{"id":12496,"date":"2008-01-28T00:00:00","date_gmt":"2008-01-28T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12496"},"modified":"2008-01-28T00:00:00","modified_gmt":"2008-01-28T00:00:00","slug":"12496","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/01\/12496\/","title":{"rendered":"Junge Migranten in K&#246;ln-Kalk fordern Respekt und Gerechtigkeit"},"content":{"rendered":"<p>  Etablierte Politiker und Polizei antworten mit Ignoranz, d&#252;steren   Prophezeiungen und Polizeistaats-Man&#246;vern<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Claus Ludwig, K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p align=\"center\">  <small>[<a href=\"\/media\/m\/20080128163255dielinke_saleh_flugi_20080122.pdf\">Flugblatt   der LINKEN<\/a>, <a href=\"\/media\/m\/20080128163307080125PM_Demonstrationen_Kalk.pdf\">Presseerkl&#228;rung   der LINKEN<\/a>]<\/small><\/p>\n<p>  Seit einer Woche demonstrieren jeden Abend mehrere hundert junge   MigrantInnen im K&#246;lner Stadtteil Kalk. Sie fordern &#8222;Gerechtigkeit&#8220;.   Anlass der Proteste &#252;berwiegend arabischer, kurdischer und t&#252;rkischer   Jugendlicher ist der Tod des 17j&#228;hrigen Salih. Er wurde von einem   20j&#228;hrigen Russlanddeutschen auf der Hauptstra&#223;e des Viertels erstochen,   laut Aussagen von Polizei und Staatsanwaltschaft in Notwehr, weil der   junge Marokkaner versuchte ihn auszurauben.<\/p>\n<p>  Die Jugendlichen wollen das nicht akzeptieren. Sie sagen, ihr Freund sei   kein R&#228;uber. Sie werfen Polizei und Staatsanwaltschaft vor, nicht   sorgf&#228;ltig ermittelt zu haben und vorschnell die These &#8222;Raub&#252;berfall &#8211;   Notwehr&#8220; aufgestellt zu haben.<\/p>\n<p>  L&#228;ngst geht es um mehr als die um die Trauer um einen beliebten Freund   und Mitsch&#252;ler. Ein t&#252;rkischer Jugendlicher dr&#252;ckt aus, was viele   denken: &#8222;Salih war nur der Tropfen, der das Fass zum &#220;berlaufen   brachte.&#8220; Die Jugendlichen f&#252;hlen sich an die Wand gedr&#228;ngt. Gerade in   Kalk sieht es d&#252;ster aus mit Ausbildungs- und Arbeitspl&#228;tzen. Immer   wieder werden junge Migranten, vor allem Muslime, als S&#252;ndenb&#246;cke   dargestellt: von der Krise des deutschen Bildungssystems bis zum   Terrorismus, von Jugendkriminalit&#228;t bis Arbeitslosigkeit, ihnen wird   alles in die Schuhe geschoben. Viele Jugendliche beziehen sich auf die   rassistische Kampagne von Roland Koch und sagen, jetzt reicht es.<\/p>\n<p>  Die Forderungen der Bewegung sind noch verschwommen. Die Demonstranten   wollen Gerechtigkeit f&#252;r ihren Freund, endlich auch Respekt von der   Gesellschaft. Viele berichten am offenen Mikrofon &#252;ber Diskriminierung   im Alltag, oft seitens der Polizei.<\/p>\n<p>  Einige bezeichnen den 20j&#228;hrigen, der zugestochen hat, als &#8222;M&#246;rder&#8220; und   wollen ihn im Gef&#228;ngnis sehen. Andere wollen lediglich, dass umfassend   und sorgf&#228;ltig ermittelt wird.<\/p>\n<p>  Eine Strategie, wie sie ihr Anliegen deutlich machen k&#246;nnen, haben sie   noch nicht. Der h&#228;ufigste Ruf auf der Demo ist &#8222;Allahu Akbar&#8220;. Viele   betonen, sie seien keine Fundamentalisten, ab und zu wird auf deutsch   gerufen &#8222;Es gibt nur einen Gott&#8220;, man wolle auch &#8222;Christen, Juden,   Hindus und alle&#8220; ansprechen, sagt ein junger Mann am Megafon. Klar ist   aber: wer heute mit &#8222;Allahu Akbar&#8220; auf den Lippen durch Stra&#223;en einer   deutschen Stadt l&#228;uft, wird Schwierigkeiten haben, sein inhaltliches   Anliegen r&#252;berzubringen. Auch viele Jugendliche wissen das, aber sie   sind hin- und hergerissen, ihre Forderungen einem breiterem Publikum zu   erkl&#228;ren und der Chance, sich endlich als MigrantInnen und Muslime stolz   bekennen zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Linke Flugbl&#228;tter werden gerne genommen, viele junge Leute &#228;u&#223;ern sich   erfreut und zeigen Offenheit und Sympathien f&#252;r linke Positionen. Bei   den Aktionen beteiligen sich nicht nur arabische Jugendliche, auch   T&#252;rkInnen und eine ganze Reihe deutscher Mitsch&#252;lerInnen und Freunde von   Salih sind dabei.<\/p>\n<p>  Die Reaktion der etablierten Parteien und der Stadtverwaltung auf die   Proteste war nicht &#252;berraschend, ist aber dennoch ein Skandal.