{"id":12454,"date":"2007-12-25T15:00:44","date_gmt":"2007-12-25T15:00:44","guid":{"rendered":".\/?p=12454"},"modified":"2007-12-25T15:00:44","modified_gmt":"2007-12-25T15:00:44","slug":"12454","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/12\/12454\/","title":{"rendered":"Zukunftsf&#228;higes Modell"},"content":{"rendered":"<p>  Geschichte, Theorie und Praxis: Lucy Redler hat die erste   zusammenh&#228;ngende Chronik &#252;ber den politischen Streik in Deutschland nach   1945 vorgelegt &#8211; zuerst erschienen Junge Welt, 18.12.07<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  von J&#246;rn Boewe<\/p>\n<p>  Politische Streiks, das wei&#223; jedes b&#252;rgerliche Feuilleton, sind in der   Bundesrepublik verboten. In Wahrheit ist die Rechtslage so eindeutig   nicht. Durch Gesetz ist die Frage nicht geregelt, oder, wie der   langj&#228;hrige IG-Medien-Vorsitzende Detlef Hensche einmal im Interview mit   der SoZ unterstrich: &#187;Alles das, was den politischen Streik in der   Bundesrepublik einschr&#228;nkt oder f&#252;r illegal erkl&#228;rt, ist nur das Produkt   von Gerichtsentscheidungen.&#171; In ihrem Buch &#252;ber den politischen Streik   in Westdeutschland nach 1945 zeichnet Lucy Redler die Geschichte seiner   Illegalisierung durch das Richterrecht nach. Diese r&#252;hrt von der   Auseinandersetzung um das Betriebsverfassungsgesetz 1952 her. Die   Gewerkschaften lehnten seinerzeit den den Entwurf der Adenauer-Regierung   ab, weil er in wesentlichen Punkten hinter das bis dahin geltende   Kontrollratsgesetz Nr. 22 (Betriebsr&#228;tegesetz) und diverse L&#228;ndergesetze   zur&#252;ckfiel. So wurde der &#246;ffentliche Dienst ausgeklammert, die   Betriebsr&#228;te zur &#187;vertrauensvollen Zusammenarbeit&#171; mit den Unternehmern   verpflichtet und das Mitbestimmungsrecht auf soziale Angelegenheiten   beschr&#228;nkt. Die Protestaktionen, an denen sich mehrere hunderttausend   Arbeiter und Angestellte beteiligten, kulminierten in einem zweit&#228;gigen   Zeitungsstreik Ende Mai. Die Verleger verklagten die Gewerkschaften auf   Schadensersatz. Um der Sache mehr Schlagkraft zu verleihen, wurden   verschiedene Rechtsgutachten ins Feld gef&#252;hrt, wobei den Unternehmern   zwei Juristen zur Seite standen, die sich ihre Sporen unter den Nazis   verdient hatten: der Staatsrechtler Ernst Forthoff (&#187;Der totale Staat&#171;,   1933) und der Arbeitsrechtler Hans Carl Nipperdey (&#187;Die Pflicht des   Gefolgsmannes zur Arbeitsleistung&#171;, 1938), w&#228;hrend die Gewerkschaften   ein eigenes Gutachten bei dem Marxisten Wolfgang Abdendroth in Auftrag   gaben. Nipperdeys These, wonach ein Streik nur zul&#228;ssig wenn &#187;sozial   ad&#228;quat&#171; sei &#8211; setzte sich seinerzeit vor den meisten   Landesarbeitsgerichten durch. Nach dieser, von der herrschenden   Rechtsauffassung bis heute vertretenen Ansicht, darf sich ein Streik nur   gegen Arbeitgeber (oder deren Verb&#228;nde) richten und auf Inhalte   abzielen, die prinzipiell durch einen Tarifvertrag geregelt werden   k&#246;nnen. Jeder andere Ausstand, beispielsweise einer, der den Gesetzgeber   als Adressaten h&#228;tte, gilt danach als &#187;rechtswidriger Eingriff in den   Gewerbebetrieb&#171;, aus dem das bestreikte Unternehmen   Schadensersatzanspr&#252;che ableiten kann. Nipperdey konnte seine These 1958   als vorsitzender Richter des Bundesarbeitsgerichtes im Urteil gegen den   Grundsatz-Streik der IG Metall zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall   umsetzen, als er den Metallunternehmern 38 Millionen DM Schadenersatz   zusprach.