{"id":12470,"date":"2007-12-30T14:00:00","date_gmt":"2007-12-30T14:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=12470"},"modified":"2007-12-30T14:00:00","modified_gmt":"2007-12-30T14:00:00","slug":"12470","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/12\/12470\/","title":{"rendered":"Musharrafs Putsch von oben"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Khalid Bhatti, Sozialistische Bewegung Pakistan<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b><i>Am 3. November 2007 verh&#228;ngte der zu diesem Zeitpunkt oberste   Befehlshaber des Milit&#228;rs, Pervez Musharraf, den Ausnahmezustand. Der   Diktator hatte sich 1999 in Pakistan, einem Land mit heute 160 Millionen   Menschen, an die Macht geputscht und versucht nun, seine Haut zu retten.   Doch die herrschende Elite Pakistans ist angesichts der sozialen Misere   und der Unm&#246;glichkeit, das Land mit kapitalistischen Mitteln zu   entwickeln, tief gespalten. In der Arbeiterklasse und bei den Armen g&#228;rt   es. Die Solidarit&#228;t sprach mit Khalid Bhatti, Generalsekret&#228;r der   Sozialistischen Bewegung Pakistans, der Schwesterorganistation der SAV.<\/i><\/b><\/p>\n<h4>  Was war Musharrafs Ziel bei der Verk&#252;ndung des Ausnahmezustands?<\/h4>\n<p>  Unmittelbar hatte er Angst vor dem Obersten Gericht des Landes, das   drohte, ihn nicht als gew&#228;hlten Pr&#228;sidenten anzuerkennen. Die relative   Unabh&#228;ngigkeit der Richter &#8211; obwohl sie alle von seinen Gnaden   eingesetzt waren &#8211; lie&#223; genug Spielraum, um die Differenzen innerhalb   der herrschenden Elite sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>  Musharraf ist zwar jetzt Pr&#228;sident und auch der Ausnahmezustand wird   formal wieder aufgehoben, doch Musharrafs Schw&#228;che wurde f&#252;r jeden   sichtbar und er kann sich nur noch mit autorit&#228;rsten Mitteln an der   Macht halten. Hinter ihm steht ein riesiger Milit&#228;rapparat. Ein Drittel   der Schwerindustrie und 15 Prozent der privaten Verm&#246;gen liegen in den   H&#228;nden des Milit&#228;rs.<\/p>\n<p>  Die Unzufriedenheit der arbeitenden und armen Bev&#246;lkerung w&#228;chst und die   Herrschenden streiten darum, wie sie ihre Macht sichern k&#246;nnen. Ein   US-h&#246;riger Fl&#252;gel unter Musharrafs F&#252;hrung konkurriert mit einem   nationalistischen und religi&#246;s-fundamentalistischen gegen die USA   eingestellten Fl&#252;gel.<\/p>\n<p>  Die vom US-Imperialismus verordnete Unterst&#252;tzung f&#252;r den &#8222;Kampf gegen   den Terror&#8220; f&#252;hrte in Pakistan zum glatten Gegenteil: Die Unterst&#252;tzung   f&#252;r Al Qaida und islamistische Fundamentalisten ist weiter gestiegen.   Bei den letzten Wahlen bekamen sie bis zu zehn Prozent der Stimmen. Zu   ihrer St&#228;rkung beigetragen hat auch die St&#252;rmung der Roten Moschee im   Juli, die von rechten islamistischen Kr&#228;ften besetzt gehalten wurde.<\/p>\n<h4>  Welche Rolle spielt die b&#252;rgerliche Opposition?<\/h4>\n<p>  Benazir Bhutto von der so genannten Pakistanischen Volkspartei, der PPP,   bietet keine Alternative f&#252;r die unterdr&#252;ckten Massen: Sie will die   Zusammenarbeit mit den USA fortsetzen und unterst&#252;tzt den &#8222;Kampf gegen   den Terror&#8220;.