{"id":12507,"date":"2008-02-09T00:00:00","date_gmt":"2008-02-08T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12507"},"modified":"2012-07-18T15:39:20","modified_gmt":"2012-07-18T13:39:20","slug":"12507","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/02\/12507\/","title":{"rendered":"Sozialismus: Die Weisheit der Masse"},"content":{"rendered":"<p>  R&#228;tedemokratie statt Diktatur des Kapitals<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>1906 besuchte Francis Galton, ein britischer Naturforscher, die   j&#228;hrliche westenglische Nutztiermesse, bei der ein   Ochsen-Gewicht-Sch&#228;tz-Wettbewerb veranstaltet wurde. Insgesamt 787   Personen, sowohl Laien als auch &#8222;Experten&#8220; nahmen daran teil und gaben   einen Tipp ab. Galton entschloss sich zu einem Experiment, um die   angebliche Dummheit der Masse zu beweisen: Er wertete die fast 800   Sch&#228;tzungen statistisch aus. Der Mittelwert aller Sch&#228;tzungen (1.197   Pfund) kam dem tats&#228;chlichen Gewicht des Ochsen (1.207 Pfund)   beeindruckend nahe. Galtons Versuch, die Dummheit der Masse auf diese   Art zu beweisen, war gescheitert.<\/b><\/p>\n<h4>  <b>Die Tatsache, dass eine Gruppe von Menschen schlauer ist als   Einzelne, ist schon vielfach bewiesen worden. Dennoch leben wir in einer   Welt, in der &#8222;Experten&#8220; oder Vorgesetzte in den Betrieben und der   Politik das Sagen haben. Kann das auch anders gehen? Wie k&#246;nnte das   aussehen?<\/b><\/h4>\n<h4>  <i>von Holger Dr&#246;ge, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  &#8222;Der Publikumsjoker bei &#8216;Wer wird Million&#228;r?&#8217; beweist es: In der Gruppe   sind Menschen schlauer als jeder Experte&#8220;, so die S&#252;ddeutsche Zeitung   vom 8. Dezember 2005 dar&#252;ber, dass das Publikum bei G&#252;nther Jauchs   Quiz-Sendung selten daneben liegt. In der Masse entfalte sich kollektive   Intelligenz, schreibt James Surowiecki in seinem Buch &#8222;Die Weisheit der   Vielen&#8220;. Es komme nur darauf an, das Wissen der Massen richtig zu   organisieren.<\/p>\n<h4>  B&#252;rgerliche Demokratie&#8230;<\/h4>\n<p>  Doch wie sieht es heute aus? Bestenfalls d&#252;rfen Menschen in L&#228;ndern wie   Deutschland alle paar Jahre mal ein Kreuz machen. Die eigentlich   wichtigen Entscheidungen fallen in den Chefetagen der Konzerne und   Banken. Treffend hat Karl Marx die b&#252;rgerliche Demokratie verurteilt, in   der es nur erlaubt sei, &#8222;einmal in drei oder sechs Jahren zu   entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk im   Parlament ver- und zertreten soll&#8220; (&#8222;Der B&#252;rgerkrieg in Frankreich&#8220;).<\/p>\n<h4>  &#8230;und Diktatur in den Betrieben<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend bei Wahlen zumindest so getan wird, als k&#246;nne man wirklich was   entscheiden, so wird in den Betrieben selbst dieser Anschein   weggelassen. Hierarchien pr&#228;gen das Bild, Entscheidungen treffen   letztlich nur ganz wenige: Die Eigent&#252;mer der Betriebe. Immer wieder mal   d&#252;rfen sich Mitarbeiter zwar an Ideenwettbewerben beteiligen. Das dr&#252;ckt   aus, dass auch die Chefs auf das Fachwissen ihrer Besch&#228;ftigten nicht   verzichten k&#246;nnen. Aber wenn ihnen die Vorschl&#228;ge nicht passen, lassen   sie diese fallen.<\/p>\n<p>  Richard M&#252;ller, 1918 Vorsitzender der Arbeiter- und Soldatenr&#228;te in   Berlin, beschrieb die Verh&#228;ltnisse im Kapitalismus so: &#8222;Kann man von   Freiheit reden, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft dem Unternehmer   verkaufen muss, wenn der Besitzende den Besitzlosen ausbeutet? Erweist   sich die Idee der Demokratie nicht als ein Betrug, wenn die Gleichheit   vor dem Gesetz bestenfalls zur Freiheit der Beherrschung und der   Ausbeutung der werkt&#228;tigen Bev&#246;lkerung durch den Kapitalismus wird? Wird   nicht die Freiheit im kapitalistischen Staatswesen zur Freiheit des   Verhungerns, und die Br&#252;derlichkeit zur Heuchelei, zur schmachvollen   Wohlt&#228;tigkeitsprotzerei?