{"id":12571,"date":"2008-03-14T00:00:00","date_gmt":"2008-03-14T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12571"},"modified":"2008-03-14T00:00:00","modified_gmt":"2008-03-14T00:00:00","slug":"12571","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/03\/12571\/","title":{"rendered":"Streik in Stuttgart: &#8222;M&#252;ll stinkt! Das Angebot der Arbeitgeber noch mehr&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Bericht vom Warnstreik am 6. M&#228;rz 08 in Stuttgart<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Ursel Beck, Stuttgart <\/i><\/p>\n<p align=\"center\">  <img src=\"\/media\/m\/2008031408414608-03-06WSStgt14.JPG\">  <\/p>\n<p>In einer zweiten Warnstreikwelle im &#246;ffentlichen Dienst vom 4.3. bis 6.3. beteiligten sich laut ver.di bundesweit 230.000 Besch&#228;ftigte. Mit der Einbeziehung der Flugh&#228;fen in die Warnstreiks bekamen die Warnstreiks eine neue Dimension. Es wurde deutlich, dass ver.di ein enormes Machtmittel in der Hand hat. Nach Gewerkschaftsangaben mussten 431 Fl&#252;ge gestrichen werden. <\/p>\n<p align=\"center\">  <img src=\"\/media\/m\/2008031408420408-03-06WSStgt14b.JPG\">  <\/p>\n<p>  Am Hamburger Flughafen ging gar nichts mehr, weil dort die   Flughafenfeuerwehr streikte. 77 Flieger mussten am Boden bleiben. Denn   ohne einsatzbereite Feuerwehr d&#252;rfen aus Sicherheitsgr&#252;nden keine   Flugzeuge starten oder landen.<\/p>\n<p>  Laut einer Pressemeldung m&#252;sste m&#246;glicherweise der gesamte   internationale Flugverkehr &#252;ber Deutschland eingestellt oder umgeleitet   werden, wenn an den gro&#223;en deutschen Flugh&#228;fen die Feuerwehr streikt.<\/p>\n<p align=\"center\">  <img src=\"\/media\/m\/2008031408460108-03-06WSStgt14c.JPG\">  <\/p>\n<\/p>\n<p>  Die Warnstreiks an den Flugh&#228;fen wurden auf wenige Stunden begrenzt. Man   stelle sich vor, ver.di w&#252;rde die Flugh&#228;fen eine ganze Woche bestreiken.   Im Streik des &#246;ffentlichen Dienstes 1992 wurde f&#252;r 24 Stunden der   Frankfurter Flughafen bestreikt. Das verursachte damals einen Schaden   von 40 Millionen DM.<\/p>\n<h4>  Zweite Warnstreikwelle in Stuttgart<\/h4>\n<p>  Auch in Stuttgart begann die zweite Warnstreikphase am 5.3. mit einem   mehrst&#252;ndigen Streik am Echterdinger Flughafen. 184 Kolleginnen und   Kollegen bzw. 90% der Bodenverkehrsdienste beteiligten sich. Sieben   Inlandsfl&#252;ge mussten gestrichen werden. Viele Maschinen konnten nicht   landen.<\/p>\n<p>  &#8222;Mit Jubel wird jede Flugabsage quittiert&#8220;, berichtete die Stuttgarter   Zeitung &#252;ber die Stimmung der Streikenden. Und weiter: &#8222;Zuerst ziehen   sie pfeifend und trommelnd durch die Terminals, um sich im Anschluss   daran an der Pforte Ost zu positionieren&#8220;. Dieses Selbstbewusstsein ist   erstaunlich, denn das Flughafenpersonal hat keine Streikerfahrung. F&#252;r   die meisten, wenn nicht sogar f&#252;r die gesamte Belegschaft, war es der   erste Streik.<\/p>\n<p>  Wie bereits am 22.2.08 organisierte ver.di-Stuttgart am 6.3.08 wieder   einen 24-st&#252;ndigen Warnstreik fast aller Bereiche des &#246;ffentlichen   Dienstes. Und wieder war die Beteiligung &#252;berdurchschnittlich hoch. Laut   ver.di streikten in ganz Baden-W&#252;rttemberg am 6.3. 25.000 Besch&#228;ftigte   des &#246;ffentlichen Dienstes, davon 10.000 im ver.di-Bezirk Stuttgart.<\/p>\n<p align=\"center\">  <img src=\"\/media\/m\/2008031408474808-03-06WSStgt14d.JPG\">  <\/p>\n<p>  In der Landeshauptstadt fuhr streikbedingt am 6.3. f&#252;r 24 Stunden kein   Bus und keine Stra&#223;enbahn. 