<\/p>\n<p>  Sollte Bhutto an die Regierung kommen oder ein Abkommen mit Musharraf   schlie&#223;en, so w&#252;rde das die Lage der Massen &#252;berhaupt nicht ver&#228;ndern.   Bhutto ist Teil des Problems und nicht Teil der L&#246;sung.<\/p>\n<h4>  In der Vergangenheit hatte die PPP Massenunterst&#252;tzung. Und heute?<\/h4>\n<p>  Die PPP wurde vor zwanzig Jahren von der Arbeiterklasse und den Armen   noch als ihre Partei angesehen. Trotz radikalem Programm war sie nie   eine Arbeiterpartei, schaffte es jedoch, f&#252;r Millionen ein Bezugspunkt   zu sein.<\/p>\n<p>  Das hat sich grundlegend ge&#228;ndert. 1988 kam Benazir Bhutto an die   Regierung. Schritt f&#252;r Schritt bewies sie sich als Interessensvertretung   der Herrschenden. Nach ihrer zweiten Amtszeit, 1997, erntete die PPP   eine verheerende Wahlniederlage. Die ganze Haltung der Massen zur PPP   hat sich in dieser Zeit fundamental gewandelt.<\/p>\n<p>  Das hei&#223;t nicht, dass angesichts des Fehlens einer starken Alternative   die PPP am Ende w&#228;re. Teile der Armen und in geringerem Ausma&#223; auch   Teile der Arbeiterklasse werden &#8211; eventuell bei den Wahlen &#8211; nochmals   Hoffnungen in die PPP sch&#246;pfen. Doch das wird nicht mehr so weit gehen   wie in den achtziger Jahren. Der kapitalistische Charakter dieser Partei   ist zu offensichtlich.<\/p>\n<p>  Bhutto simuliert Opposition &#8211; w&#228;hrend sie gleichzeitig mit Musharraf   hinter den Kulissen verhandelt hat. Sie wei&#223;, dass auch die USA eine   stabile, pro-imperialistische Regierung in Pakistan brauchen und daher   gezwungen sind, gegebenenfalls auf sie zu setzen.<\/p>\n<h4>  Kann die Arbeiterklasse den Entwicklungen ihren Stempel aufdr&#252;cken?<\/h4>\n<p>  Wut und Unzufriedenheit sind enorm. Doch das Problem ist, dass die   Arbeiterklasse und die Armen von allen betrogen wurden und daher Skepsis   &#252;berwiegt. Alle verschiedenen Kr&#228;fte hatten sich einmal als ihre   Interessenvertreter aufgespielt: Das Milit&#228;r behauptete, gegen   Korruption und Machtmissbrauch vorzugehen. Die PPP gab sich radikal und   k&#228;mpferisch.<\/p>\n<p>  Selbstaktivit&#228;t und eigene Organisationen stecken noch in den Anf&#228;ngen.   Deshalb l&#228;sst sich die Kraft der Arbeiterklasse bisher nur erahnen.<\/p>\n<h4>  Welche Folgen hat der Ausnahmezustand f&#252;r die Arbeit der Sozialistischen   Bewegung Pakistan?<\/h4>\n<p>  Nach der Verh&#228;ngung des Ausnahmezustands waren keine Demonstrationen   erlaubt. Die Pressefreiheit wurde massiv eingeschr&#228;nkt. Wir waren   gezwungen, teilweise in den Untergrund zu gehen. Doch wir sind daran   beteiligt, den Protest gegen Musharraf zu organisieren.<\/p>\n<p>  Auch nach der formalen Aufhebung dieser brutalen Notstandsma&#223;nahmen   sollen die Rechte des Milit&#228;rs weiter ausgeweitet und die Willk&#252;r von   Verhaftungen und Milit&#228;rgerichten kaum eingeschr&#228;nkt werden.