{"id":12486,"date":"2008-01-12T00:00:00","date_gmt":"2008-01-12T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12486"},"modified":"2008-01-12T00:00:00","modified_gmt":"2008-01-12T00:00:00","slug":"12486","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/01\/12486\/","title":{"rendered":"Interview mit einem chinesischen Sozialisten"},"content":{"rendered":"<p>  Dean Roberts, Journalist von &#8220;The Socialist&#8221; &#8211; der Zeitung der Socialist   Party in Australien &#8211; besuchte China, wo er den 25 j&#228;hrigen Angestellten   und Sozialisten Li Gang aus Shanghai traf.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Li Gang arbeitet f&#252;r die staatliche chinesische Eisenbahngesellschaft.   Das Interview wurde Mitte Dezember 2007 gef&#252;hrt.<\/h4>\n<h5>  Dean Roberts: Kannst du uns &#252;ber die Arbeitsbedingungen f&#252;r Menschen in   China berichten?<\/h5>\n<p>  Li Gang: Die ArbeiterInnen in China k&#246;nnen grob in zwei Gruppen   unterteilt werden. Die erste Gruppe sind jene, die das Gl&#252;ck hatten an   einer Universit&#228;t zugelassen zu werden. Sie bekommen dann   Angestelltenposten in staatlichen Unternehmen. In gro&#223;en St&#228;dten wie   Shanghai oder Peking verdienen Universit&#228;tsabg&#228;ngerInnen ungef&#228;hr 2000   Yuan (188 Euro) im Monat.<\/p>\n<p>  Das Problem ist allerdings, dass viele Universit&#228;tsabg&#228;nger keine Arbeit   bekommen, weil es nirgends genug freie Stellen gibt. In den letzten   Jahren wurden die Arbeitspl&#228;tze in den staatlichen Unternehmen drastisch   gek&#252;rzt und in den Privatfirmen sind die L&#246;hne und Arbeitsbedingungen   deutlich schlechter. In staatlichen Firmen arbeitet man Montags bis   Freitags von acht Uhr Morgens bis f&#252;nf Uhr Nachmittags und erh&#228;lt   au&#223;erdem eine Gesundheitsversicherung und andere Vorteile.<\/p>\n<p>  Die andere Gruppe sind diejenigen, die keinen Studienplatz bekommen   haben oder Menschen die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt   gekommen sind. Diese Gruppe von Menschen arbeitet in Fabriken, auf   Baustellen oder in anderen schlecht bezahlten Bereichen, wie zum   Beispiel im Einzelhandel. Viele arbeiten auch im informellen Sektor. Ihr   Durchschnittslohn liegt bei etwa 1000 Yuan (94 Euro) im Monat. Sie haben   nur etwa vier Tage im Monat frei &#8211; und das auch nur wenn sie Gl&#252;ck haben   &#8211; und arbeiten bis zu zw&#246;lf Stunden am Tag!<\/p>\n<p>  In privaten Unternehmen gibt es keine Gesundheitsversicherung sondern   nur den Lohn. Au&#223;erdem hat man nur etwa vier Tage im Monat frei. Ein   normaler Arbeitstag beginnt um acht Uhr Morgens und endet erst dann,   wenn die Arbeit beendet ist, das hei&#223;t er kann oft bis um neun oder zehn   Uhr in der Nacht dauern.<\/p>\n<p>  Menschen, die vom Land in die Stadt gezogen sind, werden stark   diskriminiert. Wegen &#8218;Hukou&#8217; haben sie weniger Rechte als die, die in   der Stadt geboren sind. &#8218;Hukou&#8217; ist das Gesetz, das bestimmt wo jemand   in China arbeiten darf. Die Menschen werden grob als &#8218;l&#228;ndliche&#8217; oder   &#8218;st&#228;dtische&#8217; ArbeiterInnen definiert. Wenn man vom Land stammt, ist es   praktisch unm&#246;glich eine Anstellung in einem staatlichen Unternehmen zu   bekommen!<\/p>\n<h5>  Dean Roberts: In welchem Zustand sind die chinesischen Gewerkschaften?