{"id":12512,"date":"2008-02-05T00:18:22","date_gmt":"2008-02-05T00:18:22","guid":{"rendered":".\/?p=12512"},"modified":"2008-02-05T00:18:22","modified_gmt":"2008-02-05T00:18:22","slug":"12512","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/02\/12512\/","title":{"rendered":"Einzelhandel-Streik in Stuttgart: Streikende Verk&#228;uferinnen, \r\n      Menschenkette, Chaos in der Schuhabteilung"},"content":{"rendered":"<p>  Bericht vom einw&#246;chigen Streik im Einzelhandel in Stuttgart<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Ursel Beck, Stuttgart<\/i><\/p>\n<p>  &#8222;Wir wolln mehr Kohle sehen, wir wollen mehr Kohle sehn&#8220; sangen   lautstark am Montagmorgen des 28.1. mehr als 1.000 Verk&#228;uferinnen im   Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Die Streikversamlung war der Auftakt f&#252;r   einen einw&#246;chigen Streik, mit dem der ver.di-Bezirk Stuttgart neue   Ma&#223;st&#228;be in diesem Tarifkonflikt setzte. F&#252;r die Besch&#228;ftigten von H&amp;M   war dies der Anfang ihrer zehnten Streikwoche. F&#252;r andere Belegschaften   war es das erste mal, dass sie eine Woche durchstreikten, auch wenn ihre   Chefs es nicht glauben wollten: &#8222;Sp&#228;testens am Donnerstag kommt ihr   wieder zur&#252;ck&#8220;.<\/p>\n<p>  T&#228;glich haben 800 Besch&#228;ftigte bei Kaufhof, Karstadt, Kaufland,   Handelshof, H&amp;M, Real, Schlecker, Zara, in insgesamt 35 L&#228;den die Arbeit   niedergelegt. Am Samstag stieg die Zahl der Streikenden sogar noch mal   an. Es ist die v&#246;llig unnachgiebige Haltung der Arbeitgeber verbunden   mit einer entschlossenen Streikf&#252;hrung in Stuttgart, die die   Kampfbereitschaft im Einzelhandel auf ein bisher nicht gekanntes Ma&#223;   brachte. Und das darf keine Ausnahme bleiben, weder in Stuttgart noch   bundesweit, sonst endet dieser Streik in einer Niederlage.<\/p>\n<p>  Obwohl sich bundesweit seit Sommer letzten Jahres mehr als 150.000   Verk&#228;uferinnen an ein- und mehrt&#228;gigen Streiks beteiligten und erstmals   sogar das Weihnachtsgesch&#228;ft bestreikt wurde, haben sich die Arbeitgeber   bisher keinen Millimeter bewegt. Sie wollen alle Zuschl&#228;ge streichen und   den Besch&#228;ftigten damit 140 Euro im Monat aus der Tasche ziehen. Der   Hintergrund: die Ausweitung der Laden&#246;ffnungszeiten hat die Kosten aber   nicht die Ums&#228;tze erh&#246;ht. Diese Kostensteigerungen sowie h&#246;here   Renditevorgaben und explodierende Managergeh&#228;lter sollen bei den   Verk&#228;uferinnen reingeholt werden. Werner Wild, ver.di-Verhandlungsf&#252;hrer   in Baden W&#252;rttemberg erkl&#228;rte immer wieder bei Kundgebungen, dass die   Arbeitgeber alle Besch&#228;ftigten im Einzelhandel da hin kriegen wollen, wo   sie die Tengelmann-Gruppe bei bei Kik und Takko bereits hat: F&#252;nf Euro   Stundenlohn, unbezahlte &#220;berstunden, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld.<\/p>\n<p>  &#8222;Wir sehen nicht ein, dass der Metro-Chef Cordes mit vier bis f&#252;nf   Millionen nach Hause geht, und die Besch&#228;ftigten noch nicht mal einen   Mindestlohn von 1.500 Euro kriegen sollen&#8220;, so ver.di-Gesch&#228;ftsf&#252;hrer   Bernd Riexinger bei einer Streikkundgebung.