{"id":12569,"date":"2008-03-16T00:00:00","date_gmt":"2008-03-16T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12569"},"modified":"2008-03-16T00:00:00","modified_gmt":"2008-03-16T00:00:00","slug":"12569","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/03\/12569\/","title":{"rendered":"Brasilien: &#8222;Die Kriminalisierung hat Alter, Geschlecht und Hautfarbe&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Auf der lateinamerikanischen Sommerschulung des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale (CWI) im Februar 2008 sprach Sozialismus.info mit   Jane Barros, Mitglied von Socialismo Revolucionario (SR &#8211; brasilianische   Schwesterorganisation der SAV) in Rio de Janeiro und Aktivistin in der   P-Sol (Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit), &#252;ber die extrem   gewaltt&#228;tige Situation in der Stadt.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die 2002 und 2007 erschienenen Filme &#8222;City of God&#8220; und &#8222;Tropa de   Elite&#8220; haben diese Zust&#228;nde ins Bewusstsein eines breiten Publikums   ger&#252;ckt, ohne wirklich auf die tiefer liegenden Ursachen der Probleme   einzugehen.<\/b><\/p>\n<h4>  Was sind die Gr&#252;nde f&#252;r die st&#228;ndig wachsende Zahl von Gewalttoten in   Rio de Janeiros Armenvierteln, den so genannten Favelas?<\/h4>\n<p>  Weniger als ein Prozent der Favelabewohner haben etwas mit dem   Drogenhandel zu tun. Die gro&#223;e Mehrheit sind arme und extrem arme   ArbeiterInnen. Wenn man bedenkt, dass 60Prozent der Bev&#246;lkerung Rios in   den Armenvierteln leben, wird schnell klar, dass die Politik der   Kriminalisierung der Armut &#8211; nach dem Motto &#8222;jeder Favelista ist ein   Drogenkurier&#8220; &#8211; v&#246;llig falsch ist. &#220;brigens ist auch der Film &#8222;Cidade de   Deus&#8220; (City of God, 2002) zwiesp&#228;ltig, denn die Armut wird &#228;sthetisiert   und romantisch verkl&#228;rt, w&#228;hrend die einzelnen Charaktere schematisch   bleiben. Beispiele sind der von Kind auf Schwerkriminelle oder der nie   korrumpierte Junge, der sp&#228;ter als Fotograf den Aufstieg aus der Favela   heraus schafft.<\/p>\n<p>  Die &#252;bergro&#223;e Mehrzahl der Toten geht auf das Konto von Polizei und   Milit&#228;r, die extrem brutal vorgehen [der k&#252;rzlich in die Kinos gekommene   Film &#8222;Tropa de Elite&#8220; ist zumindest auf dieser Ebene ziemlich   realistisch, Ad&#220;]. Sie fahren mit panzer&#228;hnlichen Fahrzeugen, den   &#8222;Caver&#245;es&#8220;, in die Favelas, mit Musik aus den Lautsprechern wie &#8222;wir   rei&#223;en euch die Seele aus dem Leib&#8220; etc. Da ist es klar, dass vor allem   Kinder die Leidtragenden sind, denn die wirklichen Drogendealer sind   l&#228;ngst im sicheren Versteck. Aber der wirkliche Grund, warum der   Staatsapparat so skrupellos mordet, sind die &#196;ngste der Mittel- und   Oberschichten. Anders als in S&#227;o Paulo gibt es in Rio traditionell keine   wirkliche Trennung von Favelas und b&#252;rgerlichen Wohnvierteln, daher sind   die wenigen besser Gestellten st&#228;ndig mit der Armut konfrontiert. Der   Gouverneur von Rio, Cesar Cabral (der &#252;brigens auch die R&#252;ckendeckung   von Lulas PT hat), vertritt offensiv die Politik der Willk&#252;r und der   extremen Repression. Ich wurde auch schon im Bus, der pl&#246;tzlich von der   Polizei angehalten wurde, kontrolliert &#8211; im Gegensatz zum &#8222;wei&#223;en&#8220;   Sitznachbarn.<\/p>\n<h4>  Was tut ihr gegen die Repressionspolitik?<\/h4>\n<p>  Es ist schwierig, von den Favelistas ernst genommen und akzeptiert zu   werden. Aber mit der P-Sol und ihrem Abgeordneten Marcelo Freixo, einem   langj&#228;hrigen Menschenrechtsaktivisten, gibt es eine politische Kraft,   welche die Aufdeckung der allt&#228;glichen m&#246;rderischen Repression und den   Widerstand dagegen organisiert. Wir sind die einzigen, die konsequent   den Klassencharakter dieser Politik anprangern und uns so eine gro&#223;e   Autorit&#228;t in den Armenvierteln erarbeitet haben. Wir organisieren Demos,   &#246;ffentliche Denunziationen und andere Proteste. Unsere Forderung ist   eigentlich ganz einfach: Infrastruktur aufbauen anstatt zerst&#246;ren! Der   Staat soll sich endlich wirklich um die Favelas k&#252;mmern und Schulen,   Krankenh&#228;user etc. bauen &#8211; anstatt immer weiter soziale Einschnitte zu   machen, die letztendlich Gelder in die Taschen der Reichen umleiten.<\/p>\n<h4>  Gibt es weitere Schwerpunkte Eurer Arbeit in Rio?<\/h4>\n<p>  Wir sind inzwischen &#252;ber 20 GenossInnen und sind an den wichtigsten drei   &#246;ffentlichen und zwei privaten Unis vertreten, wo wir gegen eine weitere   Privatisierung des Bildungswesens k&#228;mpfen. Enorm wichtig ist auch die   Kampagne f&#252;r das Recht auf Abtreibung, denn 2007 begann eine regelrechte   Konterattacke der katholischen Kirche und anderer konservativer Kr&#228;fte   gegen eine sich allm&#228;hlich zu Gunsten der Frauen verbessernde   Gesetzeslage. Und schlie&#223;lich sind wir mit GymnasiastInnen dabei, gegen   die horrend hohen Geb&#252;hren zu k&#228;mpfen, die die Vorbereitungskurse f&#252;r   die Uni-Aufnahmepr&#252;fungen (sogenanntes Vestibular) kosten.<\/p>\n<h4>  <i>Das Interview f&#252;hrte Johannes Ullrich<\/i><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Auf der lateinamerikanischen Sommerschulung des Komitees f&#252;r eine<br \/>\n      Arbeiterinternationale (CWI) im Februar 2008 sprach Sozialismus.info mit<br \/>\n      Jane Barros, Mitglied von Socialismo Revolucionario (SR &#8211; brasilianische<br \/>\n      Schwesterorganisation der SAV) in Rio de Janeiro und Aktivistin in der<br \/>\n      P-Sol (Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit), &#252;ber die extrem<br \/>\n      gewaltt&#228;tige Situation in der Stadt.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12569"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12569"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12569\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}