{"id":12565,"date":"2008-03-06T00:00:00","date_gmt":"2008-03-05T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12565"},"modified":"2012-07-02T19:34:08","modified_gmt":"2012-07-02T17:34:08","slug":"12565","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/03\/12565\/","title":{"rendered":"Zypern: Linker zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt"},"content":{"rendered":"<p>  Die kleine Mittelmeerinsel Zypern, mit 750.000 Einwohnern s&#252;dlich der   T&#252;rkei gelegen und geteilt in einen griechischen S&#252;den und einen   t&#252;rkischen Norden, mit Stacheldraht durch die Hauptstadt Nikosia,   EU-Mitglied mit dem Euro als W&#228;hrung, hat Geschichte geschrieben. Zum   ersten Mal in seiner und in der EU-Geschichte wurde ein Kandidat einer   Kommunistischen Partei in freien Wahlen zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Hubert Sch&#246;nthaler, K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p>  Der Generalstekret&#228;r der kommunistischen Fortschrittspartei des   Arbeitenden Volkes (AKEL) Dimistris Christofias gewann im zweiten   Wahlgang am Sonntag, 24.2.2008 deutlich mit 53,36 % der Stimmen vor dem   b&#252;rgerlichen, rechten und neoliberalen Kandidaten von der Partei   Demokratischer Alarm (DISY), dem ehemaligen Au&#223;enminister Ioannis   Kassoulidis, der 46,64 % erhielt. Christofias hatte dabei die   Unterst&#252;tzung der sozialdemokratischen Partei EDEK und der   Mitte-Rechts-Partei DIKO.<\/p>\n<p>  Zum ersten Mal seit der Unabh&#228;ngigkeit der Insel 1960 war die AKEL, die   gr&#246;&#223;te zyprische Partei, mit einem eigenen Kandidaten angetreten. Bisher   hatte sie immer im Namen der &#8222;nationalen Einheit&#8220; einen b&#252;rgerlichen   Kandidaten unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  Die Freude bei den Anh&#228;ngern der AKEL war riesig. Tausende feierten mit   Flaggen der Republik Zypern, Che-Guevara-Bildern und roten   Gewerkschaftsfahnen den Sieg. Nur eine einzige griechische Fahne, Symbol   des griechischen Nationalismus, war zu sehen (TAZ, 26.2.2008). Auch   Zypernt&#252;rken waren aus dem Norden gekommen und feierten mit (Ethnos   Website 25.2.2008).<\/p>\n<p>  Dies war ein Ausdruck der Stimmung gegen den Nationalismus, den von   rechts gesch&#252;rten Antikommunismus und den Neoliberalismus. Der sehr   polarisierte Wahlkampf fand in einem &#8222;Klima des B&#252;rgerkrieges&#8220; (Ethnos   am Sonntag, 24.2.2008) statt. Die Woche vor der Wahl war gepr&#228;gt durch   &#8222;vulg&#228;re antikommunistische Argumente der 50er Jahre&#8220; (Ethnos Website,   25.2.2008), durch den Versuch der Einsch&#252;chterung der AKEL-W&#228;hler und   der Schlammschlacht gegen die Partei (Rizospastis, 24.2.2008). Die   zyprische griechisch-orthodoxe Kirche, die sich auszeichnet durch   Obskurantismus und &#8222;Kommunismusphobie&#8220; (Ethnos am Sonntag, 24.2.2008),   unter Erzbischof Chrysostomos rief die Gl&#228;ubigen zur Wahl von   Kassoulidis auf und warnte vor dem &#8222;Atheismus&#8220; der AKEL.