<\/p>\n<p>  &#8222;Arm trotz Arbeit&#8220; mit diesem Satz brachten die streikenden   Verk&#228;uferinnen ihre Situation auf den Punkt.<\/p>\n<p>  Wie bereits der Streik im &#246;ffentlichen Dienst 2006 war der einw&#246;chige   Streik in Stuttgart ein aktiver Streik. Neben den t&#228;glichen   Streikversammlungen im Gewerkschaftshaus gab es am Montag eine laute   Demonstration durch die Innenstadt, am Donnerstag eine Kundgebung von   400 Kolleginnen vor der Kaufhof-Filiale in Bad Cannstatt und am Freitag   vor Karstadt auf der K&#246;nigstra&#223;e. Um den Streik auf die Beine zu stellen   kehrten sogar einige streikerprobte pensionierte Funktion&#228;re von ver.di   und der IG Metall, wie Sybille und J&#252;rgen Stamm, eine Woche aus dem   Ruhestand zur&#252;ck vor die Betriebe. Ohne Unterst&#252;tzung von Ehrenamtlichen   sind die auf der unteren Ebene ausged&#252;nnten ver.di-Apparate v&#246;llig   &#252;berfordert den Streik im Einzelhandel effektiv zu organisieren. Nachdem   die Initialz&#252;ndung gelungen war, bekamen die Streikenden von Tag zu Tag   mehr Selbstbewusstsein und organisierten ihren Streik zunehmend selbst.   Junge Verk&#228;uferinnen und Verk&#228;ufer griffen selbstbewusst zum Megaphon   und heizten mit Kampfparolen, Sprechch&#246;ren und Streikliedern die   Stimmung an. &#8222;Zicke, zacke, zicke, zacke, Streik, Streik, Streik&#8220; oder   &#8222;eins, zwei ver.di kommt vorbei &#8211; drei, vier, wir stehen vor der T&#252;r &#8211;   f&#252;nf, sechs gebt her Eure Schecks &#8211; sieben, acht, wir machen heute Krach   &#8211; neun, zehn wir werden hier nicht gehen&#8220; t&#246;nte es immer wieder auf   Streikversammlungen und Kundgebungen vor Kaufh&#228;usern. Auffallend war   auch die gro&#223;e Zahl selbstgemachter Sandwiches mit Aussagen wie: &#8222;Hilfe   ich kann meine Familie nicht mehr ern&#228;hren mit 1.000 Euro&#8220;; &#8222;Immer mehr   l&#228;cheln f&#252;r immer weniger Geld&#8220;; &#8222;H&amp;M &#8211; heuchlersich und machtgeil&#8220;,   oder &#8222;Es stinkt &#8211; Millionen f&#252;r die Vorst&#228;nde, Hungerl&#246;hne f&#252;r die   Verk&#228;ufer &#8220;. Auch ihren Unmut &#252;ber die verl&#228;ngerten Laden&#246;ffnungszeiten   brachten die Verk&#228;uferinnen immer wieder zum Ausdruck.<\/p>\n<p>  Trotz der guten Streikbeteiligung wurde der Streik in seiner Wirkung   stark untergraben, weil die Arbeitgeber Aushilfs- und LeiharbeiterInnen   als Streikbrecher einsetzten. Deshalb entwickelte die F&#252;hrung des   ver.di-Bezirks Stuttgart zusammen mit dem Zukunftsforum Stuttgarter   Gewerkschaften den Plan einer Unterst&#252;tzungsaktion f&#252;r den Samstag. Am   Ende mobilisierte ver.di, das Zukunftsforum, die &#8222;alternative&#8220; von   Daimler, die Linke, SAV, DIDF und andere f&#252;r eine aufsehenerregende   Protestaktion auf der Einkaufsmeile K&#246;nigstresse, an der sich &#252;ber 1.000   Kolleginnen und Kollegen beteiligten. Nach einer Auftaktkundgebung auf   dem Schlossplatz wurde eine Menschenkette entlang der Kaufh&#228;user auf der   Einkaufsmeile K&#246;nigstra&#223;e gebildet. Kollegen vom Klinikum, vom Jugend-   und Tiefbauamt, der Telekom, von Daimler Mettingen und Mahle standen in   einer geschlossenen Reihe mit den streikenden Verk&#228;uferInnen.