<\/p>\n<p>  Viele Mitglieder der Sozialistischen Bewegung Pakistan wurden durch das   brutale Vorgehen der Polizei bei den Protesten der letzten Wochen   verletzt. Die Machthaber dachten, dass sie mit Einsch&#252;chterungen   jegliche Opposition mundtot machen k&#246;nnten. Doch faktisch wurde damit   die Schw&#228;che Musharrafs noch offensichtlicher, weil genau das nicht   gelang. Sie haben die Unzufriedenheit der Arbeiterklasse und der   Mittelschichten untersch&#228;tzt. Das Vorgehen der letzten Wochen provoziert   die Arbeiterklasse weiter. Und wenn diese schlie&#223;lich massenhaft   auftritt und streikt, dann wird Musharrafs Regime zusammenbrechen.<\/p>\n<p>  Auch nach den undemokratischen Wahlen im Januar &#8211; wenn sie denn wie   geplant stattfinden &#8211; wird ein autorit&#228;res, angeschlagenes Regime   versuchen, sich an der Macht zu halten.<\/p>\n<h5>  Du bist zudem aktiv in der Trade Union Rights Campaign Pakistan (TURCP),   der Kampagne f&#252;r gewerkschaftliche Rechte Pakistan. Was wird dort getan,   um gegen die Willk&#252;r des Regimes vorzugehen?<\/h5>\n<p>  Wir haben gleich ein Flugblatt gegen den Ausnahmezustand produziert und   f&#252;r Massenaktionen der Arbeiterklasse gegen das Milit&#228;r geworben. Die   ar-beitende Bev&#246;lkerung ist die einzige Kraft, die eine Alternative   erk&#228;mpfen kann. Wir haben uns in den Gewerkschaften f&#252;r eine klare   Positionierung eingesetzt. Mehr und mehr Gewerkschaften treten jetzt   aktiv gegen die Einschr&#228;nkung demokratischer Rechte ein.<\/p>\n<p>  Wir nehmen auch die undemokratischen Regelungen der kommenden Wahlen ins   Visier, zum Beispiel die Einschr&#228;nkungen gegen&#252;ber den Besch&#228;ftigten des   &#214;ffentlichen Dienstes. Sie sollen sich nicht in Parteien organisieren   und nicht als Kandidaten aufgestellt werden d&#252;rfen. Damit soll der   bestorganisierteste Teil der pakistanischen Arbeiterbewegung au&#223;en vor   bleiben.<\/p>\n<p>  Die TURCP hat mittlerweile die Unterst&#252;tzung von 120 Gewerkschaften,   regionale aber auch nationale wie die bei der Telekom, der Post, die der   Bauarbeiter und im Gesundheitsbereich. Wir helfen beim Neuaufbau von   Gewerkschaften ebenso wie bei der juristischen Vertretung von   Gewerkschaften. Wir setzen uns daf&#252;r ein, das politische Bewusstsein der   Aktiven zu heben, um die Entwicklung k&#228;mpferischer Gewerkschaften zu   f&#246;rdern.<\/p>\n<h5>  Hintergrund<\/h5>\n<h4>  <i>Unterst&#252;tzt die TURCP <\/i>    <\/h4>\n<p>  <i>Die Kampagne f&#252;r gewerkschaftliche Rechte Pakistan (Trade Union   Rights Campaign Pakistan &#8211; TURCP) braucht dringend finanzielle   Unterst&#252;tzung. <\/i>    <\/p>\n<p>  <i>Spenden bitte an TURCP <\/i>    <\/p>\n<h5>  <i>PO Box 52135, London E9 5WR oder SAV, Postbank Essen, Konto:   250059-430, BLZ: 36010043, Stichwort: &#8222;TURCP Pakistan&#8220; <\/i>    <\/h5>\n<p>  <i>Weitere Informationen unter <a href=\"http:\/\/www.turcp.org\">www.turcp.org<\/a><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Khalid Bhatti, Sozialistische Bewegung Pakistan\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[200],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12470"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12470"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12470\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}