<\/p>\n<p>  Christofias stellte sich jedoch dem Nationalismus und der religi&#246;sen   Stimmungsmache entgegen, indem er erkl&#228;rte, die Parole eines &#8222;Zypern der   griechischen Christen&#8220; sei gef&#228;hrlich. Stattdessen sagte er, bereit auf   die Zypernt&#252;rken zuzugehen: &#8222;Wir haben eine edle Vision, Zypern   wiederzuvereinigen, es zu befreien von der Besetzung und ihren Folgen,   es zu einem gl&#252;cklichen Vaterland f&#252;r alle seine Kinder zu machen, sein   Volk zu vereinen, Zyperngriechen und Zypernt&#252;rken&#8220; (Eleftherotypia,   25.2.2008).<\/p>\n<p>  Dabei wird er es jedoch nicht nur mit den Zypernt&#252;rken zu tun haben,   sondern auch mit den aus Anatolien angesiedelten T&#252;rkeit&#252;rken und der im   Nordteil der Insel stationierten t&#252;rkischen Armee.<\/p>\n<p>  Neben der nationalen Frage, der Teilung, war ein Hauptthema seines   Wahlkampfes die Schaffung einer &#8222;gerechteren Gesellschaft&#8220; &#8211; nicht einer   &#8222;gerechten&#8220;, sondern nur einer &#8222;gerechteren&#8220;, seine Antwort auf die   sozialen Probleme infolge des Kapitalismus und auf die neoliberale   Politik seines Vorg&#228;ngern Tassos Papadopoulos. Denn w&#228;hrend dessen   Pr&#228;sidentschaft sahen die Arbeitnehmer, wie ihre L&#246;hne eingefroren   wurden, wie das Renteneintrittsalter um drei Jahre angehoben wurde, die   Studenten sahen sich durch die Gr&#252;ndung von drei Privatuniversit&#228;ten mit   erh&#246;hten Studiengeb&#252;hren konfrontiert.<\/p>\n<p>  Papadopoulos&#180; Regierung, an der die AKEL allerdings vier Jahre lang   beteiligt war, hatte &#252;berdies versucht, ein autorit&#228;res Regime zu   errichten, indem sie jeden politischen Gegner mehr oder weniger als   &#8222;Verr&#228;ter&#8220; stigmatisierte und jeder Art von Nationalisten, &#8222;Patrioten&#8220;   und Faschisten freien Aktionsspielraum gab.<\/p>\n<p>  Die Erwartungen der arbeitenden Menschen und der Jugend an Christofias   sind hoch. Sie erwarten von ihm, dass er die von der EU unterst&#252;tzten   Angriffe des Kapitals auf den Lebensstandard zumindest abschw&#228;cht, dass   er gegen den Nationalismus Front macht, dass die beiden Gemeinschaften   der griechischen und der t&#252;rkischen Zypern einander n&#228;her kommen und   eine gerechte und lebensf&#228;hige L&#246;sung des Zypernproblems gefunden wird.<\/p>\n<h4>  Diese Erwartungen werden nur erf&#252;llt werden k&#246;nnen, wenn er es wagt, mit   den Kapitalisten, dem Establishment und der EU den Konflikt einzugehen.<\/h4>\n<p>  Dies ist jedoch nicht zu erwarten. Denn: &#8222;In der praktischen Politik hat   sie (die AKEL) l&#228;ngst ihren Frieden mit der Marktwirtschaft (sprich dem   Kapitalismus) geschlossen&#8220; (TAZ, 23.\/24.2.2008). Mit ihm sind &#8222;keine   sozialistischen Experimente zu erwarten&#8220; (TAZ, 26.2.2008). Schon vor der   Wahl hatte auch Georgios Vassiliou, ehemaliger Pr&#228;sident, Manager und   einer der wohlhabendsten B&#252;rger des Landes, gemeint: &#8222;Christofias hat   niemals angek&#252;ndigt, irgendetwas zu verstaatlichen. Man kann ihn am   besten mit einem skandinavischen Sozialdemokraten vergleichen&#8220; (TAZ,   23.\/24.2.2008).