{"id":12499,"date":"2008-01-29T02:00:00","date_gmt":"2008-01-29T01:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12499"},"modified":"2012-05-15T15:34:21","modified_gmt":"2012-05-15T13:34:21","slug":"12499","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/01\/12499\/","title":{"rendered":"Pro und Contra: Soll DIE LINKE Ypsilanti tolerieren?"},"content":{"rendered":"<p>  DIE LINKE: Tolerierung von Rot-Gr&#252;n? Warum Fritz Schmalzbauer daf&#252;r und   die SAV dagegen ist.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Nach den hessischen Landtagswahlen haben weder Schwarz-Gelb noch   Rot-Gr&#252;n zusammen eine Mehrheit der Sitze im Parlament.<\/h4>\n<p>  Vor diesem Hintergrund wird in der LINKEN verst&#228;rkt die Frage   diskutiert, ob die Linkspartei SPD und Gr&#252;nen eine Zusammenarbeit   anbieten soll: Entweder als Juniorpartner in einer rot-gr&#252;nen   Landesregierung oder durch die Tolerierung von Rot-Gr&#252;n. Letzteres hatte   die PDS acht Jahre lang in Sachsen-Anhalt praktiziert. Am Tag nach der   Wahl in Hessen wollte Lothar Bisky, Vorsitzender der Linkspartei,   gegen&#252;ber stern.de die Tolerierung einer SPD-gef&#252;hrten Regierung unter   einer Ministerpr&#228;sidentin Andrea Ypsilanti nicht ausschlie&#223;en: &#8222;Was   Tolerierung angeht, das h&#228;ngt von Inhalten ab.&#8220;<\/p>\n<h3>  Pro<\/h3>\n<h4>  Fritz Schmalzbauer, Mitglied im Parteivorstand der Partei Die Linke.<\/h4>\n<p>  Um mit Hessen zu beginnen: Ich halte es f&#252;r schwierig, unseren Kollegen   von der LINKEN vor Ort Ratschl&#228;ge zu erteilen. Wie sie sich gegen&#252;ber   Andrea Ypsilanti verhalten sollen, ist ihre eigene Entscheidung. Die   Position von Ronald Koch ist gl&#252;cklicherweise so geschw&#228;cht, dass er   kaum mehrheitsf&#228;hig sein wird. Auch wenn der Rassismus nicht abgew&#228;hlt   wurde, so ist er doch besch&#228;digt worden. Was unsere Leute betrifft,   werden sie gut daran tun, sich die SPD erstmal genauer anzuschauen. Und   damit meine ich nicht nur Frau Ypsilanti, sondern die SPD in ihrer   Gesamtheit in Hessen und auf Bundesebene. Momentan sieht es nicht danach   aus, als w&#252;rde es die M&#246;glichkeit f&#252;r eine Tolerierung durch DIE LINKE   geben, weil Andrea Ypsilanti dies ausgeschlossen hat. Sollte es dennoch   die M&#246;glichkeit geben, dass wir dazu beitragen k&#246;nnen, Koch zu   verhindern, dann w&#228;re ich in Hessen daf&#252;r, eine solche rot-gr&#252;ne   Koalition politisch zu tolerieren.<\/p>\n<p>  Dazu m&#252;ssten aber folgende Voraussetzungen erf&#252;llt sein: Zum einen   bundespolitische Voraussetzungen &#8211; Die SPD m&#252;sste im Bund ein Zeichen   gegen Hartz IV setzen &#252;ber eine Initiative im Bundesrat. Zudem m&#252;sste   sie andere politische Sozialkahlschl&#228;ge im Bundesrat thematisieren. Die   SPD m&#252;sste von der Agenda 2010 abr&#252;cken. Kurzfristig glaube ich nicht,   dass das wahrscheinlich ist, aber andererseits ist Andrea Ypsilanti   nicht bekannt als gro&#223;e Unterst&#252;tzerin von Hartz IV.<\/p>\n<p>  Zum anderen sollten f&#252;r die hessische Ebene folgende   Mindestvoraussetzungen erf&#252;llt sein:<\/p>\n<p>  1. Keine Privatisierung. Mit uns wird es keine Privatisierungen geben.   Es muss einen Vorrang f&#252;r &#246;ffentliche Einrichtungen geben.<\/p>\n<p>  2. Der Kurs, den Andrea Ypsilanti im Bildungsbereich eingeschlagen hat,   muss konsequent umgesetzt werden &#8211; vom Zugang zur Allgemeinbildung bis   zur beruflichen Bildung. Die SPD hat im Bildungsbereich ein v&#246;llig   anderes Konzept als das, was die CDU verfolgt.<\/p>\n<p>  3. Auf Landesebene m&#252;ssen Mindestl&#246;hne eingef&#252;hrt werden, zum Beispiel   indem keine &#246;ffentlichen Auftr&#228;ge mehr ohne die Einhaltung eines   Mindestlohns vergeben werden. Wir pl&#228;dieren f&#252;r einen Mindestlohn &#252;ber   acht Euro pro Stunde.