{"id":12449,"date":"2007-12-06T15:35:06","date_gmt":"2007-12-06T14:35:06","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=12449"},"modified":"2013-03-11T16:35:35","modified_gmt":"2013-03-11T15:35:35","slug":"12449","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/12\/12449\/","title":{"rendered":"Chavez verliert das Referendum &#252;ber Verfassungs&#228;nderungen"},"content":{"rendered":"<p>  Eine sozialistische Alternative ist n&#246;tig<\/p>\n<p>  <i>von Karl Debbaut, cwi, London<\/i><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Das Verfassungsreferendum, zu dem Hugo Chavez in Venezuela am 2.   Dezember aufgerufen hatte, hat leider und tragischerweise in einer   Niederlage geendet. Zum ersten Mal in neun Jahren hat Chavez eine   Wahl\/Abstimmung verloren. Die rechte Opposition wird diesen Sieg f&#252;r   sich beanspruchen. Diese Niederlage f&#252;r Chavez wird die Rechten   ermutigen und st&#228;rken und ist eine Warnung vor der bestehenden Bedrohung   durch die Konterrevolution. 50.7% stimmten gegen die vorgeschlagenen   &#196;nderungen, 49.2% daf&#252;r, w&#228;hrend 44% nicht teilnahmen. Im Vergleich zur   letzten Wahl, den Pr&#228;sidentschaftswahlen vom Dezember 2006, verlor   Chavez 3 Millionen Stimmen und bekam 4 Millionen f&#252;r das &#8222;Ja&#8220;. Dies war   weniger als die Mitgliedschaft der neu gegr&#252;ndeten PSUV, die nach ihren   Angaben gut 5 Million betr&#228;gt! Gleichzeitig gewannen die Rechten 300.000   Stimmen gegen&#252;ber den Wahlen vom Dezember 2006.<\/p>\n<p>  <b>Widerspr&#252;che<\/b><\/p>\n<p>  Dieses Ergebnis ist ein R&#252;ckschlag f&#252;r die venezolanische Regierung und   ihr Projekt eines &#8222;Sozialismus im 21. Jahrhundert&#8220;. Chavez schlug 69   &#196;nderungen der Verfassung vor, die 1999 in einem Referendum angenommen   worden war. Die wichtigsten &#196;nderungen beseitigten die Begrenzung der   Wiederwahl des Pr&#228;sidenten, f&#252;hrten einen Sechsstundentag ein und   schlugen die Anerkennung von ArbeiterInnen- und Stadtteilr&#228;ten vor. Die   neue Verfassung h&#228;tte Venezuela auch in eine &#8222;Sozialistische   Bolivarianische Republik&#8220; umbenannt. Die Gr&#252;nde, die der Niederlage   zugrunde liegen, sind die Widerspr&#252;che und die Schw&#228;che des Programms   und der Methoden, die von der Regierung und der F&#252;hrung der Bewegung   angewandt werden. Trotz wichtiger fortschrittlicher Reformen, die den   &#228;rmsten Teilen der Gesellschaft genutzt haben, bleibt der Kapitalismus   bestehen, zusammen mit den verzweifelten sozialen Problemen und einer   wachsenden B&#252;rokratie.<\/p>\n<p>  Die soziale Lage in Venezuela ist voller Widerspr&#252;che. Die   venezolanische Wirtschaft boomt, wobei die Mittelschicht und die   herrschende Elite am meisten gewinnen. Gleichzeitig haben zwar die von   der Regierung eingef&#252;hrten sozialen Reformen den &#228;rmsten Schichten am   meisten gen&#252;tzt, aber sie waren nicht in der Lage, grundlegend die Armut   oder die Gewalt zu verringern. Die Kluft zwischen Armen und Reichen   blieb bestehen und die Lage in den &#228;rmsten Gebieten von Caracas hat sich   verschlechtert. 2006 hatte Caracas eine Mordrate von 5 pro Tag. Letzten   November wurden im Durchschnitt 11 Menschen pro Tag get&#246;tet, meist in   den &#228;rmsten Stadtteilen. W&#228;hrend die Reichen und Mittelschicht die   neueste Technologie kaufen und in den feinsten Restaurants speisen   k&#246;nnen, leiden die Menschen unter Nahrungsmittelengp&#228;ssen, die von den   gro&#223;en Nahrungsmittelerzeugern und -zwischenh&#228;ndlern erzeugt werden.   J&#252;ngste Umfragen enth&#252;llten, dass 75% der Bev&#246;lkerung unter der   Nahrungsmittelengp&#228;ssen litten. Es ist normal, dass Milch, Reis, Bohnen   und andere Grundnahrungsmitteln in den staatlich unterst&#252;tzten   Superm&#228;rkten nicht verf&#252;gbar sind. Die Regierung war nicht in der Lage,   das Problem zu l&#246;sen. Sie hat keine Ma&#223;nahmen zur Enteignung derjenigen   ergriffen, die die Wirtschaft sabotieren, und um die   Nahrungsmittelproduktion zu planen. Stattdessen hat sie Venezuelas   Abh&#228;ngigkeit von Importen vergr&#246;&#223;ert. Dies hat sich auf die &#246;ffentliche   Meinung ausgewirkt. Letzten Monat ergab eine Umfrage, dass 75% der   VenezolanerInnen dachten, dass die Nahrungsmittelengp&#228;sse von den   Unternehmern als Mittel zur Sabotage der Regierung geschaffen wurden.   