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Menschenkette gab es keine Genehmigung. Doch wie Bernd Riexinger   bei der Streikversammlung zuvor erkl&#228;rte, k&#246;nne uns niemand verbieten   auf die K&#246;nigstra&#223;e zu gehen und uns die Hand zu reichen. &#8222;Alle Leute   auf der K&#246;nigstra&#223;e sollen sehen, was die Arbeitgeber mit ihren   Besch&#228;ftigten machen. Sie sollen aber auch sehen, wie sich Besch&#228;ftigte   dagegen zur Wehr setzen.&#8220; Nach einer Abschlusskundgebung wurde eine   weitere Kundgebung mit mehreren hundert Teilnehmern vor dem Kaufhaus und   gleichzeitig eine Flashmobaktion im Kaufhof veranstaltet. Um die hundert   Gewerkschafter organisierten Chaos im Kaufhof: produzierten Chaos in   verschiedenen Abteilungen, Schlangen an den Kassen, blockierten   Umkleidekabinen, l&#246;sten Alarmsignale aus, brachten Rolltreppen zum   Stillstand und pfiffen zu einer verabredeten Uhrzeit auf Trillerpfeifen.   Die Stuttgarter Zeitung titelte in ihrer Sonntagsausgabe &#8222;Streik   verdirbt Kauflaune&#8220;.<\/p>\n<p>  Der Tag hat vor allem gezeigt, dass ver.di fachbereichs&#252;bergreifend   mobilisieren und die Gewerkschaftslinke eine aktive Rolle in der   Bewegung spielen kann. Im Kontrast steht dazu, die Haltung von   Funktion&#228;ren wie dem DGB-Vorsitzenden der Region Stuttgart, Wolfgang   Brach und des IG-Metall-Bevollm&#228;chtigten Uwe Meinhardt, die den   Streikenden in der Streikwoche die solidarische Unterst&#252;tzung ihrer   Organisationen zusicherten, ihren Worten aber keine Taten folgen lassen.   H&#228;tten IG Metall und der gesamte DGB f&#252;r die Samstagsaktion mobilisiert,   h&#228;tten sich mit Sicherheit einige tausend mehr beteiligt.<\/p>\n<p>  Bleibt zu hoffen, dass die Streikwoche in Stuttgart als Signal gewertet   wird, was machbar ist und bundesweit Nachahmung findet.<\/p>\n<p>  Die beste Unterst&#252;tzung f&#252;r die Besch&#228;ftigten im Einzelhandel, w&#228;re ein   baldiger Streik im &#246;ffentlichen Dienst. Wenn keine Stra&#223;enbahnen mehr   fahren, kommen die Leute nicht mehr in die Innenst&#228;dte zum Einkaufen.   Bislang ist es noch typisch f&#252;r ver.di, dass K&#228;mpfe nicht geb&#252;ndelt   werden. In der Stuttgarter Einzelhandelsstreikwoche streikte in Berlin   die BVG, aber nicht der Einzelhandel. Diese Verzettelungsstrategie muss   von unten aufgebrochen werden. Auch hier wird Stuttgart am 22.2. ein   Signal setzen. Das Konzept von unterschiedlichen Warnstreiks der   verschiedenen Betriebe im &#246;ffentlichen Dienst wurde hier einhellig   abgelehnt. Es soll einen gemeinsamen Paukenschlag im gesamten   &#246;ffentlichen Dienst geben und dar&#252;ber hinaus alle anderen   ver.di-Bereiche, die au&#223;erhalb der Friedenspflicht sind, rausgeholt   werden. Die Verk&#228;uferInnen sind mit Sicherheit wieder dabei. Denn ein   Nachgeben der Arbeitgeber in den n&#228;chsten Wochen ist nicht in Sicht.<\/p>\n<\/p>\n<h5>  dokumentiert: Bericht des Zukunftsforums &#252;ber die Flashmobaktion:<\/h5>\n<h3>  Streikaktionen Einzelhandel Stuttgart: Menschenkette und Flash Mob<\/h3>\n<p>  Am 2. Februar begannen die Streikaktionen im Einzelhandel in Stuttgart   gegen 12.00 Uhr mit einer Menschenkette. &#220;ber 1000 Menschen waren durch   rote und wei&#223;e B&#228;nder entlang der gesamten 1,3 km langen K&#246;nigstra&#223;e vom   Bahnhof bis zu dem neuen Streikbetrieb &#8222;Zara&#8220; miteinander verbunden &#8211;   GewerkschafterInnen vom Einzelhandel, vom &#214;ffentlichen Dienst, aus der   Metallbranche &#8230;, junge AktivistInnen aus den Sozial- und   antifaschistischen Bewegungen und viele andere.