{"id":12444,"date":"2007-12-13T00:04:50","date_gmt":"2007-12-13T00:04:50","guid":{"rendered":".\/?p=12444"},"modified":"2007-12-13T00:04:50","modified_gmt":"2007-12-13T00:04:50","slug":"12444","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2007\/12\/12444\/","title":{"rendered":"Pro &amp; Contra: Konsumverhalten &#228;ndern, um die Probleme zu l&#246;sen?"},"content":{"rendered":"<p>  &#8222;Gro&#223;e Autos werden gebaut, weil sie gekauft werden.&#8220; &#8222;Kinderarbeit gibt   es, weil die Leute billige Textilien kaufen.&#8220; &#8222;Mit Gammelfleisch haben   wir zu tun, weil nur auf den Preis, nicht auf die Qualit&#228;t geachtet   wird.&#8220; &#8222;Wir h&#228;tten l&#228;ngst &#214;kostrom, wenn es den KonsumentInnen nicht zu   teuer w&#228;re.&#8220; <b>Stimmt das?<\/b><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Ist das Verbraucherverhalten schuld an Umweltzerst&#246;rung, Krankheiten   und der Pl&#252;nderung der &#8222;Dritten Welt&#8220;?<\/b><\/p>\n<h3>  Pro<\/h3>\n<h5>  Karl B&#228;r, wohnt heute in Istanbul, Mitglied der Gr&#252;nen, von 2006-2007 im   Bundesvorstand der Gr&#252;nen Jugend<\/h5>\n<p>  <b>Auch du, GenossIn!<\/b><\/p>\n<p>  Wer die Zerst&#246;rung der Natur und die Ungerechtigkeit in dieser Welt   sieht, darf die Augen nicht davor verschlie&#223;en, dass der Wohlstand, in   dem wir leben, mit diesen Problemen eng verwoben ist. Daraus kann man   nun entweder schlie&#223;en, dass es einen ewigen Kampf ums &#220;berleben gibt,   den nur die Besten &#252;berstehen. Man kann versuchen, die Tiefen und H&#246;hen   der Kurve gleicherma&#223;en zu kappen und alle auf ein akzeptables, aber   niedriges Niveau zwingen, oder man kann mit einem alten Lied hochhalten,   dass genug f&#252;r alle da ist. Als Linke tun wir Letzteres: Nicht die   Abschaffung des Wohlstandes, sondern ein gutes Leben f&#252;r alle ohne   Nebenwirkungen ist das Ziel.<\/p>\n<p>  Wir k&#228;mpfen jedoch nicht nur gegen diese Nebenwirkungen, sondern vor   allem f&#252;r das gute Leben. Eine Stadt ohne Autos ist nicht nur eine Stadt   ohne die Umweltzerst&#246;rung und Gesundheitsgef&#228;hrdung, die von Autos   ausgeht, sondern auch eine Stadt mit mehr Lebensqualit&#228;t und mehr   Demokratie. Saisonales Gem&#252;se vom Biohof aus der Region schont nicht nur   die Umwelt von Chemikalien und Transport, es ist auch vielf&#228;ltiger und   ges&#252;nder als das Zeug, das in spanischen Gew&#228;chsh&#228;usern von arabischen   SklavInnen geerntet wird.<\/p>\n<p>  So technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum tats&#228;chlich dazu   geeignet w&#228;ren, die Welt von Armut und Umweltzerst&#246;rung zu erl&#246;sen, w&#228;re   eine progressive Politik und eine Ver&#228;nderung der Lebensstile noch lange   nicht obsolet.<\/p>\n<p>  Vor diesem Hintergrund kann die Forderung, dass sich die Lebensstile   ver&#228;ndern m&#252;ssen, zwei Dinge bedeuten. Sie kann erstens eine Ausflucht   neoliberaler oder einfach feiger PolitikerInnen sein, die den Schwarzen   Peter den VerbraucherInnen zuschieben, anstatt ordnungspolitisch   einzugreifen. Anders zu leben, essen, arbeiten und lieben kann zweitens   tats&#228;chlich eine Methode sein, die Welt zu ver&#228;ndern. Wir m&#252;ssen also   zweigleisig fahren. Die Politik muss sich ver&#228;ndern und das Verhalten   der Menschen. Auf eines dieser Mittel zu verzichten, k&#246;nnen wir uns   nicht leisten, geht es doch darum, die Welt zu retten.