<\/p>\n<p>  Um dies durchzusetzen, sind starke B&#252;ndnispartner wie die Gewerkschaften   n&#246;tig. Wir entfalten ja nicht einfach nur Kraft, indem wir im Parlament   sitzen. Eine vern&#252;nftige Verankerung in Gewerkschaften und sozialen   Bewegungen als auch in der Friedensbewegung und anderen lokalen   Bewegungen ist notwendig. Ich kenne die Situation in Hessen nicht so   genau, aber mein Eindruck ist, dass unsere Verbindungen in die   Gewerkschaften hinein gut sind.<\/p>\n<p>  Eine sogenannte Tolerierung braucht auch gewisse &#8222;Gewalt&#8220;, zum Beispiel   auch in der Hochschulpolitik: Ist der Hochschulverband in Hessen stark   genug, um unseren Forderungen R&#252;ckendeckung zu verleihen?<\/p>\n<p>  Bei einer m&#246;glichen Tolerierung geht es aus meiner Sicht darum, im   Interesse gro&#223;er Bev&#246;lkerungsschichten M&#246;glichkeiten zu schaffen, um die   Verh&#228;ltnisse zu ver&#228;ndern. Damit meine ich die heutigen Arbeits- und   Bildungsverh&#228;ltnisse, aber auch die Haushaltspolitik. Es geht darum, den   Kapitalismus und das Profitdenken aus diesen Bereichen zur&#252;ck zu   dr&#228;ngen. Regierungskoalitionen halte ich dagegen f&#252;r problematisch.   Trotzdem bin ich der Meinung, dass letztendlich die gew&#228;hlten Leute vor   Ort entscheiden m&#252;ssen. Wir k&#246;nnen denen nichts vorschreiben.<\/p>\n<p>  Noch ein paar Gedanken zu Bayern, wo Anfang M&#228;rz die Kommunalwahlen und   im September die Landtagswahlen stattfinden. Durch den Erfolg der LINKEN   in Niedersachsen wurden die Karten neu gemischt. In einem l&#228;ndlich   konservativ gepr&#228;gten Fl&#228;chenland hat die LINKE einen gro&#223;en Erfolg   erzielt. &#220;bertragen auf Bayern hei&#223;t das, dass ein Einzug nicht v&#246;llig   ausgeschlossen ist. In Bayern w&#252;rde es auf Landesebene auch aus   wahlarithmetischen Gr&#252;nden klar um eine Oppositionsrolle gehen. Aber   auch in Bayern ist ein bestimmtes rebellisches Potenzial vorhanden, was   man links von der SPD b&#252;ndeln kann.<\/p>\n<p>  Im laufenden Kommunalwahlkampf setzen wir auf eigenst&#228;ndige Akzente. Das   trifft zum Beispiel auf den Jugendwahlkampf in M&#252;nchen, aber auch auf   die Stimme, die wir mit Orhan Akman, Gewerkschaftssekret&#228;r bei ver.di,   im M&#252;nchner Stadtrat haben werden. Den Anti-SPD-Wahlkampf von solid   halte ich indes nicht f&#252;r so sinnvoll. Es gibt Punkte, an denen man die   SPD massiv kritisieren muss, aber einen Anti-SPD-Wahlkampf halte ich   nicht f&#252;r besonders zielf&#252;hrend. Wir sollten uns vor allem darauf   konzentrieren, die CSU anzugreifen. N<\/p>\n<h3>  Contra<\/h3>\n<h4>  Georg K&#252;mmel, Mitglied im SAV-Bundesvorstand<\/h4>\n<p>  Laut Langenscheidts W&#246;rterbuch bedeutet &#8222;tolerant&#8220;: &#8222;verst&#228;ndnisvoll,   aufgeschlossen, duldsam, eine andere, abweichende Meinung, Haltung oder   Lebensart akzeptierend&#8220;.<\/p>\n<p>  Im Zusammenhang mit der Haltung der LINKEN gegen&#252;ber einer SPD-Regierung   oder Rot-Gr&#252;n ist schon der Begriff &#8222;Tolerierung&#8220; irref&#252;hrend. Teile der   Linkspartei wollen eine rot-gr&#252;ne Regierung tolerieren, in der Hoffnung,   dass diese ja auch einige positive Ver&#228;nderungen bringen w&#252;rde. Aber   wenn Rot-Gr&#252;n Verbesserungen beabsichtigen sollte, beispielsweise die   Studiengeb&#252;hren wieder abzuschaffen, dann sollte die Linkspartei das   nicht &#8222;duldsam akzeptieren&#8220;, sondern unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Doch warum spricht man dann nicht offen von Unterst&#252;tzung f&#252;r eine   SPD-gef&#252;hrte Regierung? Weil jede und jeder schon vor der Wahl wei&#223;,   dass auch Rot-Gr&#252;n fortfahren wird, die Hartz-Gesetze umzusetzen,   &#246;ffentliches Eigentum zu privatisieren, Geb&#252;hren zu erh&#246;hen,   rassistische Ausl&#228;ndergesetze auszuf&#252;hren, Polizei gegen linke   Demonstranten einzusetzen und so weiter und so fort. Offen zu sagen,   dass DIE LINKE das unterst&#252;tzen wird, geht nat&#252;rlich nicht, es &#8222;duldsam   akzeptieren&#8220; geht aber auch nicht.