{"id":12529,"date":"2008-02-21T00:00:00","date_gmt":"2008-02-20T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12529"},"modified":"2012-12-30T12:05:43","modified_gmt":"2012-12-30T11:05:43","slug":"12529","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/02\/12529\/","title":{"rendered":"Berlinale-Gewinnerfilm: Faszination der Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>  Goldener B&#228;r f&#252;r &#8222;Tropa de Elite&#8220;<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Heftig gestritten wurde bei den diesj&#228;hrigen Berliner Filmfestspielen   &#252;ber den brasilianischen Wettbewerbsbeitrag &#8222;Tropa de Elite&#8220;.   Ausgerechnet dieser Streifen wurde von der Jury mit einem Goldenen B&#228;ren   bedacht. Eine eklatante Fehlentscheidung.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Bereits vor dem Kinostart hatten 11,5 Millionen Brasilianerinnen und   Brasilianer das Werk des Regisseurs Jose Padilha auf illegal gebrannten   DVDs gesehen. Knapp drei Millionen gingen zus&#228;tzlich noch in die   Lichtspielh&#228;user und bescherten &#8222;Tropa de Elite&#8220; damit 2007 einen   Zuschauerrekord. Viele wollen sich in Brasilien nicht mehr mit Soap   Operas abspeisen lassen und brannten darauf, einen Film zu sehen, der   Polizeigewalt und Drogenkriege auf die Leinwand knallt. So spannend das   Thema ist, so schlecht ist die Umsetzung.<\/p>\n<h4>  &#8222;Tropa de Elite&#8220;<\/h4>\n<p>  &#8222;Tropa de Elite&#8220; spielt im Jahr 1997, kurz vor dem Papst-Besuch, in Rio   de Janeiro. Der Eliteeinheit der brasilianischen Polizei, Batalhao de   Operacoes Policiais Especiais (BOPE), kommt die Aufgabe zu, gegen   Drogenbanden in den Favelas vorzugehen, die an den Unterkunftsort des   Papstes grenzen. Gezeigt wird die Operation aus Sicht des Hauptmannes   dieser Eliteeinheit, der auf die Geburt seines ersten Kindes wartet, den   Job quittieren m&#246;chte und seinen letzten Auftrag nutzt, um einen   Nachfolger zu finden. Gezeigt wird die Korruption der Polizei (der   Filmemacher erg&#228;nzt in Interviews, dass die Eliteeinheit heute, zehn   Jahre sp&#228;ter, ebenso korrumpiert sei). Gezeigt wird die st&#228;ndig   allgegenw&#228;rtige Gewalt; so beginnt der Film mit einer Disco unter freiem   Himmel, die seitens des Staatsapparates j&#228;h gesprengt wird. Wenn   College-Jugendliche in einer der 700 Favelas von Rio Koks kaufen, wenn   die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) auf diese Weise zu Geld kommen,   schaut die Polizei weg. Wenn Ordnungsh&#252;ter jemand umlegen, schaffen sie   ihn einfach &#252;ber die Reviergrenze. Wenn Gangs gegen Auflagen der   Eliteeinheit versto&#223;en, greift diese auf Folter und Selbstjustiz zur&#252;ck.<\/p>\n<p>  In Brasilien wurde der Film von den einen als unerbittliche Anklage der   bestehenden Verh&#228;ltnisse gefeiert, andere nannten ihn &#8222;faschistoid&#8220;.   Beides trifft nicht zu. Jose Padilha zeigt viel, aber nicht alles. Und   da liegt das Problem. In kaum einem Land geht die Schere zwischen Arm   und Reich so weit auseinander wie in Brasilien. Aber das klammert der   Film vollst&#228;ndig aus und beschr&#228;nkt sich darauf, die Gewalt von   Drogenbanden und Polizei zu zeigen. Diese Beschr&#228;nktheit f&#252;hrt zu einer   fatalen Aussage. &#8222;Tropa de Elite&#8220; schreit auf, ruft aber nach Gesetz.   Und Ordnung. In allen &#246;ffentlichen Auftritten best&#228;rkt der Regisseur   diesen Appell. Wenn die Polizei nur anders, besser ausgestattet w&#228;re,   dann lie&#223;en sich Ruhe und Ordnung schon wieder herstellen. Im   tip-Magazin sagt Padilha selber: &#8222;In dem der Staat Polizisten sehr   niedrige L&#246;hne zahlt und sie zugleich zu einem sehr riskanten Job   zwingt, kreiert er ein Umfeld f&#252;r Korruption und Gewalt.