<\/h5>\n<p>  Li Gang: In China ist die Macht der Gewerkschaften stark eingeschr&#228;nkt,   um es freundlich auszudr&#252;cken. Zum Beispiel sind Streiks gesetzlich   verboten. Im Vergleich zu den meisten anderen Industriel&#228;ndern sind die   Arbeiterrechte in China ein Witz.<\/p>\n<p>  Chinas &#8216;offizielle&#8217; Gewerkschaften sind eigentlich nur der verl&#228;ngerte   Arm des Staates. Sie sind ein Instrument der Kontrolle &#252;ber die   ArbeiterInnen und nicht des Kampfes f&#252;r ihre Rechte. Mir ist bekannt,   dass in Australien die Gewerkschaften mehr damit besch&#228;ftigt sind ihren   Mitgliedern billige Computer oder Kinokarten zu organisieren anstatt die   ArbeiterInnen k&#228;mpferisch zu vertreten. In China wurde das auf ein neues   Niveau gehoben. Die Gewerkschaften hier sind sehr gut darin, Ausfl&#252;ge   ins Museum oder Besichtigungen der Gro&#223;en Mauer zu organisieren, haben   aber keine Ahnung davon, wie man gegen die extreme Ausbeutung der   ArbeiterInnen k&#228;mpfen sollte.<\/p>\n<p>  In meinem Betrieb sitzt der Gewerkschaftssekret&#228;r im selben B&#252;ro wie der   Manager und ist in der Tat auch so etwas &#228;hnliches wie der   stellvertretende Gesch&#228;ftsf&#252;hrer.<\/p>\n<h5>  Dean Roberts: Was sind die Hauptprobleme, die sich den chinesischen   ArbeiterInnen stellen?<\/h5>\n<p>  Li Gang: Ich wei&#223; nicht wo ich anfangen soll! Die Lebenshaltungskosten   f&#252;r die einfachen Menschen sind extrem hoch. Die Wohnungspreise sind wie   die Gesundheitsversicherung eine extreme Belastung f&#252;r einfache   ArbeiterInnen. Glauben Sie mir, in China setzt man alles daran, nicht   krank zu werden! Ein Krankenhausbesuch kann bis zu 500 Yuan (47 Euro)   kosten. Dann muss man auch noch f&#252;r die Medizin extra bezahlen. Die   Korruption wuchert im Gesundheitswesen. Wir haben die Situation, dass   &#196;rzte Schmiergelder von Pharmaunternehmen erhalten und daf&#252;r   unn&#246;tigerweise sehr teure Medikamente verschreiben.<\/p>\n<p>  Bildung in China ist alles andere als kostenfrei. Studiengeb&#252;hren an den   Universit&#228;ten k&#246;nnen bis zu 5000 Yuan (470 Euro) pro Jahr ausmachen.   Wenn man die chinesischen L&#246;hne bedenkt sieht man, dass das f&#252;r die   meisten absolut unerreichbar ist.<\/p>\n<p>  Umweltprobleme betreffen die ArbeiterInnen in China auch immer mehr ganz   direkt. Die Verschmutzung des Wassers und der Luft in den gro&#223;en St&#228;dten   wird immer schlimmer. Es gab bereits mehrere Massenproteste wegen   Umweltfragen, und das wird sich fortsetzen.<\/p>\n<h5>  Dean Roberts: Was brachte dich dazu zum Sozialisten zu werden?<\/h5>\n<p>  Li Gang: In China lernen wir &#252;ber &#8216;Marxismus&#8217; und &#8216;Sozialismus&#8217; in der   Schule. Der Staat erz&#228;hlt uns sogar, wir h&#228;tten Sozialismus in China!   Sie bringen uns nur eine entstellte Form des Marxismus bei, um die   Menschen zu kontrollieren. F&#252;r sie selbst ist der Marxismus nur gut um   zitiert zu werden und nicht als Werkzeug um die Welt zu ver&#228;ndern. Der   Staat ist zufrieden mit uns so lange wir nur die Theorie lernen und sie   nicht in die Praxis umsetzen.