{"id":12552,"date":"2008-03-04T00:00:00","date_gmt":"2008-03-04T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12552"},"modified":"2008-03-04T00:00:00","modified_gmt":"2008-03-04T00:00:00","slug":"12552","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/03\/12552\/","title":{"rendered":"Einstein: &#8222;F&#252;r ein sozialistisches Wirtschaftssystem, um die &#220;bel des \r\n      Kapitalismus loszuwerden&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Dokumentation eines Artikels von Albert Einstein<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b><i>Vor 75 Jahren, Anfang 1933 blieb der Physiker und Nobelpreistr&#228;ger   Albert Einstein, nachdem die Nazis in Deutschland die Macht &#252;bernommen   hatten, im Anschluss an eine Reise in den USA. Einstein war allerdings   nicht nur Antifaschist, sondern verstand sich auch, was weniger bekannt   ist, als Sozialist. Im Jahr 1949 verfasste Einstein den folgenden Text   unter dem Titel &#8222;Warum Sozialismus&#8220; f&#252;r die erste Ausgabe der   amerikanischen sozialistischen Zeitschrift Monthly Review. Der Artikel   wurde sp&#228;ter ins Deutsche zur&#252;ck &#252;bersetzt. Wir ver&#246;ffentlichen hier   Ausz&#252;ge. <\/i><\/b>    <\/p>\n<p>  <b><i>Das handschriftliche Original von Einstein kann im Internet   eingesehen werden unter www.alberteinstein.info.<\/i><\/b><\/p>\n<p>  Ist es nun ratsam f&#252;r jemanden, der kein Experte auf dem Gebiet   &#246;konomischer und sozialer Fragen ist, sich zum Wesen des Sozialismus zu   &#228;u&#223;ern? Ich denke aus einer Reihe von Gr&#252;nden, dass dies der Fall ist.<\/p>\n<p>  [&#8230;]<\/p>\n<p>  Der Mensch ist gleichzeitig ein Einzel- und ein Sozialwesen. Als ein   Einzelwesen versucht er, seine eigene Existenz und die derjenigen   Menschen zu sch&#252;tzen, die ihm am n&#228;chsten sind sowie seine Bed&#252;rfnisse   zu befriedigen und seine angeborenen F&#228;higkeiten zu entwickeln. Als ein   Sozialwesen versucht er, die Anerkennung und Zuneigung seiner   Mitmenschen zu gewinnen, ihre Leidenschaften zu teilen, sie in ihren   Sorgen zu tr&#246;sten und ihre Lebensumst&#228;nde zu verbessern. Allein die   Existenz dieser vielseitigen, h&#228;ufig widerstreitenden Bestrebungen macht   den speziellen Charakter des Menschen aus, und die jeweilige Kombination   bestimmt, inwieweit ein Individuum sein inneres Gleichgewicht erreichen   und damit etwas zum Wohl der Gesellschaft beitragen kann. Es ist gut   vorstellbar, dass die relative Kraft dieser beiden Antriebe   haupts&#228;chlich erblich bedingt ist. Aber die Pers&#246;nlichkeit wird   letztlich weitestgehend von der Umgebung geformt, die ein Mensch   zuf&#228;llig vorfindet, durch die Gesellschaftsstruktur, in der er   aufw&#228;chst, durch die Traditionen dieser Gesellschaft und dadurch, wie   bestimmte Verhaltensweisen beurteilt werden. Der abstrakte Begriff   &#8222;Gesellschaft&#8220; bedeutet f&#252;r den einzelnen Menschen die Gesamtheit seiner   direkten und indirekten Beziehungen zu seinen Zeitgenossen und den   Menschen fr&#252;herer Generationen. Das Individuum allein ist in der Lage,   zu denken, zu f&#252;hlen, zu k&#228;mpfen, selbstst&#228;ndig zu arbeiten; aber er ist   in seiner physischen, intellektuellen und emotionalen Existenz derart   abh&#228;ngig von der Gesellschaft, dass es unm&#246;glich ist, ihn au&#223;erhalb des   gesellschaftlichen Rahmens zu betrachten. Es ist die &#8222;Gesellschaft&#8220;, die   den Menschen Kleidung, Wohnung, Werkzeuge, Sprache, die Formen des   Denkens und die meisten Inhalte dieser Gedanken liefert, sein Leben wird   durch die Arbeit m&#246;glich gemacht und durch die Leistungen der vielen   Millionen Menschen fr&#252;her und heute, die sich hinter dem W&#246;rtchen   &#8222;Gesellschaft&#8220; verbergen.