<\/p>\n<p>  Die Energie-, Verkehrs- und Agrarwende werden wir nur schaffen, wenn es   politische Entscheidungen in die richtige Richtung gibt. Es darf nicht   sein, dass Sachen, die eigentlich niemand haben will, wie zum Beispiel   Atomkraftwerke und Massentierhaltung, mit vielen Milliarden Euro   subventioniert werden. Es ist grotesk, dass der deutsche Staat Millionen   Euro extra ausgibt, um eine Autobahn leicht angeschr&#228;gt zu bauen, so   dass man selbst in Kurfen 200 km\/h fahren kann. Wenn sich die Interessen   der agrochemischen Industrie, der gro&#223;en Energiekonzerne und der   Automobil- und R&#252;stungsindustrie durchsetzen, f&#252;hrt das nicht gerade zu   Verbesserungen. F&#252;r eine soziale, &#246;kologische, freie und friedliche Welt   m&#252;ssen wir politisch k&#228;mpfen, auf der Stra&#223;e und im Parlament.<\/p>\n<p>  Politik allein reicht jedoch nicht: Es wird keine Agrarwende geben,   solange der deutsche Durchschnittsmensch sich von elf Prozent seines   monatlichen Budgets ern&#228;hren und dabei auch noch &#252;ber 60 kg Fleisch im   Jahr verzehren will. Aber d&#252;rfen wir den Leuten vorschreiben, was sie   essen sollen? Und f&#252;hlt es sich nicht komisch an, die Zerschlagung von   Energiekonzernen zu fordern, bei denen man selbst ein treuer Kunde oder   eine treue Kundin ist? Die andere Welt muss lebbar sein.<\/p>\n<p>  Einmal antwortete mir ein Aktivist, der Plakate gegen Studiengeb&#252;hren   verteilte, als ich ihn darauf hinwies, dass die B&#228;ume an der Uni unter   den vielen N&#228;geln, die rostend in ihnen stecken, leiden: &#8222;Solange es den   Kapitalismus gibt, haben die B&#228;ume wahrlich andere Probleme.&#8220;   (Wahrlich), die B&#228;ume haben viele Probleme: Saurer Regen, Abgase,   Abholzung&#8230; Und manches Baumproblem h&#228;ngt mit dem Kapitalismus   zusammen. Plakate gegen Studiengeb&#252;hren br&#228;uchte es im Sozialismus   ohnehin nicht. Aber wird nicht, was immer auch nach dem Kapitalismus   kommen mag, einen Menschen, der auch schon jetzt sorgsamer mit den   B&#228;umen umgehen k&#246;nnte, zu mehr Achtsamkeit bringen?<\/p>\n<p>  Wir m&#252;ssen naiv sein. Wenn niemand mehr Luxusgel&#228;ndewagen kauft, werden   keine Luxusgel&#228;ndewagen mehr produziert werden. Und wir m&#252;ssen   anerkennen, dass auch graduelle Verbesserungen etwas Gutes sind &#8211; jeder   eingesparte Liter Wasser und jedes Kilo CO2. Wer das nicht anerkennt,   wird entweder dogmatischer Moralist, dogmatische Moralistin werden oder   gar nichts tun. Doch den Einfluss des Verhaltens der Menschen   hochzuhalten, bedeutet gerade, jedem und jeder zu sagen: Du kannst die   Welt ein bisschen verbessern. Jetzt und hier. Die Kraft dieses Ansatzes   kommt aus seiner Naivit&#228;t und daraus, dass man wirklich etwas tut.