{"id":12466,"date":"2008-01-05T00:01:00","date_gmt":"2008-01-04T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12466"},"modified":"2012-07-02T19:39:17","modified_gmt":"2012-07-02T17:39:17","slug":"12466","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2008\/01\/12466\/","title":{"rendered":"Welcher Weg zur Befreiung Kurdistans?"},"content":{"rendered":"<p>  Die Kurden sind mit rund 30 Millionen das gr&#246;&#223;te Volk ohne eigenen   Staat. In der T&#252;rkei, Irak, Iran und Syrien wurden und werden ihnen   demokratische und kulturelle Rechte verweigert.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Claus Ludwig, K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p>  Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist nicht nur in der T&#252;rkei, sondern   auch in Deutschland verboten. Die USA geben dem t&#252;rkischen Milit&#228;r   Sch&#252;tzenhilfe bei ihren Attacken auf PKK-Lager im Nordirak. Fakt ist,   dass die PKK von gro&#223;en Teilen vor allem der armen Bev&#246;lkerung   Kurdistans unterst&#252;tzt wird. Sie vertritt berechtigte Forderungen nach   Selbstbestimmung, demokratischen, sozialen und kulturellen Rechten. Als   Marxistinnen und Marxisten sehen wir die Programmatik und die Strategie   der PKK sehr kritisch und lehnen viele ihrer Methoden ab. Wir   verteidigen allerdings das Recht der Kurdinnen und Kurden, einen eigenen   Staat oder Autonomie zu fordern und sich gegen die Angriffe der Armee   zur Wehr zu setzen.<\/p>\n<h4>  Keine isolierte Revolution<\/h4>\n<p>  Feudale Stammespolitiker wie die irakischen Kurden Barzani und Talabani   haben kein Programm, au&#223;er sich selber zu Herrschern Kurdistans zu   machen. Sie haben mit jedem Diktator und Imperialisten schmutzige   Gesch&#228;fte gemacht und die Bev&#246;lkerung immer wieder verraten.   Demgegen&#252;ber organisiert die PKK die &#196;rmsten und Unterdr&#252;ckten, landlose   Bauern, arbeitslose Jugendliche, vermehrt Frauen, die vor Armut, Familie   und patriarchaler Gewalt fliehen.<\/p>\n<p>  Allerdings haben die PKK und ihr F&#252;hrer Abdullah &#214;calan keine Strategie   zur Befreiung Kurdistans. Die PKK ging bei ihrer Gr&#252;ndung 1978 davon   aus, dass Kurdistan eine t&#252;rkische Kolonie sei und in einem auf der   Bauernschaft basierenden Guerilla-Krieg befreit werden m&#252;sse. Nach   dieser nationalen Befreiung k&#246;nnten die sozialen Fragen gel&#246;st werden.   Die PKK bekannte sich zum Sozialismus, sah diesen aber als zweite Stufe   nach der Unabh&#228;ngigkeit.<\/p>\n<p>  Damit wiederholten &#214;calan und die kurdische Bewegung die Fehler, die in   der t&#252;rkischen Linken gemacht wurden. Die radikal klingenden Parolen der   &#252;berwiegend stalinistisch beziehungsweise maoistisch orientierten   t&#252;rkischen Linken und die extreme Betonung des bewaffneten Kampfes   erg&#228;nzten ihre &#8211; letztendlich reformistische &#8211; Etappen-Theorie.<\/p>\n<p>  Anstatt auf die Organisierung und Mobilisierung der Mehrheit der   Arbeiterklasse zu setzen, um per sozialer Revolution den Kapitalismus   abzuschaffen, war man &#252;berzeugt, die Zwischenetappe, eine   &#8222;demokratische, unabh&#228;ngige T&#252;rkei&#8220; auch durch kleine Gruppen von   Guerilla-K&#228;mpfern zu erreichen. Diese sollten die &#8222;Oligarchie&#8220; st&#252;rzen,   nach Ansicht der meisten Gruppen die rein parasit&#228;re Schicht des   Kapitals und der Feudalherren, welche das Land beherrscht.<\/p>\n<p>  F&#252;r Kurdistan ist der Weg zur Unabh&#228;ngigkeit auf kapitalistischer   Grundlage versperrt. Es ist &#246;konomisch und politisch kein Platz f&#252;r   einen neuen Staat in der Region, der die Macht der anderen Staaten   beschneiden w&#252;rde. Der Verlust der kurdischen Gebiete w&#228;re f&#252;r die   herrschende Klasse der T&#252;rkei eine Katastrophe.