<\/p>\n<p>  Leute wie der K&#246;lner Oberb&#252;rgermeister Schramma, die bei allen   &#246;ffentlichen Anl&#228;ssen mit einem Glas K&#246;lsch in der Hand in die Kamera   grinsen, halten es nicht f&#252;r n&#246;tig, auch nur ein einziges Mal die   trauernden und protestierenden Jugendlichen aufzusuchen und mit ihnen zu   sprechen. Die Stadt schickt stattdessen mehrere Hundertschaften Polizei   nach Kalk, um die Protestierenden vom Rest der Bev&#246;lkerung zu trennen.<\/p>\n<p>  Die b&#252;rgerlichen Politiker reden zwar nicht mit den Jugendlichen, aber   &#252;ber sie. Der CDU-Fraktionschef im Rathaus, Ex-Polizeichef Granitzka,   orakelte: &#8222;Wir sitzen auf einem Pulverfass, es drohen Verh&#228;ltnisse wie   in den Pariser Vorst&#228;dten.&#8220; Er kokettierte wohl damit, das erste   Streichholz &#252;ber dem Pulverfass zu z&#252;nden und so Roland Koch im   Wahlkampf-Endspurt zu helfen. Auch die Krawall-Medien wie &#8222;Express&#8220;,   BILD und RTL versuchen, sich selbst erf&#252;llende Prophezeiungen in die   Welt zu setzen, reden von &#8222;Pariser Verh&#228;ltnissen&#8220; und vom &#8222;Brennpunkt   Kalk&#8220;. Der seri&#246;se WDR lie&#223; sich nicht lumpen und fragte einen   Jugendlichen: &#8222;Und &#8211; brennt Kalk heute Nacht?&#8220;.<\/p>\n<p>  Am Freitag, den 25.1.08, f&#252;hrte die Polizei in Kalk eine Aktion durch,   die man schlicht als Polizeistaats-&#220;bung mit rassistischer Selektion   bezeichnen muss. Alle Zufahrtsstra&#223;en in den Stadtteil wurden mit   Kontrollen versehen. Alle nichtdeutsch aussehenden Fu&#223;g&#228;ngerInnen und   AutofahrerInnen wurden angehalten und kontrolliert. Als   AntifaschistInnen sich &#252;ber die polizeiliche Ma&#223;nahme beschwerten, sagte   ein Polizist: &#8222;Ich kann best&#228;tigten: Blonde kontrollieren wir nicht.&#8220; Es   waren mehrere Hundertschaften aus verschiedenen St&#228;dten   Nordrhein-Westfalens im Einsatz.<\/p>\n<p>  Die Kundgebung f&#252;r Salih wurde durch eine vierfach gestaffelte Kette von   Polizisten von der Haupstra&#223;es des Viertels ferngehalten. Ein Demo-Zug   durch die Nebenstra&#223;e wurde mit einem Wanderkessel und Video-Teams von   allen Seiten begleitet. Ein Redner meinte: &#8222;Hier sind &#252;berwiegend   Jugendliche und Familien mit Kindern und sie behandeln uns wie   Fu&#223;ball-Hooligans.&#8220;<\/p>\n<p>  Wie sich diese Bewegung entwickeln wird, ist vollkommen offen.   Teilnehmende Jugendliche k&#246;nnen sich politisieren und sich aktiv an   Bewegungen gegen Nazis und Rassismus beteiligen. Es kann aber auch nicht   ausgeschlossen werden, dass islamistische Ideen Anklang finden oder dass   es &#8211; z.B. durch Provokationen seitens Polizei und Politik &#8211; zu einer   Eskalation kommt.<\/p>\n<p>  Bevor aber allwissende deutsche Linke &#252;ber den auf den ersten Blick   nicht politischen Ausl&#246;ser und die &#8222;Allah&#8220;-Rufe die Nase r&#252;mpfen, bleibt   festzuhalten: in K&#246;ln-Kalk gibt es eine neue Form von   Migranten-Bewegung. Die jungen Leute haben spontan und selbstorgansiert   den Weg sozialer Mobilisierung und politischen Protests gew&#228;hlt anstatt   still zu Hause zu trauern und die Ungleichbehandlung zu beklagen. Ihre   Forderungen sind zutiefst demokratisch: Gleichbehandlung und   Gerechtigkeit f&#252;r alle. Diese Bewegung hat &#8211; trotz aller Unklarheiten   und offenem Ausgang &#8211; die Solidarit&#228;t der Linken und der   Arbeiterbewegung verdient.<\/p>\n<p>  Vor allem muss die Linke aufstehen gegen die Polizeistaats-Ma&#223;nahmen und   die Hetze seitens b&#252;rgerlicher Politiker und die Perspektive eines   gemeinsamen Kampfes &#252;ber nationale und religi&#246;se Grenzen hinaus mit den   Jugendlichen diskutieren.<\/p>\n<p>  Die Bewegung mag gr&#246;&#223;ere Kreise ziehen oder einschlafen, weil die   Forderungen nicht zugespitzt werden. Aber die Kalker Jugendlichen haben   Mut bewiesen und eine Marke gesetzt. Andere werden diesem Beispiel   folgen und die Forderungen junger MigrantInnen nach Gleichberechtigung   und Zukunfsperspektiven werden h&#228;ufiger zu h&#246;ren sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Etablierte Politiker und Polizei antworten mit Ignoranz, d&#252;steren<br \/>\n      Prophezeiungen und Polizeistaats-Man&#246;vern\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,5],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12496"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12496"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12496\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12496"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12496"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12496"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}