<\/p>\n<p>  Deshalb ist die Abh&#228;ngigkeit des Einzelnen von der Gesellschaft ein   Naturgesetz, das &#8211; wie im Falle von Ameisen und Bienen &#8211; offenbar nicht   einfach so abgeschafft werden kann. Doch w&#228;hrend der gesamte   Lebensprozess von Ameisen und Bienen bis hin zum kleinsten Detail an   starre, erbliche Instinkte gebunden ist, sind die sozialen Muster und   die engen sozialen Verbindungen der Menschen sehr empf&#228;nglich f&#252;r   verschiedenste Ver&#228;nderungen. Das Ged&#228;chtnis, die Kapazit&#228;t, Neues zu   versuchen und die M&#246;glichkeit, m&#252;ndlich zu kommunizieren, haben f&#252;r den   Menschen Entwicklungen m&#246;glich gemacht, die nicht von biologischen   Gegebenheiten diktiert wurden. Solche Entwicklungen manifestieren sich   in Traditionen, Institutionen und Organisationen, in der Literatur, in   wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, in k&#252;nstlerischen   Arbeiten. Das erkl&#228;rt, weshalb der Mensch in einem gewissen Sinne sein   Leben selbst beeinflussen kann und dass in diesem Prozess bewusstes   Denken und Wollen eine Rolle spielt.<\/p>\n<p>  [&#8230;]<\/p>\n<p>  Privates Kapital tendiert dazu, in wenigen H&#228;nden konzentriert zu werden   &#8211; teils aufgrund der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten und teils,   weil die technologische Entwicklung und die wachsende Arbeitsteilung die   Entstehung von gr&#246;&#223;eren Einheiten auf Kosten der kleineren vorantreiben.   Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist eine Oligarchie von privatem   Kapital, dessen enorme Kraft nicht einmal von einer demokratisch   organisierten politischen Gesellschaft &#252;berpr&#252;ft werden kann. Dies ist   so, da die Mitglieder der gesetzgebenden Organe von politischen Parteien   ausgew&#228;hlt sind, die im Wesentlichen von Privatkapitalisten finanziert   oder anderweitig beeinflusst werden und in der Praxis die W&#228;hler von der   Legislative trennen. Die Folge ist, dass die &#8222;Volksvertreter&#8220; die   Interessen der unterprivilegierten Schicht der Bev&#246;lkerung nicht   ausreichend sch&#252;tzen. Au&#223;erdem kontrollieren unter den vorhandenen   Bedingungen die Privatkapitalisten zwangsl&#228;ufig direkt oder indirekt die   Hauptinformationsquellen (Presse, Radio, Bildung). Es ist deshalb   &#228;u&#223;erst schwierig und f&#252;r den einzelnen B&#252;rger in den meisten F&#228;llen   fast unm&#246;glich, objektive Schl&#252;sse zu ziehen und in intelligenter Weise   Gebrauch von seinen politischen Rechten zu machen.<\/p>\n<p>  Die Situation in einem Wirtschaftssystem, das auf dem Privateigentum an   Kapital basiert, wird durch zwei Hauptprinzipien charakterisiert:   erstens sind die Produktionsmittel (das Kapital) in privatem Besitz, und   die Eigent&#252;mer verf&#252;gen dar&#252;ber, wie es ihnen passt; zweitens ist der   Arbeitsvertrag offen. Nat&#252;rlich gibt es keine rein kapitalistische   Gesellschaft. Vor allem sollte beachtet werden, dass es den Arbeitern   durch lange und bittere politische K&#228;mpfe gelungen ist, bestimmten   Kategorien von Arbeitern eine ein wenig verbesserte Form des   &#8222;nichtorganisierten Arbeitervertrags&#8220; zu sichern. Aber als Ganzes   genommen unterscheidet sich die heutige Wirtschaft nicht sehr von einem   &#8222;reinem&#8220; Kapitalismus.