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich kommt jetzt die altbekannte Argumentation vom vermeintlich   kleineren &#220;bel: Schwarz-Gelb wird f&#252;r 100 Verschlechterungen sorgen,   Rot-Gr&#252;n f&#252;r 80 Verschlechterungen und zehn Verbesserungen, macht 70   gegen 100. Das Argument scheint vielen unschlagbar. Diese einfache   Rechnung w&#252;rde aber nur unter der Voraussetzung stimmen, dass die gro&#223;e   Mehrzahl der Bev&#246;lkerung kein anderes Mittel zur Durchsetzung ihrer   Interessen hat, als die parlamentarischen Stimmen einer Handvoll   Abgeordneter der Linkspartei.<\/p>\n<p>  Doch vom Wahlrecht bis zum Wohngeld musste jede demokratische und   soziale Errungenschaft erk&#228;mpft werden. Das gelang nicht durch   Tolerierung, sondern durch Opposition. In der kurzen Zeit, in der eine   SPD-gef&#252;hrte Regierung jemals Verbesserungen beschlossen hat, Anfang der   siebziger Jahre, geschah dies erstens gest&#252;tzt auf die Mobilisierung der   arbeitenden Bev&#246;lkerung und zweitens vor dem Hintergrund einer   einmaligen, starken wirtschaftlichen Aufschwungphase. Der Charakter der   SPD und die &#246;konomische Weltlage haben sich mittlerweile grundlegend   gewandelt.<\/p>\n<p>  DIE LINKE kann dann etwas erreichen, wenn sie die etablierten Parteien   unter Druck setzt. Dass das m&#246;glich ist, sieht man doch aktuell beim   Thema Mindestlohn. SPD und Gr&#252;ne mussten auch in anderen   sozialpolitischen Fragen Kreide fressen. Erreicht hat DIE LINKE das aber   nicht durch Tolerierung oder Regierungsbeteiligung, sondern als   Opposition, indem sie die Regierungspolitik der SPD attackiert.   Tolerierung von Sozialr&#228;ubern oder eine Regierungsbeteiligung mit ihnen   f&#252;hren im Ergebnis nicht zu einer Politik des kleineren, sondern zum   immer gr&#246;&#223;eren &#220;bel, weil man sich dadurch die M&#246;glichkeit nimmt, die   unsoziale Politik der Regierung grundlegend abzulehnen. SPD und Gr&#252;ne   sind durch die Formierung der LINKEN unter Druck geraten, weil die   Linkspartei deren Sozialabbau-Politik als pure Umverteilungspolitik zu   Gunsten der Reichen kritisiert und entlarvt hat.<\/p>\n<p>  Doch welche Position soll die Linkspartei einnehmen, wenn in Hessen   konkret die Wahl im Parlament zwischen Minsterpr&#228;sident Koch und   Ministerpr&#228;sidentin Ypsilanti ansteht? Die Linkspartei sollte erkl&#228;ren:   Ypsilanti ist nicht bereit, sich mit dem Kapital anzulegen, deshalb wird   sie bei der selben Politik landen wie Koch. Wir wollen aber der Abwahl   von Koch nicht im Wege stehen und stimmen deshalb in der direkten Wahl   f&#252;r Ypsilanti. Aber wir &#252;bernehmen keine Verantwortung f&#252;r das   zuk&#252;nftige Tun von Ypsilanti und ihrer Regierung, sondern werden gegen   jede Verschlechterung stimmen.<\/p>\n<p>  Das Prinzip linker Politik muss lauten: Zustimmung zu konkreten   Verbesserungen &#8211; immer. Als Komplize Schmiere stehen f&#252;r die   Sozialabbau-Verbrechen der Regierungsparteien &#8211; niemals. Das ist der   Weg, mit dem man Druck gegen das Kapital und seine Parteien erzeugt,   Vertrauen bei den abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten und Erwerbslosen schafft und so   eine Massenpartei aufbaut, die die Kraft hat, die Gesellschaft zu   ver&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Mit der kapitalistischen Wirtschaft geht es bergab. Demn&#228;chst   wahrscheinlich sogar wieder steiler und schneller. Dann wird auch eine   SPD-gef&#252;hrte Regierung ihre Sozialabbau-Politik wieder versch&#228;rfen, um   die Profite der Kapitalisten zu sichern. Wer glaubhaft f&#252;r eine   Alternative k&#228;mpfen will, darf weder Sozialabbau noch den Kapitalismus   tolerieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      DIE LINKE: Tolerierung von Rot-Gr&#252;n? 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