{"id":12447,"date":"2007-12-05T18:30:21","date_gmt":"2007-12-05T18:30:21","guid":{"rendered":".\/?p=12447"},"modified":"2007-12-05T18:30:21","modified_gmt":"2007-12-05T18:30:21","slug":"12447","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/12\/12447\/","title":{"rendered":"Venezuela nach dem Referendum &#8211;  Interview mit einem venezolanischen \r\n      Sozialisten"},"content":{"rendered":"<p>  Am vergangenen Sonntag fand in Venezuela ein Referendum &#252;ber   Verfassungs&#228;nderungen statt, die vom Pr&#228;sidenten Hugo Ch&#225;vez   vorgeschlagen wurden. Zum ersten Mal seit seiner Wahl im Jahr 1999   verlor Ch&#225;vez eine Abstimmung, wenn auch mit denkbar knapper Mehrheit   (50,29% versus 49,59%, die mit &#8222;Ja&quot; gestimmt haben). Sozialismus.info   sprach mit Jara, Mitglied von Colectivo Socialismo Revolucionario, der   venezolanischen Schwesterorganisation der SAV.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Frage: Wie hat sich die Situation f&#252;r die venezolanischen Massen seit   1999, als Ch&#225;vez seine erste Pr&#228;sidentschaft antrat, ver&#228;ndert? <\/b>    <\/p>\n<p>  Antwort:Es gab wichtige Ver&#228;nderungen beim Zugang zu sozialen Diensten.   Bis 1998 waren fast alle Bereiche privatisiert worden &#8211; nicht nur der   Wirtschaft, sondern auch Schulen, Krankenh&#228;user etc. Seit 1998 hingegen   wurden die sehr niedrigen Niveaus von Einschulungen und Zugang zu   medizinischen Leistungen drastisch verbessert. Ein weiteres Beispiel ist   das der Armut, welche bei &#252;ber 80 Prozent der Bev&#246;lkerung lag &#8211; darunter   fast 30 Prozent, die in extremer Armut lebten, also mit weniger als zwei   US-Dollar pro Tag auskommen mussten. Insofern haben die &#8222;Missionen&quot;   genannten sozialen Reformen, die Ch&#225;vez einf&#252;hrte &#8211;   Alphabetisierungskampagnen, von denen 1,5 Millionen Menschen   profitierten und durch die der Analphabetismus praktisch v&#246;llig   verschwand, die Gesundheitsoffensive &#8222;barrio adentro&quot;, welche dazu   f&#252;hrte, dass selbst in den entlegensten Winkeln des Landes   Gesundheitsstationen mit &#196;rzten zur Verf&#252;gung stehen, Schulprogramme,   von denen eines allein einer halben Millionen Menschen eine   weiterf&#252;hrende Schulbildung erm&#246;glichte, die ansonsten aus   wirtschaftlichen Gr&#252;nden darauf h&#228;tten verzichten m&#252;ssen &#8211; einen gro&#223;en   Teil der Gewinne aus der &#214;lwirtschaft zugunsten der Bev&#246;lkerung genutzt.   Heutzutage werden mehr als 30 Prozent des Haushaltes f&#252;r Bildung,   Gesundheit und Breitensport ausgegeben! Und das Niveau der extremen   Armut fiel auf unter zehn Prozent!.<\/p>\n<p>  Ein anderer Bereich ist der der politischen Beteiligung. Seit 1999, aber   insbesondere seit der Niederschlagung des Putschversuches im April 2002   durch die Massen, gab es ein gro&#223;es Wachstum von Basiskomitees zu Themen   wie Land, Gesundheit, Bildung etc.<\/p>\n<p>  <b>Frage: Warum wurden die Verfassungs&#228;nderungen im Referendum abgelehnt?<\/b> <\/p>\n<p>  Antwort: Ein Hauptgrund waren die internen Widerspr&#252;che des   &#8222;bolivarischen&quot; Prozesses. Es ist ein Staatsapparat entstanden, der sich   &#8222;sozialistisch&quot; nennt, aber nicht mit den Grundlagen des   kapitalistischen Systems gebrochen hat. Um ein Beispiel zu geben: In   Venezuela haben f&#252;nf Familien einen gro&#223;en Teil der Wirtschaft unter   ihrer Kontrolle, mit so wichtigen Sektoren wie dem Lebensmittelsektor,   der Medien, der Banken etc. Daher war es ihnen m&#246;glich, gro&#223;en Druck auf   die Regierung auszu&#252;ben &#8211; insbesondere in den letzten drei Monaten, als   sie die Unzufriedenheit der Bev&#246;lkerung &#252;ber den Anstieg der   Lebenshaltungskosten gesch&#252;rt und politisch benutzt haben.