<\/p>\n<\/p>\n<h3>  Contra<\/h3>\n<h5>  Doreen Ullrich, Mitglied im SAV-Bundesvorstand und im Kreisvorstand der   LINKEN Aachen<\/h5>\n<p>  Die These, dass die Verbraucher nur ihr Konsumverhalten &#228;ndern m&#252;ssten,   um die Welt zu ver&#228;ndern, klingt einfach. Fang doch zu Hause an, trenn   den M&#252;ll, kauf Fair-Trade-Produkte und gehe in den Bioladen, strick   deine Pullis selber. Diese These verlagert die Widerspr&#252;che der   Gesellschaft in das ganz Private zu Hause. Jeder einzelne soll sich um   die Rettung der Welt k&#252;mmern, aber bitte sehr allein beim Einkaufen.   Dabei ist es n&#246;tig, die heutigen Eigentums- und Machtverh&#228;ltnisse   grundlegend zu ver&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Die Behauptung &#8222;Konsumverhalten &#228;ndert die Gesellschaft&#8220; geht von dem   kapitalistischen M&#228;rchen aus, dass nur produziert wird, was gew&#252;nscht   wird. Dem ist jedoch nicht so.<\/p>\n<p>  Jeder siebte Mensch auf dieser Welt geht hungrig zu Bett. Der Bedarf   nach Lebensmitteln ist also da. Es wird sogar genug Nahrung produziert.   Diese wird aber lieber vernichtet, als es denen, die hungrig sind, zu   geben. Der Grund ist einfach: Im Kapitalismus geht es darum, aus Geld   mehr Geld zu machen. Die 854 Millionen Hungernden k&#246;nnen sich ihre   Nahrung nicht kaufen, deshalb m&#252;ssen sie hungern.<\/p>\n<p>  Produktion muss profitabel sein. F&#252;r die Konzerne dieser Welt hei&#223;t das,   so billig wie m&#246;glich zu produzieren. Deshalb entscheiden sich adidas   und Nike f&#252;r T-Shirts und Turnschuhe aus den unmenschlichen Sweatshops   und m&#252;ssen 171 Millionen Kinder in der Welt jeden Tag unter   unertr&#228;glichen Bedingungen schuften.<\/p>\n<p>  Als KonsumentInnen k&#246;nnen wir nat&#252;rlich entscheiden, statt von Nike   Turnschuhe von Kappa zu kaufen. Wir haben die Wahl zwischen Ware A, B   oder C. Aber als K&#228;ufer kann ich niemals sicher sein, dass diese Schuhe   nicht von Kinderh&#228;nden gen&#228;ht wurden. Die Konzerne verschleiern &#252;ber   Scheinfirmen, Zwischenh&#228;ndler oder neue Namen die wahre Herkunft der   Produkte. Es gibt keinen Konzern, bei dem man sich darauf verlassen   k&#246;nnte, dass sowohl er selber als auch s&#228;mtliche Zulieferer in allen   L&#228;ndern, in allen Fabrikationsst&#228;tten dauerhaft soziale und &#246;kologische   Standards einhalten. Eine effektive Kontrolle dar&#252;ber ist auch f&#252;r   Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen nicht m&#246;glich, weil ihnen   diese Konzerne, Zwischenh&#228;ndler und Subunternehmen nicht geh&#246;ren.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich haben wir beim Einkaufen scheinbar eine Wahl zwischen   Bioprodukten und Genfood. Doch mal ehrlich, wer w&#252;rde sich denn   freiwillig f&#252;rs Genfood entscheiden, h&#228;tte man tats&#228;chlich eine Wahl.   Liebend gern w&#252;rden sicher viele M&#252;tter und V&#228;ter ihren Kindern eine   gesunde Ern&#228;hrung erm&#246;glichen, am Liebsten alles frisch vom   Biobauernhof. Doch ist man Hartz-IV-Empf&#228;nger, ist f&#252;rs Essen eines   Kindes pro Tag nur 1,15 Euro vorgesehen. Da ist der Bioapfel einfach zu   teuer.