Letzte Woche ergab die gleich Umfrage, dass die meisten VenezolanerInnen   der Ineffizienz und Korruption der Regierung die Schuld gaben.   Frustration und Wut &#252;ber die sozialen Bedingungen und wachsende   Regierungsb&#252;rokratie f&#252;hrten zu einer geringen Beteiligung aus den   &#228;rmeren Stadtteilen an dem Referendum. Demgegen&#252;ber gab es in den   Reichen- und Mittelschichtstadtteilen im Osten von Caracas ein hohes   Niveau der Mobilisierung und eine hohe Beteiligung am Referendum.<\/p>\n<p>  Die venezolanische Wirtschaft wird beherrscht von f&#252;nf gro&#223;en   oligarchischen Familien (Cisnero, Mendoza, Caprile, Boulton und Phelps),   die unter anderem die Nahrungsmittelproduktion kontrollieren. Es kann   keine dauerhafte L&#246;sung der vom Kapitalismus geschaffenen Krise geben,   so lange sie die Wirtschaft kontrollieren. Eine sozialistische Regierung   w&#252;rde deren Branchen unter Arbeiterkontrolle und -verwaltung   verstaatlichen. Bisher war die Regierung dazu nicht bereit.<\/p>\n<p>  Die proimperialistische Opposition wird versuchen, dieses Ergebnis zur   weiteren Destabilisierung von Venezuela zu nutzen und die Uhr bei den   armenfreundlichen Reformen der Chavez-Regierung und der Idee des   Sozialismus zur&#252;ck zu drehen. Dies wird nicht nur in Venezuela eine   Wirkung haben, sondern kann sie auch leicht auf die reformistischen   Regierungen in Bolivien und Ecuador haben. Kubas Fidel Castro warnte   letzte Woche vor den Wirkungen, die eine Niederlage von Chavez im   Referendum f&#252;r Kuba haben k&#246;nnte. Nach der spanischen Zeitung El Pa&#237;s   erh&#228;lt Kuba Hilfe im Wert von 7 Milliarden Dollar aus Venezuela.<\/p>\n<p>  <b>Gest&#228;rkte Opposition und politische Krise f&#252;r die Chavez-freundlichen   Parteien<\/b><\/p>\n<p>  Nach den Pr&#228;sidentschaftswahlen vom Dezember 2006 machte die   Chavez-Regierung eine Wendung nach links, verst&#228;rkte die Botschaft des   Sozialismus und verstaatlichte die Telekommunikationsgesellschaft CANTV   und den Stromkonzern &quot;Electricidad de Caracas&quot;. Chavez sprach auch &#252;ber   permanente Revolution und zitierte Trotzki. Wir applaudierten diesen   Schritten wiesen aber darauf hin, dass es notwendig war, die   Hauptsektoren der Wirtschaft zu verstaatlichen und unter   Arbeiterkontrolle zu stellen und mit der Ausarbeitung eines   demokratischen Produktionsplans zu beginnen, damit diese   Verstaatlichungen eine Wirkung haben. Dies geschah nicht.<\/p>\n<p>  Stattdessen blieb die administrative, b&#252;rokratische Herangehensweise von   oben nach unten, die die Chavez-Regierung charakterisiert, bestehen. Die   Verstaatlichungen und die Einf&#252;hrung von Mitbestimmung oder   Mitverwaltung in manchen Fabriken sind ein Beispiel f&#252;r diese   Herangehensweise. ArbeiterInnen durften zwar zum ersten Mal mitreden,   wie ihre Firma geleitet wird, aber die Regierung versuchte, alles fest   im Griff zu behalten, indem sie die Mehrheit der Manager ernannte. Immer   wenn es zu Konflikten zwischen UNT-GewerkschafterInnen mit eigenem Kopf   und Ministern oder B&#252;rokratie gekommen ist, hat die Regierung ihren   Willen aufgezwungen. Chavez stie&#223; Drohungen gegen diese   GewerkschafterInnen aus, indem er sagte, er sei nicht f&#252;r Unabh&#228;ngigkeit   von Gewerkschaften gegen&#252;ber der Regierung und dass sie alle der neuen   Partei, der PSUV, beitreten sollten. Chavez hat wiederholt erkl&#228;rt, die   PSUV m&#252;sse als eine demokratische Organisation aufgebaut werden, die von   der Basis aufgebaut und kontrolliert wird. Aber er fuhr dann fort,   darauf zu beharren, dass sich die Parteien der Chavez-Koalition aufl&#246;sen   und der PSUV beitreten sollten. Parteien, die das nicht machen wollten,   wurden isoliert und manchmal als oppositionsfreundlich abgetan, selbst   wenn das klar nicht der Fall war, wie bei der Kommunistischen Partei von   Venezuela. Jetzt wurden &#246;rtliche Gruppen gegr&#252;ndet und die Delegierten   f&#252;r die Gr&#252;ndungskonferenz werden gew&#228;hlt und es ist klar, dass die   Partei von oben durch Politiker kontrolliert werden wird, die von den   anderen Chavez-freundlichen Parteien kommen.