250 Kitas in und um Stuttgart blieben   geschlossen. Die Schleusen auf dem Neckar von Stuttgart bis Heidelberg   wurden fast alle bestreikt. Wieder blieben alle st&#228;dtischen B&#228;der   geschlossen. Im Klinikum lief nur Notdienst. 150 Kolleginnen der   Bundesagentur f&#252;r Arbeit und sogar Besch&#228;ftigte der Bundesbank waren   unter den Demonstranten. Erstmals warnstreikten Sekret&#228;rinnen und   Hausmeister von Stuttgarter Schulen in gr&#246;&#223;erer Zahl. Die Beteiligung   der M&#252;llwerker war h&#246;her als beim ersten Warnstreik. Auf einem   Transparent machten sie deutlich, was sie vom Angebot der Arbeitgeber   halten: &#8222;M&#252;ll stinkt! Das Lohnangebot der Arbeitgeber auch&#8220;. Die Liste   der Betriebe, aus denen Streikbeteiligung gemeldet wurde, war noch   l&#228;nger, als beim ersten Warnstreik und die Stimmung noch   k&#228;mpferischerer. Auch die Jugend war wieder auffallend gut vertreten. An   der Spitze des Demozuges machten die Azubis ihrem Unmut &#252;ber die   Verh&#228;ltnisse Luft.<\/p>\n<p>  Bei einer Streikkundgebung vor dem Katharinenhospital erkl&#228;rte   Vertrauensmann und Mitglied der ver.di-Verhandlungskommission, Volker   M&#246;rbe, dass bei den Verhandlungen zwei Welten aufeinander treffen und   die Oberb&#252;rgermeister und Landr&#228;te meilenweit vom Leben der   Besch&#228;ftigten entfernt w&#228;ren. Er machte aber auch deutlich, dass die   Entscheidung in dieser Tarifrunde nicht in Potsdam falle, sondern in den   Betrieben. &#8222;Wir werden die Arbeitszeitverl&#228;ngerung verhindern und die   Zeit- und Bew&#228;hrungsaufstiege wieder einf&#252;hren&#8220;. Er schloss seine Rede   mit den Worten: &#8222;Wir werden immer st&#228;rker, jeden Tag ein St&#252;ck. Im April   wird es richtig losgehen. Wir z&#228;hlen auf Euch&#8220;.<\/p>\n<h4>  K&#228;mpferische Demonstrationen<\/h4>\n<p>  7.000 versammelten sich f&#252;r eine Demonstration und Kundgebung in der   Stuttgarter Innenstadt. Parallel dazu demonstrierten 1.500 Besch&#228;ftigte   des &#246;ffentlichen Dienstes in Sindelfingen und 1.000 Waiblingen.<\/p>\n<p>  Bei der Abschlusskundgebung machte der ver.di-Vorsitzende Thomas B&#246;hm   deutlich, wie gro&#223; der Reichtum in dieser Gesellschaft, wie ungleich er   verteilt ist und wie sich die Reichen ihre Taschen immer dreister voll   stopfen. &#8222;Diesem Treiben k&#246;nnen wir nicht l&#228;nger zuschauen&#8220;, so Thomas   B&#246;hm. Er konterte auch die Arbeitgeber-Propaganda, wonach die   Warnstreiks &#8222;unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig&#8220; seien. Unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig sei, wenn bei   der M&#252;llabfuhr noch mal 5,5 Millionen Euro und 100 Stellen gek&#252;rzt   werden sollen und &#228;ltere Kollegen, die sich kaputtgeschuftet haben,   rausgehaut werden sollen. Unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig sei es auch, wenn   Kolleginnen jede Minute, die sie rauchen von der Arbeitszeit abgezogen   werde.<\/p>\n<p>  Er argumentierte auch gegen Arbeitszeitverl&#228;ngerung und daf&#252;r, dass die   Arbeitszeit verk&#252;rzt wird: &#8222;Die Arbeit muss auf alle verteilt werden.   Wir wollen uns nicht kaputtarbeiten. Wir wollen mehr Zeit f&#252;r Freizeit   und unsere Familien&#8220;.