&#8220;<\/p>\n<h4>  R&#228;tegesellschaft als Alternative<\/h4>\n<p>  Im b&#252;rgerlichen Staat bleibt die Demokratie beschr&#228;nkt, ist in der   Praxis Diktatur, Herrschaft der Banken und Konzerne. Wir stimmen mit   Surowiecki &#252;berein, dass es darauf ankommt, &#8222;die Exzellenz der Menge&#8220;,   wie er es nennt, auch f&#252;r den Alltag tauglich zu machen. Revolution&#228;re   SozialistInnen setzen daher der b&#252;rgerlichen Demokratie das R&#228;tesystem   entgegen.<\/p>\n<p>  Immer wieder baute die Arbeiterklasse in ihren K&#228;mpfen eigene Organe   auf: ob mit der Pariser Kommune 1871 oder mit den R&#228;ten in den   Russischen Revolutionen 1905 und 1917, 1918 in Deutschland oder auch in   der Ungarischen Revolution 1956. Die Bezeichnungen k&#246;nnen verschieden   sein, Funktion und Aufgaben sind die gleichen.<\/p>\n<p>  Es ist kein Zufall, dass sich in revolution&#228;ren Situationen immer wieder   spontan Arbeiterr&#228;te gebildet haben. Die Grundlage der Gesellschaft ist   die Wirtschaft. Dort sind es wiederum die Besch&#228;ftigten, die alle G&#252;ter   und Dienstleistungen erzeugen. Die Besch&#228;ftigten kommen in den Betrieben   zusammen, arbeiten gemeinsam, kennen sich, sprechen miteinander. Die   erwerbst&#228;tige Bev&#246;lkerung verbringt einen gro&#223;en Teil ihrer Zeit   gemeinsam am Arbeitsplatz. Ebenso die Sch&#252;lerInnen in der Schule, die   Studierenden an der Uni. Deshalb liegt es nahe, dass man die wichtigen   Entscheidungen auf Versammlungen in den Betrieben, Schulen und   Hochschulen diskutiert und beschlie&#223;t. F&#252;r die t&#228;gliche organisatorische   Arbeit werden aus diesen Reihen VertreterInnen gew&#228;hlt. F&#252;r die stadt-   und landesweiten Gremien werden Delegierte gew&#228;hlt. So sind die ersten   R&#228;te entstanden.<\/p>\n<p>  Durch die demokratische Mitwirkung jedes Mitglieds der Gesellschaft kann   die sch&#246;pferische Energie der Individuen erstmals voll zum Zug kommen.   Bereits heute gibt es Millionen Menschen, die ehrenamtlich t&#228;tig sind in   Gewerkschaften, B&#252;rgerinitiativen, Selbsthilfeorganisationen,   Hilfsorganisationen, Sportvereinen. Im Sozialismus wird es noch viel   weniger ein Problem sein, engagierte und verantwortungsvolle Leute zu   finden, die f&#252;r einen durchschnittlichen Lohn und w&#228;hrend ihrer   Arbeitszeit die Gesellschaft verwalten.<\/p>\n<p>  Wenn die Besch&#228;ftigten im Betrieb oder die BewohnerInnen eines   Stadtteils zum Schluss kommen, dass gew&#228;hlte VertreterInnen ihre Aufgabe   schlecht erledigen, k&#246;nnen sie jederzeit abgew&#228;hlt und durch andere   Personen ersetzt werden. Niemand erh&#228;lt Privilegien. Keiner einen Posten   auf Lebenszeit.<\/p>\n<p>  Die R&#228;te sind beschlie&#223;ende wie ausf&#252;hrende Organe, die k&#252;nstliche   Trennung in Legislative und Exekutive entf&#228;llt. Ist sie heute doch nur   ein Argument, demokratische Rechte auszuhebeln.<\/p>\n<p>  Die R&#228;tedemokratie beruht auf dem Gemeineigentum an den   Produktionsmitteln und einer demokratisch geplanten Wirtschaft. Damit   ist der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit &#252;berwunden. Im Sozialismus   bestehen die heutigen Gerichte, die heutige Polizei, das heutige Milit&#228;r   &#8211; die alle den Interessen der Kapitalisten dienen &#8211; nicht weiter. Es   sind R&#228;teorgane, die das &#246;ffentliche Leben organisieren.<\/p>\n<p>  Die R&#228;te werden nach Richard M&#252;ller &#8222;zur Grundlage einer neuen   Gesellschaftsordnung. Das R&#228;tesystem wird sich politisch und &#246;konomisch   bet&#228;tigen. Es wird politisch in der &#220;bergangsperiode zur   Herrschaftsorganisation des Proletariats; seine Organe m&#252;ssen die   politische Verwaltung &#252;bernehmen. &#214;konomisch wird es zur Organisation   der Produktion.&#8220;<\/p>\n<h4>  Wie k&#246;nnen R&#228;te organisiert werden?<\/h4>\n<p>  In R&#228;ten vereinigen sich verschiedene Interessen, die der Besch&#228;ftigten   eines Betriebes, die der NutzerInnen und der Gesellschaft als Ganzes.   Alle diese Gruppen haben berechtigte Interessen, die gemeinsam am Besten   zum Tragen kommen. Die Triebkraft der kapitalistischen Produktion ist   der Profit. Um den Bedarf der Gesellschaft k&#252;mmert sich der Kapitalismus   nicht. In vergangenen Ausgaben der Solidarit&#228;t haben wir detailierter   auf die M&#246;glichkeiten hingewiesen, wie eine Planung im Interesse der   Menschen organisiert werden kann. Klar ist: Mit Internet und anderen   modernen Kommunikationstechnologien ist es noch leichter, den Bedarf zu   ermitteln und entsprechend zu produzieren.