<\/p>\n<p>  Diese Herangehensweise von oben nach unten hat in die H&#228;nde der   Opposition gespielt. Sie behaupten, dass Chavez ein Einparteienregime im   kubanischen Stil errichten wolle. Dies begann, ein breiteres Echo zu   bekommen wegen der B&#252;rokratisierung und Korruption der Leute rund um   Chavez und wegen &#196;ngsten vor der Errichtung einer &#8222;schleichenden   Diktatur&#8220;. Weitere Aktionen wie die Entziehung der Rundfunklizenz von   RCTV (einer oppositionsfreundlichen Fernsehstation), haben auch der   rechten Opposition in die H&#228;nde gespielt und ihr erm&#246;glicht, die &#196;ngste   der Mittelschicht und anderer &#252;ber die Bedrohung der Demokratie und   demokratischer Rechte zu steigern. RCTV war ein Thema, mit dem die   Rechten begannen, sich umzugruppieren und zu reorganisieren. Das CWI   warnte vor dieser Gefahr in einem Artikel &quot;RCTV und die Frage der   Medien&quot; im Juli 2007.<\/p>\n<p>  <b>Was nun?<\/b><\/p>\n<p>  Das Ergebnis des Referendums ist ein Schlag f&#252;r die Chavez-Regierung. Es   ist keine entscheidende Niederlage und es bedeutet nicht, dass die   US-freundliche Opposition das Land unter Kontrolle bringen oder   unmittelbar die Regierung st&#252;rzen kann. Es k&#246;nnte dazu f&#252;hren, dass sich   Chavez nach rechts bewegt und die Konterrevolution st&#228;rkt. Wenn   andererseits die Rechten den Bogen &#252;berspannen und in die Offensive   gehen, k&#246;nnte es eine Gegenbewegung der Massen erzeugen, die die   Bewegung noch weiter nach links treibt. Aber die Niederlage im   Referendum wird die rechte Konterrevolution st&#228;rken und ermutigen und   ist eine ernsthafte Warnung f&#252;r die Arbeiterklasse und die Massen.   Notma&#223;nahmen m&#252;ssen ergriffen werden. Eine entschlossene Kampagne gegen   die B&#252;rokratie muss aufgebaut werden. Die Gewerkschaften sollten die   F&#252;hrung &#252;bernehmen, indem sie demokratisch gew&#228;hlte Komitees in den   Betrieben und Stadtteilen aufbauen, um ihre Forderungen aufzustellen und   f&#252;r sie Kampagnen zu machen. Diese Komitees k&#246;nnten beginnen, sich als   Gegenkraft zu den korrupten Staatsinstitutionen und Beamten zu   organisieren und ein echtes System von Arbeiterkontrolle in den   Betrieben zu errichten. Die Arbeiterklasse muss ihre eigenen   unabh&#228;ngigen Forderungen aufstellen und ihre eigenen Organisationen   aufbauen, die sie und die Reformen der Regierung verteidigen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Es kann keinen Sozialismus ohne die Verstaatlichung der Kommandoh&#246;hen   der Wirtschaft und ihre Unterstellung unter Arbeiterkontrolle und   -verwaltung geben. Es kann keinen Sozialismus ohne Arbeiterdemokratie   geben. Dieser R&#252;ckschlag zeigt, dass es die Arbeiterklasse und ihre   Organisationen sind, die die Schl&#252;sselrolle dabei spielen m&#252;ssen, die   Reaktion zu besiegen und den Sozialismus aufzubauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine sozialistische Alternative ist n&#246;tig\n    <\/p>\n<p>\n      <i>von Karl Debbaut, cwi, London<\/i>\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[312],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12449"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12449"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12449\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12449"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12449"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12449"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}