<\/p>\n<h4>  Arbeitgeber wollen Arbeitszeitregelung k&#252;ndigen<\/h4>\n<p>  Anfang M&#228;rz k&#252;ndigten die Arbeitgeber an, ihrer Forderung nach der   40-Stunden-Woche mit der K&#252;ndigung der Arbeitszeitregelung Nachdruck zu   verleihen. Dadurch gewinnt die Frage der Arbeitszeit in dieser   Tarifrunde zunehmend an Bedeutung. Es geht hier um eine   gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung. Denn der &#246;ffentliche Dienst   soll als Speerspitze f&#252;r die R&#252;ckkehr zur 40-Stunden-Woche in der   gesamten Wirtschaft genutzt werden.<\/p>\n<p>  Unter den ver.di-Mitgliedern im Klinikum wurde vor und w&#228;hrend des   Warnstreiks eine Diskussion dar&#252;ber gef&#252;hrt, wie sich ver.di in der   Frage der Arbeitszeit positionieren solle. Einige Vertrauensleute sind   der Meinung, man solle in dieser Tarifrunde nur fordern, dass es keine   Verl&#228;ngerung der Arbeitszeit geben darf und dies m&#252;sse der &#8222;erste   Schritt sein zu einer zuk&#252;nftigen Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn-   und Personalausgleich&#8220;. Bei der Streikversammlung im B&#252;rgerhospital am   6.3. wurde diese defensive Haltung kritisiert. Nach einer Debatte ergab   ein Meinungsbild, dass von ca. 60 Anwesenden nahezu alle mindestens eine   Gegenforderung von 37 Stunden f&#252;r richtig halten. 40 waren sogar der   Meinung, man m&#252;sse jetzt die Forderung nach der 35-Stunden-Woche in die   Tarifrunde einbringen.<\/p>\n<p>  In der Diskussion wurde auch von einigen Besch&#228;ftigten noch mal betont,   dass die Lohnforderung eigentlich viel zu niedrig sei. Bei der Demo   selbst wiederspiegelte sich die Diskussion am Klinikum ebenfalls indem   Kolleginnen und Kollegen des Katharinenhospitals, unter ihre &#8222;8&#8220;, die   sie bei der Demo mit f&#252;hrten einen Pfeil darunterklebten mit der   Aufschrift &#8222;Arbeitszeit runter&#8220;.<\/p>\n<h4>  Gemeinsamer Kampf mit Einzelhandel<\/h4>\n<p>  Der Einzelhandel war diesmal nicht beim Streiktag dabei. Die   Einzelhandelsbelegschaften halten es f&#252;r sinnvoller das Ostergesch&#228;ft zu   bestreiken. Der Streik im &#246;ffentlichen Dienst ist jedoch eine enorme   Unterst&#252;tzung f&#252;r die Verk&#228;uferinnen. Der Branchenverband HDE ging   Anfang M&#228;rz an die Presse, um sich dar&#252;ber zu beklagen, dass die Streiks   im Nahverkehr zu erheblichen Umsatzeinbu&#223;en an den &#8222;Topstandorten&#8220;,   sprich den Einkaufsmeilen in den Innenst&#228;dten f&#252;hren. Dies gilt vor   allem f&#252;r Berlin, wo die BVG seit 5.3. streikt. Aber auch die   Warnstreiks in verschiedenen St&#228;dten f&#252;hrten zu leeren Kaufh&#228;usern an   diesen Tagen.<\/p>\n<p>  Auch ohne direkte Streikbeteiligung war der Kampf der Verk&#228;uferinnen am   6.3. Teil des Warnstreiks in Stuttgart. Sowohl bei der Streikversammlung   im B&#252;rgerhospital als auch bei der gemeinsamen Streikkundgebung des   Klinikums sprach eine Betriebsratskollegin von Schlecker &#252;ber den Kampf   in der Drogeriekette zur Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten,   angefangen von der Einhaltung von tariflichen und gesetzlichen Rechten   bis hin zum Kampf um die Sicherheit. &#220;berf&#228;lle geh&#246;ren zum Berufsrisiko   von Schleckerbesch&#228;ftigten und obwohl schon viele Kolleginnen davon   betroffen waren, verweigert Schlecker nach wie vor den minimalsten   Schutz dagegen. Eine ver.di-Mitgliederversammlung am Klinikum hatte   bereits eine Solidarit&#228;tserkl&#228;rung f&#252;r die Kolleginnen und Kollegen im   Einzelhandel verabschiedet und die ver.di-Vertrauensleute am Klinikum   hatten mit zur erfolgreichen Menschenkette der Solidarit&#228;t mit den   Verk&#228;uferinnen und zur Flash-Mob-Aktion im Kaufhof am 2. Februar   aufgerufen. Ver.di-Mitglieder am Klinikum wollen die   Schlecker-Kolleginnen weiter unterst&#252;tzen und auch zu einem   Gerichtsprozess zur Wahlanfechtung am Arbeitsgericht Stuttgart am 19.3.   