<\/p>\n<p>  Jeder kennt die Lage in seinem Betrieb, seiner Schule, seinem Stadtteil   am Besten. Wie kann die Arbeit optimal organisiert werden, was soll auf   dem Lehrplan stehen, welcher Spielplatz braucht eine Erneuerung? Um das   zu entscheiden, braucht es keine Vorgesetzten oder abgehobenen   Politiker. Das k&#246;nnen die Menschen vor Ort am Besten entscheiden. Von   daher ist die erste R&#228;testruktur, die es zu bilden gilt, eine, die sich   auf einen Betriebsteil, eine Bildungseinrichtung oder einen Stadtteil   bezieht. Die Menschen in diesen Bereichen w&#228;hlen sich ihre   VertreterInnen aus ihrer Mitte.<\/p>\n<p>  Diese lokalen R&#228;te m&#252;ssen nat&#252;rlich zusammengefasst werden, um   weitergehende Entscheidungen, wie zum Beispiel die Organisation des   Nahverkehrs, zu treffen. Also w&#228;hlen diese R&#228;te VertreterInnen, die sie   zu stadtweiten Versammlungen schicken. Dort kann dann gemeinsam   diskutiert und entschieden werden, welche Stadtteile was f&#252;r eine   Nahverkehrsanbindung brauchen. &#196;hnliches muss landes-, bundesweit und   letztendlich international geschehen.<\/p>\n<p>  Die &#8222;Weisheit der Vielen&#8220; kann aber nur dann erreicht werden, wenn die   tats&#228;chliche Macht in ihren H&#228;nden liegt und nicht in den H&#228;nden einer   Minderheit von Kapitalbesitzern. Und diese &#8222;Weisheit&#8220; wird sich nur   durchsetzen k&#246;nnen, wenn alle Meinungsbildungs- und   Entscheidungsprozesse durch und durch demokratisch sind. In den   stalinistischen L&#228;ndern war zwar der Kapitalismus abgeschafft aber   mangels Demokratie hat sich nicht die &#8222;Weisheit der Vielen&#8220;, sondern die   Beschr&#228;nkheit der B&#252;rokraten durchgesetzt. In einer r&#228;tedemokratischen   Gesellschaft werden dagegen die vielf&#228;ltigen Talente, F&#228;higkeiten und   das immense Wissen aller Menschen endlich auch im Interesse aller   Menschen eingesetzt.<\/p>\n<h4>  <i>Holger Dr&#246;ge ist Mitglied der SAV-Bundesleitung<\/i><\/h4>\n<h4>  <\/h4>\n<h3>  Sowjets in der Russischen Revolution 1905<\/h3>\n<p>  Im Revolutionsjahr 1905 bildete sich in Russland ein neues Zentrum   heraus: die Sowjets. Nicht &#252;ber Nacht. Erst nach Monaten des Kampfes   wurde am 10. Oktober in Petersburg der erste Arbeiterrat gegr&#252;ndet. Dann   schossen R&#228;te fast &#252;berall im Zarenreich wie Pilze aus dem Boden; auch   auf dem Land. Damit entstand eine Doppelherrschaft. Auf der einen Seite   der alte Staatsapparat, Feudalherren, Kapitalisten &#8211; auf der anderen   Seite die Sowjets.<\/p>\n<p>  Die R&#228;tedelegierten wurden direkt am Arbeitsplatz gew&#228;hlt.   Arbeiterparteien und Gewerkschaften durften eigene VertreterInnen   entsenden. Am 15. Oktober kamen zur Sitzung des Petersburger Sowjets   bereits mehrere hundert Delegierte, die von der H&#228;lfte aller   Lohnabh&#228;ngigen in der Hauptstadt gew&#228;hlt worden waren.<\/p>\n<p>  Zun&#228;chst waren diese Sowjets als Kampforgane, als Streikkomitees   gegr&#252;ndet worden. Bald schon gingen aber Post, Telegrafendienste und   Bahnverkehr in die Leitung der Sowjets &#252;ber. Kapitalisten mussten sich   an die Sowjets wenden, wenn sie ein privates Telegramm verschicken   wollten.<\/p>\n<p>  Damals schlug der zaristische Staatsapparat nach zwei Jahren Kampf die   Revolution nieder. Aber diese Ereignisse beinhalten bis heute wichtige   Lehren: R&#228;te entstehen als Kampforgane und k&#246;nnen sich dann in der   Revolution in Organe zur Machtergreifung wandeln &#8211; um schlie&#223;lich den   Ausgangspunkt f&#252;r den Aufbau einer sozialistischen Demokratie zu bilden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      R&#228;tedemokratie statt Diktatur des Kapitals\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[96],"tags":[270,201],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12507"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12507"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12507\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}