{"id":12468,"date":"2008-01-05T00:00:01","date_gmt":"2008-01-04T23:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12468"},"modified":"2012-07-02T19:34:41","modified_gmt":"2012-07-02T17:34:41","slug":"12468","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/01\/12468\/","title":{"rendered":"Kurdistan: Aufstieg und Krise der PKK"},"content":{"rendered":"<p>  Ab den sechziger Jahren wuchsen die Organisationen der t&#252;rkischen Linken   sprunghaft. Auch viele junge Kurden, die als Arbeiter oder Studenten in   den Westen kamen, schlossen sich der Bewegung an.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>von Claus Ludwig, K&#246;ln <\/i><\/p>\n<p>  Die Linke, stalinistisch und maoistisch gepr&#228;gt, prangerte in Worten die   Armut im S&#252;dosten und die Diskriminierung der KurdInnen an. Aber sie   befreite sich nie ganz vom Kemalismus, der t&#252;rkisch-nationalistischen   Ideologie des Staatsgr&#252;nders Kemal Atat&#252;rk, und lehnte Forderungen der   KurdInnen nach Autonomie und Selbstbestimmung ab, weil sie die Einheit   des Landes schw&#228;chen w&#252;rden. Die nationale Beschr&#228;nktheit der t&#252;rkischen   Linken f&#252;hrte zur Herausbildung einer eigenst&#228;ndigen kurdischen Linken.<\/p>\n<p>  1978 wurde die PKK gegr&#252;ndet. Sie organisierte in den kurdischen   Gebieten Aktionen gegen Gro&#223;grundbesitzer und vereitelte zum Beispiel in   der Provinz Urfa deren Plan, die Provinz der Kontrolle der   faschistischen MHP zu unterstellen.<\/p>\n<p>  Der Milit&#228;rputsch des 12. September 1980 zerschlug die Linke im Westen   der T&#252;rkei. Als einzige handlungsf&#228;hige Gruppe &#252;berlebte die PKK. Sie   hatte Basen im Nahen Osten und konnte ihre Mitglieder in die   unzug&#228;nglichen Bergregionen Kurdistans zur&#252;ckziehen.<\/p>\n<p>  Gro&#223;e Teile der F&#252;hrung der PKK und anderer kurdischer Organisationen   waren nach dem Putsch im Milit&#228;r-Sondergef&#228;ngnis von Diyarbakir, der   &#8222;H&#246;lle Nr. 5&#8220;, inhaftiert. Unter der Folter und in den Hungerstreiks   starben viele K&#228;mpferInnen. Durch den mutigen Widerstand in den   Gef&#228;ngnissen konnte die PKK ihre politische Autorit&#228;t aufbauen.<\/p>\n<h4>  Guerilla-Krieg<\/h4>\n<p>  Am 15. August 1984 ging die PKK in die Offensive und griff t&#252;rkische   Milit&#228;rposten in den Provinzen Siirt und Hakkari an. Der Staat schlug   mit Wucht zur&#252;ck. Ab 1987 galt in mehreren Provinzen der   Ausnahmezustand. 200.000 Soldaten und 70.000 Polizisten sowie 25.000   kurdische &#8222;Dorfsch&#252;tzer&#8220; wurden gegen die Guerilla und die Bev&#246;lkerung   eingesetzt. &#220;ber 30.000 Menschen starben bisher in dem Krieg.<\/p>\n<p>  Die Armee griff die d&#246;rfliche Infrastruktur an, um die Guerilla zu   isolieren. Bis 1997 wurden 3.100 D&#246;rfer zerst&#246;rt, 370.000 Menschen   obdachlos. Mehrere Millionen flohen in die gr&#246;&#223;eren St&#228;dte wie   Diyarbakir, in die Westt&#252;rkei oder nach Europa.<\/p>\n<p>  Das Vorgehen der Armee als brutale Besatzungsmacht lie&#223; die PKK zu einer   Massenkraft anwachsen. Auf dem H&#246;hepunkt ihres Einflusses hatte sie die   Mehrheit der KurdInnen in der T&#252;rkei und Europa hinter sich. Anfang der   Neunziger demonstrierten in deutschen St&#228;dten Hunderttausende f&#252;r ein   freies Kurdistan.<\/p>\n<p>  1990\/91 war die kurdische Bewegung in der Lage, vom Guerilla-Kampf zum   Massenaufstand in den kurdischen St&#228;dten &#252;berzugehen. Tausende gingen   bei militanten Demonstrationen gegen Armee und Polizei vor. Im Wahlkampf   von Leyla Zana und anderen 1991 wurden riesige Kundgebungen organisiert.