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Off-Stimme des BOPE-Hauptmannes, der die Geschichte erz&#228;hlt, sagt   schon in den ersten Minuten, dass in anderen L&#228;ndern Waffen in Kriegen   eingesetzt w&#252;rden, w&#228;hrend sie in Brasilien dagegen in den H&#228;nden von   Verbrechern seien. Damit wird einmal mehr deutlich, dass Padilha nicht   versteht, dass wir in einer Klassengesellschaft leben und der Staat die   Herrschaft der Besitzenden aufrecht zu erhalten hat, &#8211; nicht nur in   Brasilien, sondern &#252;berall.<\/p>\n<p>  Padilha l&#228;sst &#8222;Tropa de Elite&#8220; vibrieren: Rei&#223;schwenks, Handkamera,   Jump-Cuts, bombastische Beats. Damit soll das urbane Chaos f&#252;hlbar   gemacht werden. Padilha r&#252;hmt sich damit, dass er nicht wegschaut,   sondern drauf h&#228;lt, wenn geballtert wird. Damit nimmt er dem Film jedoch   die Sch&#228;rfe. &#8222;Tropa de Elite&#8220; verharmlost, da er den Zuschauer bet&#228;ubt,   ihm Fantasie, Vorstellungskraft nimmt, um das Geschehen zu erahnen, zu   sp&#252;ren, zu begreifen.<\/p>\n<p>  Im letzten Teil des zweist&#252;ndigen Films wird &#252;ber 20 Minuten hinweg der   milit&#228;rische Drill der Eliteeinheit gezeigt und ihr Korpsgeist   beschworen. Den ganzen Film &#252;ber ahnt man, dass Jose Pardilha fasziniert   ist von der Gewalt &#8211; von der Gewalt der Spezialtruppe. Der Schluss   best&#228;tigt das.<\/p>\n<h4>  58. Berlinale &#8211; eine Bilanz<\/h4>\n<p>  Den Silbernen B&#228;ren (Gro&#223;er Preis der Jury) erhielt in diesem Jahr zum   ersten Mal ein Dokumentarfilm: &#8222;Standard Operating Procedure&#8220; von Errol   Morris. Minuti&#246;s rekonstruiert der Film die Vorg&#228;nge im irakischen   Gef&#228;ngnis Abu Ghraib im Herbst 2003. Nach dem Sturz von Saddam Hussein   errichteten die US-Besatzer eine neue Schreckensherrschaft. Wahllos   Inhaftierte wurden vom US-Milt&#228;r gedem&#252;tigt, gefoltert, sogar ermordet.   Das kam damals raus, weil einige T&#228;ter Fotos machten, die dann an die   &#214;ffentlichkeit gelangten. Diese Fotos nahm Morris zur Grundlage seines   Films. Der Begriff &#8222;Standard Operating Procedure&#8220; bezeichnete alle   erlaubten Verh&#246;rmethoden. Erlaubt waren Dem&#252;tigungen, erlaubt war Angst.   Aber warum nur stellt Morris immer wieder Szenen selber nach, arbeitet   mit Zeitlupen, l&#228;sst Jagdhornkl&#228;nge anschwellen und bl&#228;st die   Inszenierung opernhaft auf?<\/p>\n<p>  Als Kandidat f&#252;r den Goldenen B&#228;ren war auch &#8222;Happy-Go-Lucky&#8220; von Mike   Leigh gehandelt worden. Zumal der Regisseur, neben Ken Loach einer der   ganz gro&#223;en sozialkritischen Filmemacher Gro&#223;britanniens, 1997 mit   &#8222;L&#252;gen und Geheimnisse&#8220; die Palme in Cannes gewann und 2004 f&#252;r &#8222;Vera   Drake&#8220; in Venedig den L&#246;wen holte. Mit einem B&#228;ren w&#228;re ihm der &#8222;goldene   Hattrick&#8220; gelungen. Daf&#252;r bekam seine Hauptdarstellerin Sally Hawkins   den Preis f&#252;r die beste Darstellung. Eine Ehrung, die auch Mike Leigh   zuteil wird, der stets Monate lang f&#252;r seine Filme probt, ohne Drehbuch,   und solange improvisiert, bis sich alles echt und glaubw&#252;rdig aus den   Figuren entwickelt.