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Der 2004 als Diplomarbeit an der Hamburger Universit&#228;t f&#252;r Wirtschaft   und Politik fertiggestellte Text, erscheint jetzt, drei Jahre sp&#228;ter, im   Neuen ISP-Verlag K&#246;ln\/Karlsruhe zur richtigen Zeit. Vor zwei Jahren hat   Oskar Lafontaine die Forderung nach dem &#187;Recht auf Generalstreik&#171; in die   politische Debatte geworfen. Eine konkrete Orientierung im Sinne eines   Aktionsprogramms war das zun&#228;chst nicht. Seitdem hat sich einiges   ver&#228;ndert. Vor allem der Kampf der kleinen, aber durchsetzungsf&#228;higen   und entschlossenen Lokf&#252;hrergewerkschaft hat die versteinerten   Verh&#228;ltnisse zum Tanzen gebracht, sowohl die zwischen Kapital und Arbeit   als auch innerhalb der Arbeiterbewegung selbst. Der als &#187;rein   &#246;konomischer&#171; Ausstand begonnene Kampf bekam, nicht zuletzt dank der von   der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverb&#228;nde sowie von Teilen der   Justiz und der Presse sekundierten Versuche des Bahnvorstandes, das   Streikrecht drastisch einzuschr&#228;nken, sehr schnell eine politische   Dimension.<\/p>\n<\/p>\n<p>  &#220;berhaupt deutet vieles darauf hin, da&#223; Arbeitsk&#228;mpfe, &#246;konomische wie   politische, in den kommenden Jahren in der Bundesrepublik Deutschland an   Bedeutung gewinnen werden. Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, die   Bilanz einer Periode zu ziehen, in der politische Streiks eher die   Ausnahme waren, fast nie &#252;ber reine Demonstrationsstreiks hinausgingen,   nichtsdestotrotz dennoch oft wichtige politische Meilensteine   darstellten: Im November 1948 streikten neun Millionen Arbeiter und   Angestellte in der britisch-amerikanischen Zone gegen W&#228;hrungsreform und   Preisanstieg. 1950\/51 erzwangen IG Metall und IG Bergbau mit der   Androhung eines Ausstands die Einf&#252;hrung der parit&#228;tischen Besetzung der   Aufsichtsr&#228;te in den Unternehmen des Bergbaus und der eisen- und   stahlerzeugenden Industrie (&#187;Montanmitbestimmung&#171;). Mitte der 50er Jahre   gab es Arbeitsniederlegungen gegen die Remilitarisierung und atomare   Bewaffnung der Bundeswehr, 1968 Streiks gegen die Einf&#252;hrung der   Notstandsgesetze. 1986 mobilisierte die IG Metall 250000 Kollegen nach   Bonn, um gegen den &#187;Aussperrungsparagraphen&#171; 116 des   Arbeitsf&#246;rderungsgesetzes zu protestieren.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Redler weist nach, wie die Gewerkschaftsf&#252;hrungen in nahezu all diesen   K&#228;mpfen eine &#228;u&#223;erst z&#246;gerliche, konziliante Haltung an den Tag legten   und dadurch regelm&#228;&#223;ig Chancen verspielten. Es gab immer wieder auch   gewisse klassenk&#228;mpferische Gegentendenzen, selten allerdings politisch   wie organsatorisch auf der H&#246;he der Zeit. Das zieht sich bis in die   j&#252;ngste Vergangenheit. Wenn der neue IG-Metall-Chef Berthold Huber sagt,   die 35-Stunden-Woche f&#252;r die neuen Bundesl&#228;nder k&#246;nne erst dann erk&#228;mpft   werden, wenn die Gewerkschaft &#187;in der Fl&#228;che handlungsf&#228;hig&#171; sei und die   entsprechende Mitgliederzahl habe &#8211; wird verdr&#228;ngt, da&#223; die Schw&#228;che der   Gewerkschaft ja gerade Folge nicht ausgefochtener K&#228;mpfe ist. Wie anders   klang da doch der alte Hasso D&#252;vel, der als IG-Metall-Bezirksleiter in   Berlin, Brandenburg, Sachsen 1993 einen gro&#223;en Streik gewonnen (den um   die Ost-West-Angleichung) und 2003 einen verloren hatte (den f&#252;r die   35-Stunden-Woche im Osten). &#187;Wenn wir alle zusammenstehen, kann uns   keiner was wollen, so einfach ist das&#171;, sagte D&#252;vel seinerzeit dem Autor   dieser Zeilen, &#187;und den Rest macht dann die Dynamik&#171;.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <b>Lucy Redler. Politischer Streik in Deutschland nach 1945. Neuer ISP   Verlag, K&#246;ln\/Karlsruhe 2007, 143 Seiten, 14 Euro<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Geschichte, Theorie und Praxis: Lucy Redler hat die erste<br \/>\n      zusammenh&#228;ngende Chronik &#252;ber den politischen Streik in Deutschland nach<br \/>\n      1945 vorgelegt &#8211; zuerst erschienen Junge Welt, 18.12.07\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12454"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12454"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12454\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}