streik im &#246;ffentlichen Personennahverkehr aussitzen konnte.   Allerdings ist dies auf zwei Faktoren zur&#252;ckzuf&#252;hren:<\/p>\n<p>  1. W&#228;hrend der Senat zahlreiche schmutzigen Methoden (Medienhetze gegen   angeblich zu hohe Geh&#228;lter bei BVGlern, Drohungen mit   Fahrpreiserh&#246;hrungen, Einsatz von Fremdfirmen zum Streikbruch) benutzt   hat, blieb ver.di sehr passiv. Tagein, tagaus standen die KollegInnen   vor dem Werkstor, erst am achten Streiktag wurde eine Demonstration   organisiert &#8211; zu der allerdings bei weitem nicht alle Bereiche   aufgerufen wurden. &#214;ffentlichkeitsarbeit gab es nur vereinzelt.   Stattdessen w&#228;re es n&#246;tig gewesen die Verantwortlichen direkt anzugehen   und zum Beispiel vor die Parteizentralen von SPD und LINKEN und das Rote   Rathaus zu ziehen. Es w&#228;re n&#246;tig gewesen, den in den Massenmedien   verbreiteten L&#252;gen entgegen zu treten und eine eigene Massenpublikation   zu verteilen.<\/p>\n<p>  2. Der Senat sieht den Abschluss der BVG zu recht als eine Art Prototyp   f&#252;r die bundesweiten Abschl&#252;sse im &#246;ffentlichen Dienst. Entsprechend   sollen die Zugest&#228;ndnisse klein gehalten werden, um das Lohnniveau   insgesamt niedrig zu halten. Wenn der Senat die Gemeinsamkeit der   Auseinandersetzung sieht, dann ist es erst recht die Aufgabe von ver.di   die Gemeinsamkeit der Auseinandersetzung sichtbar zu machen, in dem mit   den anderen Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen Dienst gemeinsame Aktionen   organisiert werden. Wo blieben die gemeinsamen Streiks mit den   Landesbesch&#228;ftigten und dem Einzelhandel? Wo blieb die gemeinsame   kraftvolle Kundgebung?<\/p>\n<h5>  &#8222;Die ver.di-Oberen machen doch sowieso, was sie wollen. Wir sind   machtlos.&quot;<\/h5>\n<p>  Tats&#228;chlich? Es ist absolut richtig den Kurs der ver.di-F&#252;hrung zu   kritisieren. Genauso richtig ist es aber auch, dass eine Gewerkschaft   vor allem von der Aktivit&#228;t der Mitgliedschaft lebt. Wenn es gelingt den   Unmut, den viele Kolleginnen und Kollegen berechtigterweise haben, in   Protest zu kanalisieren, ist es m&#246;glich den Kurs selbst mitzubestimmen,   langfristig sogar eine k&#228;mpferische F&#252;hrung aufzubauen. Ein kleines   Beispiel davon gaben die Kolleginnen und Kollegen in der M&#252;llerstra&#223;e,   die ohne Aufruf der ver.di-Oberen eine eigene Demonstration starteten,   weil sie nicht weiter vor dem Werkstor rumstehen wollten. Noch   beeindruckender ist das Beispiel von kritischen KollegInnen in der HAVAG   (Hallesche Verkehrsbetriebe) &#8211; durch ein unerm&#252;dliches Engagement gelang   es die Einf&#252;hrung des TV-N SA (der &#228;hnliche Verschlechterungen   mitgebracht h&#228;tte, wie der TV-N in Berlin) vorerst auszusetzen.<\/p>\n<p>  Aktuell macht das Netzwerk f&#252;r eine k&#228;mpferische und demokratische   ver.di eine Unterschriftensammlung f&#252;r einen erneuten Vollstreik bei der   BVG. N&#228;here Infos unter <a href=\"http:\/\/www.netzwerk-verdi.de\">www.netzwerk-verdi.de<\/a><\/p>\n<h5>  &#8222;Wenn wir alle aus ver.di austreten, dann merken die da oben, dass etwas   nicht stimmt.&quot;<\/h5>\n<p>  Wenn wir alle aus ver.di austreten, freut sich vor allem der Arbeitgeber.<\/p>\n<p>  Momentan gibt es leider keine k&#228;mpferische Gewerkschaft, die bei der BVG   die Tarifauseinandersetzung f&#252;hrt. Entsprechend w&#252;rden Massenaustritte   vor allem dazu f&#252;hren, dass die Arbeitgeber freie Hand haben massive   Verschlechterungen durchzuf&#252;hren.<\/p>\n<p>  Momentan gibt es Bestrebungen der GDL, das Fahrpersonal bei der BVG zu   organisieren. Neben den positiven Effekten, die das k&#228;mpferische   Auftreten der GDL bei den Lokf&#252;hrern zweifelsohne auch auf den   Arbeitskampf bei der BVG hat, ist aber zu bedenken, dass die GDL   momentan den Anspruch hat nur das Fahrpersonal zu organisieren und in   diesem Bereich Tariff&#252;hrerschaft zu erreichen. Dies kann f&#252;r k&#252;nftige   Auseinandersetzungen bedeuten, dass Technik \/ Verwaltung und   Fahrpersonal nicht mehr gemeinsam im Kampf stehen, sondern jeder f&#252;r   sich alleine. Das ist keine erfolgreiche Strategie. Wir wollen einen   gemeinsamen Kampf aller Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen Dienst, bundesweit.<\/p>\n<p>  Es gibt keinen Weg daran vorbei, selbst aktiv zu werden und sich   einzumischen.<\/p>\n<h5>  &#8222;Die zwei Wochen Lohnausfall kriege ich auch durch die 12 Prozent nicht   mehr rein. Macht Streiken &#252;berhaupt einen Sinn?