{"id":12548,"date":"2008-02-29T00:00:00","date_gmt":"2008-02-29T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12548"},"modified":"2008-02-29T00:00:00","modified_gmt":"2008-02-29T00:00:00","slug":"12548","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/02\/12548\/","title":{"rendered":"Pro &amp; Contra: Soll ver.di Abstriche bei der Lohnforderung machen?"},"content":{"rendered":"<p>  Zu den Tarifforderungen im &#214;ffentlichen Dienst<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>Kurz vor Weihnachten stellte ver.di f&#252;r die Besch&#228;ftigten in Bund und   Kommunen die Forderungen f&#252;r die Tarifrunde 2008 auf: acht Prozent mehr   Lohn, mindestens 200 Euro, bei einer Laufzeit von zw&#246;lf Monaten sowie   120 Euro mehr f&#252;r die Auszubildenden. An der Basis gab es den Wunsch   nach noch h&#246;heren Lohnforderungen. Vielerorts votierten Gliederungen der   Gewerkschaft f&#252;r eine Tariferh&#246;hung im zweistelligen Bereich. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Vor einigen Wochen meldete sich Peter Grottian &#246;ffentlich zu Wort und   pl&#228;dierte daf&#252;r, einen Teil des geforderten Geldes nicht f&#252;r   Lohnsteigerungen, sondern f&#252;r den Ausbau des &#214;ffentlichen Dienstes zu   verwenden.<\/i><\/p>\n<h3>  Pro: Peter Grottian<\/h3>\n<h4>  emeritierter Professor f&#252;r Politikwissenschaft an der FU Berlin,   war in der Initiative Berliner Bankenskandal aktiv und engagiert sich   heute im Berliner Sozialforum<\/h4>\n<p>  Die Gro&#223;e Koalition als &#246;ffentlicher Arbeitgeber ist zu keiner   qualitativen Debatte &#252;ber die Zukunft des &#214;ffentlichen Dienstes bereit.   Doch Tarifpolitik und die gesellschaftspolitische Bedeutung &#246;ffentlicher   Dienstleistungen m&#252;ssen zusammengedacht werden. Der Schl&#252;ssel liegt   deshalb bei den Gewerkschaften.<\/p>\n<p>  Zun&#228;chst einmal geht die acht prozentige Lohnforderung nach langen   Jahren der Zur&#252;ckhaltung pauschal in Ordnung. Alle Erfahrung zeigt   schlie&#223;lich, dass man am Ende der Verhandlungen bei 3,7 bis 4,3 Prozent   landen wird. Doch diese Forderung ist zu eindimensional. Acht Prozent   mehr Geld in die Taschen der Bediensteten, das klingt nach einem   donnernden Aufstampfen. Doch ohne positive Struktureffekte ist das weder   zukunftsweisend noch strategisch klug.<\/p>\n<p>  Wer den gesellschaftspolitischen Konflikt will, der muss seine   Tarifforderungen anders ausrichten: Er muss vern&#252;nftige   Gehaltserh&#246;hungen fordern &#8211; und etwas f&#252;r gute &#246;ffentliche   Dienstleistungen tun! In was f&#252;r einem positiven Licht st&#252;nden die   Gewerkschaften da, wenn sie sagten: Wir haben zwar eine recht hohe   Tarifforderung. Aber wir denken dabei nicht nur an uns. Stattdessen   wollen wir von den acht Prozent bis zu 1,5 Prozent in Kitas, Schulen,   F&#246;rderprogramme f&#252;r Migrantenkinder, Hochschulen und andere   Bildungseinrichtungen investieren. Wir, die Gewerkschaften, sind f&#252;r   eine Ausweitung qualitativ notwendiger &#246;ffentlicher Dienstleistungen und   eine Tarifrunde f&#252;r mehr Besch&#228;ftigung. Aber, so k&#246;nnten die   Gewerkschaften mahnend fortfahren: Wir unterzeichnen einen solchen neuen   Typ von Tarifvertrag nur, wenn wir sicher sein k&#246;nnen, dass diese   Dienstleistungen tats&#228;chlich eingerichtet werden.