<\/p>\n<p>  Die anschlie&#223;ende Kundgebung auf dem Schlossplatz war gepr&#228;gt von der   neuen Streikkultur der vorwiegend jungen Belegschaften der   Einzelhandelsbetriebe: kreativ, fetzig, k&#228;mpferisch, phantasievoll,   lebenslustig, voll Schwung und Elan &#8211; mit selbst gedichteten   Streikliedern, Sprechch&#246;ren, umgedichteten Songs &#8230; .<\/p>\n<p>  Gemeinsam zogen wir zum bestreikten Kaufhof &#8211; dort gab es dann 2   Aktionen: eine vor dem Kaufhof &#8211; laut und bunt &#8211; wie die Kundgebung, um   die KundInnen am reingehen zu hindern. Und im Kaufhof fanden mehrere   Flash Mob-Aktionen mit fast 100 Streikunterst&#252;tzern statt. Die   Schuhabteilung war danach nur noch Chaos, kaum begehbar, und es wird   sicher noch lange dauern, bis alle passenden Schuhmodelle und   Schuhgr&#246;&#223;en wieder richtig sortiert sind. Verk&#228;uferInnen wurden von den   Flashmobbern voll besch&#228;ftigt, so dass &#8222;echte&#8220; KundInnen keine Chance   hatten. An den Kassen gab es meterlange Schlangen &#8211; die Geldscheine   waren gro&#223;, die Gespr&#228;che lang, die Sucherei nach dem Geldbeutel   dauerte, die Umtauschrate war extrem hoch &#8211; schlie&#223;lich wollten wir doch   keine &#8222;Weltmeisterh&#252;te&#8220; mit nach Hause nehmen. In der Mantelabteilung   waren die Lederjacken (so ab 300 Euro aufw&#228;rts) die Begehrtesten, alle   wollten sie anprobieren &#8211; und nicht nur eine. Ein Dutzend mussten es   schon mindestens sein. Die Sicherheits&#252;berwachung piepte un&#252;berh&#246;rbar   durch die gesamte Abteilung. Die Umkleidekabinen in der Hemdenabteilung   waren auch blockiert, schlie&#223;lich mussten die sauber mit Nadeln   zusammengesteckten Hemden sorgsam entnadelt und auseinandergefaltet   werden und in den Kabinen kunstvoll angeordnet werden. Das dauert und   die Schlangen wurden auch dort immer l&#228;nger.<\/p>\n<p>  Das Personal wurde in diesen Abteilungen zusammengezogen, so dass in den   anderen Abteilungen jede\/r sich frei entfalten und seiner Kreativit&#228;t   freien Lauf lassen konnte.<\/p>\n<p>  Der kr&#246;nende Abschluss war dann ein gemeinsam verabredeter Abgang &#252;ber   die Rolltreppen &#8211; begleitet von einem gellenden Trillerpfeifenkonzert   (die verdi-Pfeifen haben daf&#252;r einfach die richtige Tonlage). Der   Kaufhof dr&#246;hnte von oben bis unten. Der Empfang der FlashmobberInnen am   Ausgang durch den Beifall der Streikenden machte deutlich, dass dies   eine erfolgreiche Streikunterst&#252;tzungsaktion war. Alle waren von der   Aktion begeistert, sie hat viel Spa&#223; gemacht und wird die n&#228;chsten   Wochen sicher &#246;fter wiederholt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bericht vom einw&#246;chigen Streik im Einzelhandel in Stuttgart\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12512"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12512"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12512\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}