<\/p>\n<p>  Sicher w&#252;rden auch viele Pendler morgens das Auto lieber stehen lassen   und damit dem Staustress entgehen, doch ohne einen vern&#252;nftig   ausgebauten Nahverkehr kann man einfach nicht p&#252;nktlich zur Arbeit   kommen. Die Frage der Wahl stellt sich also in vielen F&#228;llen nicht. Im   Kapitalismus haben wir nur die Qual!<\/p>\n<p>  M&#252;ssen wir zum Wohle der Menschheit und Natur eigentlich auf Wohlstand   und Konsum verzichten? Ist unser Bed&#252;rfnis nach einem Handy mit   Farbdisplay oder einem Urlaub in der T&#252;rkei &#252;bertrieben? Auch das ist   eine vielgepriesene These. Menschen in den Industriestaaten sollen   verzichten &#8211; zum Wohl der armen Massen auf der S&#252;dhalbkugel. Doch diese   These &#252;bersieht eine entscheidende Komponente und zwar die   Klassenunterschiede. Die Welt ist geteilt in Besitzende,   millionenschwere Konzernbosse, und Nichtbesitzende, Fabrik- und   B&#252;roarbeiter und die verarmte Masse. Tats&#228;chliche Verschwendungssucht   kann sich nur die Klasse der Besitzenden leisten. Sie jetten in ihrem   privaten Flieger von Paris nach New York zum Einkaufen oder besitzen 15   und mehr Autos, dazu ein paar Jachten und &#252;bergro&#223;e Villen gleich in   gr&#246;&#223;erer St&#252;ckzahl.<\/p>\n<p>  Dieser Welt mangelt es nicht an Geld, um allen Menschen ein vern&#252;nftiges   Leben zu finanzieren (im Gegenteil, nie war der Reichtum so gro&#223;). Der   Reichtum ist einfach nur ungerecht verteilt. Etwa 500 Familien   kontrollieren den Gro&#223;teil der Weltwirtschaft. Sie besitzen Milliarden.   Dieser Reichtum umverteilt k&#246;nnte jedem Menschen ein Dach &#252;ber den Kopf,   vern&#252;nftige Nahrung und sauberes Trinkwasser, ad&#228;quate Kleidung,   ausreichende Bildung und alles das finanzieren, was zu einem   genussvollen Leben dazu geh&#246;rt.<\/p>\n<p>  Dass Menschen wachsende Bed&#252;rfnisse haben, das ist nicht das   Hauptproblem dieser Gesellschaft. Das Problem ist, wie die Waren   produziert werden und wie sie verteilt werden.<\/p>\n<p>  &#196;ndern wir das, beenden wir diese Profitwirtschaft und ersetzen sie   durch eine nach Bedarf demokratisch geplante Wirtschaft. Dann kann sich   auch das Verbraucherverhalten tats&#228;chlich &#228;ndern. Dann k&#246;nnen Mensch   nicht nur in Wohlstand, sondern auch im Einklang mit der Umwelt leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8222;Gro&#223;e Autos werden gebaut, weil sie gekauft werden.&#8220; &#8222;Kinderarbeit gibt<br \/>\n      es, weil die Leute billige Textilien kaufen.&#8220; &#8222;Mit Gammelfleisch haben<br \/>\n      wir zu tun, weil nur auf den Preis, nicht auf die Qualit&#228;t geachtet<br \/>\n      wird.&#8220; &#8222;Wir h&#228;tten l&#228;ngst &#214;kostrom, wenn es den KonsumentInnen nicht zu<br \/>\n      teuer w&#228;re.&#8220; <b>Stimmt das?<\/b>\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[],"tags":[263,199],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12444"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12444"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12444\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}