<\/p>\n<p>  Machbar w&#228;re das. Wenn &#246;ffentliche Arbeitgeber und Gewerkschaften das   Finanzvolumen und die inhaltlichen Schwerpunkte f&#252;r die   Bildungsinvestitionen festlegten, k&#246;nnten sie es dem Bundestag und den   einzelnen Kommunen &#252;berlassen, wo die sinnvollsten Projekte finanziert   werden. Und wenn die &#246;ffentlichen Arbeitgeber sich weigerten, dann   w&#252;rden die reservierten 1,5 Prozent nachtr&#228;glich ausbezahlt &#8211; oder der   Tarifvertrag gek&#252;ndigt.<\/p>\n<p>  Wer will jemanden kritisieren, der rechtm&#228;&#223;ige Forderungen mit der   F&#246;rderung zukunftsf&#228;higer Dienstleistungen kombiniert? W&#252;rden von den   acht Prozent Lohnforderungen nur 1,5 Prozent f&#252;r Bildung und   Arbeitspl&#228;tze abgezweigt, w&#252;rde dies einen Schub von 1,2 bis 1,5   Milliarden Euro bedeuten. Die Beamtenanpassungen sind dabei noch nicht   einmal eingerechnet.<\/p>\n<p>  Wenn die Gewerkschaften dann noch einbringen, dass der h&#246;here Dienst mit   acht Prozent nicht unbedingt an die Erh&#246;hung der Bundestagsabgeordneten   von 9,4 Prozent heranreichen m&#252;sste, dann k&#246;nnte durch eine ma&#223;volle   Absch&#246;pfung noch ein zus&#228;tzlicher Beitrag f&#252;r Bildungsinvestitionen   erreicht werden. Als Gegenleistung k&#246;nnte die 39-Stunden-Woche als   vorl&#228;ufige Etappe vereinbart werden. Mit diesem Konzept k&#246;nnte ver.di   die &#246;ffentlichen Arbeitgeber von SPD und CDU herausfordern und eine   breitere &#214;ffentlichkeit &#252;berzeugen.<\/p>\n<p>  Will ver.di seine streikgeschw&#228;chte Kommunalbasis durch andere   Kommunalbedienstete ersetzen und junge Mitglieder motivieren, bleibt ihr   gar nichts anderes &#252;brig, als wieder zu ihrer gesellschaftlichen   Verantwortung zur&#252;ckzufinden. Die Basis wird nur bei einem starken   Auftritt der Gewerkschaftsspitze zu mobilisieren sein.<\/p>\n<p>  In der &#214;ffentlichkeit werden die Gewerkschaften an Boden gewinnen, wenn   sie sich mit den Kirchen, Wohlfahrtsorganisationen, Wissenschaftlern,   Kulturschaffenden und den Sozialprotest-Initiativen verbinden. Dieser   wohl verstandene gesellschaftspolitische Streit ist &#252;berf&#228;llig. n<\/p>\n<h3>  Contra: Carsten Becker<\/h3>\n<h4>  Personalrat* und ver.di-Betriebsgruppenvorsitzender an der Berliner   Charit&#233;<\/h4>\n<p>  Die Zeichen stehen auf Streik. Das Lohnniveau ist ungef&#228;hr da, wo es   Mitte der Neunziger stand, aber die Preise und Unterhaltskosten sind   davon galoppiert. Und das merkt jede und jeder Besch&#228;ftigte schmerzhaft   sp&#228;testens am Monatsende. 30 Prozent mehr ist die Forderung, die jeder   spontan aus dem Bauch heraus fordert und acht Prozent, mindestens 200   Euro, ist hier nur eine bescheidene Mindestforderung f&#252;r die Verluste   der letzten Jahre.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt, dass die Arbeitsplatzvernichtung im &#214;ffentlichen Dienst zu   enormer Arbeitsverdichtung in allen Bereichen gef&#252;hrt hat. Arbeitsstress   und zu wenig Geld in der Tasche sind die Motivation f&#252;r die mehr als   streikbereiten KollegInnen in dieser Tarifrunde.<\/p>\n<h4>  Beides zusammen &#8211; Stillstand, ja R&#252;ckschritt beim Einkommen, bei   gleichzeitiger Arbeitsplatzvernichtung &#8211; lassen doch nur einen Schluss   zu:<\/h4>\n<p>  Die von Peter Grottian vorgeschlagenen 1,5 Prozent &#8222;Sanierungspauschale&#8220;   sind l&#228;cherlich im Vergleich zu dem, wie wir in den letzten Jahren   ausgequetscht wurden! Wir haben genug gespart! Gleichzeitig l&#228;uft die   Vernichtungsmaschinerie &#246;ffentlicher Daseinsvorsorge auf vollen Touren.   