<\/p>\n<p>  Positiv heraus ragte bei diesen Filmfestspielen, dass ein Drittel aller   Beitr&#228;ge von Frauen gedreht wurde. Jahrezehnte lang hatten nur wenige   Frauen die Chance, Regie zu f&#252;hren. Au&#223;er Agnes Varda &#8222;Vogelfrei&#8220;) oder   Marta Meszaros (&#8222;Tagebuch f&#252;r meine Lieben&#8220;) gab es bis in die Achtziger   kaum Filmemacherinnen. Das hat sich ge&#228;ndert. Einer besten Filme der   Berlinale wurde noch dazu von einer 19-J&#228;hrigen, Hana Makhmalbaf,   gedreht: &#8222;Buddha zerfiel aus Scham&#8220; &#252;ber das sechsj&#228;hrige M&#228;dchen   Baktay, das im Afghanistan nach der US-Bombardierung darum k&#228;mpft, in   die Schule gehen zu d&#252;rfen. Der Film begleitet sie einen Nachmittag, und   zeigt, wie sie mit soischer Entschlossenheit versucht, Eier auf dem   Markt zu verkaufen, um an ein Schulheft und an einen Stift zu kommen &#8211;   Voraussetzungen f&#252;r den Schulbesuch, von dem ihre Eltern nicht viel   halten. Das Heft bekommt sie, den Stift nicht. Darum klaut sie   schlie&#223;lich den Lippenstift ihrer Mutter, um damit schreiben zu k&#246;nnen.   Zweimal wird sie &#252;berfallen &#8211; auf dem Weg zur Schule und auf dem R&#252;ckweg   &#8211; von Jungen, die erst die Taliban spielen, dann die US-Besatzer. Auf   einfache, aber eindringliche Weise zeigt der Film auf, welche   verheerenden, l&#228;ngerfristigen Auswirkungen Kriege haben und wie Jungen   und M&#228;dchen in Afghanistan &#8211; aber nicht nur dort &#8211; um einen Gro&#223;teil   ihrer Kindheit gebracht werden.<\/p>\n<p>  &#220;berhaupt gab es es gerade in den Reihen Panorama, Forum und Generation   einige Entdeckungen. Dazu z&#228;hlt &#8222;Le Ring&#8220; von der Kanadierin Anais   Barbeau-Lavalette, die nach Dokumentarfilmen &#252;ber Slums in Afrika und   Asien in ihrem Spielfilmdeb&#252;t die &#8222;Favelisierung&#8220; von St&#228;dten wie   Montreal behandelt. Einf&#252;hlsam schildert sie das Leben eines   Zw&#246;lfj&#228;hrigen. Ohne unn&#246;tige Dramatisierungen verfolgt sie wunderbar   lakonisch den tagt&#228;glichen &#220;berlebenskampf des Jungen, der davon tr&#228;umt,   einmal Wrestling-K&#228;mpfer zu werden. Ein weiterer Film, dem ein deutscher   Verleiher zu w&#252;nschen ist, ist der britische Beitrag &#8222;Boy A&#8220; von John   Crowley mit Peter Mullan (&#8222;My Name is Joe&#8220;) &#252;ber den 24-J&#228;hrigen Jack,   der sein halbes Leben in Starfvollz&#252;gen verbracht hat, und &#252;ber   Resozialisierung in England.<\/p>\n<p>  Mit &#8222;Tropa de Elite&#8220; und &#8222;Standard Operating Procedure&#8220; wurden zwei   Filme ausgezeichnet, die mit Krieg, Kriminalit&#228;t und Korrption   bestimmende Themen dieser 58. Berlinale behandelt haben. In den meisten   Filmen zu dieser Thematik wird leider nur steorotyp erz&#228;hlt,   gesellschaftliche Zusammenh&#228;nge ausgespart, am Schluss gibt es zwar kein   Happy-End, aber die Geschichten sind meist rund, am Ende l&#246;st sich alles   irgendwie doch auf. Ganz anders bei Francesco Rosi, dem Altmeister des   italienischen Politkinos, der auf der Berlinale einen Ehrnb&#228;ren erhielt.   In vielen Berlinale-Beitr&#228;gen wird zwar der Neoliberalismus   angeprangert, aber nicht tiefer eingestiegen in Debatten &#252;ber die   Zukunft des Systems und &#252;ber Alternativen. Arbeitsk&#228;mpfe und soziale   Proteste werden fast v&#246;llig ausgeklammert. Visionen werden nicht gegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Goldener B&#228;r f&#252;r &#8222;Tropa de Elite&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[68],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12529"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12529"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12529\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}