<\/p>\n<p>  Die Produktion ist f&#252;r den Profit da &#8211; nicht f&#252;r den Bedarf. Es gibt   keine Vorsorge daf&#252;r, dass all jene, die f&#228;hig und bereit sind zu   arbeiten, immer Arbeit finden k&#246;nnen. Es gibt fast immer ein &#8222;Heer von   Arbeitslosen&#8220;. Der Arbeiter lebt dauernd in der Angst, seinen Job zu   verlieren. Da arbeitslose und schlecht bezahlte Arbeiter keinen   profitablen Markt darstellen, ist die Warenproduktion beschr&#228;nkt und   gro&#223;e Not ist die Folge. Technologischer Fortschritt f&#252;hrt h&#228;ufig zu   mehr Arbeitslosigkeit statt zu einer Milderung der Last der Arbeit f&#252;r   alle. Das Gewinnmotiv ist in Verbindung mit der Konkurrenz zwischen den   Kapitalisten f&#252;r Instabilit&#228;t in der Akkumulation und Verwendung des   Kapitals verantwortlich und dies bedeutet zunehmende Depressionen.   Unbegrenzte Konkurrenz f&#252;hrt zu einer riesigen Verschwendung von Arbeit   und zu dieser L&#228;hmung des sozialen Bewusstseins von Individuen, die ich   zuvor erw&#228;hnt habe.<\/p>\n<p>  Diese L&#228;hmung der Einzelnen halte ich f&#252;r das gr&#246;&#223;te &#220;bel des   Kapitalismus. Unser ganzes Bildungssystem leidet darunter. Dem Studenten   wird ein &#252;bertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu   ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung f&#252;r seine zuk&#252;nftige   Karriere anzusehen.<\/p>\n<p>  Ich bin davon &#252;berzeugt, dass es nur einen Weg gibt, dieses &#220;bel   loszuwerden, n&#228;mlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu   etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen   Zielsetzungen orientiert. In solch einer Wirtschaft geh&#246;ren die   Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant.   Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft   einstellt, w&#252;rde die durchzuf&#252;hrende Arbeit unter all denjenigen   verteilen, die in der Lage sind zu arbeiten, und sie w&#252;rde jedem Mann,   jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren. Die Bildung   h&#228;tte zum Ziel, dass die Individuen zus&#228;tzlich zur F&#246;rderung ihrer   eigenen angeborenen F&#228;higkeiten einen Verantwortungssinn f&#252;r die   Mitmenschen entwickeln anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg   in unserer gegenw&#228;rtigen Gesellschaft.<\/p>\n<p>  Dennoch ist es notwendig festzuhalten, dass eine Planwirtschaft noch   kein Sozialismus ist. Eine Planwirtschaft als solche kann mit der   totalen Versklavung des Individuums einhergehen. Sozialismus erfordert   die L&#246;sung einiger &#228;u&#223;erst schwieriger sozio-politischer Probleme: Wie   ist es angesichts weitreichender Zentralisierung politischer und   &#246;konomischer Kr&#228;fte m&#246;glich, eine B&#252;rokratie daran zu hindern,   allm&#228;chtig und ma&#223;los zu werden? Wie k&#246;nnen die Rechte des Einzelnen   gesch&#252;tzt und dadurch ein demokratisches Gegengewicht zur B&#252;rokratie   gesichert werden?<\/p>\n<p>  In unserem Zeitalter des Wandels ist Klarheit &#252;ber die Ziele und   Probleme des Sozialismus von gr&#246;&#223;ter Bedeutung. Da unter den   gegenw&#228;rtigen Umst&#228;nden die offene und ungehinderte Diskussion dieser   Probleme einem allgegenw&#228;rtigen Tabu unterliegt, halte ich die Gr&#252;ndung   dieser Zeitschrift f&#252;r ausgesprochen wichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Dokumentation eines Artikels von Albert Einstein\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[96],"tags":[202],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12552"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12552"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12552\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}