<\/p>\n<p>  Daher ist die Befreiung Kurdistans untrennbar mit dem Sturz des   Kapitalismus in den unterdr&#252;ckenden L&#228;ndern verbunden. Diese Erkenntnis   m&#252;sste Dreh- und Angelpunkt der kurdischen Bewegung sein. Die Strategie   m&#252;sste dem Ziel untergeordnet sein, das B&#252;ndnis mit den t&#252;rkischen,   arabischen und persischen Massen zu erreichen.<\/p>\n<p>  Die PKK hielt und h&#228;lt es jedoch f&#252;r m&#246;glich, durch den Guerilla-Kampf,   Demonstrationen und Verhandlungs-Initiativen so viel Druck auf den   t&#252;rkischen Staat auszu&#252;ben, dass dieser zu einem R&#252;ckzug beziehungsweise   zu einem Kompromiss zu bewegen sei. Doch weder der Verzicht auf   sozialistische Forderungen und einem eigenen Staat noch Drohungen,   Terroranschl&#228;ge in t&#252;rkischen St&#228;dten zu ver&#252;ben, haben sie diesem Ziel   n&#228;her gebracht.<\/p>\n<h4>  Arbeitereinheit notwendig<\/h4>\n<p>  Auf der Grundlage ihrer falschen Analyse entwickelte die kurdische   Bewegung keine Strategie, die t&#252;rkische Arbeiterklasse zu erreichen.   Milit&#228;risch ist die t&#252;rkische Armee nicht zu besiegen. Die riesige   Wehrpflichtigen-Armee m&#252;sste politisch untergraben werden, um ihre   Kampfkraft zu schw&#228;chen. Doch die Methoden der PKK erlaubten es dem   Staat, eine gro&#223;e Unterst&#252;tzung f&#252;r die Armee zu generieren. Die   get&#246;teten Soldaten werden &#8211; auch von durchaus kritischen T&#252;rken &#8211; als   &#8222;Opfer des Terrorismus&#8220; gesehen.<\/p>\n<p>  Einige Aktionen der PKK haben dabei eine verh&#228;ngnisvolle Rolle gespielt.   Mit terroristischen Angriffen auf Zivilisten zum Beispiel in den   Touristenzentren, mit Drohungen, den Krieg in die Gro&#223;st&#228;dte zu tragen,   und mit der T&#246;tung von jungen Rekruten, die unbewaffnet zu ihren   St&#252;tzpunkten in Kurdistan unterwegs waren, wurden dem t&#252;rkischen Staat   m&#228;chtige Propaganda-Mittel in die Hand gegeben.<\/p>\n<p>  Als Marxistinnen und Marxisten lehnen wir den individuellen Terror ab.   Anschl&#228;ge und isolierte bewaffnete Aktionen kleiner Gruppen spielen den   Nationalisten und dem Staat in die H&#228;nde und blockieren den Weg zur   Einheit der arbeitenden Menschen.<\/p>\n<p>  Die PKK hat ab Mitte der neunziger Jahre die Parolen eines kurdischen   Staates und des Sozialismus fallen lassen und Autonomie innerhalb einer   demokratisierten T&#252;rkei gefordert. Dies hat sie nicht &#8222;beliebter&#8220;   gemacht. Vielmehr hat dies die Isolation von den t&#252;rkischen Massen   verst&#228;rkt, da die PKK zu einer rein kurdischen Partei wurde, die keine   L&#246;sung f&#252;r die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Massen   anbieten kann. Auch die legalen kurdischen Parteien wie die Partei f&#252;r   demokratische Gesellschaft (DTP) werden nicht als Kr&#228;fte gesehen, die   sich f&#252;r die ArbeiterInnen und die Armen einsetzen, sondern als rein   kurdische Gruppen.<\/p>\n<h4>  Schmutzige Deals in Nahost<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend die PKK sich anfangs von den Stammesf&#252;rsten abhob und die   Menschen auf Klassenbasis organisierte, beteiligte sie sich schon bald   an schmutzigen Gesch&#228;ften mit verschiedenen M&#228;chten im Nahen Osten.<\/p>\n<p>  Um unter dem Schutz des syrischen Regimes bleiben zu k&#246;nnen, verzichtete   die PKK auf die Kritik an der Unterdr&#252;ckung der dortigen Kurden. Am Ende   lie&#223; Syrien &#214;calan fallen.<\/p>\n<p>  Mitte der Neunziger verstrickte sich die PKK in die K&#228;mpfe zwischen den   kurdischen Gruppen im Nordirak, verb&#252;ndete sich zeitweise mit Talabanis   Patriotischer Union Kurdistan (PUK), zeitweise mit dem Regime Saddam   Husseins.<\/p>\n<p>  Als die USA 2003 den Irak angriffen, kritisierte die PKK dies nicht. Sie   hoffte, dadurch w&#252;rden sich Spielr&#228;ume im Nordirak er&#246;ffnen. Die   arabischen und t&#252;rkischen Massen sahen den Angriff jedoch als   Verbrechen. Dass die kurdischen F&#252;hrer mit den USA kollaborieren,   vertieft die nationale Spaltung und den Hass in der Region.