&quot;<\/h5>\n<p>  Eindeutig ja! Wenn unsere Vorfahren sich nicht gewehrt h&#228;tten, w&#228;ren wir   noch bei Arbeitsbedingungen des fr&#252;hindustriellen Zeitalters. Wenn wir   heute gute Abschl&#252;sse herausholen, dann sind das verbesserte Bedingungen   f&#252;r mehr als die vereinbarte Laufzeit &#8211; das ist nicht zu vergleichen mit   dem Lohnausfall, den man hat.<\/p>\n<p>  Und wenn wir erfolgreich f&#252;r h&#246;here L&#246;hne k&#228;mpfen, dann ist jedem &#8211; auch   dem Arbeitgeber &#8211; klar, dass wir diese Kraft auch gegen   Privatisierungen, Ausgr&#252;ndungen und andere Verschlechterungen unserer   Arbeitsbedingungen einsetzen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Dass diese Kraft dann auch genutzt wird, daf&#252;r m&#252;ssen wir in ver.di   sorgen.<\/p>\n<h5>  &#8222;Wie k&#246;nnen wir den Kampf erfolgreich f&#252;hren?&quot;<\/h5>\n<p>  Zuallererst ist es notwendig, dass der Streik entschlossen gef&#252;hrt wird   und in den H&#228;nden der Betroffenen liegt: in den H&#228;nden der KollegInnen.<\/p>\n<p>  Dazu geh&#246;ren:<\/p>\n<p>  1) <b>Streikversammlungen<\/b> in den einzelnen Betriebsh&#246;fen und   Werkst&#228;tten auf regelm&#228;&#223;iger Basis, am Besten jeden Tag. Dort m&#252;ssen   alle Streikenden &#252;ber die Verhandlungen und n&#228;chsten Aktionen informiert   werden. Dort muss dar&#252;ber abgestimmt werden, wie es weiter gehen soll.   Delegierte von diesen &#246;rtlichen Streikversammlungen m&#252;ssen t&#228;glich   zusammen kommen, um &#252;ber alles weitere zu entscheiden.<\/p>\n<p>  Erst einmal sollten wir feststellen, dass letztendlich wir zu den   verhandelten Bedingungen arbeiten werden &#8211; entsprechend sollten wir   Vertreterinnen und Vertreter w&#228;hlen und abw&#228;hlen k&#246;nnen, die sich in den   Verhandlungen einbringen und die Streikstrategie umsetzen. Das hei&#223;t,   dass die Belegschaft insgesamt &#252;ber Streiktaktik, Angebote und   eventuelles Aussetzen des Streiks entscheiden muss &#8211; nach einer   gr&#252;ndlichen Information und Diskussion.<\/p>\n<p>  2) Eine <b>Streikzeitung<\/b> auf t&#228;glicher Basis, in der &#252;ber den   Verlauf informiert wird. Am besten, diese Zeitung wird auch von den   Delegierten der &#246;rtlichen Streikversammlungen kontrolliert und   herausgegeben.<\/p>\n<p>  3) <b>Regelm&#228;&#223;ige Aktionen<\/b> &#252;ber das &#8222;vor dem Werkstor   Streikposten stehen&quot; hinaus. Dazu muss geeignetes Material in   ausreichender Menge bereit gestllt werden, daf&#252;r m&#252;ssen Verteilung   organisiert und &#246;ffentliche Kundgebungen angeleiert werden. Daf&#252;r haben   wir eine Gewerkschaft!<\/p>\n<p>  Diese Ma&#223;nahmen m&#252;ssen beim n&#228;chsten Anlauf im BVG-Streik von unten   durchgesetzt werden! Auch deshalb brauchen wir einen Vollstreik, um von   unten nach oben zu diskutieren und Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n<h5>  &quot;Bringt ein weiterer Streik und erst recht ein unbefristeter Vollstreik   nicht die Bev&#246;lkerung gegen uns auf?&quot;<\/h5>\n<p>  Zur Streiktaktik muss gesagt werden, dass Vollstreik an sich richtig   ist, da es keinen Sinn macht einzelne Bereiche an verschiedenen Tagen   rauszuholen oder &#8222;Stop-and-Go&quot;-Streiks zu machen. Solche Taktiken machen   den Nahverkehr f&#252;r die Bev&#246;lkerung unberechenbar und sorgen somit f&#252;r   eine Entsolidarisierung.<\/p>\n<p>  Weiterhin verhindern diese Taktiken ein aktives Einbringen der   Gewerkschaftsbasis, was die Voraussetzung f&#252;r eine Dynamik ist. Es ist   auch wichtig festzustellen, dass die Auseinandersetzung eine politische   Auseinandersetzung ist und entsprechend politisch zugespitzt werden muss.<\/p>\n<p>  Das heisst, wir m&#252;ssen den Druck auf die politisch Verantwortlichen   durch Demonstrationen und verteilen von Massenzeitungen massiv erh&#246;hen &#8211;   Wir m&#252;ssen den Schulterschluss zu anderen Opfern des Sparsenats suchen   und die Auseinandersetzung verallgemeinern.<\/p>\n<p>  Dann ist es m&#246;glich den SPD-LINKE-Senat zum Einknicken zu bewegen und   ein k&#228;mpferisches Beispiel f&#252;r alle KollegInnen in   Tarifauseinandersetzungen zu geben.<\/p>\n<h6>  * dient nur der Kenntlichmachung der Person<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      ver.di-Streikleitung w&#252;rgte den Motor ab. 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