<\/p>\n<p>  Ein zweiter Grund liegt darin, dass die Massen, welche der Ch&#225;vez&quot;schen   Politik treu gefolgt sind und den Prozess unterst&#252;tzt haben, gemerkt   haben, dass es zwar in der Vergangenheit gro&#223;e Fortschritte ihren   Lebensbedingungen gegeben hat, aber dass die B&#252;rokratie unf&#228;hig war, die   Grundbed&#252;rfnisse der Menschen zu befriedigen, wie Armut, Sicherheit und   Infrastruktur. Und diejenigen, die besonders von den Ver&#228;nderungen   profitiert haben, sind die Mittel- und Oberklasse.<\/p>\n<p>  Ebenso wichtig ist, dass es eine Art friedlichen Protest eines Teils der   Chavistas gegeben hat &#8211; 44 Prozent Wahlenthaltung sind ein deutliches   Zeichen.<\/p>\n<p>  <b>Frage: Welche Auswirkungen wird das Ergebnis haben?<\/b><\/p>\n<p>  Antwort:Ich w&#252;rde drei m&#246;gliche Entwicklungen unterscheiden:<\/p>\n<p> * Es k&#246;nnte eine St&#228;rkung der Rechten bei den zuk&#252;nftigen   Wahlprozessen geben, denn der Sieg des &#8222;Nein&quot; ist des erste Mal seit   neun Jahren, dass die Opposition einen Wahlsieg erringen konnte.<\/p>\n<p> * Bestimmte Sektoren des Ch&#225;vismus, insbesondere die B&#252;rokratie,   k&#246;nnten glauben, dass ein Zur&#252;ckweichen ansteht, d.h. bei progressiven   Entscheidungen k&#246;nnte der &#8222;bolivarische&quot; Prozess konservativer werden.<\/p>\n<p> * Vielleicht ist dies der Anfang von heftigeren K&#228;mpfen zwischen der   politischen Rechten und der Linken um die Frage &#8222;Vertiefung des   Prozesses oder R&#252;ckschritte bzw. Abweichungen.&quot; <\/p>\n<p>  Was auch nicht au&#223;er acht gelassen werden sollte, sind die   internationalen Auswirkungen &#8211; und hier besonders in Bolivien und   Ecuador. Das Ergebnis kann negative Effekte haben, wenn man bedenkt,   dass die pro-imperialistische Rechte in allen lateinamerikanischen   L&#228;ndern die gleiche ist.<\/p>\n<p>  <b>Frage: Welche Vorschl&#228;ge w&#252;rden Sozialisten in der aktuellen   Situation machen?<\/b><\/p>\n<p>  Antwort: Erstens sollte man nicht glauben, dass die Ablehnung der   Verfassungs&#228;nderungen automatisch einen Stillstand des &#8222;bolivarischen&quot;   Prozesses bedeutet, denn viele der Reformen k&#246;nnen auch ohne sie gemacht   werden: Die geplante Arbeitsrechtsreform [es ist geplant, den Arbeitstag   von acht auf sechs Stunden zu verk&#252;rzen, Ad&#220;] k&#246;nnte sofort umgesetzt   werden, ebenso die verbesserte Sozialgesetzgebung und vieles mehr.<\/p>\n<p>  Wir arbeiten in der PSUV, der neuen Partei, die von Ch&#225;vez gegr&#252;ndet   wurde. Wir stimmten mit ihm &#252;berein, als er sagte, dass die PSUV eine   demokratische, von unten aufgebaute Partei sein muss, die von der Basis   kontrolliert wird. Ch&#225;vez sagte, dass, wenn die neue Partei unter der   Kontrolle der F&#252;hrungen alten pro-Ch&#225;vez-Parteien endet, das Projekt   PSUV gescheitert sein w&#252;rde. Es ist noch zu fr&#252;h, um zu sagen, ob dies   der Fall sein wird, aber unsere ersten Erfahrungen mit den Wahlen f&#252;r   Delegierte zur Gr&#252;ndungskonferenz zeigen, dass es eine gro&#223;e Gefahr   gibt, dass die PSUV von Regierungsleuten gekapert wird, die nicht die   Interessen der Arbeiterklasse verteten. Dies macht die Notwendigkeit   deutlich, dass die Arbeiterklasse und die Armen f&#252;r demokratische   Kontrolle &#252;ber die neue Partei k&#228;mpfen oder ihre eigenen Organisationen   aufbauen m&#252;ssen. Wir brauchen unsere eigene unabh&#228;ngige Organisation, um   f&#252;r die Rechte und Bed&#252;rfnisse der ArbeiterInnen und der Armen zu   k&#228;mpfen und um die positiven Reformen der Regierung zu verteidigen.<\/p>\n<p>  Der einzige Weg, die rechte Opposition zu bek&#228;mpfen und die Reformen zu   retten, ist die Verstaatlichung der Schl&#252;sselindustrien, das Stoppen der   wirtschaftlichen Sabotage und die Einf&#252;hrung eines landesweiten   demokratischen Produktionsplans. Wir brauchen Arbeiterkontrolle und   -demokratie, um die Korruption und die B&#252;rokratie zu bek&#228;mpfen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Am vergangenen Sonntag fand in Venezuela ein Referendum &#252;ber<br \/>\n      Verfassungs&#228;nderungen statt, die vom Pr&#228;sidenten Hugo Ch&#225;vez<br \/>\n      vorgeschlagen wurden. 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