<\/p>\n<p>  Die Lehren der Regierung sind nicht der wahre Marxismus und wir haben   auch keinen Sozialismus in China. Mit all der Ungleichheit, die in China   existiert glaubt keiner wirklich, dass wir echten Sozialismus haben. Ich   pers&#246;nlich wollte die wahren Ideen von Marx, Engels, Lenin und Trotzki   lernen um damit die Welt zu ver&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Ich bin w&#252;tend &#252;ber den riesigen Unterschied zwischen arm und reich in   China. Die Ungleichheiten sind unvorstellbar f&#252;r die meisten   ArbeiterInnen in den fortgeschrittenen kapitalistischen L&#228;ndern. Viele   Menschen in China haben kein Geld f&#252;r die grundlegendste   Gesundheitsvorsorge, f&#252;r Bildung oder eine anst&#228;ndige Wohnung. Es muss   einen Weg geben die Gesellschaft besser zu organisieren. Ich will an der   Seite von SozialistInnen in allen L&#228;ndern f&#252;r die Gleichheit der   Menschen in der ganzen Welt k&#228;mpfen.<\/p>\n<h5>  Dean Roberts: Welche Gefahren stellen sich echten SozialistInnen in   China?<\/h5>\n<p>  Li Gang: In China Sozialist zu sein ist eine sehr gef&#228;hrliche Sache. Wir   riskieren Verhaftung, Jahre im Gef&#228;ngnis und sogar den Tod. Es ist   gesetzlich verboten die Regierung zu kritisieren.<\/p>\n<p>  Man muss sich nur die Ereignisse von 1989 ansehen um zu erkennen wie die   Regierung mit Widerspruch umgeht. In dieser Zeit wurden tausende   StudentInnen ermordet &#8211; die wahre Zahl wird wohl nie bekannt werden.   Diese StudentInnen k&#228;mpften gegen die staatliche Korruption und f&#252;r   demokratische Rechte. Einige k&#228;mpften sogar f&#252;r echten Sozialismus.<\/p>\n<h5>  Dean Roberts: Wissen junge Leute heute viel &#252;ber die Proteste von 1989?<\/h5>\n<p>  Li Gang: Nein, die Ereignisse, die 1989 in China statt fanden, und im   besonderen das Massaker am Tianamenplatz in Peking, waren zwar ein   bedeutender Moment der Weltgeschichte, aber die chinesische Regierung   h&#228;tte gerne, dass die Menschen glauben, es w&#228;re nie passiert. Es ist   normal, dass junge Menschen in China nichts &#252;ber die Proteste wissen.   Wegen der Zensur ist es selbst im Internet extrem schwer, Informationen   &#252;ber die Ereignisse zu finden. Das Ganze wurde von der Regierung zu   einem &#8218;verbotenen Thema&#8217; gemacht.<\/p>\n<p>  Wir glauben, dass eine neue Situation, wie die von 1989 unumg&#228;nglich   ist. Man kann nicht f&#252;r immer seine Augen vor der explosiven Situation   in China verschlie&#223;en. Die gegenw&#228;rtige Politik der Regierung   verschlimmert die bestehenden Ungleichheiten nur noch. Wenn sich die   Situation der Weltwirtschaft verschlechtert, werden auch die Spannungen   in der chinesischen Gesellschaft zunehmen.<\/p>\n<p>  Die Aufgabe von SozialistInnen ist es aktiv am Aufbau einer neuen   Arbeiterbewegung teil zu nehmen und die Ideen des Marxismus zu   verbreiten. Wenn sich die Bewegung auf breiterer Basis entwickelt, wird   die Arbeiterklasse in China einmal mehr Geschichte schreiben und die   Grundlage f&#252;r eine sozialistische Welt legen.<\/p>\n<h5>  <i>Links: <a href=\"http:\/\/www.chinaworker.info\">www.chinaworker.info<\/a> <\/i><\/h5>\n<h4>  <i>&#220;bersetzung Sozialistische LinksPartei (CWI-Sektion in &#246;sterreich)<\/i><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Dean Roberts, Journalist von &#8220;The Socialist&#8221; &#8211; der Zeitung der Socialist<br \/>\n      Party in Australien &#8211; besuchte China, wo er den 25 j&#228;hrigen Angestellten<br \/>\n      und Sozialisten Li Gang aus Shanghai traf.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12486"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12486"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12486\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12486"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12486"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}