mobilisieren.<\/p>\n<p>  Ein baldiger gemeinsamer Streik von Einzelhandel und &#246;ffentlichem Dienst   und dar&#252;ber hinaus ein gemeinsamer Kampf aller Bereiche von ver.di, die   derzeit in Tarifauseinandersetzung stehen, w&#228;re das beste Mittel, f&#252;r   alle m&#246;glichst viel herauszuholen.<\/p>\n<p>  Von einer solchen Strategie ist bei der Bundesf&#252;hrung von ver.di nichts   zu sp&#252;ren. Im Gegenteil. Bei der RWE und bei den T-Punkten der Telekom   wurden trotz der Rekordgewinne Abschl&#252;sse von unter 4% unterschrieben,   die sich bei den T-Punkten aufgrund von 15 Monaten Laufzeit in noch   niedrigere j&#228;hrliche Erh&#246;hungen reduzieren. Bei einer Inflationsrate von   3% bedeutet das: der Reallohnverlust geht weiter. Die Aktion&#228;re und   Manager bekommen den Spielraum, sich weiter auf Kosten der Belegschaften   zu bereichern.<\/p>\n<h4>  Streik im &#246;ffentlichen Dienst wird wahrscheinlicher<\/h4>\n<p>  Im &#246;ffentlichen Dienst sieht es aber nicht so aus, als ob sich die   Besch&#228;ftigten mit einem Billigabschluss abspeisen lassen. Durch die   Warnstreiks ist zudem ein Gef&#252;hl von St&#228;rke entstanden, das dazu f&#252;hrt,   dass die Erwartungen steigen. Und so h&#246;rte man beim Warnstreik von   vielen Kolleginnen und Kollegen, dass die Lohnforderung eigentlich viel   zu niedrig sei. Beim Streikpostenstehen vor dem B&#252;rgerhospital wies ein   griechischer Kollege darauf hin, dass man in Tarifrunden Forderungen   auch erh&#246;hen k&#246;nne. Vor Jahren h&#228;tte es in Griechenland einen Streik   gegeben, bei dem u.a. die M&#252;llabfuhr beteiligt war. Die Gewerkschaften   forderten anfangs eine 5%ige Lohnerh&#246;hung. Die Regierung dachte sie   k&#246;nne den Streik aussitzen. Nach sechs Wochen wollte der zust&#228;ndige   Minister die Armee einsetzen, um die M&#252;llberge zu beseitigen. Die Armee   weigerte sich aber. Daraufhin musste der f&#252;r den &#246;ffentlichen Dienst   zust&#228;ndige Minister gehen. Die erste Amtshandlung des neuen Ministers   bestand darin, 5% Lohnerh&#246;hung zuzugestehen. Aber die Gewerkschaft sagte   jetzt: &#8222;Unsere Forderung von 5% ist von gestern. Jetzt fordern wir 10%.&#8220;   Am Ende wurden 8% durchgesetzt.<\/p>\n<h4>  Alle gemeinsam &#8211; mindestens eine Woche<\/h4>\n<p>  Durch die Schlichtung und die damit verbundene Streikpause sollen   Stimmung und Erwartungen heruntergekocht werden. Da nicht davon   auszugehen ist, dass es einen annehmbaren Schlichterspruch gibt, ist es   das beste die Wochen bis zum Schlichterspruch zu nutzen, um Druck   aufzubauen f&#252;r Urabstimmung und Vollstreik zur Durchsetzung aller   erhobenen Tarifforderungen.<\/p>\n<p>  Unter Aktivisten und Funktion&#228;ren in Stuttgart ist die Diskussion &#252;ber   eine erfolgreiche Streikstrategie in vollem Gang. Nach den Erfahrungen   von 2006 und den erfolgreichen gemeinsamen Warnstreiks pl&#228;diert man hier   fast durchweg daf&#252;r nach einer Urabstimmung von Anfang an die Vollen zu   gehen, d.h.bundesweit eine Woche alle gemeinsam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bericht vom Warnstreik am 6. 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