<\/p>\n<p>  Doch zu diesem Zeitpunkt kam es zu einem Patt: Die PKK konnte die   t&#252;rkische Armee nicht milit&#228;risch besiegen. Eine Strategie zur   Verbindung mit der t&#252;rkischen Arbeiterklasse existierte nicht. Der Staat   konnte die kurdische Bewegung nicht zerschlagen, aber zwang sie in einen   Abnutzungskrieg.<\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung der PKK um &#8222;Apo&#8220; (Abdullah &#214;calan) reagierte ab Mitte der   Neunziger, indem sie politisch zur&#252;ckruderte und den eigenen kurdischen   Staat und sozialistische Forderungen aufgab beziehungsweise   zur&#252;ckstellte. Sie schlug eine Verhandlungsl&#246;sung vor und erkl&#228;rte   mehrere einseitige Waffenstillst&#228;nde. Der Staat verst&#228;rkte hingegen den   milit&#228;rischen Druck.<\/p>\n<p>  T&#252;rkische Drohungen gegen &#214;calans B&#252;ndnispartner Syrien zwangen ihn   1998, Damaskus zu verlassen. Nach einer mehrmonatigen Odyssee wurde er   schlie&#223;lich in Kenia von einem t&#252;rkischen Kommando entf&#252;hrt und in der   T&#252;rkei zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde sp&#228;ter in lebensl&#228;nglich   umgewandelt.<\/p>\n<p>  Nach &#214;calans Verhaftung kam es zu Massenprotesten, die PKK geriet   allerdings in eine schwere Krise und verlor an Unterst&#252;tzung. Sie   erkl&#228;rte sich bereit, die Waffen niederzulegen, wenn den K&#228;mpferInnen   eine Amnestie gew&#228;hrt w&#252;rde. Der t&#252;rkische Staat verlangte jedoch die   vollst&#228;ndige Kapitulation. Den PKK-Aktiven drohten jahrelange Haft und   Folter. Tausende Bewaffnete blieben daher in den kurdischen Bergen in   der T&#252;rkei und im Nordirak.<\/p>\n<h4>  Repression und Armut<\/h4>\n<p>  Auch unter der AKP-Regierung werden heute Oppositionelle verfolgt,   gefoltert, ermordet. 250.000 Soldaten sind als Besatzungsmacht   stationiert. Die Kasernen von Armee und Polizei an den Ausfallstra&#223;en   der kurdischen St&#228;dte sind Festungen einer Armee im Feindesland.<\/p>\n<p>  Im Alltagsleben ist die Unterdr&#252;ckung gelockert worden. Auf den Stra&#223;en,   in Restaurants und Caf&#233;s wird Kurdisch gesprochen, aus allen   Lautsprechern dr&#246;hnt kurdische Musik. Radio- und TV-Sendungen d&#252;rfen in   begrenztem Umfang senden. Die Botschaft des t&#252;rkischen Staates ist: &#8222;Wir   akzeptieren deine Existenz als Kurde, aber stelle keine politischen   Forderungen!&#8220;<\/p>\n<p>  Die soziale Lage hat sich nicht grundlegend ge&#228;ndert. Der   wirtschaftliche Aufschwung in der T&#252;r-kei nach dem Zusammenbruch 2001   hat auch in den kurdischen Gebieten zu einigen neuen Jobs gef&#252;hrt, aber   die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Weiterhin verlassen Bauern das Land.   W&#228;hrend die Menschen im Gro&#223;raum Istanbul &#252;ber 40 Prozent des Einkommens   der &#8222;alten&#8220; 15 EU-Staaten Westeuropas erreichen, kommen die Bewohner der   kurdischen Region nur auf sieben Prozent. n<\/p>\n<p>  <i>Claus Ludwig ist Mitglied im Rat der Stadt K&#246;ln und stellvertretender   Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE\/Gemeinsam gegen Sozialraub. Er   geh&#246;rt dem Bundesvorstand der SAV an<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ab den sechziger Jahren wuchsen die Organisationen der t&#252;rkischen Linken<br \/>\n      sprunghaft. 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