Und beides ist Teil der gewollten neoliberalen Umverteilung von unten   nach oben &#8211; von &#246;ffentlich nach privat. Dagegen konsequent anzugehen,   muss zentraler Bestandteil der Politik von ver.di sein. Hier muss ver.di   den &#8222;gesellschaftspolitischen Konflikt&#8220; suchen.<\/p>\n<p>  Aber nicht mit &#8222;vern&#252;nftigen Gehaltsforderungen&#8220;, wie es Peter Grottian   fordert und ver.di zu unserem Leid auch in der Vergangenheit   praktizierte. Sondern mit Gehaltssteigerungen, insbesondere bei den   unteren Lohngruppen, deutlich &#252;ber der Teuerungsrate. Die Unterst&#252;tzung   f&#252;r die Lokf&#252;hrer zeigte, dass immer mehr verstehen: Die Forderungen   nach mehr Lohn und besseren Arbeitsbedingungen sind nicht nur   gerechtfertigt, sondern im Interesse der gesamten arbeitenden   Bev&#246;lkerung. Eine deutliche Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und   Gehaltsausgleich w&#228;re zudem der richtige Weg gegen Arbeitslosigkeit.   Nat&#252;rlich brauchen wir einen Ausbau des &#214;ffentlichen Dienstes. Der   Tarifkampf bietet einen guten Ausgangspunkt daf&#252;r, das Bewusstsein in   der &#214;ffentlichkeit zu erh&#246;hen, dass der Kampf f&#252;r mehr Kitas oder eine   bessere Krankenversorgung gemeinsam gef&#252;hrt werden muss. Das Geld daf&#252;r   kann und muss jedoch von unterschlagenen Steuern aus Liechtenstein und   den anderen illegalen und legalen Privilegien der Unternehmer geholt   werden.<\/p>\n<p>  Und Vorsicht, Peter Grottian, ein Zielkorridor von 3,7 bis 4,3 Prozent   reflektiert wahrscheinlich ziemlich gut die Denke bei Einigen in den   ver.di-Chefetagen und der Bundestarifkommission. Die haben noch nicht   mitbekommen, dass diese Tarifrunde nicht einfach nur eine Lohnrunde ist.   ver.di steht auf dem Pr&#252;fstand &#8211; in der Wahrung der   Mitgliederinteressen. Zu lange wurden zu viele Zugest&#228;ndnisse gemacht.   Noch eine Runde nach dem Motto &#8222;Br&#252;llen wie ein Tiger, springen wie eine   Katze&#8220; kann sich ver.di nicht leisten. Jedem ist klar, die Mitglieder   sind mehr als bereit, auch in einen harten Arbeitskampf zu gehen. F&#252;r   ver.di w&#228;re jeder Kompromiss, alles unter 200 Euro mehr als sch&#228;dlich.<\/p>\n<p>  Jetzt gilt es, alle laufenden Tarifkonflikte zusammenzufassen und von   Anfang an die volle Kampfkraft zu zeigen. Jetzt St&#228;rke demonstrieren und   mit voller Macht die Forderungen durchsetzen. Das gibt uns dann auch die   Kraft, den Kampf daf&#252;r zu f&#252;hren, die &#246;ffentliche Daseinsvorsorge zu   erhalten, auszubauen und im Interesse von Besch&#228;ftigten und Bev&#246;lkerung   zu gestalten.<\/p>\n<p>  Also, Kollege Grottian, lass uns jetzt beide die Streikweste anziehen,   raus auf die Stra&#223;e und mit den KollegInnen gemeinsam k&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  <i>* Angabe zur Funktion dient nur der Kenntlichmachung der Person<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zu den Tarifforderungen im &#214;ffentlichen Dienst\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[15,17],"tags":[263,202],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12548"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12548"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12548\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}