<\/p>\n<p>  Die PKK ging sogar soweit, eine eigene Truppe f&#252;r den bewaffneten Kampf   in Iranisch-Kurdistan, die PJAK, zu gr&#252;nden und seit 2005 verst&#228;rkt   Anschl&#228;ge auf iranische Truppen durchzuf&#252;hren. Die Partei f&#252;r ein freies   Leben in Kurdistan operiert mit Erlaubnis und m&#246;glicherweise Hilfe der   US-Geheimdienste. Vor die Wahl zwischen PJAK und dem t&#252;rkischen Staat   gestellt ist sicher, dass die USA ihre kleine Aff&#228;re mit der PKK   aufgeben und der T&#252;rkei bei deren Verfolgung helfen.<\/p>\n<p>  Die Befreiung des kurdischen Volkes von nationaler und sozialer   Unterdr&#252;ckung haben diese Man&#246;ver nicht n&#228;her gebracht. Sie haben die   PKK eher zu einer &#8222;normalen&#8220; kurdischen Partei gemacht, die in   wechselnden B&#252;ndnissen mit Despoten und Imperialisten der Illusion   hinterherjagt, dabei wenigstens einmal als Gewinner hervorzugehen.<\/p>\n<h4>  &#214;calans Zickzack<\/h4>\n<p>  Nach seiner Festnahme ist &#214;calan dem t&#252;rkischen Staat sehr weit   entgegengekommen. Statt Autonomie zu fordern, lobte er die T&#252;rkei und   schwor auf deren Einheit. Diese Fast-Kapitulation brachte die Bewegung   an den Rand des Kollapses.<\/p>\n<p>  Doch in den letzten Jahren ist auch &#214;calan wieder offensiver geworden.   Vom Marxismus hat er sich auch verbal verabschiedet, aber er vertritt   eine Mischung aus utopischem Sozialismus, geschichtlich basierten   Mesopotamien-Kult und feministischen Parolen. Die Frage einer   grundlegend anderen Gesellschaft wird von &#214;calan und der PKK wieder   deutlicher gestellt und scheint erneut Anziehungskraft auf die   unterdr&#252;ckten Menschen auszu&#252;ben.<\/p>\n<h4>  Sozialistische Perspektive f&#252;r Nahost<\/h4>\n<p>  Wenn es gelingt, den kurdischen Kampf zu verbinden mit dem Leben der   ArbeiterInnen, Bauern und Jugendlichen in der T&#252;rkei, im Iran, Irak und   Syrien, wenn die Perspektive eines besseren Lebens f&#252;r alle in einem   multiethnischen sozialistischen Nahen Osten aufgestellt wird, wird die   Befreiung der Kurdinnen und Kurden n&#228;her r&#252;cken.<\/p>\n<p>  Dazu braucht es eine bewusste Strategie der kurdischen Bewegung und   demokratische Organisationen, um gegen Krieg und Kapitalismus zu   k&#228;mpfen. Der bewaffnete Kampf der Guerilla-Einheiten kann nicht im   Zentrum stehen, sondern sollte lediglich ein Hilfsmittel zur   Selbstverteidigung sein.<\/p>\n<p>  Die SAV und das CWI (Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale) sind f&#252;r   das Recht des kurdischen Volkes, selbst dar&#252;ber zu bestimmen, wie es   leben will. Wir fordern demokratische und kulturelle Rechte f&#252;r alle   ethnischen und religi&#246;sen Gruppen in Nahost.<\/p>\n<p>  Eine echte Befreiung f&#252;r die kurdischen Massen kann es nur geben, wenn   Gro&#223;grundbesitz und Kapitalismus und damit Unterentwicklung und Armut   abgeschafft werden. Wir machen uns daf&#252;r stark, dass der kurdische   Widerstand sich an die Arbeiterklasse und die Armen in der T&#252;rkei und   den anderen Nachbarl&#228;ndern wendet und zum gemeinsamen Kampf gegen Krieg,   Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung aufruft.<\/p>\n<p>  Wir treten f&#252;r ein sozialistisches Kurdistan und eine sozialistische   T&#252;rkei als Teil einer freiwilligen sozialistischen F&#246;deration von   Staaten sowie f&#252;r die internationale Kooperation bei voller Wahrung der   Rechte aller Minderheiten ein.<\/p>\n<p>  <i>Claus Ludwig ist Mitglied im Rat der Stadt K&#246;ln und stellvertretender   Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE\/Gemeinsam gegen Sozialraub. Er   geh&#246;rt dem Bundesvorstand der SAV an<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Kurden sind mit rund 30 Millionen das gr&#246;&#223;te Volk ohne eigenen<br \/>\n      Staat. 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