<\/p>\n<p>  Ein weiterer Grund, nicht allzu viel von Christofias zu erwarten, ist   seine Zusammenarbeit mit einer Reihe b&#252;rgerlicher Parteien in einer   Koalitionsregierung. Die AKEL vertritt die &#8222;Etappentheorie&#8220;, d.h. man   m&#252;sse erst einmal demokratische, nationale Probleme wie die Teilung   l&#246;sen und dies im B&#252;ndnis mit der &#8222;fortschrittlichen Bourgeoisie&#8220;, erst   sp&#228;ter st&#252;nde der Sozialismus auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>  Teilnehmen wird an dieser Koalitionsregierung die   Mitte-Rechts-orientierte Demokratische Partei (DIKO) des im ersten   Wahlgang gescheiterten bisherigen Pr&#228;sidenten Tassos Papadopoulos, der   f&#252;nf Jahre lang jede L&#246;sung der Zypernfrage blockiert und diese in eine   ausweglose Sackgasse man&#246;vriert hatte. Diese wird den   Parlamentspr&#228;sidenten sowie drei Ministerien stellen, darunter   vermutlich auch den Au&#223;enminister. Ebenfalls wird die   sozialdemokratische Partei EDEK mit zwei Ministern vertreten sein.<\/p>\n<p>  Auch wenn Christofias in seiner Propaganda auf den Druck der arbeitenden   Menschen und der armen Schichten reagiert, da diese die soziale Basis   der AKEL sind, ist ein Konflikt zwischen ihm und der Arbeiterklasse   vorprogrammiert. Denn durch seine Weigerung mit dem Kapitalismus zu   brechen und sein B&#252;ndnis mit b&#252;rgerlich-kapitalistischen Kr&#228;ften   verpflichtet er sich den Profitinteressen der Kapitalisten.<\/p>\n<p>  Trotz dieser Beschr&#228;nkungen wird die arbeitende Bev&#246;lkerung und die   Jugend den Wahlsieg der AKEL als ihren Sieg verstehen und sich best&#228;rkt   f&#252;hlen, ihre Interessen in der Gesellschaft und der Politik zur Geltung   zu bringen &#8211; auch gegen die neue Regierung.<\/p>\n<p>  Die zyprische Sektion des CWI, die nicht nur aus Zyperngriechen besteht,   sondern auch ausgezeichnete Beziehungen mit kurdischen K&#228;mpfern auf der   Insel, die dort als Fl&#252;chtlinge leben sowie mit Organisationen im   t&#252;rkischen Norden besitzt, und die Organisation &#8222;Jugend gegen den   Nationalismus&#8220; griffen in den Wahlkampf ein mit der Parole &#8222;Wir w&#228;hlen   Dimitris Christofias. Wir k&#228;mpfen f&#252;r eine neue Linke&#8220;. Dies konnte   jedoch nur eine kritische Unterst&#252;tzung sein. Die Unterst&#252;tzung deshalb,   weil Christofias der einzige Kandidat war, der im Namen der Arbeitnehmer   und der Linken sprach, also unter den gegebenen Bedingungen der beste   Vorschlag war.<\/p>\n<p>  Dabei machten sie jedoch klar, dass Christofias und die AKEL nicht die   Probleme l&#246;sen werden und nicht die Linke sind, die konsequent die   Arbeiterinteressen und die sozialistische Perspektive verteidigen. Daf&#252;r   ist eine neue wahrhaft sozialistische und internationalistische Linke   notwendig, die die Fehler des Stalinismus und der Sozialdemokratie   vermeidet.<\/p>\n<p>  Und die Genossen werden weiterhin Druck machen f&#252;r die Umsetzung einer   antinationalistischen Politik im Interesse der Arbeiterklasse und Jugend   und von Christofias, dem linken Pr&#228;sidenten, eine linke Politik   einfordern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die kleine Mittelmeerinsel Zypern, mit 750.000 Einwohnern s&#252;dlich der<br \/>\n      T&#252;rkei gelegen und geteilt in einen griechischen S&#252;den und einen<br \/>\n      t&#252;rkischen Norden, mit Stacheldraht durch die Hauptstadt Nikosia,<br \/>\n      EU-Mitglied mit dem Euro als W&#228;hrung, hat Geschichte geschrieben. 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